Microsoft ersetzt seine Sicherheitslösung Live OneCare zum Sommer 2009 durch eine kostenlose Lösung, die unter dem Codenamen "Morro" vorbereitet wird. Ist das nun eine neue Expansionsstrategie oder ein Eingeständnis des Versagens?
Wie Microsoft angekündigt hat[1], wird die Security-Suite Windows Live OneCare eingestellt und voraussichtlich im Sommer 2009 durch ein neues, kostenlose Anti-Malware-Tool ersetzt. Das neue Produkt, das derzeit noch unter dem Codenamen "Morro" geführt wird, soll weniger Rechenleistung und weniger Platz auf der Festplatte beanspruchen. Damit eigne es sich für Netbooks, aber auch für Szenarien, in denen Bandbreite knapp oder der PC etwas schwächer ausgelegt ist, verspricht Microsoft in seiner recht überraschenden Ankündigung[2].
Der Softwarereise denkt dabei etwa an die rasch wachsende Zahl von PCs in Schwellenländern, die meist ohne ausreichende Schutzvorrichtungen ans Internet angeschlossen werden. "Steigt die Zahl der ungesicherten Rechner, erhöht sich auch die Zahl der potenziellen Gefahren für eigentlich sichere Rechner und die Bedrohungslage für unsere Plattform insgesamt", äußerte ein Unternehmenssprecher gegenüber ZDNet. Daher sei Microsoft bemüht, Computerbesitzern, die nur über begrenzte Mittel verfügen, auch die Möglichkeit zu eröffnen, ihren Rechner sicher zu betreiben.
Verwaltungs- und Systemfunktionen, die bisher Teil von OneCare waren, etwa Printer-Sharing, Backup und automatisiertes PC-Tuning, werden in "Morro" nicht mehr enthalten sein und also zum 30. Juni 2009 eingestellt. "Morro" soll in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres verfügbar sein und lediglich Viren, Spyware, Rootkits und Trojaner aufspüren können. Der Erkennungsmechanismus arbeitet voraussichtlich mit derselben Engine, die auch in Windows Live OneCare steckt.
Fazit: Der Funktionsumfang schrumpft, dafür ist das Angebot dann kostenlos. Aber gibt es nicht schon genug kostenlose Viren- und Malware-Scanner? Und muss man hinter all der Menschenliebe und Großzügigkeit von Microsoft nicht lediglich das versteckte Eingeständnis vermuten, dass der Ausflug des Konzerns in den Bereich Sicherheitssoftware für Consumer ruhmlos gescheitert ist? Eines vorab: So richtig vermissen wird Live OneCare wohl kaum jemand – dazu waren die Nutzerzahlen einfach zu gering. "Microsoft hatte immer einen geringen Marktanteil im Consumer-Markt, und wir erwarten nicht, dass das Ende von OneCare drastische Änderungen nach sich ziehen wird", sagt etwa Eugene Buyakin, COO von Kaspersky Lab[3]. "Mit der steigenden Gefahr durch Schadprogramme und Web-Attacken ist Sicherheit heute so wichtig wie nie zuvor. Wir glauben, dass die Kunden Sicherheitssoftware auch weiterhin aufgrund ihrer Schutzqualität auswählen und sich für das beste Produkt entscheiden."
Ähnliche Ansichten vertritt auch Rowan Trollope, Senior Vice President Consumer Business bei Symantec[4], er drückt sich lediglich etwas diplomatischer aus: "Verbraucher sollten sich bewusst machen, dass Microsofts Kernkompetenz nicht im Bereich Sicherheitssoftware liegt. Der Sicherheitsmarkt ist nicht mit den anderen Bereichen zu vergleichen, in denen Microsoft agiert. Daher sollten User gut überlegen, wie sie sich selbst, ihre Identität und ihre Familie im Internet sichern möchten.
Raimund Genes, CTO für Anti-Malware bei Trend Micro[5], ist auch nicht wirklich überrascht von Microsofts Schritt. "Wir haben früh erkannt, dass die vielschichtige und explosiv wachsende globale Bedrohungslandschaft wahrscheinlich einige Hersteller und Produkte überfordern wird. Der Rückzug einiger Anbieter aus Verkauf und Marketing im Einzelhandel war vorauszusehen."
"Als Microsoft Vista und OneCare erstmals ankündigte, zählte Trend Micro zu den wenigen Unternehmen der allgemein zurückhaltend reagierenden Sicherheitsindustrie, die Microsoft unterstützt haben. Wir haben von Beginn an bei Initiativen zum Schutz von Endanwendern und der Abwehr von Bedrohungen des Betriebssystems kooperiert", so Genes. Trend Micro begrüße auch den geplanten Strategiewechsel von Microsoft und die Bereitstellung einer grundlegenden Sicherheit in Ländern, die geringere Bandbreiten und weniger leistungsfähige PCs besitzen. Der Hersteller bediene diese Märkte seit Jahren selbst, mit einem regional angepassten Portfolio.
"Wir stehen seit langem erfolgreich im Wettbewerb mit anderen kostenlosen Sicherheitsangeboten. Seit dem Start von OneCare hat Trend Micro wesentliche Marktanteile und große Akzeptanz in Nordamerika und weltweit gewonnen. Der Grund liegt in der heutigen Bedrohungslandschaft, für die ein Basisschutz nicht mehr ausreicht. Sowohl Analysten als auch Trend Micro haben darauf hingewiesen, dass sich aktuell ein Wechsel von simplen Antiviren-Produkten zu Suites mit weitreichender Funktionalität vollzieht."
Oder anders gesagt: Wer sich keine anständige Software zur Absicherung seines PCs vor Viren, Trojanern und anderer Malware leisten kann, der soll wenigstens eines der kostenlosen Angebote nutzen - und wenn davon bald eines von Microsoft ist, dann ändert das am Gesamtmarkt auch nicht viel. Eigentlich ein ernüchterndes Fazit für das immerhin größte und bedeutendste Softwareunternehmen der Welt.
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