Opera gegen Microsoft: die Hintergründe

(http://www.zdnet.de/magazin/39201704/opera-gegen-microsoft-die-hintergruende.htm)

von Mary-Jo Foley und Peter Marwan, 30. Januar 2009

Als vorläufiges Ergebnis einer Kartellbeschwerde von Opera schickte die EU Microsoft vor kurzem einen Blauen Brief: Es geht wieder einmal um die Integration des Internet Explorer in Windows. ZDNet sprach mit dem Opera-CTO über die Hintergründe.

Vor wenigen Tagen kritisierte die EU[1] als vorläufiges Ergebnis einer 2007 durch eine Kartellbeschwerde[2] von Opera[3] angestoßenen Untersuchung die Integration des Internet Explorer in Windows: "Aufgrund des bei der Untersuchung zusammengetragenen Beweismaterials kam die Kommission zu dem Schluss, dass die Bündelung von Internet Explorer und Windows, durch die der Internet Explorer weltweit auf 90 Prozent der PCs verfügbar ist, zu einer Verfälschung des Wettbewerbs zwischen Webbrowsern führt." Dadurch werde ein Wettbewerbsvorteil für den Internet Explorer geschaffen, den andere Browser nicht ausgleichen könnten.

Microsoft hat nun acht Wochen Zeit, um auf die Vorwürfe zu reagieren. Derzeit prüft der Konzern die EU-Vorwürfe[4]. Viele Anwender und Branchenbeobachter halten die Beschwerde von Opera und die Maßnahmen der EU für verspätet und glauben außerdem nicht, dass sie in die richtige Richtung führen. Die Vorteile aus der Bündelung mit dem Betriebssystem seien keineswegs so groß, wie Opera das behaupte. Der Beweis: aktuelle Zahlen zur Browsernutzung.

Die sind zwar im Detail[5] recht unterschiedlich, deuten aber insgesamt alle in dieselbe Richtung: Browser aus dem Hause Microsoft sind nach wie vor am weitesten verbreitet, verlieren aber an Bedeutung. Gewinner ist in erster Linie Firefox, eine Nebenrolle kommt Safari zu. Ansonsten werden zwar viele Browser angeboten, aber nicht angenommen.

Ein paar Einzelheiten: Laut Zahlen von Net Applications[6] dominiert der Internet Explorer den Browsermarkt weltweit immer noch deutlich – auch wenn der Marktanteil seit 2004 von 90 auf rund 73 Prozent im vergangenen Jahr gesunken ist. In Europa sieht es für den Internet Explorer noch ungünstiger aus. Im November 2008 ermittelte der XitiMonitor[7], dass nur noch rund 60 Prozent der Europäer mit dem Microsoft-Browser das Internet besuchen, 31,1 Prozent gehen mit Firefox ins Netz, 5,1 Prozent mit Opera, und 2,5 Prozent nutzen Safari.

Zahlen für deutschsprachige Nutzer haben unter anderem Webtrekk[8] und die W3B-Studie von Fittkau & Maaß[9]. Webtrekk beobachtet Sites seiner Kunden mit insgesamt über 105 Millionen Besuchern pro Monat. Die daraus gewonnen Zahlen zeigen, dass im vierten Quartal 2008 die Nutzung des Internet Explorer 6 weiter zurückgegangen ist (auf 20,65 Prozent).

Internet Explorer 7 hat leicht zugelegt und erreicht nun 35,92 Prozent. Firefox folgt mit 35,54 Prozent nahezu gleichauf. Safari kommt auf gut vier Prozent (Tendenz steigend). Opera zählt in dieser Auswertung zu den "anderen" und ist nicht gesondert aufgeführt.

Die von Fittkau & Maaß veröffentlichten Zahlen der W3B-Umfrage[10] im deutschsprachigen Raum bestätigen die Webtrekk-Zahlen nicht nur, sie gehen sogar noch darüber hinaus: Demnach ist Firefox der meistgenutzte "moderne" Browser. Zusammen kommen Firefox 3 und Firefox 2 auf 38,4 Prozent.

Sie übertreffen damit den Internet Explorer 7 (37,2 Prozent). IE 6 (16 Prozent) wird nicht als "moderner" Browser gesehen, da ihm Features wie Tabbed Browsing[11], RSS-Feed-Unterstützung oder eingebauter Phishing-Filter fehlen. Die Zahlen für Safari (3,2 Prozent) und Opera (2,3 Prozent) sind in dieser Erhebung nur für Statistikfreunde interessant.

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Aktuelle Zahlen zur Browsernutzung im Vergleich[12]

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So wie es aussieht, erledigt sich das Wettbewerbsproblem diesmal also von alleine. ZDNet hat daher bei Operas Chief Technology Officer Hakon Wium Lie nachgefragt[13], was sich der norwegische Browseranbieter Opera mit seiner Beschwerde bei der EU gedacht hat, warum er daran festhält und was er damit bezweckt.

ZDNet: Ende 2007 hatte Opera bemängelt, dass Microsoft die Anforderungen des ACID[14]-Tests und andere Web-Standards nicht erfüllt. Wie ging es diesbezüglich weiter? Ist das auch ein Teil Ihrer Kartellbeschwerde bei der EU?

Opera-CTO Hakon Wium Lie
"Wie viele Menschen würden den Internet Explorer nutzen, wenn sie ihn manuell herunterladen und installieren müssten", fragt Opera-CTO Hakon Wium Lie (Bild: Opera).

Lie: In unseren Gesprächen mit der EU-Kommission haben wir sowohl die Verknüpfung von Browser und Betriebssystem als auch die Standardisierungsfragen vorgebracht. Wir sind der Meinung, dass die Kommission inzwischen über beide Aspekte gut informiert ist. Den vollen Wortlaut der an Microsoft verschickten Erklärung kennen wir jedoch nicht, so dass wir auch nicht wissen, welche Punkte Brüssel darin im Einzelnen anspricht.

Aber die zwei sind eng miteinander verflochten. Dadurch, dass Microsoft den Internet Explorer mit Windows gebundelt hat, wurde er der allgegenwärtige Browser im Web. Wie viele Menschen würden den Internet Explorer nutzen, wenn sie ihn manuell herunterladen und installieren müssten? Da er aber allgegenwärtig ist, müssen sich Webentwickler danach richten und ihren Code so schreiben, dass er eher die Anforderungen des Internet Explorer als der Standards erfüllt. Daher ist das Web fest in der Hand des Internet Explorer, und es hat kaum Aussichten, sich daraus zu befreien.

Nur wenige Sites wagen es, die Vorteile all der standardbasierenden Features zu nutzen, die andere Browser bieten. Scalable Vector Graphics (SVG[15]) sind nur ein Beispiel einer Spezifikation, die - außer durch den Internet Explorer - breite Unterstützung findet.

ZDNet: Einige Marktbeobachter argwöhnen, dass Opera mit seiner Beschwerde lediglich Googles Marionette sei: In Wahrheit dränge Google die EU, Microsoft in diesem Punkt zu regulieren. Ein Beleg sei, dass das Opera-Aufsichtsratsmitglied Bill Raduchel und der Google-CEO Eric Schmidt eng zusammengearbeitet hatten, als beide noch bei Sun Microsystems waren. Ist da etwas dran?

Lie: Opera handelt in eigenem Interesse - und im Interesse des Webs. Wir agieren nicht im Auftrag anderer Firmen. Es ist lebensnotwendig für das Web, dass es nicht von einem Anbieter dominiert wird. Wettbewerb muss sowohl für Browser als auch für Suchmaschinen sichergestellt sein. Wir arbeiten auch mit anderen Firmen zusammen, insbesondere den Mitgliedern des ECIS[16]. [Anmerkung der Redaktion: ECIS ist das European Committee for Interoperable Systems. Zu den Mitgliedern gehören etwa Adobe, Corel, IBM, Nokia, Opera, Oracle, Real Networks, Red Hat und Sun Microsystems.]

Opera-CTO Hakon Wium Lie
"Es ist lebensnotwendig für das Web, dass es nicht von einem Anbieter dominiert wird", sagt CTO Hakon Wium Lie (Bild: Opera).

ZDNet: Welche Lösung schwebt Opera für das IE-Windows-Bundling-Problem vor? Sollte die EU Microsoft zwingen, Windows ohne zugehörigen Browser anzubieten? Und wie sollten Anwender, die beispielsweise Opera herunterladen wollen, dies überhaupt tun können, wenn kein Browser auf dem Rechner vorhanden ist? Oder sollte die EU Microsoft zwingen, mit künftigen Windows-Versionen eine ganze Reihe von vorinstallierten Browsern auszuliefern, aus denen der Kunde sich dann den passenden auswählen kann?

Lie: Es gibt zahlreiche Möglichkeiten. Wie Sie sagen, wäre es ein Leichtes, andere Browser zum Windows-Paket hinzuzufügen und die Kunden wählen zu lassen. Es sollte auch möglich sein, Windows Update so zu konfigurieren, dass Abonnenten wählen können, welchen Browser sie installieren möchten - IE8, Opera oder vielleicht Firefox? Es wäre für den User etwa schön, wenn er die Größe des notwendigen Downloads erfahren würde und wie oft er den Rechner neu booten muss. Die Konformität zu Web-Standards könnte auch ein Kriterium auf dieser Liste sein,.

Update: Eine Tag nach diesem Interview hat Microsoft in einer Mitteilung[17] an die amerikanische Börsenaufsicht erklärt, dass die "Kommission erwägt, Microsoft und OEMs anzuweisen, Anwender zu nötigen, beim Setup eines neuen Rechners einen Browser auszuwählen".

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.zdnet.de/news/business/0,39023142,39201339,00.htm
[2] = http://www.opera.com/press/releases/2007/12/13/
[3] = http://de.opera.com/
[4] = http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=MEMO/09/15&format=HTML&aged=0&language=DE&guiLanguage=en
[5] = http://www.zdnet.de/itmanager/gallery/0,39030617,39201688,00.htm
[6] = http://marketshare.hitslink.com/browser-market-share.aspx?qprid=0&qpmr=100&qpdt=1&qpct=3&qptimeframe=Y
[7] = http://www.xitimonitor.com/en-us/browsers-barometer/browsers-barometer-november-2008/index-1-2-3-153.html
[8] = http://www.webtrekk.de/
[9] = http://www.fittkaumaass.de/
[10] = http://www.w3b.org/technik/browserwatch-stolpert-der-internet-explorer-uber-firefox.html
[11] = http://de.wikipedia.org/wiki/Tabbed_Browsing
[12] = http://www.zdnet.de/galerie/39201688/aktuelle-zahlen-zur-browsernutzung-im-vergleich.htm#sid=39201704
[13] = http://blogs.zdnet.com/microsoft/?p=1826
[14] = http://acid3.acidtests.org/
[15] = http://de.wikipedia.org/wiki/Scalable_Vector_Graphics
[16] = http://www.ecis.eu/
[17] = https://investor.shareholder.com/msft/EdgarDetail.asp?CIK=789019&FID=1193125-09-9386&SID=09-00