Die Wahrheit über den großen Auslands-SMS-Schwindel

(http://www.zdnet.de/magazin/39199607/die-wahrheit-ueber-den-grossen-auslands-sms-schwindel.htm)

von Peter Marwan, 28. November 2008

Die EU-Forderung nach maximal 13 Cent pro im Ausland verschickter SMS sehen Bitkom und Mobilfunkbetreiber als regulatorischen Angriff auf den Markt und Gefahr für den Standort Europa. Zu Recht oder zu Unrecht?

Eigentlich ist die Frage ganz einfach: Was darf eine SMS kosten, die ein europäischer Mobilfunkkunde im EU-Ausland verschickt? 13 Cent[1], sagten die für Telekommunikation zuständigen EU-Minister auf ihrem letzten Treffen. Die Antwort der Mobilfunkbetreiber ist kurz, aber wenig hilfreich. Sie lautet einfach: mehr.

Wie viel mehr, das werde der Markt im freien und fairen Wettbewerb dann schon entscheiden. Regulierung sei jedenfalls des Teufels, mache sie doch bei den SMS-Tarifen nicht Halt. Die Preise für Mobilfunktelefonate habe sie schon erfasst[2], und für Datenverbindungen sei sie auch schon angedroht[3]. Mit dem durch Brüssel verordneten Purzeln der Preise - voraussichtlich im Juli 2009 - werde aber den Mobilfunkanbietern verwehrt, das so dringend für Fortschritt, Innovation und Netzausbau notwendige Geld zu verdienen.

Der Argumentation der zuständigen EU-Medienkommissarin Viviane Reding[4], günstigere Tarife bedeuteten nicht automatisch deutlich niedrigere Einnahmen, da sie die Kunden zu intensiverer Nutzung animierten, wollen die Unternehmen nicht folgen: Ihnen ist der Spatz in der Hand lieber als die Taube auf dem Dach.

Aber dieser Vergleich hinkt natürlich: Ist es denn wirklich der magere kleine Spatz, den die Provider in der Hand halten? Haben sie nicht vielmehr den fetten Thanksgiving-Truthahn schon unter den Arm geklemmt, den sie auf keinen Fall mehr loslassen wollen? Wie groß der Beitrag des mit Auslands-SMS erzielten Umsatzes am Gesamtumsatz der Mobilfunkanbieter ist, konnte oder wollte auf Anfrage von ZDNet weder der Bitkom noch Vodafone[5] oder E-Plus[6] auf Anhieb sagen. Verband und Unternehmen betonten aber sinngemäß, dass es nicht um das damit erwirtschaftete Geld allein gehe.

Wichtig sei vielmehr die grundsätzliche Frage, ob die Anbieter auch weiterhin die Freiheit erhielten, ihre Tarife so zu gestalten, dass ein weiterer Netzausbau möglich sei. Der sei schließlich auch in Hinsicht auf drahtlose Breitbandangebote und die Sicherung des Standorts Europa wichtig. E-Plus schließt sich diesen Ausführungen des Bitkom im Wesentlichen an. Der Verband betont außerdem, dass sich die Mobilfunkanbieter auch in schweren Zeiten immer als verlässliche Investoren erwiesen hätten. Wolle man all das wirklich um kurzfristiger Vorteile für die Verbraucher willen aufs Spiel setzen?

Das klingt zunächst vernünftig, ist es aber nicht. Warum? Aufschluss gibt ein praktisches Tool auf der EU-Website[7]. Es zeigt die aktuellen Prepaid-SMS-Tarife in wichtigen Reiseländern wie Italien, Spanien, Griechenland oder Frankreich an. Mit ihm lässt sich aber auch die Entwicklung der Preise seit März 2006 nachvollziehen.

Das wirft Licht auf manche alte Sünden der Mobilfunker. Dazu ein paar besonders auffällige Beispiele. O2[8]-Kunden bezahlten etwa für eine in Italien über das Wind-Netz abgehende SMS im September 2006 nur 36 Cent. Im März 2007 waren es 49 Cent. Im Juli 2008 - nach schweren Drohungen aus Brüssel[9] an die gesamte Branche - gab sich O2 ganz zahm: Für dieselbe Dienstleistung wurden lediglich 29 Cent verlangt - um dann im September 2008, als sich der Rauch scheinbar verzogen hatte, wieder 39 Cent zu kassieren. Preissenkung seit 2006? Fehlanzeige, inzwischen kostet es sogar 3 Cent mehr.

Besser sieht es für O2-Kunden aus, die oft nach Frankreich fahren: Sie bezahlten zwar 2006 noch 79 Cent in allen Netzen, konnten sich aber 2007 über eine Preissenkung auf 49 Cent und im Juli 2008 sogar auf 29 Cent freuen. Aber auch das hat sich inzwischen wieder geändert. Wie bei fast allen anderen Anbietern in fast allen anderen Ländern liegt der Preis einer SMS für deutsche O2-Kunden inzwischen auch in Frankreich bei 39 Cent. Preissenkung seit 2006? Ja, deutlich, aber es war auch schon günstiger als heute. Besonders wenig Spaß dürften Vodafone[5]-Kunden beim Stöbern in der EU-Preisliste haben. Sie bezahlten beispielsweise 2006 in Frankreich je nach genutztem Netz zwischen 22 und 32 Cent, in Italien zwischen 22 und 36 Cent und in Großbritannien zwischen 25 und 32 Cent. Inzwischen ist die Tarifstruktur für Prepaid-SMS bei Vodafone deutlich einfacher geworden.

Aber diese Einfachheit hat ihren Preis. Sei es nun in Frankreich, Griechenland, Italien, Spanien oder Großbritannien: Die SMS kostet überall einheitlich 41 Cent. Egal, ob der Kunde das dortige Vodafone-Netz oder das eines anderen Betreibers nutzt.

Das Merkwürdige daran: Obwohl Vodafone der einzige Anbieter ist, der in all diesen Ländern unter demselben Markennamen auftreten kann, ist er durchweg auch der teuerste. Begründet wird das damit, dass jede Landesgesellschaft als eigene Geschäftseinheit auftrete, der die anderen für die geleisteten Dienste die erforderlichen Entgelte entrichten müssten.

Für die Kunden ist es sicher trotzdem verwirrend, legen doch das Auftreten und das Marketing des Anbieters mit dem "Vodafone Reise Versprechen[10]" nahe, dass er "eine clevere Alternative zu den EU-Preisen" bekomme. Und schließlich könne er mit dem kostenlos zubuchbaren "Vodafone Reise Versprechen" in allen EU- sowie einigen anderen Länder zum selben Minutenpreis wie zuhause telefonieren.

Pro ab- oder eingehendem Telefonat kommen nur einmal 75 Cent hinzu. "Sie brauchen sich beim Telefonieren keine Gedanken mehr darüber zu machen, in welches ausländische Mobilfunknetz das Handy eingebucht ist." Beim SMS-Versand auch nicht: 41 Cent werden auf jeden Fall fällig. Preissenkung seit 2006? Fehlanzeige, stattdessen Preissteigerungen zwischen 14 und 86 Prozent.

"Offenkundig will die EU systematisch testen, wie weit sie die Wirtschaft mit Preisdiktaten belasten kann", kommentierte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder die jüngste Entscheidung aus Brüssel. Das mag ja sein, aber offenbar haben die Mobilfunkbetreiber in der Vergangenheit versucht, systematisch zu testen, wie weit sie mit ihrer Preisgestaltung den Geldbeutel der Verbraucher und die Geduld der EU belasten können. Und der Krug geht eben nur so lange zum Brunnen, bis er bricht.

EU-Kommissarin Viviane Reding
EU-Kommissarin Viviane Reding konnte sich mit ihren Forderungen nach günstigeren Roaming-Preisen jetzt auch bei SMS durchsetzen (Bild: EU).

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.zdnet.de/news/tkomm/0,39023151,39199604,00.htm
[2] = http://www.zdnet.de/news/tkomm/0,39023151,39195541,00.htm
[3] = http://www.zdnet.de/news/tkomm/0,39023151,39192822,00.htm
[4] = http://ec.europa.eu/commission_barroso/reding/index_de.htm
[5] = http://www.vodafone.de
[6] = http://www.eplus.de
[7] = http://ec.europa.eu/information_society/activities/roaming/tariffs/de/smspre/index_en.htm
[8] = http://www.o2online.de/
[9] = http://www.zdnet.de/itmanager/kommentare/0,39023450,39192407,00.htm
[10] = http://www.vodafone.de/privat/tarife/auslandstarife-reiseversprechen.html