Nortel steht vor der Pleite. Nach dem Scheitern bisheriger Sanierungspläne stellte der Pionier der Kommunikationstechnik in Kanada und USA Insolvenzantrag mit Gläubigerschutz. Auch in Europa ist für einige Töchter ein ähnlicher Schritt geplant.
Nortel[1] kämpft seit Jahren[2] mit großen Schwierigkeiten. Im Zuge des Überlebenskampfes wurden bereits tausende Stellen gestrichen[3] sowie unprofitable Bereiche geschlossen[4] oder verkauft[5]. Dennoch drückt den kanadischen Konzern nach wie vor ein milliardenschwerer Schuldenberg. Durch die weltweite wirtschaftliche Krise habe sich die Lage nun weiter verschärft, teilte Nortel mit[6] und beantragte gestern Gläubigerschutz[7], nachdem diese Option bereits im Dezember geprüft[8] worden war.
Eine Insolvenz mit Gläubigerschutz nach US-Recht (Chapter 11[9]) bietet notleidenden Unternehmen die Chance zur Rettung. Sie können unter bestimmten Auflagen versuchen, neue Kreditkonditionen auszuhandeln und sich frisches Kapital zu verschaffen. Diese Möglichkeit wurde in den vergangenen Jahren beispielsweise von amerikanischen Luftfahrtunternehmen zur Sanierung genutzt.
Nortel ist am Toronto Stock Exchange und in den USA an der NYSE gelistet. Der Kurs der Nortel-Aktie war bereits zuletzt so stark auf wenige Cent abgestürzt[5], dass die New Yorker Börse dem Konzern mit dem Ausschluss drohte. Ursprünglich nannte sich die Firma nur Nortel, mit der Übernahme des Netzwerkausstatters Bay Networks kam 1998 das Networks hinzu, das mittlerweile, zur Vereinfachung des Firmennamens, wieder gestrichen wurde.
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| Mike Zafirovski[10], seit Oktober 2005 Präsident und CEO von Nortel, hat es trotz zahlreicher Maßnahmen nicht geschafft, den Konzern zu sanieren (Bild: Nortel). |
In den USA gibt es dazu Parallelen. Lucent hieß früher AT&T Labs und war der Forschungs- und Fertigungsarm von AT&T. Nach einem Merger mit dem französischen Konkurrenten Alcatel firmieren die US-Pioniere unter Alcatel-Lucent und leiden seit Jahren[12] ebenfalls unter großen Problemen[13].
In Kanada begann die Entwicklungsabteilung der Firma, Bell Northern Research (BNR), 1966 die Anwendungsmöglichkeiten des Glasfaserkabels zu erforschen. Dies führte im Jahr 1969 zu Arbeiten an der Digitalisierung der Telefon-Kommunikation und zeigte die technischen Stärken der Bell-Company. 1976 änderte sich der Name des Unternehmens in Northern Telecom Limited. Zu diesem Zeitpunkt strebte es die Marktführerschaft im Bereich digitaler Kommunikation an.
1995 erfolgte anlässlich des 100-jährigen Bestehens die Umbenennung in Nortel. 1998 änderte sich der Name in Nortel Networks, nachdem die Silicon-Valley-Firma Bay Networks aufgekauft worden war. Die Zielsetzung der weiteren Firmenstrategien ging und geht in Richtung Internet und dessen Infrastruktur: Kommunikation, Multiprotokoll-Dienste und globale, private Netzwerke. Ein weiteres Standbein ist der Mobilfunkbereich mit Infrastrukturtechnik für GSM und UMTS.
In Deutschland war Nortel anfangs mit zwei Firmen vertreten. Die Nortel GmbH war die deutsche Tochter von Nortel. Das operative Geschäft wurde aber größtenteils von der Nortel Networks Germany GmbH & Co KG abgewickelt. Dieses Unternehmen war die ehemalige Nortel DASA, die 1995 als Joint-Venture zwischen Nortel und der DASA gegründet wurde. Hauptstandorte dieses Unternehmens waren Frankfurt am Main, Friedrichshafen und München. Nach der Fusion der beiden Firmen am 1. Juli 2007 gab es in Deutschland nur noch die Nortel GmbH mit Sitz in Frankfurt. 2004 erschütterte eine Reihe von Finanzskandalen den kanadischen Konzern. Im Zuge von entdeckten Unregelmäßigkeiten in der Bilanzierung musste Nortel Gewinne, die für das Jahr 2003 ausgewiesen wurden, den Jahren 2001 und 2002 zuordnen. Entsprechend reduzierten sich der Gewinn 2003 und die Verluste der Jahre 2001 und 2002. In der Folge des Skandals versuchte eine neue Führung, das schwer angeschlagene Image zu verbessern.
Doch nun droht mit dem Insolvenzantrag das endgültige Aus. Analysten wie Mark Sue von RBC Capital Markets[14], einer Tochter der Royal Bank of Canada, zweifeln daran, ob Nortel der Gläubigerschutz hilft, den Kopf aus der Schlinge ziehen: Die in den vergangenen Jahren aufgehäuften Probleme könnten sich als zu gravierend erweisen und die Wiederherstellung oder zumindest Rettung des einst mächtigen Konzerns verhindern.
Noch in den 90er Jahren war Nortel der größte Telekom-Ausrüster der Welt und beherrschte zusammen mit seinem US-Konkurrenten Lucent die Märkte. Gerade die modernen Themen der Telekommunikation wie Digitalisierung, Glasfasernetze, Mobilfunk und Wireless-LAN dominierten die beiden mächtigen Konzerne. Der heutige Marktführer Cisco[15] war damals nur einer von vielen Ausrüstern für Firmennetze. Das hat sich aber grundlegend geändert: Heute gehen die Cisco-Vertreter auch bei den Netzbetreibern ein und aus. Mit den chinesischen Firmen Huawei[16] und ZTE[17] sind zudem zwei neue, große Konkurrenten mit starker Fertigungskapazität auf dem Markt.
Sollte Nortel scheitern, wäre dies die größte Firmenpleite der kanadischen Wirtschaftsgeschichte. Auf dem Gipfel des Booms der Technologiewerte repräsentierte das Unternehmen mit seinem Börsenwert ein Drittel der gesamten Börse von Toronto. Doch bereits seit dem Beginn des laufenden Jahrzehnts steht Nortel mit dem Rücken zur Wand.
Der Schuldenberg ist vor allem auf Übernahmen anderer Firmen in den euphorischen 90er Jahren zurückzuführen. Bei dem Versuch, die Firma zu sanieren, haben die Kanadier schon 16 Entlassungsrunden absolviert. Im September versuchte Nortel, sein Geschäft für Internetausrüstungen und Glasfaser zu verkaufen. Doch es fand sich kein Käufer. So könnte es auch dem Rest des Unternehmens gehen, denn die Wettbewerber und potenziellen Interessenten haben entweder selbst kein Geld (Alcatel-Lucent etwa) oder keinen Bedarf (Cisco).
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