Jahrelang stand die Messe München - einst stolzer Herausforderer der CeBIT - mit ihrer "Systems" in deren Schatten. Heuer soll sich das ändern: Das "internationale Forum" Discuss & Discover löst die Systems ab. Allmählich werden Details bekannt.
Die Münchener IT-Messe Systems[1] befand sich seit dem Jahr 2000 im Sinkflug: Die Spirale aus sinkenden Besucherzahlen, rückläufigen Ausstellerzahlen und abnehmendem Interesse sowohl bei Medien als auch deren Lesern drehte sich immer schneller. Da halfen auch viele unterschiedlich geartete Rettungsversuche[2] nichts mehr: Ob nun "Areas" eingerichtet, begleitende Konferenzen ins Leben gerufen oder neue Konzepte angekündigt wurden - letztendlich blieb die Messe eine Messe.
Aber genau das sei nicht mehr gefragt gewesen, bilanziert Kurt Schraudy, Leiter Neue Technologien der Messe München[3], rückblickend. Und es sei nicht allein ein Problem der Messe München: Wo stünden denn Exponet[4], Orbit[5], die Mailänder SMAU[6] und sogar die einst stolze amerikanische Technologiemesse Comdex[7] heute? Vom Winde verweht oder in der Bedeutungslosigkeit versunken. Warum? Weil sich das Konzept der Messe als solches - zumindest in der IT-Branche - überlebt habe.
Ganz unrecht hat Schraudy damit nicht - auch wenn seine Grundsatzgedanken zu Messekonzepten natürlich nicht ganz zufällig mitten in der heißen Phase der CeBIT-Vorbereitungen geäußert werden. Sieht man sich die verbleibenden Messen an, so ist es heute tatsächlich äußerst selten, dass sich eine Menschenmenge andächtig um eine Vitrine versammelt, um mit offenen Mündern die neueste, revolutionäre Hardware des Herstellers X oder Anbieters Y zu betrachten.
Die Zeiten gab es - aber sie sind vorbei. Die durch das Internet beschleunigte Informationsverbreitung hat den Messen den Zauber genommen. Gibt es doch dort nichts zu sehen, was man nicht bereits zuvor in irgendeinem Medium in einer Bildergalerie hätte ausführlich bewundern können - angefangen beim Apple-Zubehör bis zur WLAN-Ausrüstung. Und die am verzweifeltsten um das eigene Überlebenden kämpfenden Medien machen auch vor ausführlicher Berichterstattung über das Standpersonal in seinen oft abenteuerlich knappen Uniformen nicht halt. Also auch das kein Grund mehr, auf eine Messe zu gehen.
Warum besuchen die so verzweifelt gesuchten und von jedem Ausrichter so umworbenen Entscheider also heute noch eine Messe? Höchstens, um sich mit anderen zu treffen, Erfahrungen auszutauschen und Kontakte zu knüpfen, meint Schraudy. Eine herkömmliche Messe mit ihrem Gedränge und dem lärmenden Werben der Aussteller um die Aufmerksamkeit der Besucher ist dafür aber nicht der richtige Platz - zumindest nicht, wenn es um Business-to-Business geht, um das große Geschäft also. Drehscheibe und Herz des großen Geschäftes zu sein, das will München aber auch künftig für sich in Anspruch nehmen. Darum hat die Messe aus der Not der "Systems" eine Tugend gemacht. Die Tugend heißt "Discuss & Discover" und soll als bewusst europäisch ausgerichtete - aber auch von prominenten amerikanischen Keynote-Sprechern inspirierte - Veranstaltung ein neues und so bisher noch nie dagewesenes Forum der Begegnung schaffen. Damit verabschiedet sich die Messe München endgültig vom Rennen um Quadratmeterzahlen der Standfläche und der Zahl verkaufter Eintrittskarten. Ganz gezielt sucht man in weiser Beschränkung sein Heil.
Weniger bescheiden tritt die Messegesellschaft bei der Themendefinition auf. Zu Recht. Ist eine große, herkömmliche Messe immer darauf angewiesen, den Balanceakt zwischen den ausgestellten und den im Markt diskutierten Themen zu meistern, kann eine stark am Kongressprogramm orientierte Veranstaltung ihre Themen selbst definieren - theoretisch zumindest. Praktisch wird auch dabei die Zusammenarbeit mit potenziellen Sponsoren angestrebt.
So gesehen war die letzte Systems im vergangenen Jahr eigentlich nicht mehr viel mehr als ein Versuchsballon für Discuss & Discover in diesem Jahr. Das Kongressprogramm war schon da, die Partnerveranstaltungen - etwa von Microsoft oder Oracle - und auch das vielbeschworene Networking spielte eine wichtige Rolle. Nur explizit gesagt worden war das eben noch nicht. Und konsequent zu Ende gedacht auch nicht, denn will man das neue Konzept richtig umsetzen, muss die Messeleitung in Vorleistung gehen und viele Kosten selbst übernehmen, statt auf Partner abzuwälzen.
Dazu sei man bereit, versichert Messe-Manager Schraudy. Schließlich sei man ja nicht auf ein oder zwei Messen im Jahr angewiesen: München habe viele Messen und könne es sich daher leisten, bei einer auf einmal zu klotzen statt zu kleckern - sowohl was die internationale Besucherwerbung als auch die Gestaltung des Präsentationsprogramms angehe.
Dass der eine oder andere Partner der Vergangenheit das kritisch sieht, ist verständlich. Denn die Messe trennte sich in dem Bemühen, wieder mehr Kontrolle über Inhalte und Darreichungsformen zu erhalten, von vielen. Auch das ein harter, aber für die Neuausrichtung sicherlich notwendiger Schritt.
Das Interesse der Firmen ist durchaus da. Vor allem das der Großen: Neben Cisco und Microsoft hätten auch Siemens mit all seinen relevanten Geschäftsgebieten, T-Systems oder auch der im vergangenen Jahr das erste Mal in München vertretene Computerbauer Dell ihre Bereitschaft zur Mitwirkung bereits bekundet. Ihr Mehrwert bei der Einbindung von Discuss & Discover in die eigenen Marketingprogramnme sei die größere Wahrscheinlichkeit, die wirklich relevanten Teilnehmer für ihre Veranstaltungsmodule zu erreichen, meint Schraudy. Es scheint also auch diesen Firmen nicht mehr so leicht zu fallen, die umworbenen Top-EDV-Chefs zu ihren Events zu locken.
Ein bisschen Ausstellungsfläche wird es aber trotz aller modernen Veranstaltungsformen auch dieses Jahr in München noch geben. Für viele kleinere Firmen sei die Systems ein Fixpunkt in ihrem Jahresplan gewesen, um Kunden aus der Region eine Anlaufstelle zu bieten, so Schraudy. Das müsse sich jetzt angesichts des neuen Konzeptes nicht ändern.
In der neu gestarteten Stuttgarter IT-Messe sieht Schraudy keine echte Konkurrenz. Die Veranstaltung sollte ursprünglich als "BITexpo[8]" im Mai stattfinden. Erst kürzlich wurde sie jedoch in "IT & Business" umbenannt und in den Herbst verlegt. Sie könne sich vielleicht als sehr fokussierte und regional bedeutsame Veranstaltung für Interessenten an der Schnittmenge von IT und Fertigung etablieren, prognostiziert Schraudy. Der Standort Stuttgart biete dafür durchaus Perspektiven. Als Nachfolger der Systems, so wie sie einmal war, oder als echte Konkurrenz zu Discuss & Discover, so wie sie sein soll - mit internationaler Ausrichtung und hochkarätigen Referenten und Besuchern - sieht er die Stuttgarter Veranstaltung aber nicht.
Schraudy und die Messe München könnten recht behalten und am Ende - also in drei oder vier Jahren - die lachenden Dritten sein. Auch in Hinblick auf den alten Rivalen CeBIT. Noch ist unklar, wie sich diese Messe entwickelt. Spätestens nach der Abschlusspressekonferenz liegen aber auch in Hannover die Karten für jeden offen sichtbar auf dem Tisch. Ein "Full-House" kann die Messe da sicher nicht präsentieren[9]. Dann stellt sich die spannende Frage, ob all jene, die 2009 noch einmal – teilweise mit hohen Einsätzen – auf Hannover gesetzt haben, sich als Gewinner sehen, oder ob ihnen das präsentierte Blatt nicht ausreicht.
Falls nicht, wird es knapp für die Deutsche Messe: Sie hat nur zwei Pferde vor ihrem Wagen (CeBIT und Hannover Messe). Lahmt eines, wird es schwer, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Dann könnte sich die bisher beeindruckende Megalomanie in Hannover als Bumerang erweisen: Aus der weltweit größten IT-Messe im Handumdrehen ein kleines, aber feines Branchenevent zu machen dürfte deutlich schwieriger sein, als dem Aschenputtel Systems ein neues Kleid zu schenken.
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