Für die diesjährige CeBIT hat sich der Future Parc mit dem Motto "Leben 2020" ein interessantes Thema ausgesucht. ZDNet wagt einen Blick in die Zukunft und versucht vorherzusagen, wie das digitale Leben im Jahr 2020 aussehen wird.
Gemeinsam mit der TU Berlin stellt die CeBIT dieses Jahr den Future Parc in Halle 9 unter das Motto "Leben 2020". Sicherlich ist es schwierig, vorherzusagen, wie das digitale Leben in nur elf Jahren aussehen wird. Im Jahr 1997 machte man schließlich auch jede Menge falsche Vorhersagen für 2008.
So bewarb die Deutsche Telekom damals ISDN als Internetzugangstechnologie für Privatleute, die mindestens 25 Jahre Bestand haben sollte. Der Macintosh galt als zum Aussterben verurteilt, da ja nun Programme wie QuarkXpress[1] auch auf dem PC verfügbar waren.
Dass viele Vorhersagen für die Zukunft schlicht und einfach nicht eintreffen, sollte jedoch kein Grund sein, keine Prognosen zu wagen, denn viele Ideen für die Zukunft führen auch zum Erfolg. Als 1975 ein Studienabbrecher sein Unternehmen mit der Vision "a PC in every home and on every desktop" gründete, hat er Recht behalten. Das von ihm gegründete Unternehmen Microsoft steht heute glänzend da. Zwei Jahre später soll Digital-Equipment[2]-Chef Ken Olsen[3] gesagt haben: "There is no reason anyone would want a computer in their home". Seine Prognose traf nicht zu, und Digital Equipment wurde 1998 finanziell schwer angeschlagen von Compaq[4] übernommen.
Im Jahr 2020 wird man wahrscheinlich von einigen liebgewonnen Dingen verabschiedet haben. Alles was rund ist und sich dreht wird bis zum Jahr 2020 an Bedeutung verlieren. Festplatten sind durch SSDs[5] ersetzt. Statt CD, DVD und Blu-ray gibt es nur noch Flash-Medien.
Software gibt es fast ausschließlich online. Auch Betriebssysteme kann man im Jahr 2020 von einer Image-Datei installieren, da die PCs hierfür Unterstützung im BIOS haben. Eine DVD braucht man nicht mehr. Hardwarekomponenten, die einen Treiber benötigen, haben ein Flash-Medium in der Verpackung. Kleinere Chips mit 128 GByte kosten den Hersteller nur wenige Cent im Einkauf. Endverbraucher müssen dafür einen ganzen Euro hinlegen.Videotheken sind so gut wie ausgestorben. Filme gibt es online in HDTV-Qualität. Die Fernseher im Jahre 2020 haben Slots für die gängigen Chips und einen USB-3.0-Anschluss. So kann man dort Filme auch dann anschauen, wenn der Fernseher nicht per Kabel oder WLAN ans Heimnetz angeschlossen ist.
Die privaten Internetanschlüsse im Jahr 2020 haben eine Geschwindigkeit von etwa 100 MBit/s. Im Jahr 2015 hat jemand ein neues Modulationsverfahren erfunden, das diese Geschwindigkeit auf herkömmlichen Telefonleitungen bis zu 5 Kilometern Leitungslänge erlaubt. In ländlichen Gebieten mit längeren Leitungen sind immerhin bis zu 10 MBit/s möglich.
Der Ausbau von Glasfasernetzen bis direkt in die Wohngebäude geht nur schleppend voran. Die Kosten sind hoch und können wegen des Wettbewerbs bei Internetanschlüssen nicht refinanziert werden. In Bürogebäuden werden sie von Firmen jedoch dankend angenommen. 32 GBit/s ist mit so einem Anschluss möglich, daher betreiben größere Firmen ihre Internet-Server vermehrt selber, anstatt sie bei einem Hoster aufzustellen.
Das mag zu der Vermutung hinreißen lassen, dass das Hosting-Geschäft im Jahr 2020 gegenüber 2009 geschrumpft ist. Aber das Gegenteil ist der Fall. Kleine und mittelständische Unternehmen kaufen Komplettpakete für File-Storage, E-Mail-Services und andere Dienste von der Stange. Die Verbindungen werden subjektiv als genauso schnell empfunden wie bei einem Server im Haus.
Mittelständische Unternehmen bekommen diese Dienstleistungen meist von einem virtuellen Server. Ein ganzer Rechner lohnt sich nicht. Ein typischer Server im Jahr 2020 hat 256 GByte DDR5-RAM, und acht Memory-Controller versorgen die 64 Cores mit der nötigen Speicherbandbreite. Etwa zehn Unternehmen mit jeweils 50 Mitarbeitern teilen sich einen Server.
Viele ältere Unternehmen betreiben weiterhin eigene Server, obwohl es dafür keinen Grund gibt. Inhaber und IT-Manager brauchen den physikalischen Blick auf ihre eigenen Computer und blinkende LEDs am Netzverteilerknoten. Neu gegründeten Unternehmen mit jungen Mitarbeitern ist diese Denkweise fremd.
Viel getan hat sich in der digitalen Medienlandschaft. Die Kabelfernsehgesellschaften bieten keine analoge und auch keine digitalen Programme mehr an. Die gesamte Bandbreite wird für das Internet genutzt. Wie bei den Telefongesellschaften auch, kommen Rundfunk- und Fernsehprogramme über Multicast-Datenströme. So können auch die Kabelgesellschaften 100 MBit/s liefern. Selbst wenn vier Personen in einem Haushalt jeweils verschiedene HDTV-Programme schauen, bleibt genug Bandbreite für das Internet. Allerdings soll es in so einer Situation schon vorgekommen sein, dass sich das fünfte Familienmitglied über den langsamen Download mit nur 20 MBit/s beschwert hat.Verändert hat sich auch die Radiolandschaft. Immer noch senden viele Stationen über UKW. Das nutzt man im Jahr 2020 aber nur noch selten, etwa so häufig, wie man sich im Jahr 2009 einen Mittelwellensender angehört hat. Der Internet-Radio-Empfänger ist längst zum Standard geworden. Die meisten Stationen senden in 256 KBit/s mit AAC-Kompression[6].
Im Auto ist das mobile Internet Realität geworden. Der Rundfunkempfang steht dabei im Vordergrund. Klassische Internetanwendungen, etwa Surfen und E-Mail, spielen im Auto keine große Rolle. Der Kartenslot für die SIM-Karte gehört 2020 zum Standard eines jeden Autos. Nachfolgetechnologien von UMTS mit HSxPA erlauben zwar theoretisch eine Geschwindigkeit von 50 MBit/s, praktisch kann man aber mit etwa 5 MBit/s rechnen. Um einen Radiosender oder Musik direkt vom heimischen Server mit 256 KBit/s zu hören, reicht die Geschwindigkeit ohnehin aus.
Die gesamte Telefonie läuft im Jahre 2020 über VoIP. Das gilt auch für mobile Telefone. IPv6 macht es möglich, dass jedes Endgerät über eine öffentliche IP-Adresse verfügt. So hatten Mobilfunkkunden etwa im Jahre 2009 damit begonnen, Gespräche über ihre UMTS-Flatrate zu führen. im Jahr 2012, als IPv6[7] in großem Umfang verfügbar wurde, leiteten Mobilfunkkunden ihre eingehenden Festnetzgespräche per VoIP an ihre Mobiltelefone weiter.
Die Mobilfunkprovider versuchten, mit Portsperren und hohen Pingzeiten gegen diesen Trend zu intervenieren, doch 2015 war damit endgültig Schluss. Die EU-Kommission erließ eine Verordnung, dass Internetprovidern jeder künstliche Eingriff in den freien Austausch von IP-Paketen verboten ist. Portsperren, Hidden Proxies und Teergruben kennt man im Jahr 2020 nicht mehr.
Natürlich gibt es auch im Jahr 2020 nicht nur Gutes von der EU-Kommission zu berichten. Das neue Windows 2020 gefällt der EU-Kommission überhaupt nicht. Neben der Entfernung von Internet Explorer und Media Player verlangt die EU nun auch, dass Microsoft Notepad und Paint aus Windows herausnimmt, da es auch andere Hersteller von Texteditoren und Zeichenprogrammen gibt. Diese Hersteller könnten durch das Microsoft-Monopol ernsthaft bedroht sein.
Microsoft hat daher eine "N-Version" angekündigt, die nur aus dem Kernel und CMD.EXE besteht. Der europäische Gerichtshof hat bereits durchblicken lassen, dass gegen dieses Vorgehen nichts einzuwenden ist. Das Argument der Kommission, so eine Version kaufe doch niemand, habe keine juristische Relevanz.
Obwohl es natürlich nicht ganz einfach ist, das Alltagsleben im Jahr 2020 einigermaßen zuverlässig vorherzusagen, kann man doch viele Dinge als wahrscheinlich oder unwahrscheinlich einstufen. Dem Webbrowser im Auto darf man sicherlich keine große Zukunft vorhersagen. Während der Fahrt kann man ihn ohnehin nicht bedienen. Da die Smartphones bessere Displays und eine schnellere Internetanbindung bekommen, kann man als Beifahrer auch sein gewohntes Device nutzen.Neuere Entertainment-Systeme in heutigen Autos bieten schon viel von dem, was man für das Jahr 2020 vermuten kann. So kommt das Entertainment-System von BMW beispielsweise mit einer 80-GByte-Platte und kopiert jede abgespielte CD automatisch. Der Anschluss für den USB-Stick ist selbstverständlich, das Kopieren von Stick zu Auto und zurück geht ohne Probleme. Da das Radio auch über UMTS funkt, ist der Empfang von Internetradios oder Zugriff auf die heimische Musiksammlung eigentlich nur eine logische Konsequenz für die nächste Version.
Die direkte Steuerung von Geräten mittels IPv6 entwickelt sich auch langsam zur Realität. So können VoIP-Gespräche leicht kostengünstig an das UMTS-Flatrate-Handy weitergeleitet werden. Microsoft jedenfalls will weg von der IPv4-Hilfskonstruktion VPN. Ab Windows 7 und Windows Server 2008 R2 setzt Microsoft mit DirectAccess[8] auf IPv6 und IPsec anstelle von VPN. Solange die Provider kein natives IPv6 anbieten, kann man tunneln oder 6to4-Gateways nutzen.
Wer genau wissen möchte, was von dem Gesagten im Jahr 2020 Realität sein wird, dem bleibt nur eines: diesen Artikel bookmarken und in elf Jahren noch einmal anschauen.
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