Höchste Zeit, dass Microsoft endlich Citrix kauft

(http://www.zdnet.de/magazin/39196203/hoechste-zeit-dass-microsoft-endlich-citrix-kauft.htm)

von Jason Perlow und Peter Marwan, 17. September 2008

Der Flirt zwischen Microsoft und Citrix dauert schon fast zwanzig Jahre. Mit der Übernahme von Qumranet könnte sich Red Hat jetzt jedoch als Spielverderber erweisen. Sie schafft eine völlig neue Ausgangssituation - und lässt Platz für Spekulationen.

Die Beziehung zwischen Microsoft[1] und Citrix[2] ähnelt der zwischen einem Mann und einer Frau, die sich seit 15 Jahren immer wieder zu Rendez-vous verabreden - die aber immer folgenlos bleiben. Wie ein kurzer Blick in die Firmengeschichte zeigt, hätte es Gelegenheiten genug gegeben, sich endgültig zusammenzutun. Aktuelle Entwicklungen legen jedoch nahe, dass bald die wirklich letzte Chance gekommen ist, dass beide Unternehmen von einer Übernahme profitieren.

Die Anfänge der Romanze sind in den frühen neunziger Jahren zu suchen, als Citrix mit Multiuser[3] sein erstes Produkt vorgestellt hat. Es handelte sich dabei um eine angepasste Version des Betriebssystems OS/2[4], das aus einer gemeinsamen Anstrengung von IBM[5] und Microsoft hervorgegangen war. Zur Hauptzielgruppe von Citrix gehörten Unternehmen, die ihren Mitarbeitern Remotezugriff auf Anwendungen gewähren wollten.

Jedes Unternehmen, das sich in den USA eine T1-Anschluß[6] beziehungsweise in Europa einen Primärmultiplexanschluss[7] leisten konnte, bemühte sich damals darum, diesen wertvollen Besitz so gut wie möglich zu nutzen. Citrix, mit seinem sehr schlanken ICA Remote Display Protokoll[8] half dabei, das meiste aus der zur Verfügung stehenden Bandbreite herauszuholen und Zweigstellen sowie mobilen Mitarbeitern dennoch ansprechende Client-Server-Anwendungen bereitzustellen.

Als OS/2 nicht länger eine entwicklungsfähige Plattform für Citrix war, lizensierte das Unternehmen eine andere Technologie von Microsoft. Die Mehrnutzerlösung von Windows NT 3.51 verkaufte Citrix als WinFrame[9]. Schwierig wurde es Mitte der neunziger Jahre, als Microsoft im Zuge der Entwicklung von NT 4.0[10] mit der "Windows NT 4.0 Terminal Server Edition" ein Produkt auf den Markt brachte, das mittels des eigenen Remote-Desktop-Protokolls[11] Teilfunktionalitäten von WinFrame bereitstellte.

Man verständigte sich darauf, dass Citrix ein Zusatzprodukt zu NT 4.0 entwickelte: MetaFrame[12]. Es brachte verbesserte Multi-User-, Load-Balancing- und Clustering-Funktionen. Im Gegenzug konnte Microsoft viel der Citrix-Technologie in NT und Windows 200x integrieren. Sie tauchte dort als Windows Terminal Services[13] wieder auf. Das weniger ausgereifte Protokoll RDP, geringere Flexibilität und das fehlende Load Balancing der Terminal Services ließen jedoch der Citrix-Lösung technologisch einen Vorsprung. Zusätzlich waren Citrix-Lizenzen für jeden Client zu bezahlen, der das ICA-Protokoll nutzte. Das brachte manchen Deal zum Platzen. Für Firmen mit Microsoft-Volumenlizenzverträgen war es oft einfacher, Windows Terminal Server zu nutzen, wenn sie nicht unbedingt auf die Zusatzfunktionen angewiesen waren, die MetaFrame bot.

In einigen Firmen wurden Anwender im LAN mit den Terminal Services bedient und eine kleinere, die Citrix-Funktionen benötigende Gruppe, mit MetaFrame, um so den Lizenzoverhead klein zu halten. Aus MetaFrame wurde erst der Citrix Presentation Server und schließlich Citrix XenApp – die Zusatzkosten jedoch blieben. Lange stand die Frage im Raum, warum Microsoft nicht einfach die Portokasse aufmacht und Citrix übernimmt. Zumindest für die Kunden wäre dadurch vieles einfacher geworden.

Im Oktober 2007 kaufte Citrix schließlich XenSource[14], die Firma, die hinter der Entwicklung des Open-Source-Produktes Xen Hypervisor stand. Dadurch wurde Citrix nicht nur ein wichtiger Anbieter für die Entwicklung von Thin Clients sondern auch für den Virtualisierungsmarkt. Komplizierter wird die Situation dadurch, dass XenSource auch die technische Grundlage[15] von Microsofts Hypervisior Viridian[16] ist - der inzwischen als Hyper-V[17] in Windows Server 2008[18] integriert wurde.

XenSource entwarf und schuf auch den Hypercall Adapter, mit dem Linux-Betriebssysteme innerhalb von Hyper-V laufen. Im September 2007 einigten sich Citrix und Microsoft darauf, Microsofts VHD-Format für virtuelle Maschinen zu standardisieren[19], damit Citrix XenServer und Hyper-V problemlos interagieren können.

Spätestens hier wirft sich erneut die Frage auf, warum Redmond bei einer seiner Schlüsseltechnologien, die auf den Entwicklungen von XenSource basiert, nicht endgültig den Sack zugemacht hat und dem Flirt mit Citrix durch eine Übernahme ein Ende bereitete. Aber nein, Citrix blieb eine verschmähte Braut und musste gegen das Supermodel VMware[20] in den Ring steigen. Keine leichte Aufgabe, da der Marktanteil von VMware 80 Prozent betrug. Das hielt Citrix jedoch nicht davon ab, ein paar interessante Produkte zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Dazu gehört unter anderem der XenDesktop, der im Vergleich zu VMwares VDI technisch zumindest gleichwertig oder sogar überlegen ist - aber trotzdem noch nicht richtig Fuß gefasst hat. Wer so lange wartet, muss sich nicht wundern, wenn andere zum Zuge kommen: Die Übernahme von Qumranet[21], einem israelischen Start-up ehemaliger XenSource-Gründer, durch Red Hat für 107 Millionen Dollar mischt die Karten neu. Qumranet[22] bringt nämlich nicht nur den KVM-Hypervisor[23] zu Red Hat mit, sondern auch ein leistungsfähiges Thin-Client-Protokoll sowie mit Solid ICE[24] eine Provisionierungs- und Verwaltungsplattform, die weder den Vergleich mit XenDesktop noch VMwares VDI scheuen muss. Red Hat ist so auf einen Schlag hervorragend positioniert, um sowohl Citrix als auch VMware bei Desktop-Virtualisierung herauszufordern.

Die großem Preisfrage: Wer brachte erst kürzlich einen neuen Hochleistungshypervisor auf den Markt und hat bezüglich Desktop-Virtualisierung überhaupt nichts anzubieten? Richtig, Microsoft. Die Situation ist – lediglich in einem anderen Umfeld - damit wieder genau so wie vor 15 Jahren.

Um im Kampf gegen VMware und Red Hat zu bestehen, müssen sich Microsoft und Citrix endlich vermählen. Dafür sprechen gleich mehrere Gründe: Citirx kann helfen die Hyper-V und die Xen-Technologie schneller zusammenzubringen, so dass Microsoft auch eine Lösung für die Desktop-Virtualisierung bekommt. Zweitens, weil Red Hat durchblicken ließ, dass das SPICE-Protokoll ebenso Open Source werden soll wie große Teile von Solid ICE. Somit würde es für Citrix und Microsoft noch schwieriger den Kunden zu erklären, warum sie zwei Lizenzen zahlen sollen. Wenn jedoch XenApp ein Teil von Windows Server und XenDesktop in den Microsofts "System Center Virtual Machine Manager" integriert wäre, stiegen die Chancen von Citrix- und XenDesktop, gegen Red Hat zu punkten. Welche Chancen hätte das Open Source Projekt Xen[25] wenn Microsoft Citrix kaufen würde? Wenig wahrscheinlich wäre, dass Microsoft den XenServer pflegen und verkaufen sowie ihn in seine Produktlinie System Center[26] integrieren würde. Xen wäre dann Microsofts erstes größeres Open-Source-Projekt und könnte dazu dienen, Erfahrungen zu sammeln und die Reputation im Open-Source-Umfeld aufzupolieren.

Die zweite Möglichkeit wäre, den XenServer samt dem Xen-Projekt an Novell zu verkaufen aber die Rechte am Code und an geistigem Eigentum, dass für Hyper-V verwendet wurde, bis zu einem vertraglich vereinbarten Zeitpunkt zu behalten.

Auf diesem Wege bekäme Novell endlich einen eigenen Hypervisor und könnte die mit der Platespin-Übernahme[27] im Frühjahr angestrebte Enterprise-Virtualisierungslösung anbieten. Microsoft dagegen hätte einen Partner, der in der Lage wäre, ein wichtiges Open-Source-Projekt zu verwalten und gleichzeitig die Kompatibilität zu künftigen Microsoft-Lösungen sicherzustellen. Worauf wartet man in Redmond also noch?

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.microsoft.de
[2] = http://www.citrix.de
[3] = http://207.22.26.166/archive/citrixFirstImpression.html
[4] = http://de.wikipedia.org/wiki/OS/2
[5] = http://www.ibm.de
[6] = http://de.wikipedia.org/wiki/Trunk_1
[7] = http://de.wikipedia.org/wiki/Prim%C3%A4rmultiplexanschluss
[8] = http://de.wikipedia.org/wiki/Independent_Computing_Architecture
[9] = http://en.wikipedia.org/wiki/Citrix_WinFrame
[10] = http://de.wikipedia.org/wiki/Microsoft_Windows_NT_4.0
[11] = http://de.wikipedia.org/wiki/Remote_Desktop_Protocol
[12] = http://de.wikipedia.org/wiki/Metaframe
[13] = http://en.wikipedia.org/wiki/Terminal_Services
[14] = http://www.zdnet.de/news/business/0,39023142,39158609,00.htm
[15] = http://www.zdnet.de/news/software/0,39023144,39145389,00.htm
[16] = http://www.zdnet.de/news/software/0,39023144,39153474,00.htm
[17] = http://www.zdnet.de/news/software/0,39023144,39192732,00.htm
[18] = http://www.zdnet.de/news/software/0,39023144,39187730,00.htm
[19] = http://www.citrix.com/English/NE/news/news.asp?newsID=681751
[20] = http://www.vmware.de
[21] = http://www.zdnet.de/news/business/0,39023142,39195746,00.htm
[22] = http://www.qumranet.com/
[23] = http://en.wikipedia.org/wiki/Kernel-based_Virtual_Machine
[24] = http://www.qumranet.com/products-and-solutions
[25] = http://www.xen.org/
[26] = http://www.microsoft.com/systemcenter/en/us/default.aspx
[27] = http://www.zdnet.de/news/business/0,39023142,39187587,00.htm