Windows durch etwas ganz Neues zu ersetzen - das scheint vielen eine gute Idee. Mit Midori arbeitet Microsoft offenbar an einem Nachfolger für sein in die Jahre gekommenes OS. ZDNet dokumentiert den aktuellen Stand.
Zu groß, zu langsam, zu unsicher und zu instabil - so lauten nur einige der Vorwürfe, mit denen sich Windows-Schöpfer Microsoft[1] konfrontiert sieht. Allen Unkenrufen zum Trotz hält Redmond seine Vormachtstellung auf dem OS-Markt - nicht zuletzt aufgrund des geschickten Bundlings mit jedem neuen Rechner. Lediglich Mac OS X[2] hat in den letzten Jahren deutlich Marktanteile gewonnen.
Mittlerweile rütteln aber nicht nur direkte Konkurrenten wie Apple[3] und Linux in seinen unterschiedlichen Ausführungen an Microsofts Festung, sondern auch immer leistungsfähigere Webapplikationen. Ihnen ist es völlig egal, auf welcher Plattform sie ausgeführt werden.
Dass Windows weiterentwickelt werden muss, um auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der IT zu spielen, steht außer Frage. Strittig dagegen ist, wie das geschehen soll: Während einige für ein völlig neu entwickeltes OS votieren und dabei Apples Umstieg von OS 9 auf OS X als Beispiel heranziehen, halten andere eine langsame Renovierung für die bessere Lösung. Entschieden - zumindest öffentlich - hat Microsoft bislang nichts.
Seit einige Wochen beflügelt ein neues Wort die Phantasie der Nutzer: Midori. Ein Artikel[4] der Software Development Times[5] hat die Diskussion zusätzlich angeheizt. Vielerorts wird Midori bereits als "Nachfolger von Windows" ausgerufen. So weit ist es aber noch lange nicht.
Microsoft hat aus den Problemen bei der Entwicklung von Windows Vista[6] gelernt und verspricht für den Nachfolger Windows 7 zunächst einmal fast gar nichts. Lediglich auf zwei Eckdaten haben sich die Redmonder festgelegt.
So gilt eine Veröffentlichung drei Jahre nach der Markteinführung von Vista - also Ende 2009 oder Anfang 2010 - als gesetzt. Außerdem wurde bereits deutlich gemacht, dass Windows 7 nur ein evolutionärer Schritt ist. Alle Anwendungen und Treiber, die unter Vista funktionieren, sollen auch unter dem neuen OS ihren Dienst verrichten.
Von umfangreichen Modifikationen an der Basis, die die Kompatibilität beeinträchtigen, dürften die Redmonder vorerst zurückschrecken: Die teils immer noch nicht ausgestandenen Probleme mit dem Vista-Ökosystem haben den Ruf des neuen OS nämlich gründlich in Mitleidenschaft gezogen.
Microsoft hat bislang keine Roadmap vorgestellt, die Auskunft darüber gibt, was nach Windows 7 kommt. Sicher ist lediglich, dass 2011 oder 2012 noch ein darauf basierendes Server-Produkt erscheinen wird.
Denkbar ist, dass sich Microsoft von der bekannten Windows-Codebasis verabschiedet und völlig neue Wege geht. Entscheidende Komponenten des Betriebssystems stammen nämlich aus den frühen Neunzigern und tragen Entwicklungen wie dem Internet nur unzureichend Rechnung: Das Sicherheitsmodell musste immer wieder nachgebessert werden.
Der Neuanfang in Sachen Betriebssysteme hat einen Namen: Midori. Microsoft hat die Existenz des Projekts mittlerweile offiziell bestätigt. Eric Rudder[7], der den Titel Senior Vice President, Technical Strategy, trägt, leitet es.
Midori basiert auf dem Forschungsprojekt Singularity[8], das seit 2003 von Microsoft Research[9] entwickelt wird. Ziel war die Schaffung eines Betriebssystems, bei dem Zuverlässigkeit und Sicherheit im Vordergrund stehen. Zwar wurde der Ausführungsgeschwindigkeit wenig Beachtung geschenkt, glaubt man den Zahlen aus den Whitepapers, macht das System aber auch hier eine gute Figur.
Kernel, Treiber und Applikationen sind in Managed Code[10] geschrieben, der schon von Haus aus weniger Programmierfehler zulässt. Lediglich eine schlanke Zwischenschicht über der Hardwareebene besteht aus nativem x86-Code. Ein weiteres Element sind Software Isolated Processes, die alle im selben Adressraum völlig unabhängig voneinander laufen. Möglich wird das, weil Managed-Code-Komponenten keine Pointer verwenden dürfen. Der normalerweise mit dem Task Switching einhergehende Overhead wird reduziert.
Bislang hat Microsoft keine Einzelheiten zu Midrori veröffentlicht. Aus dem Singularity-Erbe und dem der Software Development Times vorliegenden Dokument lassen sich aber einige Prioritäten herauslesen.
Tief verankert werden soll beispielsweise eine weitere Abstraktion der Hardware, um das System selbst und die darauf laufenden Anwendungen flexibler an wechselnde Anforderungen anpassen zu können. Das ist beispielsweise notwendig, um dem wachsenden Stellenwert von Distributed Computing Rechnung zu tragen. Ressourcen wie Speicher und CPU sind in Zukunft nicht mehr zwangläufig in einem Gehäuse vereint, sondern stehen über Netzwerke wie LAN oder Internet zur Verfügung. Das alles soll vom Anwender unbemerkt ablaufen und von Entwicklern möglichst einfach für eigene Programme nutzbar sein.
Auch der immer größeren Zahl von Rechenkernen moderner CPUs soll Midori besser gerecht werden. Immer wieder hat Microsoft verlauten lassen, dass die Skalierbarkeit der aktuellen Windows-Codebasis begrenzt ist und man einen völlig neuen Ansatz benötigt. Da entscheidende Komponenten in Managed Code ausgeführt sind, wäre es auch denkbar, diese teilweise auf die Ausführung auf der GPU zu kompilieren.
Eine entscheidende Anforderung an einen Windows-Nachfolger ist auch, die Abhängigkeit unterschiedlicher Subsysteme möglichst gering zu halten. Die Weiterentwicklung der aktuellen Codebasis fällt auch deshalb sehr schwer, weil alles voneinander abhängt.
Dass Microsoft die Kompatibilität zu Windows aufgibt, ist nicht zu befürchten. So könnte eine Virtualisierungslösung dafür sorgen, dass alte Programme weiterhin ausgeführt werden können. Technische Hindernisse gibt es dank immer leistungsfähigerer Hardware nicht. Einen ähnlichen Weg ist Apple beim Umstieg auf OS X gegangen.Selbst wenn es Microsoft gelingt, die enormen technischen Herausforderungen zu meistern, ist Midori noch lange nicht in trockenen Tüchern. Schließlich fällt es schwer, ein Produkt in Rente zu schicken, das finanziell so erfolgreich ist wie Windows.
Es wäre nicht das erste Mal, dass in Redmond eine Entwicklung abgewürgt wird, die einem etablierten Produkt - und seinen Verantwortlichen - gefährlich werden könnte. Ein prominentes Beispiel ist das im Jahr 2000 begonnene Netdocs, eine netzbasierte Office-Suite. Irgendwann verschwand das Projekt dann wieder in der Schublade. Das könnte auch mit Midori passieren.
Selbst wenn es Midori bis zur Markteinführung schafft, ist erst weit im nächsten Jahrzehnt damit zu rechnen. Sofern Microsoft den Markennamen beibehält, könnte ein Windows 9 im Jahr 2014 daraus werden. Dann wird man sehen, was von dem ambitionierten Plänen am Ende übrig bleibt.
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