Als Reaktion auf das Kartellverfahren der EU will Microsoft Windows 7 in Europa ohne den Internet Explorer 8 auf den Markt bringen. Aber was heißt das für die Anwender in der Praxis? ZDNet klärt die Hintergründe.
Microsoft liegt mit den Kartellwächtern der Europäischen Union schon lange im Clinch. Im Kern geht es darum, dass die Redmonder ihre dominante Stellung auf dem Markt für Betriebssysteme ausnutzen, um durch eine Zwangskopplung andere Bereiche wie Medienabspielsoftware und Browser zu beherrschen. Ergebnis der jahrelangen Untersuchungen sind bislang Strafzahlungen von gut 1,6 Milliarden Euro sowie eine Windows-Version ohne Media Player - gekennzeichnet durch ein hinten angestelltes "N".
Nach dem Media Player hat die EU jetzt auch den Internet Explorer in Visier genommen und damit auf Beschwerden von Opera und anderen Konkurrenten reagiert. Die Behörde will erreichen, dass Microsoft dem Anwender mehrere Browser zur Auswahl einbindet. Da der Softwarekonzern nicht die Anwendungen von Wettbewerbern vertreiben möchte, hat man sich in Redmond für Windows 7 etwas anderes überlegt: die Auslieferung komplett ohne Browser. OEMs können dann entscheiden, ob und welcher Browser vorinstalliert sein soll. Anwender, die ihr Windows im Handel kaufen, müssen selbst aktiv werden.
Um eine Version ohne Browser zu kennzeichnen, stellt Microsoft ein "E" an das Ende des Produktnamens, zum Beispiel Windows 7 Home Premium E. Die E-Varianten werden in 23 Sprachen sowie in 32- und 64-Bit erhältlich sein.
Aus technischer Sicht ist die Realisierung der neuen Produktvariante kein Problem, denn Microsoft hat bereits vorgesorgt. Seit Build 7048 kann neben anderen Komponenten auch der Internet Explorer 8 deaktiviert werden. Aber was bedeutet das in der Praxis? ZDNet erklärt die Hintergründe.
Während in Windows Server 2008[2] auf Basis von Rollen[3] (Active Directory Server, DHCP-Server oder Webserver) nur der tatsächlich benötigte Code installiert wird (andere Teile lagern in einem Cache), bleiben das Client-Pendant Vista und sein Nachfolger Windows 7 in einem Stück.
Was auf den ersten Blick aussieht wie eine Mogelpackung, hat in der Praxis durchaus seine Berechtigung: Zahlreiche Anwendungen setzen nämlich auf den Funktionen (Rendering Engine, RSS-Plattform) des Internet Explorer auf. Würde man diese und damit ihre APIs entfernen, wären viele Programme nicht mehr lauffähig.
Microsoft schreibt[4] im offiziellen Windows-7-Blog Engineering 7[5], dass die Dateien deaktivierter Features nicht mehr von Windows geladen und vom Anwender nicht mehr genutzt werden können. Auch nach der Deaktivierung von Internet Explorer 8 und Windows Media Player 12 findet die Suche die EXE-Dateien beider Anwendungen, allerdings nicht mehr im Ursprungsverzeichnis. Sie liegen stattdessen unter einem anderen Namen in C:\Windows\winsxs\. Dabei handelt es sich um eine Art Cache.
Der Browser lässt sich von dort ganz normal starten, beim Media Player 12 rührt sich nichts. Die Verknüpfungen zur EXE-Datei aus Superbar und Startmenü sowie die Zuordnung der Dateiformate werden entfernt. Auch im Dialog Öffnen mit stehen Internet Explorer und Media Player nicht mehr zur Verfügung.
In einigen Bereichen zeigt sich, dass Windows die Anwendungen lediglich versteckt: So führt einen die Suche schnell zu den Internetoptionen des Internet Explorer. Auch Windows Media Player Network Sharing Service taucht noch in der Prozess-Liste auf - mit gut 2 MByte Speicherverbrauch.
Anders sieht es dagegen bei der Windows-Suche aus. Nach der Deaktivierung sind die Suchfelder in Startmenü und Fenstern verschwunden. Auch der Indexer läuft nicht mehr. Das hat zur Folge, dass die Sortierung auf Basis von Metadaten in den Libraries nicht möglich ist. Der Anwender wird vor der Deaktivierung aber nicht darauf hingewiesen. Was wäre für viele Nutzer das Schlimmste nach dem Umstieg auf Windows 7? Dass ihre alten Anwendungen nicht mehr laufen. Insbesondere nach den schmerzlichen Erfahrungen mit Vista ordnet Microsoft dem Ziel höchstmöglicher Kompatibilität alles unter. Ein Desktop-OS aus Redmond, dessen Komponenten sich wie Legosteine zusammensetzen lassen, bleibt daher Zukunftsmusik. Das Ökosystem ist auf fehlende Komponenten nicht vorbereitet.
Die erweiterten Möglichkeiten, mehr Anwendungen zu deaktivieren, sind allerdings nicht ganz nutzlos: Gerade Suche, Internet Explorer, Media Player und Gadget-Plattform, die von vielen Anwendern durch Konkurrenzprodukte ersetzt werden, lassen sich jetzt effektiver verstecken. Das System wirkt dadurch ein wenig sauberer. Der Ressourcenverbrauch wird durch die Abschaltung kaum reduziert. Lediglich beim Indexer spart man sich ein paar Megabyte Speicher und Zugriffe auf die Festplatte.
Zwar hat Microsoft zur E-Version noch keine technischen Details veröffentlicht, man kann aber sicher davon ausgehen, dass auch hier nur eine Deaktivierung der Browsers erfolgt. Die EU-Wettbewerbsbehörden scheinen sich derweil mit der Lösung nicht zufrieden zu geben: In einer Erklärung heißt es, die Ankündigung sei ein Rückschritt für Verbraucher, die Betriebssysteme im Einzelhandel kauften. "Die Kommission hatte vorgeschlagen, dass Microsoft eine Auswahl von Browsern anbietet. Statt mehr Wahlmöglichkeiten zu bieten, hat sich Microsoft scheinbar für das Gegenteil entschieden." Allerdings würden nur fünf Prozent aller Windows-Lizenzen ohne PC verkauft. Das letzte Wort ist in dieser Sache damit sicherlich noch nicht gesprochen.
URLs in diesem Artikel:
[1] = http:/
[2] = http:/
[3] = http:/
[4] = http:/
[5] = http:/