Für den Business-Intelligence-Markt war 2008 eine Übergangsphase. Dieses Jahr achten Firmen verstärkt auf die Anschaffungskosten. Außerdem muss sich zeigen, was die Tools bei schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen wert sind.
Es ist erst etwas mehr als ein Jahr her, dass SAP die Übernahme von Business Objects und IBM den Kauf von Cognos abgeschlossen haben. Die beiden übernommenen Firmen waren bis dahin die maßgeblichen Anbieter im Business-Intelligence-Markt: Sie bestimmten sowohl technologisch als auch ideologisch, wohin sich das Segment entwickelt. Ihr Aufgehen in größeren Firmen schien - zusammen mit der Integration von Hyperion in Oracle sechs Monate zuvor - das Ende der BI-Plattformen als alleinstehende Lösungen[1] zu markieren: Viele Beobachter glaubten zunächst nicht mehr daran, dass BI-Lösungen künftig noch nach technologischen Auswahlverfahren angeschafft werden.
Diese Prognose trat nur teilweise ein. Zwar stellt Gartner[2] jetzt rückblickend fest, dass sich 2008 Investitionsentscheidungen in BI-Plattformen stärker an strategische Sourcing-Überlegungen anlehnten und dass auch mehr darauf geachtet wurde, Gesamtlösungen aus einem Guss zu schaffen. Außerdem seien die ohnehin schon bestehenden Beziehungen der Käufer zu Anbietern von Standard- oder Infrastruktursoftware wichtiger geworden. Andererseits stellen die Marktforscher aber auch eine ungebrochene Nachfrage nach unabhängigen BI-Plattformen[3] fest.
Für das gleichzeitige Auftreten dieser gegenläufigen Entwicklungen führt Gartner mehrere Gründe an. So habe sich zum Beispiel die Sicht der Unternehmen auf BI - und damit auch ihr Kaufverhalten - verändert. Die einen sehen BI nun als Erweiterung ihrer Middleware und verlangen die Integration in sehr heterogene Datenstrukturen und Anwendungslandschaften. Die anderen entwickeln eine starke Neigung dazu, BI als eine integrierte Funktion in den Software-Stack und die Standardsoftware eines Anbieters zu sehen.
Diese nicht besonders überraschende Erkenntnis bestimmt auch das Verhalten der Anbieter. Als eine Konsequenz der drei großen Übernahmen sieht Gartner, dass IBM[4], SAP[5] und Oracle[6] derzeit vorwiegend damit beschäftigt seien, die erworbenen Technologien in ihr Portfolio zu integrieren. Diese Integration bestimme die neuen Releases und die weitere Roadmap.
Gleichzeitig sähen sich alle drei Branchenriesen vor die Aufgabe gestellt, den schwierigen Balanceakt zwischen der Optimierung ihrer BI-Plattformen für die Zusammenarbeit mit den eigenen Produkten und einer ausreichenden Offenheit zu bewältigen. Denn funktioniert zu viel nur mit den restlichen eigenen Programmen, könnten Kunden mit heterogenen Umgebungen abwandern. Echte Innovation bleibt laut Gartner zumindest bei den drei Großen derzeit auf der Strecke – was unabhängigen Anbietern die Chance biete, zu glänzen. So weit die Sicht aus den USA. Die deutschen Analysten der Experton Group[7] sehen Business Intelligence im Unternehmensalltag hierzulande etwas anders. Ihrer Ansicht nach stößt BI im Mittelstand immer noch auf Zurückhaltung. Daten wären schon genug da, die man analysieren könnte. Seien es nun Absatzzahlen, Kundendaten oder Daten zu Maschinenbelegungen, Lagerbeständen oder Emissionen. Daraus gemacht wird aber nach Ansicht der Analysten zu wenig: BI diene oftmals nur der Dokumentation von Kennzahlen und nicht der Verbesserung von Geschäftsergebnissen und Geschäftsprozessen.
Der hohe Grad des Excel-Einsatzes als BI-Tool belege diese Behauptung. Außerdem seien viele Daten nicht aktuell, beim manuellen Übertrag leide die Datenqualität, und von Benutzerfreundlichkeit wolle man gar nicht erst reden. Fest im Glauben an den Nutzen von BI sind jedoch große Konzerne sowie Handelsunternehmen. Als Beispiel führt Experton Starbucks an: Das Unternehmen sei davon überzeugt, aufgrund der getätigten Investitionen in BI das schlechte Wirtschaftsklima gut zu überstehen.

In seinem aktuellen Bericht zur Lage des Business-Intelligence-Marktes sieht Gartner alle wichtigen Anbieter gut positioniert. Die Marktforscher betonen aber, dass unabhängige BI-Plattformen auch nach der Konsolidierung des Marktes noch gefragt sein werden (Bild: Gartner).
Der Kaffeehändler sei allerdings eine Ausnahme. Die Befürchtung hoher Anfangs- und Folgeinvestitionen bremse bei vielen Unternehmen derzeit die BI-Aktivitäten. Durch den zögerlichen Einsatz kämen sie allerdings nicht in den Genuss des Mehrwerts, den der Einsatz von BI-Systemen liefern könne, kritisiert Experton.
Mittel- bis langfristig sehen die Experton-Analysten in SaaS oder Open Source einen Ausweg für BI-interessierte Firmen. Sie könnten damit IT-Budgetkürzungen den Wind aus den Segeln nehmen. Diese Einschätzung teilt auch Gartner: Business Intelligence sei bereits für einen größeren Nutzerkreis zugänglich und erschwinglich geworden.
Dazu haben laut Gartner gleich mehrere Faktoren beigetragen. Einer davon sei die größere Reife der Produkte in Microsofts BI-Portfolio[8]. Aber auch die Nutzung von Web-2.0-Techniken, die Verfügbarkeit von Data Warehouse Appliances, das Wachstum von Open-Source-BI-Lösungen[9] und die sich fortsetzende Entwicklung hin zu Software-as-a-Service sieht Gartner als Faktoren, die für eine größere Marktdurchdringung sorgen werden. Die meisten Anwender von Business-Intelligence-Lösungen sind alles andere als zufrieden mit den gegenwärtigen Bedingungen ihres BI-Alltags, so das Ergebnis einer Erhebung des auf Business Intelligence spezialisierten Beratungshauses Coretelligence[10]. Die befragten Firmen sehen ihre größten Schwächen in strategischen Defiziten und haben nur geringes Zutrauen in die Zukunftsfähigkeit ihrer BI-Infrastruktur. Coretelligence erwartet deshalb, dass bald eine stärkere strategische Positionierung die bisher vorherrschende technische Fokussierung in der BI-Ausrichtung ablöst.
Laut der Erhebung sind Unternehmen zunehmend unzufrieden mit dem erreichten Status. 59 Prozent der BI-Anwender sehen die größten Schwierigkeiten in strategischen Defiziten. Akzeptanzprobleme auf Benutzerseite sehen 55 Prozent als Schwäche. Dringende Handlungserfordernisse in technischer Hinsicht sehen dagegen 46 Prozent. "Statt wie bislang Fragen der Plattform, Tools und Implementierungen in den Vordergrund zu stellen, scheint immer häufiger die Notwendigkeit festgestellt zu werden, dass sich Business Intelligence und Geschäftsstrategien stärker zusammenführen lassen müssen", interpretiert Coretelligence-Geschäftsführerin Marianne Wilmsmeier die Ergebnisse.

Die Aberdeen Group hat mit Business Intelligence Performance Management ein neues Teilsegment des BI-Marktes definiert und untersucht (Bild: Aberdeen Group).
Eine aktuelle Untersuchung des BI-Marktes durch die Aberdeen Group[11] greift diese Kritik am Status Quo auf. Die Analysten haben daher das Segment "Performance Management Software" als eine Teilkategorie des gesamten Marktes für Business Intelligence definiert.
Sie verstehen darunter eine Mischung aus Best Practices, Prozessen, Disziplinen und Technologien, die in ihrer Kombination Unternehmen mehr Einblick und mehr Verständnis für die Parameter verschaffen, die das Tagesgeschäft bestimmen. Daraus sollen sie dann bessere Entscheidungen ableiten und Hinweise für Maßnahmen erhalten, die sich direkt und schnell auf das Geschäftsergebnis auswirken. Gerade in wirtschaftlich schweren Zeiten sicher ein populärer Anspruch.
Aberdeen war für die Bewertung etwa wichtig, welchen Mehrwert Firmen aus dem Kauf der Software für ihr Performance Management erwächst und dass die Benutzeroberfläche einfach gehalten ist. Aber auch die Ansprüche der Kunden an Skalierbarkeit, Datenqualität- und Integration, sowie die einfache Einbindung in vorhandene Strukturen - sowohl was IT als auch Geschäftsabläufe anbelangt - warfen die Analysten in die Waagschale.
Von den am besten bewerteten Firmen sind manche in Deutschland gar nicht präsent, sie interessieren hier also nur am Rande. Dazu gehören die beiden kanadischen Anbieter Dundas[12] und Prophix[13]. Hohe Marktreife und gleichzeitig ansehnlichen Nutzwert bescheinigen die Aberdeen-Experten außerdem den Branchenschwergewichten Microsoft und Oracle. IBM und SAP mangele es dagegen vor allem an Marktreife.
Der nur in den USA aktive Anbieter Corda Technologies[14] liefere zwar einen guten Nutzen, müsse aber noch an der Marktreife arbeiten. Ob die für das eigene Unternehmen schon ausreicht, kann aber jeder selbst überprüfen: Die Amerikaner bieten eine auf 30 Tage begrenzte Testversion ihrer Software zum kostenlosen Download an.
Einen ähnlichen Weg geht Qlik View[15]. Auch dort ist eine kostenlose Testversion[16] zum Download erhältlich. Diesen, auch in Deutschland stark wachsenden Anbieter[3] sieht Aberdeen in seiner Studie als einzigen "Champion". Das bedeutet, dass er sowohl einen hohen Nutzen liefert, als auch in der Lage ist, die installierte Basis ausreichend zu betreuen.
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