Bill Gates war jahrelang der reichste Mann der Welt, und sein Unternehmen ist nicht nur der unbestrittene Branchenprimus, sondern auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Wird das alles mit dem Abschied von Gates in Frage gestellt?
Die Rolle als Chef des von ihm mitgegründeten Softwarehauses Microsoft[1] hat Bill Gates[2] bereits vor acht Jahren nominell aufgeben und in die Hände seines Studienfreundes Steve Ballmer gelegt. Jetzt allerdings räumt einer der erfolgreichsten Geschäftsleute der Welt endgültig seinen Schreibtisch im Eckzimmer auf dem Firmencampus in Redmond, einem Vorort von Seattle.
Die Situation erinnert ein wenig an eine Karikatur der britischen Zeitschrift "Punch" im Jahre 1890. "Dropping the Pilot" nannte der Sir John Tenniel[3] seine Zeichnung zur Entlassung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck durch Kaiser Wilhelm. Bill Gates wurde zwar nicht entlassen, sondern räumte systematisch, geplant und freiwillig seinen Stuhl. Doch auch mit ihm geht ein "Lotse von Bord" eines der wichtigsten Unternehmen der IT-Industrie.
Er geht als ein Mann, der in den vergangenen 30 Jahren den Alltag von vielen Millionen Menschen radikal verändert hat. Vom 1. Juli an will er sich auf seine gemeinnützige Arbeit in der milliardenschweren Bill & Melinda Gates Foundation[4] konzentrieren, die sich vor allem für den Kampf gegen Krankheiten engagiert.
Keiner der Bosse der Computerindustrie, von Apple-Gründer Steve Jobs einmal abgesehen, hat so früh wie Bill Gates daran geglaubt, dass Computer einmal ganz selbstverständlich von jedermann genutzt werden können. In den 70er Jahren war der Zugang zu Computer allein Universitäten, Großunternehmen und dem Militär vorbehalten.
Einen ersten Meilenstein konnten Gates und sein älterer Studienfreund Paul Allen[5] 1974 setzen, als die Zeitschrift "Popular Electronics" mit dem Mikrocomputer Altair 8800[6] auf dem Titel erschien. Beiden gelang es, die Programmiersprache Basic für diese PC-Vorläufer zu modifizieren und dem in Albuquerque, New Mexico, ansässigen Unternehmen anzudienen. Dort gründeten sie nach dem Studienabbruch von Bill Gates 1975 das Softwarehaus Micro Soft, das dann in der 80er Jahren als "Microsoft" zu mächtigsten unabhängigen Softwaremarke aufsteigen sollte.
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| Steve Ballmer übernimmt bei Microsoft jetzt endgültig das Ruder (Bild: Microsoft). |
Gates konnte die Aufgabe erfüllen und entwickelte auf der Basis eines von Seattle Computers Products (SCP) für 50.000 Dollar gekauften Systems "Qdos" das Betriebssystem MS DOS ("Microsoft Disc Operating System"). Damit legte Gates den Grundstein für den überragenden Erfolg von Microsoft und seines persönlichen Vermögens. Mit dem Büroprogrammpaket "Office" und dem Betriebssystem "Windows" wuchs das Unternehmen in den folgenden Jahrzehnten dann zu einem übergroßen Softwareimperium.
Noch heute erwirtschaftet Microsoft seinen Gewinn fast ausschließlich mit "Office" und "Windows", auch wenn die Produktpalette des Konzerns fast unüberschaubar geworden ist. Rund um Microsoft ist ein eigenes Wirtschaftssystem entstanden.
"Pro Dollar, den Microsoft umsetzt, verdienen unsere Partner-Unternehmen 7,79 Dollar", zitiert der Nachrichtendienst dpa den Softwaregiganten. Stimmen Microsofts Zahlen, so machten 2007 weltweit mehr als 640.000 Unternehmen aus dem Microsoft-Umfeld mit 14,7 Millionen Arbeitnehmern über 425 Milliarden Dollar (275 Milliarden Euro) Umsatz.
Bill Gates wurde vom US-Wirtschaftsmagazin Forbes in der Zeit zwischen 1996 und 2007 dreizehnmal als reichster Mann der Welt genannt. In diesem Jahr rutschte er mit einem geschätzten Vermögen von 58 Milliarden Dollar auf Platz drei ab. In den kommenden Jahrzehnten will Gates ein Großteil seines Vermögens in die "Bill & Melinda Gates Foundation" überführen. Damit würde er nicht nur als Pionier der Softwarebranche in die Geschichtsbücher eingehen, sondern als einer der größten wohltätigen Stifter.
Weltweite Aufmerksamkeit erregte Gates in den 90er Jahren, als er die geballte Marktmacht von Microsoft einsetzte, um in einem "Browser-Krieg" die Erfinder Netscape zu vernichten. Das führte zu einer Kartellklage, deren Folgen bis heute zu spüren sind.
Zwar konnte Microsoft durch glückliche Umstände die von Richter Jackson geforderte Zerschlagung nach dem Wahlsieg von George W. Bush gegen Al Gore im Jahr 2001 vermeiden. Doch das Unternehmen scheint auf einem Höhepunkt seiner Firmengeschichte angelangt zu sein.
Die juristischen Auseinandersetzung dürften dazu geführte haben, dass Gates im Januar 2000 als Chief Executive Officer (CEO) zurücktrat, um sich auf die Rolle des "Chief Software Architect" zu konzentrieren.
Jetzt erfolgt der konsequente letzte Schritt. Folgt man Berichten in der US-Presse, fiel es Gates schwer, sich nicht einzumischen. So soll es einige Male erhebliche Auseinandersetzung zwischen Gates und Ballmer gegeben haben. Auch hat seither eine Reihe namhafter Führungskräfte das mächtige Softwarehaus in Redmond verlassen.
Nun muss der völlig unterschiedlich veranlagte, zu Wutausbrüchen neigende Steve Ballmer endgültig zeigen, ob er als Steuermann das große, schwerfällige Unternehmensschiff Microsoft in stürmischer See zu neuen Ufern führen kann. Die größte Herausforderung ist der Kampf gegen den Internet-Giganten Google, der heute ähnliche Zeichen setzt, wie Bill Gates und Microsoft dies in den 80er Jahren getan haben.
Nochmal zurück zu Bismarck: Nachdem Kaiser Wilhelm Bismarck als Reichskanzler entlassen hatte, war die deutsche Außenpolitik weniger von langfristigen Strategien als vielmehr von hektischem Aktionismus und lautem Säbelrasseln geprägt. Ob das ein Omen ist?
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