Business Intelligence: Firmen fehlt ein vernünftiger Plan

(http://www.zdnet.de/magazin/39201526/business-intelligence-firmen-fehlt-ein-vernuenftiger-plan.htm)

von Peter Marwan, 26. Januar 2009

Gartner-Analyst Andreas Bitterer lässt kaum ein gutes Haar an den Aktionen der meisten deutschen Firmen in Bezug auf Business Intelligence: So lange keine echte Strategie vorliege, stelle sich auch der Erfolg nicht ein.

Ein alter Witz über gute Vorsätze geht so: "Mit dem Rauchen aufzuhören ist gar nicht so schwer - ich habe es schon zigmal getan." Übertragen auf die Situation bei Business Intelligence[1] würde er etwa so lauten: "Mit Business Intelligence richtig anzufangen ist gar nicht so schwer - wir haben es schon zigmal getan."

Genau das ist laut Andreas Bitterer[2], Business-Intelligence-Spezialist bei Gartner[3], die Krux: "Wir machen schon so lange Business Intelligence, und seit vielen Jahren ist es in Befragungen regelmäßig das Top-Thema der CIOs für das kommende Jahr - aber der Erfolg bleibt bisher aus."

Gartner-Analyst Andreas Bitterer
"Business Intelligence ist immer noch stark im Reporting verhaftet", meint Gartner-Analyst Andreas Bitterer (Bild: Gartner).

Bitterer weiß auch, woran das liegt: "Der Vorsatz, sich auf Business Intelligence zu konzentrieren, ist zwar da. Fragt man aber genauer nach, liegt so gut wie nirgends eine Strategie vor, die diesen Namen auch verdient hätte." Es gebe in den Firmen weder eine Roadmap für die Weiterentwicklung und den Ausbau der vorhandenen Business-Intelligence-Lösungen noch Competence Center oder einen Business Case für Business-Intelligence-Projekte.

Zurückzuführen sei dieser Mangel auf Insel-Denken innerhalb der Unternehmen, auf die unzureichende Verknüpfung der IT-Strukturen und der Anwendungen, aber auch auf den Druck der großen Anbieter, die ihre Konzepte bei den Kunden durchsetzen wollten, sowie die immer noch grassierende "Excel-Manie". Den zarten, durchaus vorhandenen Ansätzen versetzten dann fehlende oder schlechte Kommunikation zwischen IT- und Fachabteilungen endgültig den Todesstoß.

Dass Business Intelligence es dennoch jedes Jahr wieder auf die Listen der aus Umfragen und Studien ermittelten Top-Themen schaffe, habe einen ganz einfachen Grund: Dem Argument, "wir wollen Business Intelligence einsetzen, um bessere Entscheidungen zu treffen", könne sich einfach niemand ohne weiteres verschließen. Schließlich klingt es ja auch vernünftig - zumindest anfänglich. Denkt man über diese Antwort jedoch etwas nach, ist sie entlarvend, und man kommt dahinter, woran es eigentlich hakt: "Business Intelligence ist immer noch stark im Reporting verhaftet", erklärt Bitterer. Böse Zungen könnten sagen: Hauptsache, am Ende ist ein Dashboard[4] vorhanden, auf dem mit symbolischen Tachometern, Ampeln oder sonstwie schnell erkennbar ist, wo es brennt, worum sich der Chef selbst kümmern muss oder zumindest, was er an seine Mitarbeiter delegieren sollte, damit die sich darum kümmern. Stromberg[5] lässt grüßen. Aber, so Bitterer, im Management werde nicht erkannt, wie komplex die Zusammenhänge sind: "Die Erstellung eines ansprechenden Dashboards oder übersichtlicher Reports sind nur die letzten zwei Zentimeter einer langen Strecke."

Eine übersichtliche Darstellung und Funktionen zum Drill-down[6] oder der individuellen Anpassung von Berichten erleichtern dem Management selbstverständlich die Arbeit. Die Zahlen nur grob zu überfliegen und wenn sie im Rahmen der Erfahrungswerte oder der Wunschvorstellungen liegen davon auszugehen, dass sie schon in Ordnung sind, reicht aber nicht aus. Auch das Argument, dass "die Zahlen ja aus dem Computer kommen", der sie womöglich bis auf die vierte Nachkommastelle genau darstellt, greift nicht: Denn gut aussehende Reports können auch mit schlechten Daten erstellt werden.

Dennoch kaufen sich alle Abteilungen - sei es nun Vertrieb, Produktion, Marketing oder Personalwesen - eigene Tools. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie reichen von Frust über das aus Sicht der Fachabteilung bei der IT-Abteilung herrschende Unvermögen und endlose Projektlaufzeiten bis hin zur Angst vor den horrenden Kosten einer großen Lösung.

Manche Anbieter leben ganz gut davon. Die Umsatzstatistiken der Marktforscher belegen das: Lünendonk[7] stellt etwa gerade bei kleineren Softwarehersteller in den vergangenen zwei Jahren erstaunliche Umsatzzuwächse[8] fest.

Neben den integrierten Gesamtlösungen der großen Softwarekonzerne seien unabhängige Lösungen gefragt, schließen die Experten daraus. Besonders große Zuwächse verzeichneten Informatica[9] (70,9 Prozent), Qlikview[10] (64,9 Prozent), Cubeware[11] (46,6 Prozent), IDL[12] (38,5 Prozent) und CSS[13] (28,6 Prozent).

Offenbar erfüllen deren Produkte ihren Zweck, sind den jeweiligen Projektvorhaben angemessen und entsprechen auch preislich den Vorstellungen der Kunden. Es zeigt aber auch, dass die drei Branchengrößen IBM[14], Oracle[15] und SAP[16] noch nicht da sind, wo sie mit ihren Akquisitionen[17] hinwollten.

Allerdings geht dabei das große gemeinsame Ziel aus den Augen verloren, und die von Bitterer kritisierten Insel-Strukturen sowie das Insel-Denken etablieren sich: Wenn Produktion, Vertrieb und Logistik über Verkaufszahlen sprechen, können für denselben Fall alle drei Abteilungen mit bestem Wissen und Gewissen auf "Zahlen aus dem Computer" verweisen – allerdings auf drei unterschiedliche.

"Datenqualität ist ein stiefmütterlich behandeltes Problem - allerdings kein IT-, sondern ein Geschäftsproblem", sagt Bitterer. Denn sei es nun zum Kaufen, Verkaufen oder um Risiken abzuschätzen - unzuverlässige Daten helfen in allen Fällen bei der Entscheidung nur scheinbar.

Tools zur Datenbereinigung haben viele Anbieter im Portfolio und Werkzeuge für Data Profiling, Data Cleansing, Data Matching oder Deduplizierung gibt es in zahlreichen Ausprägungen. Von den ausgesprochenen Spezialisten ist allerdings nach den Übernahmeschlachten der vergangenen Jahre nur noch Informatica übrig geblieben. Und seit einiger Zeit macht der Open-Source-Herausforderer Talend[18] in diesem Feld von sich reden.

Mit der Anschaffung und dem Einsatz der Tools durch die IT ist es aber nicht getan, denn Regeln kann außer in ganz einfachen Fällen nur der Benutzer vergeben. Ein Beispiel soll das verdeutlichen: Für die meiste Software sind "BMW", "B.M.W." und die "Bayerischen Motorenwerke AG" drei unterschiedliche Kunden - der Sachbearbeiter jedoch weiß auf den ersten Blick, dass es sich um ein und denselben handelt. Die eigenen Daten - die ja gehütet werden wie sonst kaum etwas im Unternehmen - auch zu pflegen, zu aktualisieren und zu korrigieren, ist eine fortlaufende Aufgabe. Bitterer fordert dafür die Benennung von sogenannten "Data Stewards" durch die Geschäftsbereiche. Das sollen Personen sein, die kontinuierlich dafür sorgen, dass die Qualität einer Datenbank auch der Realität entspricht. Und das ist eine Sisyphosaufgabe[19].

Denn ein Data-Profiling-Tool kann zwar Fehler auffinden und eventuell auch eliminieren, wird aber bei der Datenintegration nicht sorgfältig gearbeitet, entsteht eine neue Fehlerquelle. Zusätzlich ändern sich die meisten Daten noch ständig. Auch dafür hat Bitterer ein anschauliches Beispiel parat: "Es reicht ja auch nicht, wenn Sie beim Einzug in Ihr neues Haus einmal gründlich mit dem Staubsauger durchgehen."

Stand heute glaubt Bitterer, dass "es kein Unternehmen in Deutschland gibt, das kein Problem bei der Datenqualität hat." Grund: Informationen seien bisher nicht als Asset gesehen worden. Bitterer stellt aber fest, dass sich das gerade zu ändern beginnt. Die Krise, steigende Compliance-Anforderungen und vielleicht die Erkenntnis, dass es sich doch lohnen könnte, Entscheidungen auf Grundlage korrekter Zahlen zu treffen, tragen dazu bei.

Also steht Business Intelligence auch dieses Jahr wieder ganz oben auf der Agenda der CIOs. Schauen wir mal, wie oft noch.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.zdnet.de/itmanager/toolkits/0,39030558,39139351,00.htm
[2] = http://blogs.gartner.com/andreas_bitterer/
[3] = http://www.gartner.com
[4] = http://de.wikipedia.org/wiki/Kennzahlen-Cockpit
[5] = http://de.wikipedia.org/wiki/Stromberg_(Fernsehserie)
[6] = http://de.wikipedia.org/wiki/Drill-down
[7] = http://www.luenendonk.de/
[8] = http://www.zdnet.de/itmanager/kommentare/0,39023450,39194298,00.htm
[9] = http://www.informatica.com/de/
[10] = http://www.qlikview.com/
[11] = http://de.cubeware.de/
[12] = http://www.idl.eu/
[13] = http://www.css.de/
[14] = http://www-306.ibm.com/software/data/
[15] = http://www.oracle.de
[16] = http://www.sap.de
[17] = http://www.zdnet.de/it_business_hintergrund_business_intelligence_das_ende_der_konkurrenzsituation_story-11000006-39159871-1.htm
[18] = http://www.talend.com
[19] = http://de.wikipedia.org/wiki/Sysiphus#Sisyphosarbeit