Das Internet ändert alles - vor allem aber weiterhin die Geschäftswelt: Wer E-Mails noch als Briefersatz und surfen als Informationssuche begreift, hat die Zukunft verschlafen. ZDNet zeigt, welche Trends die Experten sehen.
Vielleicht liegt es an den augenblicklich sehr schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen[1], dass die IT-Branche verstärkt in die ferne Zukunft blickt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Branche erwachsen geworden ist und nach vielen Jahren, in denen über Innovationen und deren Vermarktung nahezu im Quartalsrhythmus zumindest gesprochen wurde, allmählich die Erkenntnis einzieht, dass es nicht nur darum geht, die Rechenleistung entsprechend Moores Überlegungen[2] regelmäßig alle zwei Jahre zu verdoppeln.
Gefragt ist inzwischen vielmehr die intelligente Verwendung der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Interessant ist aber auch die Abschätzung der Wechselwirkungen von neuen Technologien mit gesellschaftlichen Veränderungen. ZDNet fasst die wichtigsten Argumente, Fakten und Prognosen der letzten Zeit zusammen.
Da sich die IT nicht im luftleeren Raum bewegt, ist es wichtig, die allgemeinen Rahmenbedingungen abzustecken. Dazu eignet sich eine aufwändige Zukunftsstudie von TNS Infratest[3] im Auftrag von Siemens[4]. Sie wurde vor einiger Zeit unter dem Namen Horizons 2020[5] veröffentlicht. Die Ergebnisse sind in einem über 300 Seiten starken Bericht[6] (PDF) dargelegt.
Das Wichtigste aus dem Bericht in Kürze: Die Siemens-Studie betrachtet zwei Extremszenarien genauer, die Horizon1 und Horizon2 genannt werden. Horizon1 beschreibt eine Entwicklung in europäischer Tradition mit relativ starkem Staat und einer Gesellschaft, die hohen Wert auf Solidarität und Nachhaltigkeit legt und dafür auch ein geringeres wirtschaftliches Wachstum in Kauf nimmt - mit allen Folgen für ihre Sozialsysteme.
Horizon2 geht dagegen von einer wirtschaftlich sehr dynamischen Entwicklung aus, die vom Markt und dem globalen Wettbewerb gesteuert wird. Voraussetzung dafür ist eine sehr flexible Gesellschaft mit der Bereitschaft zu hoher Eigenverantwortung und größerem sozialen Risiko.
Zusätzlich ermittelten die Marktforscher im Rahmen der Studie zehn sogenannte Megatrends, die ihrer Ansicht nach alle anderen Entwicklungen mitbestimmen werden. Dabei handelt es sich um:
- zunehmende Globalisierung
- steigendes Lebensalter
- weniger Kinder
- mehr Einfluss für Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft
- freie Wahl der Lebensformen
- steigende Bedeutung virtueller Communities
- Vernetzung der Kommunikationsmedien
- steigende Mobilität (Entlokalisierung)
- zunehmende Migration nach Europa
- Beschleunigung des technischen Wissens und der Produktzyklen
Drei dieser Megatrends der Siemens-Studie hat auch der kanadische Berater und Buchautor Don Tapscott[7] in seinem Vortrag[8] auf dem von T-Sytems Multimedia Solutions[9] ausgerichteten diesjährigen Dresdner Zukunftsforum[10] aufgegriffen: zunehmende Globalisierung, steigende Mobilität sowie die wachsende Bedeutung virtueller Communities.
Tapscott sieht die Geschäftswelt an der Schwelle zu grundlegenden Veränderungen in Organisation, Innovation und Wertschöpfung. Neue Grundlage der Wettbewerbsfähigkeit seien offene, vernetzte Unternehmen. Sein Schlagwort dafür heißt "Enterprise 2.0". Dafür spielt Informationstechnik und die Vernetzung über das Internet die zentrale Rolle.
Auf dem Weg zu "Enterprise 2.0" sieht er vier Faktoren als wesentliche Kräfte an: Web 2.0. die Net-Generation sowie die soziale und ökonomische Revolution. Seiner Ansicht nach gehören zu Web 2.0 nicht nur anwendererzeugte Inhalte, sondern auch die Vielfalt an Zugangsgeräten und Anbindungsmöglichkeiten.
Die von Tapscott als "Net-Generation" bezeichneten jungen Menschen hätten das erste Mal in der Geschichte der Menschheit bereits in der Jugend ihre Eltern an Know-how überholt und gingen mit den neuen Technologien wesentlich schneller und selbstverständlicher um. Insbesondere die Möglichkeiten der individuellen Anpassung von Services und Diensten sowie die individuelle Nutzung von Medien und Kommunikationsmitteln hätten sie ihren Eltern voraus - die vielfach den PC immer noch als intelligente Schreibmaschine benutzen. Die Herausforderung für Unternehmen sieht Tapscott darin, diese weitgehend selbstorganisierten Menschen so in traditionelle hierarchische Strukturen einzubinden, dass sie einen wertvollen Beitrag leisten - oder vielmehr ihre Strukturen zu ändern. "Das Internet reduziert die Kosten der Kollaboration zwischen Unternehmen. Firmen, die auch künftig alles allein machen wollen, fallen im Wettbewerb zurück", meint Tapscott. Forschung, Produktentwicklung oder Innovationen finden nach seiner Ansicht künftig vor allem in Netzwerken statt und Unternehmen beginnen, sich wieder aufzuteilen und mit Partnern zusammenzuarbeiten - was aber nicht bedeuten muss, dass sie kleiner würden.
Wie Offenheit durch das Internet zum Erfolg führen kann, illustriert Tapscott am Beispiel des kanadischen Bergbaukonzerns Goldcorp[11]. Dessen Geologen konnten keine neuen Goldvorkommen mehr finden. Der damalige Chef Rob McEwen[12] stellte daraufhin alle sonst streng geheimen geologischen Daten des Unternehmens ins Internet. Außerdem setzte er eine halbe Million Dollar Preisgeld für denjenigen aus, der lohnenswerte Goldvorkommen lokalisierte. Das Ergebnis: Mehr als 1000 Menschen beteiligten sich an dem Wettbewerb, Goldcorp fand Gold für dreieinhalb Milliarden Dollar.
Etwas konservativer, aber deshalb nicht weniger erfolgreich in der Anwendung der neuen Möglichkeiten war Procter & Gamble[13]. Aus einer Situation mit wenig Innovationen, Verlust an Marktanteile und sinkenden Aktienwerten befreite der Vorstandsvorsitzende Alan G. Lafley[14] das Unternehmen, indem er eine neue Kultur der Offenheit verordnete.
Die Hälfte aller Innovationen kommt jetzt von außen ins Unternehmen. "Vertikal integrierte Unternehmen werden durch fokussierte Unternehmen ersetzt, die in Business-Webs mit anderen Unternehmen erfolgreich kollaborieren", meint Tapscott. Wer im stillen Kämmerlein für sich alleine nach neuen Lösungen suche, sei in Zukunft einfach zu langsam. Unter der Leitung des Zukunftsforschers Lars Thomsen[15] haben sich im Vorfeld der Münchner IT-Messe Systems[16] auch Vertreter von IBM[17], Microsoft[18], Siemens[19] und Sun[20] auf die Suche nach der Zukunft begeben. Wie zu erwarten war, blieben ihre Vorstellungen deutlich näher an den bisher bekannten Produkten als die von Tapscott. Dennoch gab es interessante Trendprognosen.
Thomsen etwa ist sich sicher, dass bis 2020 Computer intelligent werden - "es sind also keine dummen Maschinen mehr, mit denen wir Menschen immer kämpfen, sondern sie unterstützen uns in vielen Dingen. Und sie werden uns auch dabei helfen, die Kommunikationslast, unter der heute viele leiden, etwas zu reduzieren." Als zweiten wichtigen Aspekt sieht Thomsen die Notwendigkeit des Rechnereinsatzes, ohne den sich viele Aufgaben in den kommenden Jahren überhaupt nicht mehr bewältigen ließen. Sein Fazit: Mensch und Rechner werden sich 2020 wesentlich besser ergänzen als heute. "Das Beste in der IT haben wir noch gar nicht gesehen."
Donatus Schmid, Sprecher der Geschäftsleitung von Sun Deutschland, greift für seine Prognose für 2020 auf die Vergangenheit zurück: "Geht man zwölf Jahre zurück und betrachtet Faktoren wie CPU, Speicherplatz und Plattenkapazität, stellt man fest, dass die Leistung um den Faktor 1000 zugenommen hat. Multipliziert man die heutigen Werte damit, dann hat man im Jahr 2020 beispielsweise ein iPhone mit fast 100 Terabyte Speicherkapazität, der Rechenleistung eines aktuellen, mittleren Rechenzentrums und Gigabit-Ethernet als Bandbreite."
Für wesentlich schwieriger hält Schmid die Vorhersage, wie wir mit den technologischen Voraussetzungen umgehen. Er ist sich aber sicher, dass Open Source, offene Standards eine wesentlich größere Rolle spielen werden als heute.
Ralph Haupter, Business- und Marketing-Officer bei Microsoft Deutschland, nennt drei Bereiche, die sich besonders stark entwickeln: Services und die Art, wie Menschen IT erleben, sowie Mobilität und das Arbeitsverhalten - also wo, wann und wie Mitarbeiter zusammenarbeiten. Außerdem werde sich 2020 alles, was mit Haptik[21] zu tun hat, komplett verändert haben.
"Alles, was wir heute an Touchscreens und Sprachsteuerung sehen, ist erst ein bescheidener Anfang, da kommt noch richtig was auf uns zu." Und natürlich sieht Haupter Microsoft, etwa mit Surface[22], an der vordersten Front der technologischen Entwicklung. Doch eine schlechte Nachricht hat Haupter auch für sein Unternehmen: Computermäuse benötige 2020 kein Mensch mehr. Aufschlussreich ist es, den Prognosen und Visionen der Managementberater und Firmenvertreter die Ansichten der Wissenschaft gegenüber zu stellen. Eine Möglichkeit dazu ist etwa das von Physik-Nobelpreisträger Theodor W. Hänsch[23] herausgegebene Buch "100 Produkte der Zukunft[24]". Immerhin 14 davon werden in der Rubrik "Computer" aufgeführt - vom Löschroboter für Waldbrände bis zum sprechenden Werbeplakat.
Auffällig stark vertreten ist das auch von Microsoft-Mann Haupter angesprochene Thema Haptik und Sprachsteuerung. Eine auf organischen Leuchtdioden (OLED[25]) aufbauende Technik des Instituts für Hochfrequenztechnik[26] der Technischen Universität Braunschweig etwa soll demnächst Prototypen durchsichtiger Displays ermöglichen. Statt den bisher benutzten Steuereinheiten aus lichtundurchlässigem Silizium sollen künftig 100 Nanometer[27] starke Zinkoxid[28]-Schichten verwendet werden, die 90 Prozent des einfallenden Lichts durchlassen. Voraussichtliche Marktreife: zwischen 2010 und 2012.
Das Projekt PointScreen[29] des Fraunhofer IAIS [30] (Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme) soll es spätestens 2012 möglich machen, handelsübliche Rechner berührungslos, lediglich durch Gesten zu bedienen. Dazu wird ein schwaches elektrisches Feld um den Anwender herum aufgebaut in dem sich jede Bewegung erfassen lässt. Erste Einsatzgebiete sind wahrscheinlich Computer im öffentlichen Raum, die so weitgehend vor Vandalismus geschützt werden können, in Fahrzeuginnenräumen, oder auch interaktive Spiele.
Weitere in dem Buch beschriebene Projekte sind die bereits bekannten[31] Terahertz[32]-Wellen, die aber nach Prognosen des Terahertz-Labs der TU Braunschweig[33] erst gegen 2020 zur Marktreife gelangen werden, oder der ebenfalls schon häufiger durch die Medien gegangene Future Store[34], ein vollkommen RFID-gestützter Supermarkt mit Selbstbedienungskasse.
Ob es eine Lieblingsvision der Science-Fiction-Autoren - den Roboter mit Gefühl und Intelligenz - 2020 geben wird, ist eher unwahrscheinlich. Immerhin arbeiten Forscher[35] von Siemens und der Universität Paderborn daran. Ihr Projekt MEXI (Machine with Emotionally Extended Intelligence) soll zwischen 2017 und 2027 zur Marktreife gelangen. Erstes Anwendungsbeispiel: ein Fahrkartenautomat. Wer die heutigen Modelle kennt, weiß, dass da noch viel zu tun ist.
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