Produktfälschungen: Hersteller verstehen keinen Spaß mehr

(http://www.zdnet.de/magazin/41001013/produktfaelschungen-hersteller-verstehen-keinen-spass-mehr.htm)

von Arnd Westerdorf und Peter Marwan, 3. März 2009

Produktfälschungen breiten sich aus und werden immer raffinierter. Intensivere Kontrollen erhöhen für Käufer die Gefahr, erwischt zu werden. Um nicht in die Falle zu tappen, hilft nur, sich gründlich zu informieren.

Es ist immer wieder ein beliebtes Schauspiel auf den großen Messen in Deutschland: Zielsicher steuern Polizisten[1], Zöllner[2], Rechts- und Staatsanwälte sowie Manager bekannter Markenhersteller Stände mit Produktplagiaten an. Manch ertapptes Standpersonal zählt zu den Wiederholungstätern und hält schon das fällige Strafgeld in Höhe von über tausend Euro bereit.

Auf der vergangenen CeBIT[3] folgten die Fahnder den Hinweisen auf Patentrechtsverletzungen bei 500 Neuheiten. 180 Beamte durchsuchten 51 Stände und beschlagnahmten 68 Umzugskartons mit verdächtiger Ware. Ein ähnliches Bild boten kürzlich die Bürobedarfs- und Schreibwarenmesse Paperworld[4] sowie die Konsumgütermesse Ambiente[5] in Frankfurt am Main. In 31 beziehungsweise 64 Fällen wurden hunderte Artikel und Kataloge beschlagnahmt und damit weitere Bestellungen und Verkäufe verhindert.

Entweder sind die Schmuggelpfade der Fälscher raffinierter geworden, oder die Kontrollen erfüllen ihren Zweck: Die Zahl der verdächtigen Fälle auf den einzelnen Messen sinkt jedenfalls stetig. Zudem ging im Jahr 2007 der Wert der gefälschten Waren bei den Einfuhrkontrollen nach Deutschland stark zurück - von 1,17 Milliarden auf 426 Millionen Euro. CeBIT-Sprecher Hartwig von Saß glaubt, dass dazu auch die "umfassenden Ausstellerinformationen, die auf die rechtliche Situation in Sachen Schutz des geistigen Eigentums, Marken- und Lizenzrechte in Deutschland hinweisen", sowie "die umfangreichen Serviceangebote wie etwa die Organisation eines rechtlichen Notdienstes" etwas beigetragen haben.

Andere Messegesellschaften agieren agressiver. So heißt es etwa "Messe Frankfurt against copying" oder "No Copy" auf der Photokina[6] in Köln[7]. Bei der Messe Düsseldorf[8] verhindern sogar schwarz gekleidete Fotosheriffs, dass die Besucher leicht zu imitierende Bekleidungsprodukte aus nächster Nähe ablichten.

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Produktfälschungen: Imitate, Plagiate und Raubkopien[9]

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Das Reizthema Plagiate bleibt aber auch dank Rido Busse[10] auf der Tagesordnung. Der Ulmer Designprofessor entdeckte vor 27 Jahren die Fälschung einer Briefwaage, die er für eine deutsche Firma entworfen hatte. Busse ärgerte sich so, dass er den Spottpreis Plagiarius[11] aus: "Symbol ist ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase. Denn eine solche verdienen sich die Plagiatoren." Kürzlich verlieh eine illustre Jury zum 33. Mal den Negativpreis gleich an zehn dreiste Plagiatoren - die bei weitem nicht alle aus dem vielgescholtenen Asien stammen.

Den "Hauptpreis" bekam die Firma Isimax[12] aus Hessisch Oldendorf. Der deutsche Online-Anbieter hat ein Plagiat des elektronischen Händetrockners "HTE" von Stiebel Eltron[13] verkauft, das optisch nur im Piktogramm vom Original zu unterscheiden war. Neben technischen Produkten zählen aber auch Alltagsprodukte wie Gießkannen und Kochtopfsets, Reisetrolleys und Kniebandagen zu den zweifelhaften Preisträgern.

Das Sammelsurium aus drei Jahrzehnten Plagiarius-Preis ist übrigens in einem eigenen Museum im Bergischen Land zu besichtigen: Das Museum Plagiarius[14] in Solingen zeigt über 250 der frechsten Produktkopien und klärt in gesonderten Präsentationen auf.

Das ist auch notwendig, denn selbst versierte Einkäufer und Produktmanager gehen den kriminellen Fälschern auf den Leim. Vor einem Jahr erwischte es gleich eine Reihe bekannter Speichermedienanbieter wie Emtec, Platinum und Tevion, und der renommierte Zubehörspezialist Hama musste manipulierte Datenträger zurückrufen[15]. Das Unternehmen sei "betrügerischen Machenschaften aufgesessen" und "mit fehlerhaften USB-Sticks beliefert" worden. Bei der betroffenen Charge ließen sich zwar die Datensätze bis zur angegebenen Kapazität schreiben, aber nicht mehr komplett auslesen. Die manipulierten Datenträger täuschten dem Betriebssystem also eine deutlich höhere als die tatsächlich vorhandene Kapazität vor.

Wie kann der Käufer sichergehen, dass er Original-Markenware in den Händen hält? Zunächst sollte Otto Normalverbraucher nicht bei dubiosen oder relativ unbekannten Quellen einkaufen. Das gilt vor allem für Bestellungen im Internet und über Auktionsplattformen.

Aber selbst seriöse Händler sind nicht vor Manipulationen gefeit: Vor einigen Monaten warnte der Druckerhersteller Samsung[16] vor Tonerfälschungen und stellte dabei den niederländischen Großhändler ACI Adam[17] an den Pranger. Dieser sei kein autorisierter Partner, hieß es damals bei Samsung.

Ein anderes Beispiel, das durch die Medien ging, war der Fall eines Münchner Händlers, der von einem Xerox-Testkäufer als Plagiatsverkäufer erwischt wurde. Allerdings hatte der Händler die beanstandeten Tonerkartuschen nie gesehen: Er hatte sie wie bei solchen Artikeln häufig üblich, vom Großhändler in seinem Namen direkt an den Kunden schicken lassen. Den Ärger hatte er trotzdem.

Diese Beispiele lehren den Privatnutzer von Druckerverbrauchsmaterialien, zusätzlich darauf zu achten, dass der Händler seines Vertrauens ein zertifizierter Partner ist. Auf den muss sich der Konsument dann aber verlassen können. Denn - und auch das ist im Solinger-Plagiatsmuseum zu sehen - häufig lässt sich beim verpackten Produkt Original und Fälschung vom Laien gar nicht unterscheiden.

Der Tinte- und Toner-Hersteller HP informiert umfassend[18] über die Ausstattungs- und Sicherheitsmerkmale seiner Originalprodukte. Demnach gilt es auf eine saubere und ungeöffnete Verpackung, Sicherheitsetiketten, Hologramme, bestimmte Farbverläufe, produktspezifische Seriennummern, typische Logos und natürlich die korrekte Rechtschreibung der Markennamen und des Begleittextes zu achten. Diese Hinweise gelten im Großen und Ganzen auch für die Produkte anderer Hersteller.

Die Business Software Alliance (BSA[19]) hat 2008 ihre Aktivitäten gegen die Verbreitung von Raubkopien im Internet verstärkt. Allein im ersten Halbjahr stoppte sie 18.314 Auktionen mit über 45.000 gefälschten oder raubkopierten Produkten im nominellen Wert von 15 Millionen Euro.

Die Organisation spürt aber nicht nur Fälscher und Verkäufer von Software auf, sondern leitet auch die Verfolgung von Anwendern in die Wege. Das Oberlandesgericht Karlsruhe hat beispielsweise kürzlich auf Betreiben der BSA eine Firma für Solartechnik sowie deren Geschäftsführer persönlich zu 40.000 Euro Schadensersatz, und einer Unterlassungsverpflichtung verurteilt[20], weil das Unternehmen unlizenzierte Software einsetzte.

Wichtig ist das rechtskräftige Urteil aus zweiter Instanz gegen das Unternehmen und den Geschäftsführer deshalb, weil es weitreichende Aussagen über die Verantwortlichkeit für Urheberrechtsverletzungen in Firmen enthält. Auch über die Maßnahmen, die von Seiten der Unternehmensleitung ergriffen werden müssen, sagt es viel aus. Demnach reicht es nicht aus, Richtlinien zum Softwareeinsatz herauszugeben und aus gegebenem Anlass Ermahnungen auszusprechen. Ein Geschäftsführer handle pflichtwidrig, so die Karlsruher Richter, wenn er nicht sicherstellt, dass Software nur von autorisierten Personen installiert werden kann.

Ins Netz gegangen war der BSA das Unternehmen nach einem Hinweis eines ehemaligen Mitarbeiters. Daraufhin erstattete die BSA Anzeige gegen den Geschäftsführer und die Firma, und die zuständige Staatsanwaltschaft führte eine unangekündigte Durchsuchung der Geschäftsräume durch, bei der auf den 15 Rechnern der Firma über 20 unlizenzierte Programme gefunden wurden.

Das OLG nahm nicht nur die Firma, sondern auch den Geschäftsführer persönlich in die die Pflicht, weil er "... die nicht lizenzierte Nutzung der Computerprogramme der Klägerinnen in pflichtwidriger Weise nicht verhindert hat." Er habe damit seine Sorgfaltspflicht verletzt. Der Beklagte sei "... als alleiniger Geschäftsführer verpflichtet, im Rahmen des Zumutbaren und Erforderlichen Maßnahmen zu treffen, die eine Gefährdung der Urheberrechte Dritter ausschließen oder doch ernsthaft mindern", und dass "... auf den Computern des Unternehmens nur lizenzierte Software genutzt wird." Der Chef hätte dies nach Ansicht der Richter durch geeignete Maßnahmen sicherstellen müssen.

2008 mussten die 211 von der BSA wegen fehlender Lizenzen belangten Firmen rund 1,6 Millionen Euro Schadensersatz und Lizenzierungskosten bezahlen. Die meisten Missetäter brachte die BSA in Nordrhein-Westfalen (21 Prozent) zur Strecke. Auf den unrühmlichen Plätzen liegen Bayern (20 Prozent) und Baden-Württemberg (9 Prozent). 30 Prozent der Erwischten stammen aus der scheinbar recht leichtlebigen Design- und Werbebranche. Aber auch im Technologiesektor (26 Prozent) und der Dienstleistungsbranche (16 Prozent) wurden vergleichsweise viele Firmen belangt.

Ein bisschen Mitleid mit den ertappten Firmen kann man schon haben. Zwar haben viele sicherlich gewusst, was sie tun, aber es ist nicht auszuschließen, dass der eine oder andere selbst der Genarrte war. Dirk Lynen, Geschäftsführer des Gebrauchtsoftwarehändlers 2nd Soft[21], schlägt sich tagtäglich mit echten und falschen Zertifikaten auf Datenträgern und Verpackungen herum. Er weiß daher, wie schwer es ist, diese auseinanderzuhalten beziehungsweise überhaupt zu erkennen.

Seiner Meinung nach tragen auch die Hersteller einen Teil zur Verwirrung bei. Beispiel Microsoft: Von dessen Betriebssystemen gibt es allein fünf unterschiedliche Lizenzvarianten.

  1. die einzeln im Handel erhältliche, in einer Schachtel verpackte Software (FPP oder "Full Package Produkt")
  2. die "Systembuilder"-Variante, die, sogennante "Delivery System Partner" eigentlich nur zusammen mit Hardware vertreiben dürfen, die aber zumindest in Deutschland auch einzeln im Handel erhältlich ist
  3. frei installierbare OEM-Software ("Original Equipment Manufacturer" - auch sie sollte ursprünglich nur zusammen mit Hardware vertrieben werden, ist aber ebenfalls einzeln im Handel)
  4. OEM-Software mit BIOS-Lock, die technisch an ganz bestimmte Hardware gebunden ist
  5. OEM-Software die lediglich mit einem sogenannten Recovery-Datenträger ausgeliefert wird und ebenfalls technisch an ganz bestimmte Hardware gebunden ist

Um ihr Angebot echt aussehen zu lassen, nutzen Fälscher diese Vielfalt gerne aus. Außerdem machen sie sich die Unkenntnis vieler Käufer über weitere Spezialvarianten zunutze. Dazu gehört, dass sie Einzelkomponenten als angebliche "Lizenz" tarnen.

So wird immer wieder der Eindruck erweckt, Schüler- und Studentenlizenzen, sogenannte Academic Editions, die ausschließlich für den Bildungsbereich lizenziert sind, oder NFR-Versionen (Not For Resale), wie sie beispielsweise Händler zu Testzwecken erhalten, seien Vollversionen, die jedermann nach seinem Bedarf nutzen könne. Weiter werden getarnte Update-Versionen als Vollversion verkauft. "Alle diese Manipulationsarten kommen gleichermaßen bei neuer und bei gebrauchter Software vor", betont Lynen.

Allerdings legt es der Verbraucher häufig auf den Kauf von Plagiaten an. Ernst & Young[22] befragte im vergangenen Herbst 2500 europäische Verbraucher zu ihrem Einkaufsverhalten. Ergebnis: Jeder vierte Befragte hat schon einmal wissentlich Plagiate erworben.

"Die Zahlen machen deutlich, dass eine umfassende Aufklärung der Verbraucher entscheidender Hebel für die Bekämpfung von Marken- und Produktpiraterie bleibt. Gerade jüngere Menschen müssen für das Thema sensibilisiert werden", mahnt Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer des Markenverbandes[23].

Die Gefahr ist größer als viele ahnen: Die Markenschützer von Mark Monitor[24] schätzen etwa den weltweiten Anteil an gefälschten Flugzeugteilen auf bis zu 30 Prozent. Die unseriösen Angebote laufen überwiegend über gewerblich geprägte B2B-Marktplätze. "Unübliche Variationen im Produktangebot der Anbieter, die großen Mengen und wechselnde Herkunft werfen Fragen bezüglich der Sicherheit dieser Beschaffungsquelle für Flugzeugteile und Konsistenz der Lieferkette auf, und stellen die Gesetzgebung in diesem Bereich vor neue Probleme", resümiert der Bericht.

Gefälschte und nachgeahmte Produkte machen nach Schätzungen des Markenverbandes zehn Prozent des Welthandels aus und schädigten damit die globale Volkswirtschaft jedes Jahr um rund 200 bis 300 Milliarden Euro. In Deutschland gingen dadurch beständig Aufträge im Gesamtwert von 29 Milliarden Euro sowie 70.000 Arbeitsplätze verloren.

In diesen Fällen ist erwiesen, dass die Nachahmungen nicht zwangsläufig aus Asien - insbesondere aus China - kommen müssen. Zwar gründet sich die Gelehrigkeit der Chinesen auf eine Weisheit des Konfuzius[25]: "Wer große Meister kopiert, erweist ihnen Ehre." Wie weit das gehen kann, zeigt die Tatsache, dass selbst die Anti-Plagiate-Kampagne der Messe Frankfurt bis in kleine Details (mit Ausnahme der Sprache) nicht vor Nachahmern aus der chinesischen Partnerstadt Shanghai sicher war.

Deutsche brauchen aber nicht sofort die Nase zu rümpfen: Schließlich sollte Ende des 19. Jahrhunderts der Aufdruck "Made in Germany[26]" angelsächsische Kunden vor täuschend ähnlichen Porzellan- und Stahlprodukten aus dem Deutschen Reich warnen. Aber das ursprünglich als Strafe gedachte Siegel mutierte zum Qualitätsbegriff.

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[9] = http://www.zdnet.de/galerie/41001034/produktfaelschungen-imitate-plagiate-und-raubkopien.htm#sid=41001013
[10] = http://de.wikipedia.org/wiki/Rido_Busse
[11] = http://www.plagiarius.com
[12] = http://www.isimax.de
[13] = http://www.stiebel-eltron.de
[14] = http://www.plagiarius.com/museum_plag.html
[15] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_investition_hardware_hama_ruft_usb_sticks__flashpen_fancy__zurueck_story-39001021-39160217-1.htm
[16] = http://www.samsung.de
[17] = http://www.aciadam.com
[18] = http://www.hp.com/go/anticounterfeit
[19] = http://www.bsa.org/country.aspx?sc_lang=de-DE
[20] = http://www.bsa.org/country/News%20and%20Events/News%20Archives/de/2009/de-01152009-solartechnikfirma.aspx?sc_lang=de-DE
[21] = http://www.2ndsoft.de/
[22] = http://www.ey.com/global/content.nsf/Germany/Home
[23] = http://www.markenverband.de
[24] = http://www.markmonitor.com/index.php
[25] = http://de.wikipedia.org/wiki/Konfuzius
[26] = http://de.wikipedia.org/wiki/Made_in_Germany