Die auf den Mittelstand spezialisierte Unternehmensberatung MSG hat den deutschen Markt für gebrauchte Software intensiv untersucht. Ihr Fazit: Das Segment steckt zwar noch in den Kinderschuhen, hat aber enormes Potenzial.
Bis vor ein paar Jahren war für Softwareanbieter die Welt noch in Ordnung: Software kauften zumindest gewerbliche Nutzer grundsätzlich vom Hersteller direkt oder über den Handel. Von Zeit zu Zeit - oft dann, wenn es der Hersteller und nicht der Kunde für nötig hielt - ersetzte ein neues Release die Software. Die Vorgängerversion wurde nicht weiter genutzt. Eine Verwertung der Software, wie etwa bei gebrauchten Autos, fand nicht statt.
Das hat sich gründlich geändert. Seit fast fünf Jahren werde schon aggressiv um Kunden um Software aus zweiter Hand geworben, stellt die Münchner Unternehmensberatung MSG[1] in einem aktuellen Bericht fest. Fast ebenso lange dauere der Streit um die Rechtmäßigkeit[2] des Handels mit gebrauchter Software. Er ist für viele potenzielle Kunden der Gebrauchtsoftwarehändler inzwischen fast nicht mehr zu durchschauen, da er auf verschiedenen Instanzen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Akteuren geführt wird. Die Unternehmensberatung hat daher den Markt in Deutschland und in anderen europäischen Ländern auf den aktuellen Status, das künftige Potenzial und die rechtliche Situation hin untersucht.
Trotz der medialen Aufmerksamkeit hätten sich in Deutschland auf dem Markt für gebrauchte Software bislang nur wenige Anbieter nachhaltig etablieren können, heißt es in ihrem Bericht. Allen sei gemeinsam, dass sie kleine Handelsunternehmen seien, die sich über den Verkauf von gebrauchter Software definierten. Firmen, die dieses Geschäft lediglich nebenher betreiben, sowie Tochterfirmen großer Handelshäuser oder gar Hersteller seien nicht vertreten. Ziehe man die Firmen mit weniger als fünf Mitarbeitern ab, bleiben lediglich vier übrig: Preo Software[3], Susen Software[4], U-S-C[5] und Usedsoft[6].
Gehandelt wird laut MSG hauptsächlich mit Software von Microsoft[7], insbesondere Betriebssystemen und Office-Paketen. In den letzten zwei Jahren hat sich der Handel mit gebrauchter Software jedoch zunehmend auf andere Produkte ausgeweitet. Beispielsweise bietet Usedsoft mittlerweile auch Software von Adobe[8], IBM[9] und SAP[10] an, Susen Software hat sich neben Microsoft-Produkten zusätzlich auf SAP-Anwendungen spezialisiert.
Dazu zählen die MSG-Experten etwa die Tivoli- und Lotus-Produkte sowie weitere Middleware und Betriebssysteme von IBM. Zunehmend interessant seien für den Zweitmarkt aber auch Lizenzen von SAP-Anwendungen sowie von Produkten von Autodesk[12], Adobe[8] und Novell[13]. Den Lizenzumsatz dieser Firmen mit Software, die sich auch für den Gebrauchtmarkt eignet, schätzt MSG alleine in Deutschland auf über vier Milliarden Euro.
Bei einem durchschnittlichen Verkaufspreis im Gebrauchtmarkt von 50 Prozent des Neupreises ergibt sich ein theoretisches Marktvolumen von über zwei Milliarden Euro. Theoretisch deshalb, weil sicherlich nie alle Kunden dieser Firmen auf Software aus zweiter Hand umschwenken werden. Für alle EU-Länder zusammen schätzt MSG das theoretische Potenzial auf deutlich über acht Milliarden Euro.
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| Umsatzzahlen für den Handel mit gebrauchter Software lassen sich nur schätzen, sicher ist jedoch, dass er von vier Anbietern dominiert wird (Bild: Experton Group/MSG). |
Dass die Möglichkeiten bislang nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft sind, führt MSG vor allem auf "die rechtlichen Besonderheiten der Übertragungsvorgänge bei Software" zurück. Im Gegensatz zum Handel mit anderen Wirtschaftsgütern gelte es nämlich, unter anderem Bestimmungen des Urheberrechts zu beachten. Die rechtliche Einordnung der An- und Verkaufsgeschäfte sei deshalb mit dem Handeln eines Antiquariats vergleichbar.
"In den letzten zwei Jahren hat sich herauskristallisiert, dass die Verfügungsverbote in den Standardverträgen der Hersteller unwirksam sind und die grundsätzliche Zulässigkeit des Handels mit gebrauchter Software gesetzlich festgelegt ist. Einen Ansatz zur gerichtlichen Klärung geben jedoch nach wie vor einige Sonderfälle", fasst MSG in seinem Bericht zusammen.
Dem vergleichsweise jungen Marktsegment attestiert MSG das Potenzial, "zu einem wichtigen Teil des Handelsbereiches zu werden". Die Berater gehen davon aus, dass die heute im Markt präsenten Firmen weiter stark wachsen und sich das Segment nach und nach erschließen werden. Mit ersten Konsolidierungen sei ab 2010 zu rechnen.
Dass auch große Händler gebrauchte Software in naher Zukunft unter ihrer Hauptmarke vertreiben, halten die MSG-Experten für unwahrscheinlich. Möglich sei jedoch, dass diese Unternehmen über Tochterfirmen oder Übernahmen allmählich in den Markt einsteigen.
Das Jahr 2010 ist auch aus einem anderen Grund für das Marktsegment bedeutsam: Ein für dieses Jahr erwartetes Urteil des Bundesgerichtshofes zu den sogenannten Volumenlizenzen könnte letzte rechtliche Klarheit bringen.
Außerdem seien die derzeitigen Anbieter bis dahin stark genug, um sich neben dem eine Vorreiterrolle einnehmenden deutschen Markt auch in andere europäische Länder auszubreiten. Die Übertragung des Geschäftsmodells nach Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien hält MSG für wahrscheinlich. Aber auch die osteuropäischen Länder böten großes Potenzial, da dort der Bedarf an preisgünstiger Software besonders hoch sei.
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