Desktop-Virtualisierung löst sich gerade aus dem Schatten der Server-Virtualisierung. Zahlreiche Anbieter bringen Hard- und Software auf den Markt, die Unternehmen erhebliche Einsparungen und Effizienzsteigerungen bringen soll.
Wenn eine Firma ihre Serverkonsolidierung abgeschlossen hat, ist eine ganze Reihe von weiteren Schritten denkbar. Ein sehr naheliegender wäre es, sich Gedanken über die Client-Konsolidierung zu machen und die Desktop-Virtualisierung anzugehen. Die Ziele sind nahezu dieselben: die Kosten für Hard- und Software zu reduzieren sowie den Aufwand für Administration und Betrieb zu minimieren.
Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt: Desktop-Virtualisierung trägt auch erheblich dazu bei, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der Mitarbeiter, Partner und Kunden von überall Zugriff auf die benötigten Anwendungen und Daten erhalten - wobei es kaum eine Rolle spielt, was für ein Netzzugriff oder was für ein Endgerät ihnen zur Verfügung steht, sei es nun ein PC, Laptop, Mac, ein Thin Client oder ein Smartphone.
Warum haben angesichts all dieser Vorteile erst wenige Firmen solche Projekte in Angriff genommen? Der wichtigste Grund ist wahrscheinlich die im Vergleich zur Server-Konsolidierung und -Virtualisierung deutlich höhere Komplexität einer unternehmensweiten Desktop-Virtualisierung. Schließlich unterhalten Firmen üblicherweise deutlich mehr und unterschiedlichere Client-Systeme als Server. Auch die Zahl der Standorte ist größer.
Die Komplexität entsteht aber nicht nur aus der großen Zahl an betroffenen System, sondern auch dadurch, dass drei Ebenen beteiligt sind: der Zugang, die Anwendungen und die Prozesse. Sie lassen sich entweder zusammen oder unabhängig voneinander nutzen, um ein gewisses Maß an Desktop-Virtualisierung zu erreichen. Um eine umfassende Client-Konsolidierung durchzuführen, sind aber sicherlich alle drei notwendig - was die Integration von Lösungen unterschiedlicher Hersteller verlangt.
Auf der Ebene der Access-Virtualisierung spielen neben den Hauptakteuren Citrix[1] und Microsoft[2] auch Firmen wie HP mit seinen Remote-Client-Lösungen[3], Ncomputing[4], Igel[5] und Wyse[6] eine Rolle. Seit der Übernahme von Qumranet[7] drängt auch Red Hat[8] in dieses Segment. Die Ebene der Anwendungsvirtualisierung decken vor allem Citrix, Microsoft und Vmware[9] mit ihren Produkten ab.
Für die dritte Ebene, Prozess-Virtualsierung, halten einige Anbieter Lösungen bereit, die auf der Technologie virtueller Maschinen aufsetzen. Dazu gehören Citrix, Microsoft, Parallels[10] und natürlich Vmware. Andere gehen den Weg über die Virtualisierung des Betriebssystems. Zu nennen sind von diesen vor allem Ncomputing und Parallels. Die Technologie für beide Ansätze hat außer Parallels kaum einer.
Der Ansatz von Ncomputing ist besonders interessant, weil er sich von den anderen etwas unterscheidet: Er nutzt nicht leistungsfähige Server, sondern die überall vorhandenen Desktop-Rechner. Deren bislang ungenutzte Rechenleistung reicht im Ncomputing-Modell schon aus, um mehrere Anwender zu bedienen. Die Idee an sich ist zwar nicht grundlegend neu, aber Ncomputing hat sie clever und sehr effizient umgesetzt. Ncomputing erlaubt es, mit kleinen und günstigen Zugangsgeräten einen gängigen Desktop-PC wie einen Minicomputer[11] der siebziger und achtziger Jahre zu nutzen. Das senkt die Kosten für Hardware, Software-Administration und Stromverbrauch. Da die heutigen Prozessoren weitaus leistungsfähiger sind, als es für die meisten Anwendungen notwendig wäre, bietet es sich an, diese Rechenkraft zu teilen.
Parallels arbeitete bei der Serverkonsolidierung jahrelang mit einem ähnlichen Ansatz: Betriebssystem-Virtualisierung und Partitionieren haben sich bewährt. Auch die Anbieter von Unix-Midrange-Systemen machen im Prinzip dasselbe, sie nennen es nur anders: Bei IBM heißt es LPARS, HP nennt es Hardware- und Betriebssystem-Partitionen, Sun bezeichnete es als Solaris Container und Zonen. Spannend an Ncomputings Lösung ist, dass das partitionierte Betriebssystem Microsoft Windows heißt.
Zunächst einmal etwas zum Hintergrund: Bereits in den siebziger Jahren hatte Digital Research[12] mit Concurrent CP/M[13] und der Multiuser-Variante MP/M[14] eine Reihe von Betriebssystemen entwickelt. Die Idee dahinter war es, aktuell verfügbare, für Einzelplatzrechner konzipierte Standardsoftware mehreren Anwendern zugänglich zu machen und dazu die Rechenleistung eines Standardgerätes zu nutzen. Der Verfall der Speicherpreise und die unzureichende Eignung für die immer weiter verbreiteten Festplatten führten aber bereits Anfang der achtziger Jahre dazu, dass sich das Konzept nicht durchsetzen konnte.
Später wurde die Idee für Windows XP und Windows NT wieder ausgekramt, um über den Umweg von Microsofts Remote Terminal Support und mit Hilfe einer kniffligen Back-End-Programmierung die eigentlich für Einzelnutzer entwickelten Betriebssysteme in Multiuser-Plattformen umzugestalten. Natürlich fand Microsoft daran keinen Gefallen, schließlich wollte der Konzern lieber die teureren Multiuser-Produkte aus dem eigenen Hause verkaufen - oder noch besser, für jeden Anwender eine Einzelplatzversion. Also wurden die Lizenzbedingungen geändert, so dass eine derartige Verwendung nur noch zulässig war, wenn die Firma für jeden Anwender in solch einem Umfeld eine separate Lizenz erwarb - selbst wenn alle auf einer Maschine arbeiteten.
Daran hat sich bis heute nichts geändert: Meistens ist es immer noch notwendig, Lizenzen der Anwendungssoftware sowohl für den Host-PC als auch die Zugangsterminals zu erwerben. Microsoft empfiehlt etwa, für den Host-PC eine Lizenz von Windows Server 2003 oder 2008 sowie eine Client Access License (CAL) und eine Terminal Services Client Access License (TSCAL) für jedes Zugangsgerät oder jeden Anwender zu erwerben. Details schildert Microsoft auf seiner Website an zwei Stellen: in der Knowledge Base[15] und in einem Briefing zu Volumenlizenzen[16].
Während das für das eine oder andere Unternehmen schon ein KO-Kriterium für die Ncomputing-Lösung sein kann - oder zumindest nochmal genaues nachrechnen erfordert -, fällt es bei Schulen oder anderen Bildungseinrichtungen kaum ins Gewicht, da Microsoft von ihnen sehr moderate Lizenzgebühren verlangt.
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| Ncomputing setzt mit kleinen und günstigen Zugangsgeräten eine alte Idee clever und effizient neu um (Bild: Ncomputing). |
Diese Überlegungen, Szenarien und Konzepte fristen nicht mehr nur ein Nischendasein in seltenen Anwendungsfällen. Immer mehr Unternehmen ziehen sie ernsthaft in Erwägung, und immer mehr Anbieter treten in den Markt ein. Das hat auch Vmware erkannt - und befürchtet offenbar, dass dadurch sein Stück vom Kuchen kleiner werden könnte.
Der inzwischen nahezu synonym für Virtualisierung stehende Softwareanbieter will sich in dem Bereich jedoch nicht den Schneid abkaufen lassen und hat seine bisher eher etwas stiefmütterlich behandelte Desktop-Virtualisierungslösung[19] "Virtual Desktop Infrastructure" aufgemöbelt sowie in View 3[20] umbenannt. Bei den Verbesserungen griff Vmware unter anderem auf Technologien von Wyse und Thin Print[21] zurück. Auch dass ist ein Zeichen dafür, dass es schnell gehen musste.
Von Thin Print stammt die virtuelle Druckfunktion. Sie soll beim Druck von virtuellen Desktops aus auf lokalen Geräten Kompatibilitätsprobleme eliminieren, Bandbreiteneinschränkungen aufheben und Konfigurationsvorgänge überflüssig machen. Dazu erkennt Vmware View automatisch alle lokalen und alle Netzwerkdrucker und stellt eine Verbindung zu ihnen her. Die Komprimierung der Druckdaten soll eine qualitativ hochwertige Ausgabe auch bei schlechten Netzwerkverbindungen gewährleisten.
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| Wyse hat im November mit neuen Thin Clients eigener Einschätzung nach "die Lücke zwischen stark abgespeckten Thin Clients und voll ausgestatteten Desktop-Rechnern geschlossen" (Bild: Wyse). |
Um die Multimedia-Unterstützung für die virtuellen Desktops zu verbessern, leitet die von Wyse übernommene Technologie[22] die Multimediaverarbeitung intelligent vom Server auf das Benutzergerät um: Dieses decodiert den Multimedia-Strom. Das setzt eine gewisse Leistungsfähigkeit des Zugangsgerätes voraus. Vmware meint aber, die sei heute in der Regel ohnehin gegeben.
Bei der Vermarktung setzt Vmware auf die Partnerschaft mit einer ganzen Reihe von Hardwareanbietern. Beim Launch von View 3 im Dezember waren das neben Thin Print und Wyse auch Chip PC[23], Dell[24], Fujitsu-Siemens[25], HP[26] sowie Igel Technology[27] und Sun Microsystems[28]. Pano Logic[29] kommt demnächst dazu.
Jedes dieser Unternehmen versucht, sich durch kleine Besonderheiten abzuheben. Chip PC betont etwa das besonderes kleine Format seiner Hardware-Clients und den geringen Stromverbrauch. So benötige der neue Plug PC nur 1,5 Watt. Zusammen mit einem OLED-Display der neuen Generation und einem VoIP-Telefon sei es möglich, den gesamten Arbeitsplatz per Power-over-Ethernet mit Strom zu versorgen.
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| Der 'Jack PC' des Herstellers Chip PC bringt einen Client in einer Anschlussdose unter (Bild: Chip PC). |
Wyse und HP setzen eher darauf, auch bei einem Thin Client Rechenpower anzubieten. Wyse führte dazu im November stärkere Geräte[30] und über die von Vmware lizensierte Technologie hinausgehende Softwareverbesserungen im Markt ein. HP bietet seit Januar mit der Modellreihe gt7725 und gt7720[31] Thin Clients mit Dual-Core-Prozessoren an, die für den Einsatz zusammen mit den Blade-Workstations[32] und der Remote-Graphics-Software[33] des Herstellers gedacht sind. So lassen sich beispielsweise bis zu acht Monitore an einem Thin Client unterstützen.
Jürgen Graf, Business Development Manager Thin Client Computing bei Fujitsu-Siemens, sieht in der Erweiterung des Geräteportfolios für virtuelle Desktops einen wichtigen Erfolgsfaktor des Konzeptes. So stelle etwa auch FSC Überlegungen zu einem Ultra-Thin-Client an, mit dem der Konzern dann Chip PC Konkurrenz machen könnte. Intern spreche man außerdem auch über mobile Thin Clients. Zeit wäre es, denn andere Hersteller, etwa HP, Wyse oder VXL[34], bieten solche Geräte bereits seit längerem an.
Graf glaubt, dass mit der aus seiner Sicht voraussichtlich Mitte oder Ende 2009 reibungslos funktionierenden USB-Anbindung die Akzeptanz von Thin Clients bei den Anwendern weiter zunimmt. "In zwei bis drei Jahren sprechen wir dann nur noch von einem Access Device und machen einen virtuellen Client ebenso selbstverständlich auf wie heute eine JPG-Datei."
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