Das erwartet die IT 2009: Trends, Prognosen und Prioritäten

(http://www.zdnet.de/magazin/39200463/das-erwartet-die-it-2009-trends-prognosen-und-prioritaeten.htm)

von Peter Marwan, 5. Januar 2009

In den vergangenen Jahren waren Prognosen einfach: Allenthalben wurde Wachstum prognostiziert - lediglich die Höhe war fraglich. Für 2009 ist das weit schwieriger. ZDNet hat die befragt, die trotzdem Vorhersagen wagen.

Ganz so dramatisch, wie man meinen könnte, wird es dann wohl doch nicht. Oder - und auch das wäre eine Möglichkeit - die gewohnheitsmäßigen Zukunftsanalysten wollen es einfach nicht wahrhaben, dass die Branche auch einmal ohne Wachstum auskommen muss. Der Branchenverband Bitkom[1] etwa geht unter Berufung auf Zahlen seines Marktforschungspartners EITO[2] für 2009 trotz aller Widrigkeiten in Westeuropa von einem Wachstum der IT-Branche von zwei Prozent aus.

"Die Informationstechnik ist für Unternehmen in einer Krisensituation von strategischer Bedeutung, weil sie die Betriebe effizienter und wirtschaftlicher macht", sagt Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer fast beschwörend. Mit einer steigenden IT-Nachfrage sei auch von Auftragnehmern der öffentlichen Hand zu rechnen, deren Investitionen kaum von konjunkturellen Schwankungen abhängig sind.

Laut der EITO-Prognose können Anbieter von Software und IT-Services in Westeuropa 2009 mit einem Umsatzplus von 3,2 Prozent rechnen. Die Hersteller von IT-Hardware müssen sich dagegen auf ein Minus von 1,3 Prozent einstellen. Die Marktforscher von IDC[3] sind für Deutschland etwas vorsichtiger: Sie rechnen lediglich mit einem Wachstum von einem Prozent.

Erst 2011 werde der Markt wieder deutlich an Fahrt aufnehmen und Wachstumsraten von über vier Prozent erreichen. Auch IDC sieht besonders die Investitionen in Hardware von Sparmaßnahmen betroffen: Für den Zeitraum von 2007 bis 2012 erwartet IDC in diesem Bereich ein Wachstum von lediglich 0,2 Prozent. Ausnahme: so genannte Smart Handheld Devices.

Die Gesamtsituation für Hardwarehersteller und -verkäufer wird allgemein in düsteren Farben gemalt. Bei Software sieht die Lage etwas freundlicher aus. Aber auch in diesem Bereich profitieren nicht alle im selben Maße vom vergleichsweise kleinen Zuwachs des Gesamtmarktes.2009 wird besonders Infrastruktur-Software, die bei Zentralisierung, Konsolidierung und Virtualisierung helfen soll, gefragt sein, sagt etwa IDC voraus. Zudem werde das Interesse an "Software as a Service" (SaaS) größer: "Mit erhöhtem Reifegrad dürften diese Lösungen insbesondere durch die knappere Budgetlage der Unternehmen eine echte Alternative darstellen", sagt IDC-Analyst Joachim Benner[4].

"Gestützt wird der Markt vor allem dadurch, dass Unternehmen verstärkt alternative und preislich attraktive Bezugsmodelle von Hard- und Software suchen", erklärt er. Bei dieser Suche stoßen sie immer öfter auf neuartige IT-Services. IDC glaubt, dass dieser Bereich daher 2009 um 4,7 Prozent zulegen kann.

Das weckt Begehrlichkeiten bei Anbietern ganz unterschiedlicher Herkunft. Beispielsweise vermietet FSC[5] seit kurzem komplette Arbeitsplätze übers Netz[6], Symantec[7] hat viel Geld für den Dienstleister MessageLabs ausgegeben, um Security als SaaS[8] anbieten zu können, und der SaaS-Pionier Salesforce.com[9] baut sein Angebot kontinuierlich aus[10].

Salesforce.com tut auch gut daran, denn die verschärfte wirtschaftliche Situation bringt neue Mitbewerber auf den Plan: IDC sagt voraus, dass sich 2009 Produktanbieter und Dienstleister gegenseitig mit Ankündigungen zu neuen Cloud-Computing-Angeboten, mit Akquisitionen und Partnerschaften überbieten werden.

Neue Anbieter drängen auf den Markt

Da gerade die Telekommunikationsbranche die Auswirkungen des verlangsamten Wachstums zu spüren bekommen wird, drängen ihre Protagonisten voraussichtlich besonders aggressiv in den Markt für Cloud-Services, um neue Einnahmequellen zu erschließen.

Ihr Vorteil: Sie sind mit den Prozessen bestens vertraut, die notwendig sind, um für eine große Zahl von Kunden unterschiedliche, gut verwaltbar paketierte Leistungen zu erbringen und zu berechnen. Andere Interessenten am Markt, etwa die Softwareanbieter selbst, haben dieses Szenario weder in ihrem Geschäftsmodell noch in ihren Betriebsabläufen vorgesehen. Die Umstellung kann jedoch schmerzlicher und komplizierter sein als die Lösung der damit verbundenen technischen Probleme.

Auch das Analystenhaus Ovum[11] hat auf der Liste seiner Top-Acht-IT-Themen für 2009 den verschärften Wettbewerb beim Cloud Computing ganz oben. Cloud Computing werde schnell eines der umkämpftesten Marktsegmente der IT-Branche werden, da IT-Serviceanbieter die Technologie nutzen wollten, um mit neuen Angeboten auch neue Kunden zu gewinnen. Und die Zeit sei günstig, denn die Kunden seien inzwischen so mit Marketing zum Thema bearbeitet worden, dass sie sich allmählich interessiert zeigen: Steter Tropfen höhlt eben doch den Stein.Mehr als 40 Prozent der großen Unternehmen in Nordamerika und Europa haben laut den Marktforschern von Forrester[12] 2008 ihre IT-Budgets gekürzt. 24 Prozent der fast 1000 für die Studie befragten Unternehmen froren die frei verfügbaren Gelder ein. Nur 28 Prozent gaben an, dass die Wirtschaftslage keinen Einfluss auf ihre IT-Budgets habe.

Dennoch erscheint die Situation vielen offenbar günstig, um die Ausgaben für IT-Dienstleistungen zu senken: 70 Prozent der Befragten wollen niedrigere Preise mit ihren Lieferanten aushandeln, 16 Prozent haben ihre Ausgaben für IT-Dienstleistungen bereits gekürzt.

Outsourcing als zweischneidige Alternative

Insgesamt bleibt die Nachfrage für Dienstleistungen durch Großunternehmen aber weitgehend stabil. 45 Prozent planen, Application-Outsourcing auszubauen, 43 Prozent, den Anteil des Infrastruktur-Outsourcings zu erhöhen. Ebenfalls 43 Prozent der Befragten gaben an, mehr Arbeiten ins Ausland verlagern zu wollen. 14 Prozent haben konkrete Maßnahmen ergriffen, und 19 Prozent befinden sich in Pilotprojekten. 22 Prozent nutzen keine Auslandsressourcen, verfolgen die Entwicklungen aber aufmerksam.

Wichtigster Grund, keine Arbeiten ins Ausland zu vergeben, sind Zweifel an der Qualität. Und das aus gutem Grund: 40 Prozent der Auslands-Outsourcer bemängeln die schlechte Servicequalität, 35 Prozent klagen, dass entweder ihre Partner oder die Verträge mit ihnen zu unflexibel seien. Und über die Hälfte musste feststellen, dass die tatsächlichen Einsparungen hinter den ursprünglichen Erwartungen zurückbleiben.

Der Mittelstand hat noch Geld für IT

Im Mittelstand sieht das Bild jedoch völlig anders aus: Laut Andreas W. Klein, Managing Director des Marktforschungsunternehmens Techconsult[13], halten aber 85 Prozent der CIOs im deutschen Mittelstand an ihren langfristigen ITK-Planungen für 2009 fest: Wirtschaftskrise hin oder her. Lediglich 12 Prozent werden ihre geplanten IT-Ausgaben im nächsten Jahr zurücknehmen - sie stammen vor allem aus der Industrie und dem Baugewerbe.

Zwei Ausnahmen sieht Klein allerdings: Die Situation bei Großunternehmen in den von der Krise am meisten betroffenen Branchen Finanzwesen und Automotive untersuche Techconsult derzeit. Und in einem sind sich eigentlich alle Marktforscher einig: Gerade in der Krise - wie intensiv sie auch ausfallen mag - wird die öffentliche Hand als IT-Verbraucher immer wichtiger[14]. "IT-Compliance, vor allem der rechtskonforme Umgang mit personenbezogenen Daten, wird 2009 eine noch sehr viel größere Rolle spielen als schon 2008", so Jyn Schultze-Melling, Rechtsanwalt in der Kanzlei Noerr Stiefenhofer Lutz[15]. Angesichts klammer Budgets und den gesamtwirtschaftlichen Verhältnissen sei aber Augenmaß gefragt: "Effiziente IT-Compliance-Projekte differenzieren nach Risikogesichtspunkten - und das erfordert viel Erfahrung und unternehmerisch ausgerichtete rechtliche Beratung." Von Komplettlösungen "out-of-the-box" hält der Jurist wenig, da sie oft "falsche Akzente setzen" würden.

Vorsicht sei auch bei neuen Technologien wie Cloud Computing oder Software-as-a-Service angeraten. Bei ihnen lägen die Tücken im Detail. "Cloud Computing treibt Datenschützern die Schweißperlen auf die Stirn, und SaaS ist alter Wein in neuen Schläuchen - vor allem die lizenzrechtlichen Probleme, die schon bei ASP relevant waren, stellen sich nach wie vor", sagt Schultze-Melling.

Sein Berufskollege Kay Diedrich, Fachanwalt für IT-Recht bei der Kanzlei Kümmerlein, Simon & Partner[16], bestätigt das: "Modethemen wie Cloud Computing oder SOA werfen zwar im Wesentlichen nur alte Fragen aus dem ASP-Zusammenhang wieder auf, sie werden aber zumindest bezogen auf Datenschutz erheblich klarere Rechtfertigungsprobleme für Kunden und Nutzer produzieren."

Überhaupt werde der Datenschutz - auch durch die verstärkte Aufmerksamkeit, die ihm die Tagespresse widmet - 2009 noch einmal wichtiger. "Unser Innenminister wird den Rufen nach Gesetzesänderungen jedenfalls insoweit nachkommen, als es kein zusätzliches Geld kostet. Möglicherweise wird im allgemeinen Haushaltsfatalismus der Krise sogar zusätzliches Personal für die Datenschutzbehörden ermöglicht", spekuliert Diedrich.

Open Source kein rechtsfreier Raum

Der Professionalisierungsprozess der letzten Jahre spreche gerade in Zeiten der Sparsamkeit für Open-Source-Lösungen. Aber, so Diedrich, "wesentliche offene Fragen[17] zur Zuordnung von Verantwortung und klarer Rechte an den verschiedenen Teilen von OS-Lösungen werden uns vermehrt beschäftigen." Denn auch Open Source bewegt sich nicht im rechtsfreien Raum.

Einig sind sich beide Anwälte darin, dass mit IT-Outsourcing und IT-Restrukturierung zwar Kosten gesenkt werden können, dass aber die Gestaltung der Vertragsbeziehungen zu den Dienstleistern nicht ohne Tücken ist. Diedrich sieht zudem insbesondere dann Fallstricke, wenn bei der Netzwerkkonsolidierung auch Telefonie ins Spiel kommt. Aber auch generell habe die "rechtliche und vertragliche Behandlung dieser Themen häufig noch nicht mit der produktionskritischen Bedeutung der Leistungen für die Unternehmen Schritt gehalten."

Kostenreduzierung und Kostenflexibilisierung sieht auch Luis Praxmarer von der Experton Group[18] 2009 bei vielen Unternehmen wieder klar auf der Prioritätenliste. Grundsätzlich seien dafür aber einige Hausaufgaben notwendig. Dass sparen um jeden Preis zu nichts führt, sollte bekannt sein, aber wie spart man richtig?

Als Grundlage und wichtigsten Punkt gehört nennt Praxmarer ein ausgezeichnetes Management des IT-Betriebes sowie Aufbau und Nutzung von IT-Governance. Am besten lasse sich das durch ITIL und COBIT erreichen – wobei die Firmen aber nicht bei den Grundlagen dieser Methoden stehenbleiben, sondern sich nach Möglichkeit die aktuellen Ausprägungen zunutze machen sollten.

Wichtige Grundlage: Anwendungsportfolio ausmisten

"Der Erfolg von Konsolidierungs- und Virtualisierungsmaßnahmen sowie von Green-IT-Projekten und die daraus erzielbare Einsparungen sind entscheidend von der Bereinigung der Applikationslandschaft abhängig. Die so genannten Vampire Applications müssen jetzt ausgemustert werden", fordert Praxmarer.

In den meisten Unternehmen sei das jedoch noch nicht geschehen: "Bereichs- und geografieübergreifend werden ähnliche beziehungsweise doppelt vorhandene Applikationen genutzt, viele davon sind veraltet oder wartungsaufwändig und hätten schon vor langer Zeit ausgemustert werden sollen. Doch wie Vampire leben sie einfach weiter."

Den oft beschworenen enormen Kostenvorteil durch Commodity-Hardware und Virtualisierung im Server- und Storage-Umfeld hält der Experte nur bei konsequenter Umsetzung für erreichbar. Dann aber gründlich: Moderne Rechenfabriken seien zehnfach kosteneffizienter als herkömmliche Rechenzentren. Um diese und andere Kostenvorteile erreichen zu können, sei eine allumfassende Betrachtung der Prozesskosten[19] und keine Reduzierung der IT-Ausgaben zugunsten anderer Bereiche notwendig: Wichtiges Stichwort 2009 dafür: Business Process Management[20].

Keine Angst vor Outsourcing

Und auch Praxmarer glaubt, dass die Auslagerung der IT weiter an Bedeutung gewonnen wird. "Dafür spricht neben einer Vielzahl von Gründen vor allem, dass langsam auch im Mittelstand die grundsätzlich ablehnende Haltung, IT-Aufgaben auszulagern, überwunden wurde, die Kostenvorteile des Outsourcings sowie die Möglichkeit, eine sehr differenzierte Sourcing-Strategie zu verfolgen." Neben der Alles-oder-Nichts-Variante des klassischen Outsourcing stünden heute sehr flexible Modelle mit zum Teil sehr kurzen Laufzeiten sowie transparenten und leistungsabhängigen Preisen zur Verfügung.

Grundsätzlich sollte jedes Unternehmen den IT-Strategieplan jährlich einer Prüfung unterziehen und gegebenenfalls anpassen oder sogar komplett überarbeiten. "Für 2009 und 2010 sollte mit unterschiedlichen Szenarien gearbeitet werden, und es sollten auch finanzielle Quartalsziele definiert werden. Flexibilisierung und kurzfristige Anpassung sind hierbei die Herausforderungen."

Zusammengefasst sieht seine Top-Zehn-Prioritätenliste für 2009 so aus:

  1. ITIL oder COBIT
  2. Security vorausschauend als Business-Enabler nutzen
  3. Applikations-Portfolio-Management
  4. RZ-, Server-, Storage- und Client-Konsolidierung
  5. Business Intelligence, Data Warehouse, Business Performance Management
  6. branchenspezifisches Business-Process-Wissen aufbauen
  7. Innovationsteam (wenn finanzierbar)
  8. HR Capital Management (Plan für 1/3/5 Jahre)
  9. Leistungsmessungen und Benchmarking
  10. IT-Strategie und -Plan, Kommunikationsplan

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.bitkom.org
[2] = http://www.eito.com/
[3] = http://www.idc.com/germany
[4] = http://www.idc.com/germany/research/cv_benner.jsp
[5] = http://www.fujitsu-siemens.de/
[6] = http://www.zdnet.de/news/business/0,39023142,39199361,00.htm
[7] = http://www.symantec.de/
[8] = http://www.zdnet.de/it_business_strategische_planung_symantec_steigt_gross_ins_saas_geschaeft_ein_story-11000015-39197419-1.htm
[9] = http://www.salesforce.com/
[10] = http://www.zdnet.de/news/tkomm/0,39023151,39198446,00.htm
[11] = http://www.ovum.com/
[12] = http://www.forrester.com/
[13] = http://www.techconsult.de/
[14] = http://www.zdnet.de/news/business/0,39023142,39200299,00.htm
[15] = http://www.noerr.com
[16] = http://www.ksup.de
[17] = http://www.zdnet.de/it_business_strategische_planung_oft_unterschaetzt_lizenzproblematik_bei_open_source_story-11000015-39161024-1.htm
[18] = http://www.experton-group.de/
[19] = http://www.zdnet.de/it_business_strategische_planung_die_it_am_geschaeft_ausrichten_aber_wie_story-11000015-39192842-1.htm
[20] = http://de.wikipedia.org/wiki/Prozessmanagement