Die dunkle Seite der Macht: Wird Google zum Darth Vader der IT?

(http://www.zdnet.de/magazin/39197639/die-dunkle-seite-der-macht-wird-google-zum-darth-vader-der-it.htm)

von Kai Schmerer, 31. Oktober 2008

Der Coolness-Faktor ist aufgebraucht: In letzter Zeit häufen sich kritische Berichte über die allgegenwärtige Macht von Google. Der Internet-Konzern sammelt Daten von Nutzern wie kein zweiter. Kann man ohne Google überleben?

Googles Marktanteil bei der Internet-Suche liegt in Deutschland bei über 90 Prozent. Der Internet-Konzern ist so erfolgreich, dass googeln zum Synonym für das Suchen im Internet geworden ist und 2005 als offizielles Wort in den Duden aufgenommen wurde. Seit der Firmengründung durch Larry Page und Sergey Brin vor zehn Jahren[1] hat sich Google zu einem milliardenschweren Global-Player gemausert, der weit mehr als eine reine Suchmaschine ist. Mit einem Wert von 86 Milliarden Dollar gehört Google zu den teuersten Marken der Welt[2].

Der Erfolg Googles gründet sich auf die im Vergleich zur Konkurrenz von Yahoo und Microsoft technische überlegene Suchmaschine. Diese stellt weiterhin das Kernbusiness von Google dar. Google sammelt mit seinen Diensten und Anwendungen Nutzerdaten und macht diese in Form von personalisierter Werbung zu Geld. Je detaillierter das Profil, desto höher ist der Werbewert der Daten.

Während der Erfolg Googles in den ersten Jahren wenig kritisch beäugt und größtenteils sogar von Sympathie der Technikgemeinde rund um den Globus als Gegenpol zum übermächtigen Software-Konzern Microsoft begleitet wurde, haben sich die Vorzeichen inzwischen umgekehrt. Einige Kommentatoren[3] halten Google heute für gefährlicher als Microsoft.

"Don't be evil" - Sei nicht böse, so lautet das Firmenmotto von Google. Davon kann schon lange keine Rede mehr sein. Das Böse versteckt Google im Kleingedruckten, wie die taz beim Blick auf die Nutzungsbedingungen des kürzlich vorgestellten Browsers Chrome süffisant anmerkte[4]. Darin sah Google vor, dass die Rechte von Inhalten, die auf Basis von Chrome erstellt werden, an den Internet-Konzern übergehen. Tags darauf sprach eine Firmenanwältin von einem Versehen, das entstanden sei, da man die Nutzungsbedingungen von anderen Google-Produkten für Chrome übernommen habe.

Der zweite Hauptkritikpunkt an Chrome betrifft den Datenschutz. Der Google-Browser nimmt häufig Verbindung zum Heimat-Server auf, etwa dann, wenn man eine Adresszeile eingibt. Zudem hat Google den Browser mit einer ID-Nummer versehen. Laut Herstellerangaben dient diese lediglich zu Aktualisierungszwecken. Das kann man glauben oder auch nicht. Viele glauben nicht mehr an die jugendliche Unschuld Googles. Vielmehr kursieren überall im Netz Tipps und Tricks, wie man Chrome etwas mehr Privatsphäre beibringt.

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Google-Tools zum Ausspionieren des Nutzerverhaltens[5]

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Das Sammeln von Daten gehört jedoch nicht nur bei Google zur Basis des Geschäftsmodell, schließlich sind auch Yahoo und Microsoft scharf auf Daten ihrer Nutzer. Und auch Firefox nimmt Kontakt zum Heimatserver auf, wenn Daten in die Adresszeile eingeben werden, um den Nutzer mit Adressvorschlägen zu versorgen. Das Besondere an Google ist, dass dessen Datensammlung sich auf einen wesentlich größeren Bereich ausdehnt.

Neben der Suchmaschine bietet der Internet-Konzern eine ganze Reihe von Programmen, die nicht nur für den Anwender nützlich sind, sondern auch Google bei der Schaffung eines möglichst vollständigen Profils helfen. Google Maps, Google Earth, Google Mail, Google Streetview - alles mehr oder weniger populäre Applikationen, die dazu gedacht sind, noch mehr Informationen über die Nutzer zu sammeln. Immerhin stößt die Datensammelwut Googles zunehmend auf öffentliches Interesse. Im Juni 2007 wurde Google bei einer Untersuchung der Bürgerrechtsorganisation Privacy International (PI) als einzigem von 23 untersuchten Internet-Dienstleistungsunternehmen das Prädikat "datenschutzfeindlich" verliehen.

Für den Internet-Aktivisten und Gründer der freien Software-Entwicklung GNU[6] Richard Stallman[7] sind Anwendungen wie Google Mail, schlimmer als Dummheit[8]. Mittelfristig führe Cloud-Computing immer mehr Anwender an proprietäre Systeme heran. Technologische Weiterentwicklungen würden behindert. Die kommerzielle Cloud-Computing-Falle schnappe zu.

Logfile der Nutzerstatistik über 12 Terabyte groß

Wikipedia nennt Google unter dem Begriff Datenkrake[9] noch vor der GEZ[10] und der Schufa[11]. Bestätigt wird diese Einschätzung durch Details, die während des Prozesses von Viacom gegen die Google-Tocher Youtube bekannt wurden[12]. Ein New Yorker Richter verfügte, dass Viacom die von Youtube gesammelten Nutzerdaten auf Urheberrechtsverletzungen überprüfen darf. Angesichts der Menge von über 12 Terabyte[13] dürfte das einige Zeit in Anspruch nehmen.

Die Datensammelwut von Google und seinen Tochterunternehmen ist also sehr groß. Datenschutzbestimmungen europäischer Prägung kennt das US-Unternehmen nicht. Die Ausnahme bildete der Fall, als CNET-Reporterin Elinor Mills am Beispiel von Google-Chef Eric Schmidt[14] zeigte, was der Such-Gigant über Personen weiß. Die Reaktion des Internet-Konzerns war nicht so locker, wie man sich sonst gibt. Als erstes belegte man CNET[15] mit einem Informationsboykott[16]. Sämtliche CNET-Journalisten sollten ein Jahr lang keine offiziellen Statements mehr von Google erhalten. Offensichtlich will Google-Chef Eric Schmidt nicht gegoogelt werden. Den Datenschutz der eigenen Mitarbeiter nimmt Google also ernst. Der Internet-Konzern beendete den CNET-Boykott allerdings nach nur drei Monaten[17].

Angesichts der massiven Datensammelwut und fragwürdiger Nutzerbestimmungen beginnen immer mehr Menschen, Google zu meiden. Natürlich sammelt auch die Konkurrenz kräftig Nutzerdaten. Dennoch erscheint es vielen Anwendern sinnvoll, ihre Daten gleichmäßig zu verteilen. Wer im Internet ausschließlich Google-Dienste nutzt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass der Internet-Werbe-Konzern irgendwann über ein umfangreiches Nutzerprofil verfügt, das weit über die Angaben eines selbst erstellten Lebenslaufs hinausgeht.

Scroogle.org: Google-Suche nutzen, ohne Daten zu hinterlassen

Klar ist, dass es in Anbetracht der Such-Qualität nicht verwundert, dass Google in Sachen Suche in Deutschland auf einen Marktanteil von über 90 Prozent kommt. Die Google-Suche bietet im Vergleich zu anderen Lösungen eine höhere Performance und bessere Resultate. Mit Scroogle[18] steht seit 2005 ein Dienst der gemeinnützigen Firma Public Information Research zur Verfügung, der eine Google-Suchanfrage ermöglicht, ohne dass die Nutzerdaten bei Google landen. Scroogle verwendet keine Cookies, zeichnet keine Suchbegriffe auf, und die Zugriffsstatistik wird alle 48 Stunden gelöscht. Die Such-Ergebnisse enthalten keine Google-Anzeigen und keine gesponserten Treffer. Der Dienst wurde von Google-Kritiker Daniel Brandt gegründet, der auch den Blog Google-Watch[19] betreibt. Der Begriff Scroogle basiert auf einer Kombination aus "Scrooge[20]" (engl. "Geizhals"), der bekannten Hauptfigur aus Dickens'[21] Weihnachtsgeschichte, und "Google".

Die Integration von Scroogle als Standardsuchmaschine ist für die Browser Firefox, Internet Explorer[22] und Opera möglich. Die Suchmaschine liefert Ergebnisse in 28 Sprachen[23], inklusive Deutsch[24]. Nur Safari erlaubt nicht die Einstellung von Scroogle als Default-Suchmaschine. Der Apple-Browser ermöglicht überhaupt keine Änderung der Default-Suche. Diese ist, wen hätte es gewundert, auf Google eingestellt. Ob diese Einschränkung daran liegt, dass Google-Chef Eric Schmidt im Aufsichtsrat von Apple sitzt und Google der größte Firmenkunde von Apple ist?

Google-Komplettschutz: TOR-Netzwerk

Das aus virtuellen Tunneln bestehenden TOR-Netzwerks[25] erlaubt eine weitgehende Anonymisierung der Verbindungsdaten. Der Name leitet sich von der Anonymisierungstechnik The Onion Routing[26] ab, die Webinhalte über ständig wechselnde Routen über mehrere Zwischenstationen (Mix[27]) leitet. Eine Website kann dadurch nicht mehr direkt feststellen, von welcher Adresse die Daten angefordert wurden. Allerdings bietet TOR, wie alle anderen Anonymisierungsdienste auch, nur eine begrenzte Anonymität. Durch das Überwachen des ersten und letzten Knotens kann mit Hilfe statistischer Auswertungen die Identität entschlüsselt werden. TOR steht für Windows[28], Mac[29] und Linux[30] zur Verfügung.

Peer-to-Peer-Suche YaCy

Die Suchmaschine YaCy[31] verfügt über keinen zentralen Gesamtindex, sondern speist sich aus Daten von vielen tausend Internetrechnern. Jeder, der an YaCy teilnehmen möchte, muss hierfür die frei verfügbare Software auf seinen Rechner laden und wird damit zum Teil des YaCy-Netzes. Das Programm steht für Windows[32], Mac[33] und Linux[33] zur Verfügung. Der Suchindex kann durch persönlich konfigurierte Crawler erweitert werden. Durch das dezentrale Prinzip des verteilten Rechnens ist YaCy relativ ausfallsicher. Erstaunlich an YaCy ist die Qualität der Treffer. Unter www.yacyweb.de[34] kann man sich davon ein Bild machen.

Fazit

Das Sammeln von Nutzerdaten ist Googles Hauptbeschäftigung. Es dient dem Konzern zur Erstellung eines detaillierten Nutzerprofils. Je ausgefeilter das Profil, desto höher sind die Werbeeinnahmen, die daraus resultieren. Das Sammeln von Informationen ist nicht allein auf die Google-Suche begrenzt. Der Internet-Konzern sammelt in den unterschiedlichsten Bereichen, was das Zeug hält. Nach dem erfolgreichen Start in den Mobilfunk-Sektor[35] steht als nächstes der Gesundheitsbereich auf der To-Do-List. Google-Health[36] ist ein Dienst für virtuelle Krankenakten. Offensichtlich will sich der Internet-Konzern im milliardenschweren Pharmamarkt eine zusätzliche Einnahmequelle schaffen. Der Nutzer erhält wahrscheinlich auf Basis der Diagnose-Daten eine Empfehlung eines speziellen Pharma-Produkt-Mixes. Möglicherweise landet auch Post eines Bestattungssunternehmers in der Inbox.

Das Vordringen Googles in große Teile des privaten Bereichs lässt manche Zeitgenossen das Schlimmste befürchten. Martin Virtel von der Financial Times schreibt in einem Kommentar[3]: "Google ist die Weltmaschine. Eine Weltmaschine, die unsere Straßen und Hinterhöfe fotografiert. Die unsere E-Mails und unsere Fotos analysiert, unsere Reiseplanung kennt, unserem Handy vermittelt, wo der nächse Bus fährt, unsere Hochzeitsvideos verbreitet und uns bald vermutlich schon lange vor der Scheidung einen Beziehungstherapeuten empfehlen wird."

So weit muss es nicht kommen. Zunächst einmal steht es jedem frei, statt Google andere Anbieter zu nutzen. Zugegeben: Angesichts der hohen Qualität der von Google angebotenen Dienste dürfte das für viele Nutzer nicht infrage kommen. Mit Tools wie dem TOR-Netzwerk oder Scroogle.org lassen sich die Google-Spionagetools in die Irre führen. Und mit YaCy steht eine Jedermann-Suchmaschine zur Verfügung, die zwar etwas langsamer als die Google-Suche arbeitet, dafür aber deutlich bessere Ergebnisse liefert.

Leseempfehlungen:

  • Lars Reppesgaard: Das Google-Imperium[37]. Murmann Verlag 2008, 19,90 Euro
  • Veit Siegenheim, Ralf Kaumanns: Die Google-Ökonomie: Wie Google die Wirtschaft verändert[38], Books on Demand Gmbh 2007, 24,80 Euro
  • David Vise/Mark Malseed : Die Google-Story[38], Murmann Verlag 2006, 19,90 Euro
  • URLs in diesem Artikel:
    [1] = http://www.zdnet.de/news/business/0,39023142,39196895,00.htm
    [2] = http://www.zdnet.de/news/business/0,39023142,39189926,00.htm
    [3] = http://www.ftd.de/meinung/kommentare/:Kommentar_Google_wird_das_neue_Microsoft_nur_gef%E4hrlicher/408534.html
    [4] = http://www.taz.de/1/leben/internet/artikel/1/das-boese-steckt-im-kleingedruckten/
    [5] = http://www.zdnet.de/galerie/39197638/google-tools-zum-ausspionieren-des-nutzerverhaltens.htm#sid=39197639
    [6] = http://de.wikipedia.org/wiki/GNU-Projekt
    [7] = http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Stallman
    [8] = http://www.zdnet.de/news/business/0,39023142,39197022,00.htm
    [9] = http://de.wikipedia.org/wiki/Datenkrake
    [10] = http://de.wikipedia.org/wiki/GEZ
    [11] = http://de.wikipedia.org/wiki/Schufa
    [12] = http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,563821,00.html
    [13] = http://latimesblogs.latimes.com/webscout/2008/07/viacom-and-the.html
    [14] = http://news.cnet.com/Google-balances-privacy%2C-reach/2100-1032_3-5787483.html
    [15] = http://www.cnet.com/
    [16] = http://www.computerwoche.de/index.cfm?pid=546&pk=565632
    [17] = http://www.sfgate.com/cgi-bin/article.cgi?f=/c/a/2005/09/28/BUG92EURPI1.DTL
    [18] = http://de.wikipedia.org/wiki/Scroogle
    [19] = http://google-watch.org/
    [20] = http://dict.tu-chemnitz.de/dings.cgi?lang=de&service=deen&opterrors=0&optpro=0&query=scrooge&iservice=&comment=
    [21] = http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Dickens
    [22] = http://mycroft.mozdev.org/search-engines.html?name=scroogle
    [23] = http://www.scroogle.org/langsup8.html
    [24] = http://www.scroogle.org/scrapde8.html
    [25] = http://www.torproject.org/index.html.de
    [26] = http://de.wikipedia.org/wiki/Onion_Routing
    [27] = http://de.wikipedia.org/wiki/Mix_(Netzwerk)
    [28] = http://www.zdnet.de/windows_system_verbessern_tor__the_onion_router_download-39002345-9673-1.htm
    [29] = http://www.zdnet.de/apple_absichern_tor__the_onion_router__fuer_mac_download-39002345-154523-1.htm
    [30] = http://www.zdnet.de/kostenloses_netzwerk_tor__the_onion_router__fuer_linux_download-39002345-154524-1.htm
    [31] = http://de.wikipedia.org/wiki/Yacy
    [32] = http://www.zdnet.de/internet_suche_unter_windows_yacy_download-39002345-153465-1.htm
    [33] = http://www.zdnet.de/kostenloses_netzwerk_yacy_download-39002345-153464-1.htm
    [34] = http://www.yacyweb.de/
    [35] = http://www.zdnet.de/mobile/handy/0,39023408,39197705,00.htm
    [36] = http://www.googlewatchblog.de/2007/08/14/google-health--die-virtuelle-krankenakte/
    [37] = http://www.amazon.de/Das-Google-Imperium-Lars-Reppesgaard/dp/3867740461/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1225452235&sr=8-1
    [38] = http://www.amazon.de/Die-Google-%C3%96konomie-Google-Wirtschaft-ver%C3%A4ndert/dp/3833497955/ref=pd_sim_b_1