Gegen die Rasterfahndung per Internet

(http://www.zdnet.de/magazin/41000803/gegen-die-rasterfahndung-per-internet.htm)

von Hermann Gfaller, 26. Februar 2009

Toll, was Google an neuen Funktionen bringt. Toll auch, was das G1-Handy alles kann. Noch toller ist es, sich in sozialen Netzwerken zu engagieren und seine Daten allen verfügbar zu machen. Aber gerät da nicht etwas in Vergessenheit?

Alle Welt regt sich über die Schnüffelei von Unternehmen wie der Bahn, den Datenmissbrauch bei Callcentern oder die Datenbevorratung für Ermittlungsbehörden auf. Warum aber verbietet eigentlich keiner die Rasterfahndung im Netz, das Zusammenführen von Informationen zu namentlichen User-Profilen, zu Dossiers?

Die Antwort liegt auf der Hand: Die User stellen ihre Daten freiwillig ein und gestatten den sozialen Netzwerken und anderen Sammlern per Klick auf die meist ungelesenen Geschäftsbedingungen oft auch noch die Verwertungsrechte für diese Informationen. Es ist bezeichnend, dass schon tausende von Facebook-Mitgliedern die neuen Geschäftsbedingungen[1] akzeptiert hatten, die der Web-Company auch noch die Verwertung selbst aller vom User (aus möglicherweise guten Gründen) getilgten Informationen auf alle Zeit garantieren sollte.

Screenshot der Homepage von Spokeo.com
Die amerikanische Personensuchmaschine Spokeo wirbt explizit um die Aufmerksamkeit von Personalabteilungen: "HR Recruiters click here" (Bild: ZDNet.de).

Warum tun Menschen so etwas? Zum einen sind es die oft zitierten vertrauensseligen, naiven und jungen Menschen, die die sozialen Netze nutzen, um mit ihren Freunden so zu kommunizieren, wie sie es auch auf einer Party tun würden. Zum anderen werben die Medien für soziale Netze, in denen sie den absolut angesagten Lifestyle sehen.

"Ist für mich alles kein Problem", argumentieren die ganz Cleveren. Sie hätten das im Griff und sich zudem nichts vorzuwerfen und auch nie auf eine Porno-Site geschaut, Software oder Musik raubkopiert beziehungsweise Nacktbilder oder solche von Trinkgelagen in YouTube eingestellt. Mag sein. Aber wie sieht es mit Bekannten oder dem Ex-Freund aus, oder wer immer sonst den Fotoauslöser am Handy bedienen kann?

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Freunde, Feinde und Straftäter online suchen[2]

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Aber es geht nicht nur um Lifestyle. Es geht auch um Erfolg: Ambient-Musiker, Online-Werber und US-Präsident Barack Obama nutzen diese Plattform - und werden dafür allseits gelobt. Glaubt man dem IBM-Vordenker Gunter Dueck[3], fahnden Unternehmen erst in den Profilen von Xing oder Facebook nach neuen Mitarbeitern, bevor sie die Jobs ausschreiben.

Entsprechend geben Job-Ratgeber - wie eben erst in der Süddeutschen Zeitung - Tipps, in welchen Netzen man sich wie darstellen sollte. Ganz abgesehen von den "fortschrittlichen" Unternehmen, die ihre Mitarbeiter in - hoffentlich isolierte Bereiche - solcher Netze drängen, um moderne Kommunikationsstrukturen aufzubauen. Wie freiwillig ist in einer Zeit drohender Arbeitslosigkeit die Teilnahme an solchen Communitys noch?

Unverständlich ist unter diesen Gesichtspunkten das Lob für das eben vorgestellte Google-Handy G1[4], mit dem Googles Schnüffeldienste[5] auf Milliarden von potenziellen Handy-Nutzern ausgedehnt werden sollen.

Man kann damit zwar auch telefonieren, aber im Grunde bleibt der Erwerb für jeden sinnlos, der nicht Google-Mail, Google-Maps, YouTube und natürlich die vielen Web-abhängigen Anwendungen nützen möchte, die über den Android-Markt angeboten werden. Hier soll der iPhone-Erfolg imitiert werden, mit dem Apple der Mobilfunkbranche gezeigt hat, wie man die Nutzung von Datendiensten attraktiv macht und ein Ökosystem für Anwendungen (17.000 sind es inzwischen) aufbaut.

Am PC lassen sich zudem klassische Office-Funktionen wie Textverarbeitung und Tabellenkalkulation online durchführen. Google möchte, dass wir alle unsere Texte, unsere Bilder, unsere Adressen, unseren Schrift- und Sprachverkehr unseren aktuellen Aufenthaltsort (inklusive denen unserer Freunde) und alle unsere Gewohnheiten auf Google-Servern hinterlegen. Durch Dienste à la Google Latitude erfahren wir, welche unserer Freunde (Kollegen, Untergebene) sich gerade in unserer direkten Umgebung befinden - wo immer auf der Welt wir uns auch gerade bewegen.

Den Behörden - zumindest in Deutschland - ist eine ähnliche Zentralisierung von Bürgerdaten streng untersagt. Selbst Ermittlungsbehörden brauchen für ein Amtshilfeersuchen den begründeten Verdacht, dass ein Verbrechen vorliegt, um an die Daten des Finanzamts, der Bank oder der Meldestelle zu gelangen.

Bildergalerie

Google-Tools zum Ausspionieren des Nutzerverhaltens[6]

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Google weiß den Rest - ach was Google. Google perfektioniert nur, was es im Netz längst gibt: Über viele von uns sind dort Dossiers angelegt und veröffentlicht, obwohl das nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Betroffen erlaubt ist. Wer das bezweifelt, sollte etwa bei 123people[7] oder bei Yasni[8] seinen Namen - oder besser den Namen seines Lieblingsfeindes - eingeben.

Dort erfährt er alles über Wohnorte, den Arbeitgeber, sieht sein Foto, wo seine Kinder zur Schule gehen, welche peinlichen Fotos oder Videos es über ihn - von wem auch immer aufgenommen und veröffentlicht - im Netz gibt. Auch seine Freunde werden offen gelegt, wie auch die Begriffe, die am häufigsten mit ihm assoziiert werden.

Recherchetool der Polizei von Chicago
Einer der Online-Services der Polizei von Chicago: Ein blaues "A" bedeutet, dass hier jemand wohnt, der wegen Missbrauchs von Erwachsenen verurteilt wurde, ein rotes "C" zeigt den Wohnort einer Person an, die schon einmal wegen des Missbrauchs von Minderjährigen vor Gericht stand (Bild: ZDNet.de).

Hierzulande wird gerne betont, man wolle keine amerikanischen Verhältnisse - sieht aber offensichtlich keine Probleme darin, seine privaten Daten - oder die von mehr oder weniger Bekannten - auf internationale Online-Server zu legen, die weit weniger strengen Datenschutzrichtlinien unterliegen als in Deutschland[9].

In Kalifornien wurde etwa gerade ein Online-Pranger eingerichtet, auf dem Menschen mit Foto, Namen, Adresse und Arbeitgeber ausgestellt werden. Möglich wurde das, weil sie ihre Daten irgendwo, irgendwie freiwillig eingegeben haben. Auch bei uns hat man solche Pranger schon diskutiert - etwa für Unternehmen, die keine Lehrlinge einstellen.

Die lokalisierten Services von Internet-Handys versprechen dank Google Maps und ähnlicher Techniken Informationen über die Pizza um die Ecke, die historische Bedeutung des Gebäudes vor uns - oder auch eine Liste der Schwulen, Kommunisten, Open-Source-Gegner in dieser Funkzelle. Will die moderne Weltgesellschaft sich tatsächlich derart entblößen, nur damit die Werbeindustrie zielgenau potenzielle Kunden belästigen kann oder die Mobilfunkindustrie ein tragfähiges Geschäftsmodell für Einnahmen aus Datenverkehr bekommt?

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://cgi.zdnet.de/itmanager/?p=271
[2] = http://www.zdnet.de/galerie/41000839/freunde-feinde-und-straftaeter-online-suchen.htm#sid=41000803
[3] = http://www.omnisophie.com/
[4] = http://www.zdnet.de/mobile/handy/0,39023186,39201306-1,00.htm
[5] = http://www.zdnet.de/bildergalerien_google_tools_zum_ausspionieren_des_nutzerverhaltens_story-39002381-39197638-1.htm
[6] = http://www.zdnet.de/galerie/39197638/google-tools-zum-ausspionieren-des-nutzerverhaltens.htm#sid=41000803
[7] = http://www.123people.com/
[8] = http://www.yasni.de
[9] = http://www.zdnet.de/news/digitale_wirtschaft_internet_ebusiness_personensuche_123people_verbessert_datenschutz_story-39002364-39195202-1.htm