In zehn Tagen werden SMS im Ausland billiger - vielleicht

(http://www.zdnet.de/magazin/39192407/in-zehn-tagen-werden-sms-im-ausland-billiger-vielleicht.htm)

von Peter Marwan, 20. Juni 2008

Die streibare EU-Kommissarin Viviane Reding redete dieser Tage den Mobilfunkbetreiber nochmal deutlich ins Gewissen: Werden SMS und Roaming im europäischen Ausland ab 1. Juli nicht deutlich günstiger, will die EU hart durchgreifen.

Schon seit zwei Jahren kämpft EU-Kommissarin Viviane Reding[1] für günstigere Roaminggebühren für Mobilfunkkunden bei Gesprächen, SMS und besonders Datenübertragung im europäischen Ausland. Allmählich reißt der streitbaren Luxemburgerin aber der Geduldsfaden: Sollten die Mobilfunkbetreiber bis 1. Juli nicht einlenken, werde die EU die ihr zur Verfügung stehenden Machtmittel anwenden, droht sie. Aussitzen lassen wird sich der Streit für die Netzbetreiber also wohl nicht mehr.

Angefangen hatte alles im Juni 2006. Damals berichtete[2] Reding bei einer Konferenz des Verbandes EVUA[3] (Enterprise Virtual Private Networks Users Association), dass die EU-Kommission am finalen Entwurf einer neuen Regulierungsvorschrift arbeite. Deren Ziel sei es, die Entwicklung eines einheitlichen Marktes für EU-weite Roaming-Dienste voranzutreiben. Die auch heute noch geltende Begründung lieferte Reding ebenfalls gleich mit: "Die Roaming-Gebühren bei Reisen innerhalb der Europäischen Union sollten nicht unbegründet höher sein als bei Gesprächen im Heimatland des Nutzers."

Hohe Roaming-Gebühren, so Reding, hätten nämlich insbesondere negative Auswirkungen auf Nutzer, die beruflich unterwegs sind. Die Netzbetreiber selbst schätzten damals, dass innerhalb der EU jährlich 8,5 Milliarden Euro mit Roaming-Gebühren verdient würden. "Das ist vielleicht eine gute Nachricht für die daran verdienenden Firmen, es ist aber eine böse Überraschung für alle, die die Roaming-Gebühren mit ihrer Mobilfunkrechnung bezahlen müssen."

Da aber von den 147 Millionen europäischen Roaming-Nutzern rund 110 Millionen Geschäftsleute seien, litten diese auch am meisten unter den ungerechtfertigt hohen Preisen. Zwar könnten Großunternehmen diese Mehrkosten oft durch Sonderverträge mit den Providern abmildern, aber die kleinen und mittleren Betriebe ebenso wie die Bürger in Grenzregionen seien durch die aktuelle Preisstruktur enorm benachteiligt.

EU-Kommissarin Viviane Reding
EU-Kommissarin Viviane Reding setzt sich nachdrücklich für niedrigere Roaminggebühren im europäischen Ausland ein (Bild: EU).
In einem im April dieses Jahres nachgelegten Bericht[4] präsentiert die EVUA eine Umfrage unter international tätigen Unternehmen, in denen die wichtigsten Mobilitätsanforderungen abgefragt wurden. Außerdem konnten die Befragten eine Einschätzung abgeben, inwieweit diese Anforderungen von den Service-Providern erfüllt werden.

Wer sich mit Lobbyarbeit auskennt, wird schon ansatzweise erraten, was die Hauptsorge der Unternehmen war: internationale Roaming-Gebühren. Dieser Punkt rangierte noch vor Sicherheit, TCO oder Remote Access für Mitarbeiter.

Auch die Masterfrage, welcher Punkt bei den Service-Providern am schlechtesten bewertet wurde, dürfte nicht schwer zu beantworten sein: Es waren natürlich die Roaming-Gebühren. Da drückt laut Bericht Großunternehmen der Schuh noch mehr als im Punkt international einheitliche Verträge für Mobilservices oder bezüglich der Integration der Mobilkommunikation in ihre Telefoniestrukturen.

Der Streit um die SMS ist also keineswegs allein der Kampf für die Rechte des kleinen Mannes, der sich die Postkarte sparen und Familie und Freunden zu Hause Urlaubsgrüße per SMS oder MMS übermitteln will. Er ist lediglich der Wurmfortsatz des Streites zwischen den Lobbyisten der Großunternehmen und denen der Mobilfunkbetreiber um Roaming-Gebühren überhaupt – seien es nun Telefonie oder Datenübertragung. SMS ist in dem Fall nur ein besonderer Fall der Datenübertragung. Beim Mobile World Congress 2008 in Barcelona[5] machte Reding ihre unerschütterliche Entschlossenheit erneut deutlich. Die EU könne es nicht akzeptieren, dass Mobilfunkprovider mit Roaming-Kunden den zwanzigfachen Gewinn erzielten wie mit Kunden im Heimatmarkt. Höhere Gebühren im Ausland müssten durch höhere Kosten für die Bereitstellung des Service gerechtfertigt sein - oder verschwinden.

An die befürchteten Einnahmeeinbußen der Provider will Reding nicht glauben: "Ich bin der Überzeugung, dass dann, wenn Roaming ein interessanter Service geworden ist - und nicht wie heute, für die meisten Kunden lediglich ein Ärgenis -, die Nutzung von Mobiltelefonen im Ausland zunehmen wird." Die Firmen, die sich zuerst bewegen, und den Verbrauchern vielleicht sogar noch ein attraktiveres Angebot als von der EU gefordert unterbreiten, könnten also Marktanteile und Umsatz hinzugewinnen.

Die Mobilfunkriesen sehen das wohl anders: Sie reagieren - wenn überhaupt - nur sehr zögerlich und bei weitem nicht im geforderten Umfang. Helfen wird es ihnen auf Dauer nicht. Nach dem Treffen der für Telekommunikation zuständigen Minister der EU-Länder vor wenigen Tagen machte Reding ihre Entschlossenheit in einer offiziellen Stellungnahme[6] noch einmal deutlich. In ihrer harten Linie bestärkt fühlte sich die EU-Kommissarin dadurch, dass sich bei dem Treffen mehrere Minister sich für eine EU-Intervention bei den Preisen für SMS und Roaming-Gebühren ausgesprochen hatten.

Der Rückenwind ist im Ton des Kommuniqués deutlich zu spüren: "Ich habe der Industrie eine Frist gesetzt, die Preise für SMS und Daten-Roaming bis zum 1. Juli zu senken. Ich halte mein Versprechen, aber ich hoffe, dass die Industrie ihre Hausaufgaben jetzt endlich macht. Ich habe gestern die Zahlen der GSM Association[7] gesehen: SMS-Roaming-Preise sind nun auf 28 Cent gesunken – von 29 Cent im Januar. Meine Damen und Herren, das beeindruckt mich keineswegs. Sollte sich das bis zum 1. Juli nicht ändern, dann – das hat auch dieses Treffen gezeigt – werde ich nicht die einzige sein, die eine weitere Regulierung für notwendig hält. Also, CEOs aller Mobilfunkbetreiber: Machen Sie ihre Arbeit, gehen Sie auf die Kundenbedürfnisse ein und senken Sie Ihre Preise."

Dem ist nichts hinzuzufügen.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://ec.europa.eu/commission_barroso/reding/index_de.htm
[2] = http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=SPEECH/06/427&format=HTML&aged=0&language=EN&guiLanguage=en
[3] = http://www.evua.org/
[4] = http://www.evua.org/docs_public/FINAL_Indepen_report-Productivity_Growth_&_Jobs_3April2008.pdf
[5] = http://www.mobileworldcongress.com
[6] = http://ec.europa.eu/information_society/newsroom/cf/itemlongdetail.cfm?item_id=4181
[7] = http://www.gsmworld.com/index.shtml