Wikipedia: Vom Onlinelexikon zur Propagandamaschine

(http://www.zdnet.de/magazin/39193506/wikipedia-vom-onlinelexikon-zur-propagandamaschine.htm)

von Paul Murphy und Peter Marwan, 16. Juli 2008

Wikipedia sollte das Onlinelexikon für jedermann werden. Inzwischen ist es aber nur noch eine anschauliche Warnung dafür, wie aus qualifiziertem und sachkundigem Social Networking billige Propaganda wird.

Wikipedias[1] Grundvoraussetzung ist die Einladung an jedermann, Einträge kritisch zu untersuchen und zu korrigieren - mit dem Ziel, auf diese Art und Weise die bestmögliche Gewähr für Ehrlichkeit und Vollständigkeit zu erlangen. Das ist eine sehr schöne und demokratische Idee. Außerdem gibt es ein gutes Gefühl, wenn nicht nur ein oder zwei Redakteure einen Text auf Korrektheit überprüfen, sondern mehrere Millionen Nutzer. So weit die Theorie.

Genau wie die Demokratie auch, setzt diese Idealvorstellung eines Nachschlagewerkes aber voraus, dass möglichst alle Teilnehmer nicht nur gut ausgebildet, sondern auch ehrlich genug sind. Einerseits, um eventuell strittige Themen überhaupt korrekt einordnen zu können, andererseits, um belegbare Tatsachen und Schlussfolgerungen statt lediglich Annahmen und Meinungen einzubringen.

Kann das bei Wikipedia funktionieren? Geht man davon aus, dass Wikipedia letztendlich ein Sammelbecken für Nischengruppen ist - jede davon gruppiert um ein Kernthema, das ihr besonders am Herzen liegt –, dann ist das sehr fraglich. Denn damit ist Wikipedia letztendlich nichts anderes als sourceforge.org[2] oder jeder andere Treffpunkt der Open-Source-Community. Vor diesem Hintergrund zeigt Wikipedias offensichtliches Versagen beim Erreichen der ursprünglichen Ziele auch eine grundlegende Problematik des viel gepriesenen Social Networking auf: Dass sich die Qualität unweigerlich auf das niedrigste Niveau absenkt, das für die am meisten engagierten Teilnehmer jeder Nische gerade noch akzeptabel ist.

Was das in der Praxis von Wikipedia bedeutet, lässt sich am besten an zwei konkreten Beispielen aus ganz unterschiedlichen Bereichen zeigen: den Diskussionen um die Themen Klimawandel und Prozessorarchitekturen. In Bezug auf den Klimawandel ist ein Artikel[3] von Lawrence Solomon in der Online-Ausgabe der amerikanischen Zeitschrift National Review sehr aufschlussreich, der daher hier kurz zusammengefasst werden soll.

Theoretisch wird Wikipedia als "Volksenzyklopädie" von allen Menschen mitgeschrieben und korrigiert, die sie lesen – also eigentlich allen Menschen mit Internetzugang. Bei kontroversen Themen sollte man daher auch eine breite Palette von Meinungen erwarten. Weit gefehlt, wie das Beispiel Klimawandel zeigt: Diesbezüglich herrscht in der englischsprachigen Version der Wikipedia breite Übereinstimmung im Sinne der von Al Gore[4] propagierten Argumentationslinie. Solomon führt diesen scheinbaren Konsens auf Zensur, Einschüchterung und arglistige Täuschung zurück.

Solomon belegt diese Behauptungen mit seinen Erfahrungen bei dem Versuch, Korrekturen zu einer Wikipedia-Seite zur Arbeit von Naomi Oreskes[5] vorzunehmen. Oreskes ist die Autorin eines inzwischen berüchtigten Berichts im renommierten Wissenschaftsmagazin Science[6], in dem sie behauptete, die wissenschaftliche Literatur zum Thema Klimawandel ausgiebig durchforstet und keinen einzigen Bericht gefunden zu haben, der den alarmierenden Untersuchungen zum Thema globale Erwärmung widerspreche.

"Selbstverständlich waren Oreskes' Behauptungen absurd und sind inzwischen vielfach der Lächerlichkeit preisgegeben worden", erklärt Solomon. Er selbst habe hunderte von Berichten und Untersuchungen zusammengetragen, die zumindest an einigen Aspekten der anschließend von Al Gore verbreiteten Geschichte zweifeln - und das sei nur die Spitze des Eisberges.

Daher sei Solomon überrascht gewesen, in Wikipedia zu lesen, dass Oreskes' Arbeit rehabilitiert worden sei und einer ihrer schärfsten Kritiker, der britische Wissenschaftler und Autor Bennie Peiser, widerwillig zugegeben habe, dass Oreske richtig liege. Solomon fragte Peiser danach, der das aber abstritt. Also korrigierte er den Eintrag entsprechend.

Zu Solomons Überraschung wurden die Änderungen aber mehrmals rückgängig gemacht und zwar durch Kim Dabelstein Petersen. Petersen ist ein Wikipedia-Redakteur, der sich um eine riesige Menge von Wikipedia-Seiten kümmert, die sich mit dem Thema Klimawandel befassen. In Gesprächen mit Kollegen fand Solomon schnell heraus, dass er mit dieser Erfahrung nicht alleine war.

Als weiteren Propgandisten machte Solomon den britischen Softwareingenieur und Umweltaktivisten William Connolley[7] aus. Dieser nutze seine Macht als Editor ebenfalls gewohnheitsmäßig, um renommierte Wissenschaftler zu diskreditieren, so Solomon. Es ließe sich natürlich vorbringen, dass die durch die Wissenschaft begründete Hypothese vom Klimawandel sich inzwischen zum Politikum gewandelt hat, weil dass die einzige Möglichkeit ist, dass etwas unternommen wird. Man könnte daher argumentieren, dass Zensur und Übertreibung zur Erreichung des eigentlich guten Zieles gerechtfertigt seien.

Lässt man moralische Aspekte aber einmal außer Acht, wäre die Einstellung "der Zweck heiligt die Mittel" aber zumindest keine gute Werbung für die Objektivität der Wikipedia. Außerdem würde das Argument bei einem unpolitischem und wenig mit moralischen Aspekten belasteten Thema nicht gelten.

Und dennoch finden sich dieselben Verdrehungen und Auslassungen auch im Beitrag über Prozessorarchitekturen. Was in den Wikipedia-Hauptartikel über CPUs Eingang gefunden hat, konzentriert sich hauptsächlich auf Intel x86. Der Beitrag enthält darüber hinaus einige als Tatsachen verkaufte Feststellungen, die schlichtweg unwahr sind. Dazu gehört etwa, dass Intel die erste Firma gewesen sei, die einen Mikroprozessor hergestellt habe, oder die Behauptung, das Design von Intels Multi-Core-Architektur entspreche dem von Suns CMT/SM-Architektur. Außerdem unterschlägt der Artikel AMDs Rolle als Treiber für wichtige Fortschritte innerhalb des x86-Frameworks.

Völlig verschwiegen wird dem Leser auch, dass PowerPC-Derivate deutlich häufiger verkauft werden und deutlich leistungsfähiger sind als x86, dass sie wesentlich weniger Strom verbrauchen und ein besseres Verhältnis zwischen Preis und Leistung bieten. In beiden Fällen - Klimawandel und Prozessorarchitekturen - haben also Untergruppen der Gemeinschaft eine Nische besetzt und nutzen diese nun für die einseitige Verbreitung ihrer Standpunkte. Für gewisse Web-2.0-Seiten, auf denen Lifestyle-Themen oder Jugendkultur besprochen werden, mag das noch angehen. Für eine Seite, die sich der Bereitstellung von objektiven Informationen verschrieben hat, ist es aber völlig unangemessen.

Könnte es aber vor dem Hintergrund der vorhandenen Strukturen überhaupt anders sein? Wikipedia lädt ausdrücklich dazu ein, Informationen beizutragen und zu bearbeiten. Dabei ist klar, dass Personen, die vehement einen bestimmten Standpunkt vertreten, eher dazu neigen, diesen auch im Rahmen der Wikipedia zu propagieren. Und wie könnten die Redakteure, die weder allgegenwärtig noch allwissend sind, jemals hoffen, das Abdriften von Objektivität hin zu zumindest unterschwelliger Propaganda zu verhindern?

Die traurige Antwort ist: Sie können es nicht. Angesichts des hohen Nutzens, den Wikipedia Propagandisten bietet, rückt das Ziel der Objektivität mit fortschreitender Popularität in immer weitere Ferne. Interessante Einblicke und weitere Manipulationsvorwürfe finden sich unter anderem beim Wikiscanner[8].

Grundsätzlich ist Wikipedia aber mit dem Problem nicht allein: Alle einem breiten Publikum zugänglichen Social-Networking-Seiten, die ihren Benutzern simultanen Schreibzugriff gewähren, sehen sich vor dasselbe Dilemma gestellt. Vielleicht ist das der Anfang vom Ende dieser Kommunikationsform – denn eine Lösung ist noch nicht in Sicht.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://en.wikipedia.org/
[2] = http://sourceforge.net/index.php
[3] = http://www.cbsnews.com/stories/2008/07/08/opinion/main4241293.shtml
[4] = http://www.algore.com/
[5] = http://en.wikipedia.org/wiki/Naomi_Oreskes
[6] = http://www.sciencemag.org/
[7] = http://en.wikipedia.org/wiki/William_Connolley
[8] = http://wikiscanner.virgil.gr/index_DE.php