Mit dem Internet Explorer 8 will Microsoft den Verlust von Marktanteilen an Konkurrenten wie Firefox, Opera, Chrome und Safari stoppen. Die Redmonder haben ihren Browser dazu grundlegend renoviert. Ob das reicht, zeigt der Test.
Die jüngere Geschichte des Webbrowsers ist schnell erzählt: Nach dem Sieg über Netscape Ende der Neunziger hat Microsoft[1] die Weiterentwicklung des Internet Explorer quasi eingestellt. Mozilla konnte diese Innovationslücke in den letzten Jahren mit Erfolg füllen. Die Marktanteile der Open-Source-Software wächst stetig[2].
Konkurrenz für Microsoft droht mittlerweile aber auch durch Google und Apple. Sowohl Chrome als auch Safari werden in schnellen Schritten weiterentwickelt und überbieten sich derzeit gegenseitig im Kampf um die schnellste JavaScript-Verarbeitung. Wie bei Opera, einem weiteren innovativen Mitspieler, sind die Marktanteile derzeit zwar gering, das könnte sich aber in Zukunft ändern.
Zwar konnte man zwischenzeitlich einen anderen Eindruck gewinnen, doch auch Microsoft hat sich aus der Browser-Entwicklung nicht verabschiedet. Nach mehreren Vorabversionen steht nun die Final des Internet Explorer 8 vor der Tür. ZDNet hat sich die Software angesehen.
Der Test basiert auf einer Version, die sich laut Microsoft nur unwesentlich vom RTM-Build unterscheidet. Die Final steht ab sofort für Windows XP, Vista und die Server-Pendants zum Download[3] bereit.
Die Oberfläche des Internet Explorer 8 ähnelt der ihres Vorgängers: So findet weiterhin das bekannte Layout ohne Menüleiste Verwendung, das die Buttons Aktualisieren und Stopp an den rechten Rand der Adressleiste rückt. Die neben den Tabs untergebrachten Drop-down-Menüs Seite, Sicherheit und Extras wirken überfrachtet.
Eine willkommene Neuerung ist, dass Eingaben in der Adressleiste jetzt nicht nur Autocomplete-Vorschläge besuchter Websites zum Vorschein bringen, sondern auch Verlauf, Favoriten und Feeds einbezogen werden. Die Resultate erscheinen übersichtlich in Kategorien. Einträge, die man nicht in dieser Übersicht möchte - beispielsweise falsch eingegebene Webadressen -, lassen sich per Mausklick entfernen. Anders als Firefox zeigt der Internet Explorer 8 in diesem Drop-Down-Menü bislang keine Website-Logos.
Die im Internet Explorer 7 ausgeblendete Linkleiste wird im Nachfolger standardmäßig angezeigt. Mit einem Mausklick lassen sich dort Favoriten ablegen. Sie dient auch als Container für so genannte Web Slices. Dabei handelt es sich um abgekoppelte Bereiche einer Website, die automatisch aktualisiert werden. Auf diese Weise lässt sich beispielsweise eine eBay-Auktion verfolgen, ohne dazu den Webauftritt des Auktionshauses aufsuchen zu müssen. Um Web Slices bereitzustellen, muss ein Anbieter Modifikationen am Code der Website vornehmen. Einige Partner[6] für den deutschen Markt kann Microsoft vorweisen.
Internet Explorer 8 verfeinert dem Umgang mit Tabs: Alle von einer Website aus geöffneten Tabs werden in einer Tabgroup zusammengefasst, die durch eingefärbte Reiter markiert ist. Das erleichtert bei vielen geöffneten Seiten die Übersicht. Eine Tabgroup kann mit einem Mausklick geschlossen werden. Zudem lassen sich geschlossene Tabs wiederherstellen. Leider ist es nicht wie in Chrome möglich, Tabs per Drag-and-drop in ein eigenes Browser-Fenster zu überführen. Das ist praktisch, wenn man Inhalte vergleichen möchte. Microsoft hat das Suchfeld in der rechten oberen Ecke renoviert: Der Anwender kann per Mausklick zwischen verschiedenen Suchanbietern wie Google, Windows Live und Amazon umschalten, ohne erst das Drop-Down-Menü aufrufen zu müssen. Wie unter Firefox wird die Eingabe eines Begriffs von Vorschlägen begleitet.
Vorausgesetzt, der Suchanbieter unterstützt die Funktion, liefern Abfragen nicht nur Links, sondern auch passende Bilder. Microsoft spricht in diesem Zusammenhang von Visual Search. Das funktioniert derzeit unter anderem bei Amazon und eBay. Gibt einen Begriff in das Adressfeld ein, startet nach Drücken der Befehlstaste ebenfalls eine Suchanfrage bei der voreingestellten Suchmaschine. Das funktioniert bei Chrome, Firefox und Opera genauso. Nur Safari kommt damit nicht zurecht.
Neben den Web Slices sollen so genannte Schnellinfos die Interaktion mit Webseiten und Diensten vereinfachen. Dabei wird markierter Text über ein Kontextmenü an Kartendienste, Lexika oder soziale Netzwerke übergeben und dort verarbeitet. Eine Adresse kann so beispielsweise gleich auf einer Karte angezeigt werden, ohne erst den Dienst aufrufen zu müssen.
Belässt man es bei den Voreinstellungen, bewegt sich alles im Windows-Live-Universum: Bloggen mit Windows Live Spaces, Nachschlagen in Encarta und E-Mails senden mit Windows Live Hotmail. Microsoft hat jedoch Partnerschaften[7] mit anderen Anbietern geschlossen, etwa Facebook, eBay und Yahoo. Unter der Haube hat sich einiges getan: Der Rahmen und die einzelnen Tabs laufen jetzt in separaten Prozessen. Der Absturz eines Tabs reißt nicht mehr den gesamten Browser mit. Zudem wird der Tab in diesem Fall automatisch wiederhergestellt.
Das Prinzip kommt aber nur dann zur Anwendung, wenn der Rechner genügend Ressourcen bietet. Andernfalls werden bestimmte Prozesse gemeinsam genutzt. Microsoft hat bislang nicht veröffentlicht, unter welchen Bedingungen der Internet Explorer 8 welches Verhalten zeigt. Generell trägt die neue Architektur aber zu einer deutlich verbesserten Stabilität bei, was angesichts der wachsenden Zahl immer komplexerer Webanwendungen auch dringend nötig ist.
Microsoft ist dafür bekannt, Standards eher frei zu interpretieren. Das soll sich zumindest beim Internet Explorer 8 geändert haben. Die neueste Version wird HTML 4.01 sowie CSS 2.1 voll unterstützen. Der Softwarehersteller belegt dies mit dem bestandenen Acid2-Test[8].
Zwar ist die Hinwendung von Microsoft zu Standards zu begrüßen, in der Praxis ergeben sich daraus aber einige Schwierigkeiten. Viele Websites sind nämlich auf die Eigenheiten des Internet Explorer 7 und seiner Vorgänger optimiert. Die neue Rendering Engine des Internet Explorer 8 stellt sie möglicherweise mit Fehlern dar. Diese reichen von kaum merklichen Verschiebungen im Layout bis hin zu nicht funktionierenden Menüs - was allerdings selten vorkommt.
Um das Problem zu umschiffen, hat Microsoft einen Kompatibilitätsmodus integriert, der auf die erprobte Internet-Explorer-7-Engine zurückschaltet. Bemerkt man Darstellungsfehler, kann man diese über einen Button neben der Adressleiste aktivieren. Die Website wird dann mit der alten Technik neu geladen. Internet Explorer 8 speichert die Einstellung. Auch ein Reload stellt auf den Kompatibilitätsmodus um.
Auf Wunsch liefert Microsoft dem Browser automatisch eine Liste mit inkompatiblen Websites, die gleich mit der Internet-Explorer-7-Engine angesurft werden. Damit wird dem Anwender die manuelle Umschaltung erspart. Die erste Version enthält mehr als 1400 Adressen[9], darunter auch einige von Microsoft.
Mit diesen Maßnahmen hat Microsoft das Kompatibilitätsproblem mittlerweile zufriedenstellend gelöst. Wie oft man manuell eingreifen muss, hängt von den regelmäßig besuchten Sites ab. Ob man als Anwender bereit ist, seinen Browser mehr oder wenig häufig über die richtige Engine zu unterrichten, muss jeder selbst entscheiden.
Webanbieter können über ein Tag erwirken, dass der Internet Explorer 8 die Seite automatisch im Kompatibilitätsmodus anzeigt. Der Weg zu standardkonformen Microsoft-Browser ist also für alle Beteiligten steinig.
Da das Internet bekanntlich der digitale wilde Westen ist, spielt die Sicherheit eines Browsers eine entscheidende Rolle. Da der Internet Explorer seit Jahren unter Dauerbeschuss von Malware-Autoren steht, hat Microsoft die Sicherheitsfunktionen bei der neuesten Version erweitert.
So wurde beispielsweise der im Internet Explorer 7 eingeführte Phishing-Filter durch eine bessere Erkennung aufgewertet. Die Komponente scannt Websites jetzt auch aktiv nach Malware. Um die Domain herauszustellen, färbt der Internet Explorer den Rest der Adresse einer Website hellgrau ein. So sollen Nutzer eher auf Phishing-Attacken aufmerksam werden.
Cross-Site-Scripting-Angriffe werden laut Microsoft mit einem neuen Mechanismus unterbunden. Die jetzt standardmäßig aktive Date Execution Prevention soll Angriffe auf Basis von Pufferüberläufen vereiteln. Die Effektivität dieses Maßnahmenpakets wird sich aber erst mit der Zeit zeigen.
Der neue Modus InPrivate ermöglicht es Anwendern, im Internet zu surfen, ohne auf dem Client sichtbare Spuren zu hinterlassen. Dazu wird ein neues Fenster geöffnet, das besuchte Websites und andere Features nicht im Verlauf oder anderen Logfiles speichert. Vollkommen sicher ist die Methode aber nicht: Mit speziellen Undelete-Tools lassen sich diese Informationen trotzdem anzeigen. Auch Chrome, Firefox, Opera und Safari bieten einen Private-Modus.
Microsoft führt im Internet Explorer 8 das Feature Vorgeschlagene Websites ein, das einem auf Basis des Verlaufs andere vorschlägt, die von Interesse sein könnten. Zwar ist die Funktion nicht standardmäßig aktiv, welchen Nutzen sich die Redmonder davon versprechen, ist aber offen.
Da immer mehr Anwendungen auf AJAX-Basis im Browser laufen, spielt die Java-Script-Performance eine entscheidende Rolle. Die folgenden Benchmarks zeigen, dass der Internet Explorer 8 in dieser Disziplin mit Abstand am schlechtesten abschneidet. Gegen den Microsoft-Browser treten Safari 4, Opera 10, Firefox 3.1 sowie Chrome 1 und 2 an. Lediglich im iBench-XML-Test setzt sich der Internet Explorer an die Spitze.
Aber was bedeuten die Werte in der Praxis? Das mittlerweile auf vielen Websites eingesetzte Öffnen von Bildern per Animation[10] erfolgt per JavaScript (Lightbox[11]). Bis der Internet Explorer 8 das Bild groß darstellt, vergeht selbst auf einem 3,2-GHz-Core-i7 spürbar mehr Zeit als mit konkurrierenden Browsern. Auch andere AJAX-Anwendungen wie Google Maps zeigen ein schlechteres Antwortverhalten. Das Beispiel macht deutlich, dass sich Resultate aus den reinen JavaScript-Benchmarks Sunspider, Google V8 und Futuremark Peacekeeper auch auf die Praxis übertragen lassen.
Was auf einem Rechner mit dem derzeit schnellsten Desktop-Chip ein kleines Ärgernis ist, wird auf den deutlich schwächeren Atom-Netbooks zu einem echten Problem[12]. Bei den Kleinstrechnern kann man eigentlich nur zu einem Browserwechsel raten.
Das Antwortverhalten bei der Benutzung des Internet Explorer 8 liegt auf dem Niveau des Firefox. Chrome, Opera und Safari lassen sich etwas flüssiger bedienen.
Welche Probleme sich durch die neue Rendering Engine ergeben, hängt von den besuchten Websites des Anwenders ab. Früher oder später wird man aber nicht darum herumkommen, mit dem Kompatibilitäsmodus zu interagieren.
Zwar wirkt sich die schwache Java-Script-Performance im Alltagsbetrieb nicht so drastisch aus, wie es die Benchmarks suggerieren. Warum Microsoft in dieser Disziplin aber derart weit zurückfällt, ist nur schwer zu begreifen. Die Zahl AJAX-basierter Websites und Webanwendungen steigt ständig an, auch ihre Komplexität.
Web Slices und Schnellinfos sind ganz praktische Funktionen. Da sie standardmäßig im Browser implementiert sind, werden sie sicherlich schnell Verbreitung finden. Letztendlich bietet der Internet Explorer 8 aber nichts, was Nutzer von Chrome, Firefox, Opera oder Safari zum Umstieg bewegen könnte. Der Verlust weiterer Marktanteile ist damit quasi vorprogrammiert.
Obwohl der Internet Explorer in Windows integriert ist, haben sich Poweruser ohnehin längst um Firefox versammelt. Wer sich die tägliche Arbeit beispielsweise mit einem Greasemonkey-Script vereinfacht, wird sich nicht so schnell für einen anderen Browser entscheiden. Den Wert einer leistungsfähigen Plattform kennt Microsoft von Windows. Der hauseigene Browser hat diesen Status längst nicht erreicht.
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