2009: ein gutes Jahr für Linux und Open Source

(http://www.zdnet.de/magazin/41001407/2009-ein-gutes-jahr-fuer-linux-und-open-source.htm)

von Jack Wallen, 24. März 2009

Die wirtschaftlich schwierigen Zeiten könnten sich als Katalysator für Open-Source-Software erweisen. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum Linux ein gutes Jahr bevorsteht. ZDNet listet alle Indizien auf.

2009 wird mit Android, dem Betriebssystem für mobile Endgeräte, ein weiterer, nicht zu unterschätzender Akteur das Spielfeld betreten, das bisher Apple dominiert. Bislang gibt es als Android-Handy nur das T-Mobile G1[1]. Aber Smartphones von Motorola, LG und das Asus-Eee-Handy stehen bereits in den Startlöchern. Gerüchten zufolge sollen sie alle irgendwann im Laufe des Jahres auf den Markt kommen.

Man stelle sich vor: eine Hardware, ähnlich dem iPhone, mit Open-Source-Software, an der jeder mitentwickeln kann. Nie wieder App-Store-Alpträume. Nie wieder darauf warten müssen, dass irgendjemand endlich die heiß ersehnte Anwendung entwickelt - und nie wieder endloses Hoffen, dass Apple sein OK zu dieser Anwendung gibt. Hinzu kommt noch, dass das Betriebssystem selbst auch offen zugänglich ist. Denn das heißt: Wenn ein Problem auftaucht, dann wird es tatsächlich gelöst. Im Laufe des Jahres 2009 könnte der Ruf des iPhone merklich schwinden, wobei Apple allerdings mit dem neuen iPhone OS 3.0[2] stark gegensteuert.

2009 wird sich GNOME wohl gegen KDE als besserer Linux-Desktop durchsetzen können. Lange musste GNOME hinter KDE 3.x zurückstecken - und das aus gutem Grund. Denn KDE 3.x ist eine erstklassige Benutzeroberfläche. KDE 3.x bringt schlichtweg alles mit, was ein guter Linux-Desktop haben sollte: Benutzerfreundlichkeit, Stabilität, Flexibilität - und zudem ist es ein echter Augenschmaus. Und GNOME versuchte verzweifelt, eine schlechte Kopie von OS X abzugeben. Mit KDE 4 hat sich das Blatt jedoch gewendet.

Aber nicht etwa, weil KDE 4.x so schlecht ist, dass es GNOME noch unterbietet. Nein, GNOME 2.24 ist gut, wirklich gut. GNOME hat sich wieder an seine Wurzeln erinnert und bietet nun mehr Flexibilität. Aber noch viel wichtiger ist das wirklich solide Fundament von GNOME 2.24. Es läuft jetzt so stabil, wie es KDE 3.x war. Aber da man sich mit KDE 4 offensichtlich für einen weniger beliebten Weg entschieden hat, dürfte dieses Jahr schwierig werden. Immer mehr Anwender und Distributionen werden KDE über Bord werfen und sich für GNOME entscheiden. KDE muss also nach vorne schauen.

Dazu gab es schon immer die wildesten Gerüchte. Jetzt aber verspricht HP zum Beispiel, seine Produkte vermehrt mit vorinstalliertem Linux anzubieten. Das ist durchaus eine sehr gute Neuigkeit für das Open-Source-Betriebssystem. Und angesichts der rapide steigenden Netbook-Verkaufszahlen werden auch die Pinguine ordentlich Rückenwind bekommen. Damit dürfte Linux seine Zahlen im laufenden Jahr kontinuierlich verbessern. Es wird sicherlich nicht so ein Strohfeuer wie damals, als Walmart ahnungslosen Kunden Linux-Desktops verkaufte. Dieses Mal werden sich die Anwender bewusst für Netbooks mit einem Linux-Betriebssystem entscheiden, weil es perfekt auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Microsoft sollte wirklich achtgeben: Canonical (Gründer und Unterstützer von Ubuntu) arbeitet derzeit mit AMD an einer Ubuntu-Version, die perfekt auf den ARM-Prozessor abgestimmt ist. Und der wird schließlich in vielen Netbooks verwendet. Brtfs ist ein neues Copy-on-write-Dateisystem. Seine Schwerpunkte liegen vor allem auf den Bereichen Fehlertoleranz, Reparatur und Administration. Linux erhält durch dieses Dateisystem einen erheblichen Vorteil, den andere Dateisysteme nicht bieten: Durch eine höhere Skalierbarkeit stellt es auch für größere Unternehmen eine echte Alternative dar. Version 1 des Dateisystems soll im Laufe des Jahres erscheinen. Somit könnten bis zum Jahresende bereits Distributionen mit einem professionell einsatzfähigen, hochskalierbaren Kernel erhältlich sein. Das sind für Linux wirklich fantastische Aussichten. Denn damit verfügt der Pinguin endlich über die notwendigen Werkzeuge, um die größten Hürden auf dem Weg zur Business-Klientel aus dem Weg zu räumen.

Es hat sich schon lange abgezeichnet: 2008 veröffentlichte Nvidia eine Version des OpenGL-3.0-Treibers für FLOSS OpenGL. Mesa jedoch nicht. Jetzt ist Mesa wieder da und arbeitet an einer 3.0-kompatiblen Version. Es ist wohl davon auszugehen, dass sich andere Chiphersteller daran ein Vorbild nehmen und den gleichen Weg einschlagen. Damit wird der Linux-Gemeinde OpenGL sowohl über proprietäre als auch über kostenlose Quellen zugänglich. Außerdem wären weitaus einfachere Installationen von 3D-Desktops wie Compiz-Fusion möglich. Das hieße dann, Compiz-Fusion könnte ganz unkompliziert verwendet werden! Außerdem wird sich Linux auch mit den neuesten Videotechnologien weitaus leichter tun. Hinzu kommt dann noch der neue Entwicklungstrend, Video-Subsysteme mittels GEM (Graphics Execution Manager) und KMS (Kernel Mode Setting) auf Kernel-Ebene zu verlagern.

An dieser Stelle ist unbedingt der Konjunktiv zu beachten: Sollte sich Cloud-Computing wirklich durchsetzen, dann wird Linux definitiv der Wegweiser sein. Ob am Server- oder am Client-Ende: Linux verfügt bereits heute über die notwendigen Tools, um stabile Cloud-Umgebungen zu erschaffen. Offen gestanden verfügt es sogar schon lange über diese Tools. Was das anbelangt, war Linux schon immer Microsoft überlegen. Und wenn sich aus diesen Wolken tatsächlich der Sturm zusammenbraut, den die Medien vorhersagen, wird Linux enorm davon profitieren. Bleibt nur offen, ob die Wolke bereits hier ist oder nicht. Amazon zumindest betreibt bereits eine Beta-Cloud mit Linux.

OpenOffice 3 bietet eine Vielzahl neuer Funktionen, die für den Einsatz in Unternehmen wie geschaffen sind. Aber das ist gar nicht der größte Trumpf. Angesichts der aktuellen Wirtschaftslage versuchen Unternehmen, an allen Ecken und Enden Kosten einzusparen. Und bei Office-Programmen ist das in der Regel schnell und schmerzlos möglich. Bemerkt dann auch noch der durchschnittliche Endanwender, wie gering die Unterschiede zwischen OpenOffice und Microsoft Office tatsächlich sind, wird sich das wie ein Lauffeuer ausbreiten. OpenOffice könnte bereits an der Spitze der Rangliste stehen, wenn es nur bekannt genug wäre. Sobald die Anwender wissen, dass es eine kostenlose Alternative zu Microsoft Office gibt, werden sie auch damit arbeiten. Auch erwähnenswert: 2009 wird es den Entwicklern der Enlightenment-Oberfläche wohl gelingen, Version E17 endlich stabil zu bekommen. Wer die Geschichte des Enlightenment-Fenstermanagers verfolgt hat, der weiß, dass E16 seit jeher der Standard ist. Die instabile E17-Version war dagegen ständig verbesserungswürdig. 2009 wird E17 endlich stabil werden. Allerdings sollte sich das nicht negativ auf E16 auswirken. Denn diese Version von Enlightenment ist eines der schönsten Überbleibsel aus der "romantischen" Phase von Linux. Wer kann heutzutage schon sagen, dass sein Desktop heute noch genauso aussieht wie damals? Daher ist zu hoffen, dass E16 auch bei stabilem E17 erhalten bleibt.

Mit Ubuntu dürfte zweierlei passieren: Zum einen werden Ubuntu-Server wohl endlich als vollwertige Lösung im Unternehmensbereich anerkannt. Zweitens dürfte sich Ubuntu 9.04 ("Jaunty Jackalope") seinen Weg auf den Desktop erkämpfen und zum Standard benutzerfreundlicher Linux-Betriebssysteme werden. Im Einsteigersegment konnte sich Ubuntu bereits ganz gut durchsetzen. Mit der 9.04-Version wird Ubuntu vermutlich das beste Benchmarking für einen Linux-Desktop überhaupt liefern. Ebenso verhält es sich in Bezug auf die beste Hardware-Unterstützung. Kommt dann noch die EXA-Beschleunigung hinzu, wird sich die Unterstützung von ATI-Videokarten enorm verbessern. Auch WLAN und Bluetooth werden dann um eine Abschaltfunktion erweitert. Ubuntu 9.04 könnte in diesem Jahr Linux tatsächlich den Weg auf den Desktop ebnen.

Dieser Punkt liegt eigentlich auf der Hand: 2009 dürfte Firefox den bisherigen Browser-König Internet Explorer vom Thron stoßen. Die Performance von IE 8[3] lässt zu wünschen übrig, und wenn sich Linux weiter verbreitet, erkennt auch die breite Masse die Vorteile von Firefox. Doch Gefahr droht von Googles Chrome. Der Browser ist zwar noch nicht "ausgereift", aber sehr schnell. Zudem steht mit Google ein mächtiges Unternehmen hinter dem Projekt.

Sonnige Aussichten

Die zu erwartenden Entwicklungen sollten 2009 wohl allen Linux-Fans und Open-Source-Anhängern ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Was glauben Sie? Wird 2009 das Jahr von Linux? Diskutieren Sie im Forum[4] mit anderen Experten und Interessierten über die anstehenden Veränderungen.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.zdnet.de/mobile/handy/0,39023186,39201306,00.htm
[2] = http://www.zdnet.de/news/mobile_wirtschaft_iphone_os_3_0_apple_stellt_erste_funktionen_vor_story-39002365-41001847-1.htm
[3] = http://www.zdnet.de/betriebssysteme_in_unternehmen_linux_vista_xp_unix_mac_ie_8_final_schafft_microsoft_das_browser_comeback_story-20000004-41001848-1.htm
[4] = http://cgi.zdnet.de/forum/viewforum.php?f=1&c=2