Business Intelligence: vom Luxus zur Notwendigkeit

(http://www.zdnet.de/magazin/39193638/business-intelligence-vom-luxus-zur-notwendigkeit.htm)

von Peter Marwan, 21. Juli 2008

Die schnelle und korrekte Analyse von Geschäftsdaten wird für Unternehmen immer wichtiger. Neue Anbieter und Open-Source-Lösungen nutzen das aus, um den Branchengrößen den Schneid abzukaufen.

Nach der umfassenden Konsolidierungswelle[1] im Business-Intelligence-Markt im vergangenen Jahr herrscht jetzt eine neue Aufbruchsstimmung. Die großen Generalisten IBM[2], SAP[3] und Oracle[4], die sich im vergangenen Jahr verstärkt haben, sind mit der Integration im Großen und Ganzen gut vorangekommen und erhoffen sich von ihren weiter gefassten Angeboten Zusatzgeschäft mit Bestandskunden.

Die spezialisierten BI-Anbieter dagegen setzen auf eine zweigleisige Strategie: Einerseits buhlen sie um die großen Firmen, die sich einem Generalanbieter nicht komplett ausliefern wollen. Andererseits sehen sie neue Chancen im Mittelstand, den IBM, SAP und Oracle durch ihre allumfassende Ausrichtung und die Integration ihrer Business-Intelligence-Angebote in das Gesamtportfolio etwas aus den Augen verlieren.

Insgesamt sind sich die Marktbeobachter daher in ihrem Urteil über Business Intelligence einig: Es geht aufwärts. Gartner[5] etwa rechnet in diesem Jahr weltweit mit einem Zuwachs von gut 11 Prozent und bis 2012 mit einer durchschnittlichen jährlichen Zunahme von über acht Prozent. Außerdem gehen die Gartner-Analysten davon aus, dass BI-Plattformen von möglichen Einsparungsmaßnahmen weniger betroffen sein werden als andere Bereiche. Der Grund: Bei einer weltweiten Umfrage unter 1500 CIOs war Business Intelligence die Technologie, der die höchste Priorität eingeräumt wurde - und das bereits im dritten Jahr in Folge.

Dan Sommer, Senior Research Analyst bei Gartner, geht außerdem von einer "allgemeineren Zugänglichkeit zu Business-Intelligence-Produkten über die gesamte Angebotspalette hinweg“ aus. Dies gelte jedoch besonders "für Suche, Online Analytical Processing und Reporting". Dadurch erwartet Sommer auch sinkende Preise. Die Anbieter könnten durch zusätzliche, innovative BI-Funktionen und die Ansprache von neuen Kundengruppen sowie die Versorgung einer größeren Zahl von Mitarbeitern in den Unternehmen ihre Umsätze aber trotz sinkender Preise weiter steigern.

Lünendonk[6]-Analyst Mario Zillmann erwartet, dass SAP von der Integration von Business Objects insbesondere bei den großen Kunden profitieren wird. Gleichzeitig sieht er aber auch, dass bisher vergleichsweise kleine Anbieter stark wachsen - was sich seiner Ansicht nach auch in den kommenden Jahren fortsetzen wird.

Eine Umfrage von Actinium Consulting[7] aus Lindau am Bodensee unter 300 mittelständischen deutschen Unternehmen beleuchtet die Lage hierzulande etwas genauer. Demnach wollen 57 Prozent bis Ende 2009 in eine bestehende oder neue BI-Infrastruktur investieren. 19 Prozent haben noch keine Entscheidung getroffen. Im Gegensatz zu den von Gartner befragten CIOs hat aber ein Viertel augenblicklich keine Pläne, Business Intelligence einzuführen.

In der Studie wurde der Blick auf die technische Implementierung von den Unternehmen höher gewertet als die strategische Ausrichtung. Actinium-Geschäftsführer Klaus Hüttl wundert das nicht: "Dies ist die regelmäßige Erfahrung in der Praxis, obwohl die Schwachpunkte üblicherweise gerade auf der strategischen Ebene liegen". Unternehmen müssten gerade in dieser Hinsicht dafür sorgen, dass der Transfer von Best-Practice-Ansätzen zur Optimierung der strategischen Ausrichtung vorgenommen werde. "Es wird in den Unternehmen oft schon über die technische Realisierung diskutiert, bevor überhaupt die konkreten Zielsetzungen definiert und auf ihre Umsetzbarkeit hin abgeprüft sind", bemängelt Hüttl. Die Aberdeen Group[8] hat in einer aktuellen Studie[9] die Gesamtkosten von Business-Intelligence-Werkzeugen untersucht. Kriterien waren die bis zum Abschluss des Projektes benötigte Zeit, ob das Projekt den gesteckten Budgetrahmen einhalten konnte und die Kosten pro User der BI-Anwendung.

Die besten Werte erzielte Microstrategy[10] vor QlikView[11]. Rang zwei und drei belegen die Open-Source-Firmen Pentaho[12] und Jaspersoft[13]. Die großen etablierten Marktteilnehmer SAS[14], IBM/Cognos[15], SAP/Business Objects[16] sowie Oracle/Hyperion[17] bewerten die Befragten deutlich schlechter. Die Werte der vier liegen aber relativ eng beieinander. Auffällig ist bei allen vier Firmen die vergleichsweise geringe Zahl sehr zufriedener Kunden, ein Großteil sieht seine Erwartungen gerade so erfüllt.

Interessant ist auch der Vergleich der Ergebnisse der Open-Source-Anbieter Jaspersoft und Pentaho mit den Werten der Wettbewerber: Zwar sind sehr viele der befragten Anwender mit der Open-Source-Alternative äußert zufrieden, gleichzeitig ist aber auch die Zahl derer besonders hoch, die von einem völligen Desaster sprechen.

Die Aberdeen-Experten erklären das zum einen mit der mangelnden Reife dieser Lösungen. Andererseits sehen sie aber auch die für Open Source typische Unterscheidung nach Kunden und Anwendern als möglichen Erklärungsansatz: "Anwender" haben bei den als kostenlosem Download erhältlichen Lösungen meist wenig investiert, um sie für bestimmte Projekte einsatzfähig zu machen. Außerdem haben sie weniger Probleme mit Budgets, Projektlaufzeiten und interner Verrechnung. "Kunden" dagegen, die viel Zeit und Geld in ein vorher genau definiertes BI-Projekt investiert haben - sei es nun Open Source oder proprietär -, haben ganz andere Erwartungen.

Open Source kann laut Mario Zillmann von Lünendonk ein Thema werden, da das Potenzial vieler BI-Projekte in der Vergangenheit wegen schwieriger Implementierungen sowie mangelnder Akzeptanz in den Fachabteilungen nicht voll ausgeschöpft worden sei. Freie Software biete teilweise die bislang vermissten Möglichkeiten. "Bis es in einer großen Zahl von Unternehmen so weit ist, kann es aber noch zwei oder drei Jahre dauern."

Dann, so Zillmann, "könnten Open-Source-Lösungen, besonders wenn es sich um Datenbankanwendungen oder Datenintegrationsprojekte handelt, zu einer höheren Akzeptenz bei den Kunden führen." Einen weiteren wichtigen Einsatzbereich für Open Source sieht er im Kampagnenmanagement beziehungsweise im Customer Relationship Management, wo Anwender von der einfachen Handhabung der Datenbankanwendungen profitieren würden.

Neben den Kosten des BI-Projektes beschäftigte die von der Aberdeen Group befragten vor allem die Anforderung, dass immer mehr Anwender Zugriff auf die im Unternehmen vorhandenen BI-Tools benötigen. Bei den traditionellen Lösungen entstehen so beträchtliche Probleme: Erstens durch erhebliche Lizenzkosten und zweitens dadurch, dass sich Abfragen und Analysen nicht ohne weiteres anstoßen vom Anwender selbst anstoßen lassen: Wichtigster Hindernisgrund sind Sorgen um die Datenintegrität.

Die Folge sind Arbeitsaufwand bei den qualifizierten BI-Experten des Unternehmens und Wartezeiten zwischen Anforderung und Bereitstellung eines Berichtes. Nachteilig ist ebenfalls, dass sich die Berichte nachträglich nicht modifizieren lassen: Entdeckt ein Anwender interessante Zusammenhänge, die er gerne näher untersuchen möchte, ist dazu wieder viel Arbeit der Experten nötig - und je nach Unternehmen ein mehr oder weniger komplizierter Workflow und Genehmigungsprozeß.

Einer der Anbieter, der von dieser Problemkonstellation profitiert ist QlikView. Deutschland-Geschäftsführer Ulrich Beckmann sieht die herkömmlichen BI-Systeme, die auf OLAP[18] aufbauen, nämlich in einer Sackgasse: "Einerseits ist der Implementierungsaufwand nicht mehr vernünftig kalkulierbar, andererseits sind die Systeme zu langsam und zu kompliziert."

QlikView mit seiner "In-Memory"-Analyse dagegen könne flexible Anfragen einer großen Zahl unterschiedlicher Anwender bereitstellen, ohne erst Datenwürfel[19] aufzubauen, über deren Hierarchien und Dimensionen sich Spezialisten vorher lange Gedanken machen müssen. Die Marktforscher von Gartner sehen in diesem technischen Vorgehen große Vorteile und prognostizieren, dass 2012 über zwei Drittel der Unternehmen Daten im Hauptspeicher analysieren werden. Die Analysten-Kollegen von IDC sind ebenfalls zuversichtlich: Sie ermittelten QlikView mit einem Umsatzplus von 80 Prozent pro Jahr jüngst zum dritten Mal als am schnellsten wachsenden BI-Anbieter.

Screenshot der QlikView BI-Lösung
QlikView wirbt für seine Business-Intelligence-Lösung vor allem mit der In-Memory-Technologie, die Analysen auf jedem Rechner auch unterwegs möglich macht (Bild: QlikView).

Das Wachstum kommt in Deutschland laut Beckmann vor allem von enttäuschten BI-Veteranen: "Fast jeder unserer 1400 Neukunden im vergangenen Jahr hatte schon Erfahrungen mit einem gescheiterten BI-Projekt." Aber auch seit der Übernahme von Business Objects durch SAP steige das Interesse, da viele Firmen sich nicht vollständig an einen Anbieter binden wollten und nach einem zweiten Standbein Ausschau hielten. Den bisher noch etwas zögerlichen Mittelstand will Beckmann einerseits über neue Vertriebspartner, andererseits mit dem Versprechen "weg von standardisierten Reports, hin zu interaktiver Datenbearbeitung" für sich gewinnen.

Darüber hinaus interessieren sich auch immer mehr Abteilungen großer Firmen für das Produkt, da sie es leid sind, monate- oder jahrelang zu warten, bis sich die zentrale IT bequemt, Auswertungen für ihre speziellen Anforderungen aufzubereiten. Weiterer Vorteil: bei QlikView lassen sich Datensätze auf Laptop oder Handheld laden und auch mobil bearbeiten. Dass prinzipiell keine Auswertungen in Echtzeit möglich sind, störe die meisten Kunden nicht, meint Beckmann. Ähnlich wie QlikView positioniert sich auch die Tibco-Tochter Spotfire[20] - aber mit dem Unterschied, dass sie die Daten auch in Echtzeit analysieren kann. Roger Ogberg, als Vizepräsident bei Spotfire zuständig für die Produktstrategie, sieht nahezu dieselben Nachteile herkömmlicher BI-Lösungen wie sein QlikView-Kollege Beckmann: Bislang seien nur statische und zeitversetzte Abfragen möglich, die durch die IT bereitgestellt werden müssen. Das mittlere Management - das im Tagesgeschäft häufig schnell fundierte Entscheidungen fällen muss - sei dadurch benachteiligt: Es bekomme die wesentlichen Informationen schlichtweg nicht und sei vielfach auf Bauchgefühl und Erfahrung angewiesen.

Natürlich ist Spotfire angetreten, um das zu ändern. Seitdem das Unternehmen eine Tochter des Middlewarespezialisten Tibco ist, wurde vermehrt auf die Ausnutzung dadurch möglicher Synergien geachtet. Ogberg betont vor allem die daraus resultierenden Möglichkeiten, mit Spotfire zwei oder mehr Webanwendungen zu integrieren, etwa Google Maps[21], Microsoft Virtual Earth[22] oder Salesforce.com[23]. Dass sich unterschiedliche Datenbanken anbinden lassen, sei ebenfalls ein Vorteil.

Um beim Kunden einen Fuß in die Türe zu bekommen, genügen Spotfire meistens zwei Fragen: Müssen Anwender lange auf benötigte Berichte warten und benutzen sie Excel-Tabellen? "Werden beide mit ja beantwortet, können wir interessante Alternativen bieten", ist sich Ogberg sicher.

Dadurch, dass eine weitaus größere Anwenderzahl als bisher nicht nur Zugriff auf Berichte erhält, sondern auf interaktiv auswertbare und - bis zu dem von der IT erlaubten Grad - individuell erstellbare Zahlenwerke, ändern sich auch die Analysemöglichkeiten: Anwender erfahren nicht nur, wie etwas ist. Sie können auch die Gründe aufspüren, warum etwas so ist, wie es ist. Was ihnen dann schnell eine bessere Steuerung der Abläufe ermöglicht.

Genau damit können aber die großen Anbieter trotz der weitgehenden Integration in die gesamte Standardsoftware noch nicht im selben Maße dienen. Kein Wunder also, dass die Anbieter aus der zweiten Reihe zurzeit schneller wachsen als die Etablierten.

Screenshot der Spotfire-BI-Lösung
Der Screenshot zeigt die Integration von Webanwendungen in die individualisierten Analysewerkzeuge von Spotfire (Bild: Spotfire).

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.zdnet.de/itmanager/kommentare/0,39023450,39159871,00.htm
[2] = http://www.ibm.de
[3] = http://www.sap.de
[4] = http://www.oracle.de
[5] = http://www.gartner.com
[6] = http://www.luenendonk.de/
[7] = http://www.actinium.de/
[8] = http://www.aberdeen.com/
[9] = http://www.aberdeen.com/summary/report/research_briefs/5198-RB-open-source-business-intelligence.asp
[10] = http://www.microstrategy.de/
[11] = http://www.qlikview.com/home.aspx?LangType=1031
[12] = http://www.pentaho.com/
[13] = http://www.jaspersoft.com/
[14] = http://www.sas.com/
[15] = http://www.cognos.com/de/
[16] = http://www.sap.de/
[17] = http://www.oracle.com/hyperion/index.html
[18] = http://de.wikipedia.org/wiki/Online_Analytical_Processing
[19] = http://de.wikipedia.org/wiki/OLAP-Cube
[20] = http://spotfire.tibco.com/index.cfm
[21] = http://maps.google.de/maps
[22] = http://www.microsoft.com/virtualearth/
[23] = http://www.salesforce.com/de/