Microsoft: Cloud-Euphorie im Schneckentempo

(http://www.zdnet.de/magazin/39200107/microsoft-cloud-euphorie-im-schneckentempo.htm)

von Phil Wainewright und Peter Marwan, 10. Dezember 2008

Mit Windows Azure hat Microsoft seinen lang erwarteten Einstieg in das Thema Cloud-Computing vollzogen - könnte man denken. Aber über Ankündigungen ist der Softwareriese aus Redmond noch nicht wirklich hinausgekommen.

Die Kampfansage[1] kam für etwas über einem Jahr: Im August 2007 machte Steve Ballmer auf der Worldwide Partner Conference klar, dass Microsoft[2] im Internet künftig dieselbe Position einzunehmen gedenkt wie auf dem Desktop. Um diesem Ziel näher zu kommen, werde man eigene Anwendungen anbieten und gleichzeitig Infrastruktur und Werkzeuge bereitstellen, mit denen Entwickler ihre Produkte erstellen könnten. Mittel- und langfristig sollten sogar alle Internet-Basisdienste des Unternehmens für Entwickler verfügbar gemacht werden.

Und heute? Wenn es noch eines Beweises bedarf, dass Microsoft immer noch durch und durch ein traditioneller Softwareanbieter ist, dann reicht ein Blick auf die Release-Zyklen aus, die der Konzern für seine Ankündigungen zum Thema Cloud-Computing wählt. Während echte Cloud-Firmen funktionierende Services am Tag der Vorstellung noch in der Beta-Version einführen, begnügt sich Microsoft damit, lediglich anzukündigen, was es in ein oder zwei Jahren zu tun gedenkt. Hat das Unternehmen in den drei Jahren, in denen es eine neue Ära von Live-Software[3] gepredigt hat, denn rein gar nichts gelernt[4]?

Microsofts Chief Software Architect Ray Ozzie hat sich mit Windows Azure viel vorgenommen (Bild: Ina Fried, CNET.com)
Microsofts Chief Software Architect Ray Ozzie hat sich mit Windows Azure viel vorgenommen (Bild: Ina Fried, CNET.com)

Zum Start von Windows Azure, Microsofts Cloud-Plattform, räumte Chief Software Architect Ray Ozzie ein[5], dass "der Reifegrad der Angebote, die zur Zeit gemacht werden, noch gering ist. In einem Jahr wird das anders aussehen. Aber so lange wollten wir nicht mehr warten. Also steigen wir jetzt in das Spiel ein."

In der Tat gibt es noch viel zu tun: Das ganze Projekt ist noch in einer sehr frühen Phase[6], die Gewinnaussichten[7] sind unsicher, und darüber hinaus weiß Microsoft selbst, dass Vertrauen[8] eine wichtige Rolle spielt - aber bei den Kunden nur begrenzt vorhanden ist.

Anlässlich der Vorstellung[9] der Online-Services von Microsoft für Exchange und SharePoint in den USA kam auch heraus, dass zumindest ein großer Kunde danach gefragt hatte, ob ein Zehnjahresvertrag erhältlich sei. Er wollte sich so offenbar vergewissern, dass Microsoft sich auch langfristig zur Bereitstellung des Service verpflichtet.

Offenbar befürchten viele der großen Kunden, dass der Softwarekonzern erst einmal experimentiert und die Dienste dann wieder einstellt, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllen sollten. Das Vertrauen, dass Microsoft sie wirklich als langfristige und strategisch wichtige Pfeiler seines Geschäfts sieht, muss erst geschaffen werden. Die Frage nach der Profitabilität von Cloud-Computing für den Anbieter sollte nicht unterschätzt werden. Bei näherer Betrachtung kann Microsoft nämlich im Grund gar kein Interesse an einer schnellen Verbreitung der neuen Möglichkeiten haben. Warum das so ist, wird deutlich, wenn man die Ausgangslage von Microsoft und Amazon[10] vergleicht.

Amazons Online-Einzelhandelsgeschäft ist durch kleine Gewinnmargen gekennzeichnet. Microsofts Software- und Technologiegeschäft dagegen verspricht traditionell hohe Margen. Die vergleichsweise ungünstige Ertragslage von Amazon bildet aber einen starken Anreiz dafür, eine hocheffiziente und hochautomatisierte IT-Umgebung zu schaffen - die wiederum die Grundlage für eine Reihe von Cloud-Computing-Diensten bildet, die günstig genug angeboten werden können, um eine große Zahl von Kunden anzusprechen.

Ganz anders bei Microsoft - und übrigens auch bei vielen anderen großen Hightech-Firmen: Für sie gibt es fast nichts Schlimmeres, als große Summen in langfristige Geschäftsmodelle mit niedrigen Margen zu investieren. Noch dazu, wenn diese Geschäftsmodelle eine potenzielle Gefahr für ihre etablierten, sehr ertragreichen Verkaufsstrategien darstellen.

Ein Rechenbeispiel macht deutlich, worum es eigentlich geht: Amazon kommt bisher auf den einzelnen Mitarbeiter gerechnet etwa mit einem Fünftel des Gewinns aus, den Microsoft erzielt. Selbst wenn sich dieser Wert beim Cloud-Computing auf die Hälfte hochschreiben ließe, wäre Amazon sicher mehr als zufrieden, für Microsoft dagegen wäre derselbe Wert ein Desaster. Daher ist Microsofts Azure-Announcement zwar möglicherweise technologisch interessant, wie es sich wirtschaftlich umsetzen lässt, bleibt dagegen offen.

Die geplanten Office-on-the-Web-Angebote, "Office Web Applications", sind aber noch wesentlich weniger ausgereift als Azure. Das wird deutlich, nachdem jetzt Details über die eigentlich nur für interne Zwecke gedachte "Technology Preview" durchgesickert sind[11]. Am internen Test, der im November begann und bis Februar dauern soll, sind weniger als 1000 Microsoft-Mitarbeiter beteiligt.

Externe Testanwender werden frühestens erst irgendwann im Laufe des kommenden Jahres Gelegenheit haben, die Angebote auszuprobieren. Microsoft-Kenner rechnen[12] nicht damit, dass das Angebot vor 2010 marktfähig ist und startet. Genügend Zeit also für Google, sein von Steve Ballmer kürzlich teilweise zu Recht kritisiertes[13] Angebot Text & Tabellen[14] zu verbessern.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.zdnet.de/it_business_strategische_planung_projekt__cloud_os__microsofts_neuer_griff_nach_dem_internet_story-11000015-39156606-1.htm
[2] = http://www.microsoft.de
[3] = http://news.zdnet.com/2100-3513_22-145375.html
[4] = http://blogs.zdnet.com/SAAS/?p=48
[5] = http://blogs.zdnet.com/microsoft/?p=1677
[6] = http://news.cnet.com/8301-13860_3-10076588-56.html
[7] = http://blogs.zoho.com/uncategorized/cloud-economics-microsoft-google-amazon/
[8] = http://news.cnet.com/8301-13860_3-10076189-56.html
[9] = http://blogs.zdnet.com/microsoft/?p=1724
[10] = http://www.amazon.de
[11] = http://news.cnet.com/8301-13860_3-10114350-56.html
[12] = http://blogs.zdnet.com/microsoft/?p=1675
[13] = http://www.zdnet.de/it_business_hintergrund_ballmer_kritisiert_google_und_lobt_open_source_story-11000006-39197682-1.htm
[14] = http://www.google.com/google-d-s/intl/de/tour1.html