Der vage Begriff "Cloud" bietet den Slogans der Marketingverantwortlichen einen idealen Nährboden. ZDNet untersucht, was dran ist, und entlarvt die häufigsten Missverständnisse im Zusammenhang mit Cloud Computing.
Das Geschäftsmodell Cloud Computing[1] hat unbestritten einige beachtliche Vorzüge. Das Problem ist jedoch, dass Anbieter jeder Größe und jeder Couleur verzweifelt nach einem Stückchen der großen Wolke greifen und dabei nicht zimperlich im Umgang mit Definitionen und Spezifikationen sind. Notfalls werden die benutzten Begriffe auch schon mal so hingebogen, dass sie mehr schlecht als recht auf das eigene Portfolio passen. Cloud Computing ist daher einer der seit langem am heftigsten diskutierten Trends in der IT-Branche.
Die wilde Jagd der Marketingabteilungen, ihr Unternehmen irgendwie in Zusammenhang mit Cloud Computing zu bringen, macht es den Kunden jedoch nicht leichter, zu erkennen, was wirklich dahinter steckt - oder wie weit die Firmen mit ihrem Angebot tatsächlich sind. Ein paar Beispiele verdeutlichen die Heterogenität und die Bandbreite der Angebote und Bemühungen.
Dell hat etwa erst einmal versucht - bevor überhaupt ein entsprechendes Serviceangebot verfügbar war -, das Markenrecht am Begriff Cloud Computing zu sichern. Die Texaner scheiterten[2] aber im Sommer vergangenen Jahres mit diesem Versuch. Etwa zur selben Zeit hat Sun Microsystems einen Geschäftsbereich Cloud Computing gegründet[3] und HP, Intel und Yahoo entschlossen sich zusammen mit der Universität Karlsruhe und fünf weiteren Einrichtungen, erst einmal zu erforschen[4], wie das Ganze funktionieren soll.
Dell und Facebook wussten es damals offenbar schon[5]: Sie diskutieren bei einer Veranstaltungen bereits über "die nächste Generation des Cloud Computing". Wohlgemerkt zu einer Zeit, in der sich Microsoft gerade erst anschickte[6], unter dem Namen Windows Azure[7] etwas zu entwickeln, dass wenigstens irgendwie nach Cloud Computing aussieht und selbst Amazon, neben Salesforce.com einer der Branchenpioniere, zaghaft begann, seine Lösungen auch in Europa anzubieten[8].
Erste Zwischenbilanz: Zwar sprechen alle davon und darüber, aber so richtig zu wissen scheint kaum einer, um was es bei Cloud Computing geht. ZDNet hat daher die fünf am weitesten verbreiteten Fehleinschätzungen zum Thema unter die Lupe genommen und deckt auf, was dahinter steckt. Der Begriff "Cloud Computing" wurde inzwischen von fast jedem in Anspruch genommen, der seinem Service einen modern und interessant Anstrich geben möchte. Dem neuesten Trend hinterherzulaufen ist in der IT-Branche eben ein beliebter Zeitvertreib, und die Strategie war ja auch schon oft erfolgreich. Im Falle von Cloud Computing sorgte dieses Verhaltensmuster aber lediglich für Verwirrung bei den Kunden: Sie wissen nun überhaupt nicht mehr, was sie von einem Anbieter verlangen sollen und was sie für ihre Geld aller Voraussicht nach bekommen.
Daher der Vorschlag einer Definition: Cloud Computing ist eine Form von Outsourcing, bei der Anbieter einer großen Zahl von Kunden Rechenservices über das Internet zur Verfügung stellen. Diese Dienste können von Anwendungen - etwa für CRM - bis hin zu Storage oder der Bereitstellung von Entwicklungsplattformen reichen. Die Dienste erbringen extrem skalierbare Rechenzentren, in denen teilweise mehrere hunderttausend CPUs mittels Virtualsierungstechnologie als eine große Rechenmaschine laufen. Die Workloads arbeiten möglicherweise mehrere Maschinen ab, die auch in unterschiedlichen Rechenzentren stehen können, und die Kapazität lässt sich schnell neu zuweisen oder reduzieren.
Da die Anwendungen von Natur aus mandantenfähig sind, lassen sich mehrere Instanzen eines Anwendungspaketes auf derselben Maschine ausführen. Dies erlaubt es, Systemressourcen unter einer großen Zahl von Anwendern aufzuteilen. Das hilft, die Gesamtkosten zu reduzieren.
Software-as-a-service (SaaS[9]) ist eine der häufigsten Erscheinungsformen von Cloud Computing. Strenggenommen stellt es aber nur einen Teilbereich dar, denn nicht alle Anwendungen lassen sich gleichermaßen skalieren. Daraus folgt, dass zwar manche SaaS-Angebote Cloud Computing sind, Cloud Computing aber nicht zwangsläufig SaaS ist.
Grid Computing umfasst ein Cluster von heterogenen, recht lose verbundenen Maschinen. Sie arbeiten zusammen an einem einzelnen, in der Regel wissenschaftlichen oder technischen Problem, zu dessen Lösung viel Rechenpower oder der Zugang zu enormen Datenmengen notwendig ist. Der Cluster kann entweder in einem Unternehmen stehen oder Teil einer größeren, öffentlichen Zusammenarbeit zwischen vielen Organisationen sein.
In jedem Fall läuft auf jeder Maschine eine Software, die dafür sorgt, dass sie gewisse Teilschritte eines Programms erledigt. Grid Computing bietet Kunden also keinen outgesourcten Service, sondern fasst vielmehr verteilte Maschinen zusammen, um nicht eingesetzte Rechenleistung nutzbar zu machen.
Der Begriff Utility Computing beschreibt das Verfahren, mit dem Rechenleistung vom Anbieter so gemessen und abgerechnet wird, wie man dass von Wasser- oder Energieversorgern und deren Dienstleistungen gewohnt ist. Mehr aber auch nicht. Er sagt daher so gut wie nichts darüber aus, wie diese Services erbracht werden. Cloud Computing kann also im Abrechnungsmodell Utility Computing bezahlt werden. Aber das eine setzt das andere in keiner Weise voraus. Hört man manchen Experten etwas länger zu, könnte man glauben, das Ende aller IT-Abteilungen stehe unmittelbar bevor: Scheinbar würden IT-Leiter lieber heute als morgen alle Hardware zum Elektroschrott bringen und mit fliegenden Fahnen zum neuen Bereitstellungsmodell für Dienste und Anwendungen überlaufen.
Um auf dem Teppich zu bleiben reicht jedoch ein kurzer Blick in die Vergangenheit: Der Tabula-rasa-Ansatz - alles Vorhandene hinauszuwerfen und durch Neues zu ersetzen - wurde zwar schon mehrfach propagiert, durchgesetzt hat er sich aber nie. Und es ist unwahrscheinlich, dass es ausgerechnet diesmal anders sein sollte.
Ein Vergleich mit der Situation in den neunziger Jahren reicht als Beleg dafür aus: Damals verkündeten Kommentatoren und Experten lauthals den Tod des Mainframes. Heute leben viele von ihnen nicht mehr, dem Mainframe dagegen geht es in vielen IT-Abteilungen besser als je zuvor[10].
In der Einschätzung der Möglichkeiten von Cloud Computing etwas nüchterner als viele andere Analysten ist Tom Austin, Chef der Software-Marktforschung bei Gartner[11]. Er betont zwar, dass es "ein fataler Fehler" wäre, dessen Möglichkeiten zur Produktivitätssteigerung und Kostensenkung zu ignorieren. Austin weist aber auch darauf hin, dass Cloud Computing aller Voraussicht nach mehr als Beiwerk statt als Ersatz von eigenen Systemen erfolgreich sein wird. "Man kann es nicht einfach links liegen lassen, man sollte sich aber auch nicht in es verlieben."
Die meisten IT-Abteilungen versinken heute in Arbeit. Der Großteil davon ist aber Routine und vergleichsweise banal. Für strategische Arbeit und Innovationen bleibt wenig Zeit. Das wurde auch außerhalb der Serverräume bereits bemerkt: Viele Manager bemängeln diese Tatsache[12]. Jonathan Yarmis, Vice President des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens AMR Research[13], empfiehlt daher, "Aufgaben mit geringem Zusatznutzen" oder "die alltäglichen Dinge des Geschäftsbetriebs" an Cloud-Spezialisten auszulagern. Die könnten diese Aufgaben besser und günstiger erledigen. Als Beispiele nennt Yarmis Zugriff auf alltägliche Anwendungen, E-Mail oder Archivierung.
Yarmis glaubt außerdem, dass sich die Rolle der meisten IT-Leiter in den kommenden fünf Jahren stark verändern wird: Da bis dahin so gut wie alle Firmen in irgendeiner Form Cloud-Computing-Elemente in ihr Gesamtkonzept integriert haben werden, müssten IT-Verantwortliche sich mehr als Dirigenten der unterschiedlichen internen und externen Lieferanten sehen, denn als obersten Administrator.Noch steckt der Markt für Cloud Services in den Kinderschuhen. Die Einführung und Nutzung beschränkt sich meist auf begrenzte Versuche oder auf die Abteilungsebene. Eine der Hürden für einen breiteren Erfolg ist starke Fragmentierung der Anbieterlandschaft.
"Das letzte, was Anwender wollen, die sich heute mit dem Thema beschäftigen, ist, sich mit 23 unterschiedlichen Anbeitern auseinandersetzen zu müssen, die alle einen kleinen Teil des Gesamtkonzeptes Cloud Computing anbieten, und bei der Integration all dieser Bruchstücke auf sich allein gestellt zu sein", meint Jonathan Yarmis von AMR Research.
Yarmis nennt nicht nur die schlaflosen Nächte als Grund, die Management- und Support-Probleme den Verantwortlichen verursachen könnten. Er sieht auch technische Schwierigkeiten: zum Beispiel, wenn Anbieter ganz unterschiedliche Datenbanken im Backend benutzen, "die sich in der Kombination als drückende Hypotheken erweisen könnten".
Ein weiteres Problem ist seiner Ansicht nach, dass Anwendungen im Backend zu unterschiedlichen Zeiten Upgrades erhalten, was zu Kompatibilitätsproblemen im System und zu Geräten führen könnte - und zu völliger Unklarheit, wer dafür verantwortlich ist.
Mit steigender Reife des Marktes verschwindet dieses Problem jedoch wahrscheinlich von selbst. Einerseits wird die Konsolidierung von Anbietern durch Übernahmen breitere Angebote schaffen. Andererseits werden große Cloud-Provider wie IBM die Vorteile erkennen, die sie davon haben, wenn sie Anwendungen von Dritten mit eigenen zusammenzuführen. Dadurch lösen sich dann auch viele Management- und Integrationsprobleme für die Kunden in Wohlgefallen auf - und sie bekommen den einen Ansprechpartner, den sie für alles verantwortlich machen können. Ein Grund, warum Cloud Services vergleichsweise günstig sind, ist ihre geringe oder überhaupt nicht vorhandene Anpassung an individuelle Anforderungen. Da die Anbieter im großen Maßstab operieren, können sie günstiger arbeiten. Das könnte sich ändern, wenn die Angebote ausgeklügelter und komplexer werden. Stand heute tun sich Unternehmen aber schwer, maßgeschneiderte oder für vertikale Segmente passende Services zu finden.
Aber auch die interne Organisation vieler IT-Abteilungen erschwert derzeit noch den Schwenk zu Cloud Computing. Für die meisten ist der Weg zu einem servicebasierenden Ansatz noch weit und häufig ist noch viel zu tun, bevor die Infrastruktur wenigstens so weit vereinfacht ist, dass sich einzelne Elemente isolieren und problemlos outsourcen lassen.
Jon Collins vom Beratungsunternehmen Freeform Dynamics[14] erklärt das Problem am Beispiel Storage: Firmen hätten sich jahrelang abgemüht, eine gestaffelte Speicher-Infrastruktur einzuführen, um so die Grundlage für ein geordnetes Information Lifecycle Management[15] zu schaffen. Die größte Schwierigkeit sei für die Firmen gewesen, sich darüber klar zu werden, welche Daten aus der Sicht der Geschäftsprozesse wo abgelegt werden sollen. Bei vielen sei das Problem noch heute nicht befriedigend gelöst.
Das halbfertige Konstrukt in die Cloud auszulagern würde nach Collins Ansicht keinerlei Vorteile bringen. Es würde lediglich "eine Reihe zusätzlicher Abhängigkeiten in der Netzwerkstruktur schaffen, da die Daten nicht länger im selben Rechenzentrum liegen". Im Gegenteil, so ein Schritt sei selbst für kleinere Unternehmen ein "erhebliches Geschäftsrisiko", da diese Services "ungeprüft, unfertig und überschätzt sind sowie ohne jede Gewährleistung oder Service Level Agreements" erbracht würden.
Eine weitere offene Frage ist Sicherheit. Zwar ist es glaubwürdig, wenn die Cloud-Anbietern darauf hinweisen, dass sie mehr Ressourcen dafür einsetzen können, ihre Rechenzentren sicher zu machen, als es eine einzelne IT-Abteilung jemals könnte. Auch dass die Ausfallsicherheit höher ist, da die Daten verteilt und mehrfach gesichert an weit auseinanderliegenden Orten liegen, mag stimmen. Es trifft aber nicht den Kern der Sache.
Für viele Unternehmen und insbesondere auch für Kunden aus dem öffentlichen Sektor ist es problematisch, Daten rund um die Welt zu verteilen - sowohl aus Gründen des Risikomanagements als auch wegen der Einhaltung von Datenschutzrichtlinien. Und trotz aller Sicherheitsvorkehrungen entstehen durch die Cloud auch neue Risiken: Schließlich sind angemessene Kontrollen notwendig, um die Einhaltung von Sicherheitsmaßnahmen zu überprüfen.
Außerdem gilt es, die Integrität der Mitarbeiter des Cloud-Providers sicherzustellen, und es muss klar sein, was geschieht, wenn der Dienstleister in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät. Ein angesichts der aktuellen Situation durchaus zu berücksichtigendes Szenario[16].
Die Antwort auf die Frage, ob eine Firma ihren Cloud-Computing-Anbieter wechseln kann, erinnert stark an die Witze über Radio Eriwan[17]: "Im Prinzip ja. Wenn man den Dienst aber wirklich braucht und keine Zeit hat, sich endlos um Details der Umstellung zu kümmern, sollte man es lieber bleiben lassen."
Technisch gesehen ist es durchaus möglich, Daten von einem Cloud-Provider zum anderen zu schieben. Augenblicklich gibt es aber nur sehr wenig Anbieter, die mit formellen Prozessen dafür aufwarten können. Und um einen zu finden, der vielleicht sogar Garantien zur Dauer und Qualität der Umstellung abgeben würde, muss man noch länger suchen.
Eine andere Schwierigkeit ist, dass auch das Internet nicht über endlose Ressourcen verfügt: "Sobald sehr große Datenbewegungen stattfinden, kann der Ablauf ganz schön zäh werden", warnt Berater Collins. Das gelte auch für die Anbindung mit großer Bandbreite. Und letztendlich werfe es auch die Frage auf, ob das Internet, so wie es heute ist, damit zurechtkommen würde, wenn schlagartig eine große Zahl von Firmen und Organisationen ihre IT-Services darüber beziehen würde.
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