RFID in der Praxis: Firmen vergeben leichtfertig Chancen

(http://www.zdnet.de/magazin/39192372/rfid-in-der-praxis-firmen-vergeben-leichtfertig-chancen.htm)

von Peter Marwan, 23. Juni 2008

Die erste Aufregung um RFID hat sich gelegt, allmählich starten ernsthafte, über reine Machbarkeitsstudien hinausgehende Projekte. ZDNet analysiert, welche Ziele Firmen mit RFID erreichen können und welche Probleme es gibt.

Kommt die Sprache auf RFID[1], gehen die Meinungen weit auseinander: Für die einen[2] sind damit Horrorszenarien vom gläsernen Verbraucher verbunden. Sie sehen die offensichtlichen Vorteile von RFID vor allem als Trojanisches Pferd, mit denen ihnen die totale Überwachung untergejubelt werden soll. Und durch die fortschreitende Miniaturisierung der RFID-Tags sei künftig sogar eine Verseuchung des Trinkwassers[3] zu befürchten. Für die anderen dagegen[4] geht mit RFID der Traum von der durchgängig dokumentierten Lieferkette und intelligenten Vermarktungsstrategien in Erfüllung.

Wolfgang Wahlster[5], Informatikprofessor an der Universität des Saarlandes, sieht vor allem die Vorteile von RFID. Einige davon erläuterte er kürzlich im Rahmen eines Vortrags[6] auf dem 3. Dresdner Zukunftsforum[7]. Den von seinen Studenten entwickelten Bierdeckel, der bei fast leerem Glas automatisch Bier nachbestellt, sieht Wahlster eher als ein Mittel, um mit einem Augenzwinkern auf die vielfältigen Möglichkeiten aufmerksam zu machen.

Ernsthafte und lohnenswerte Anwendungen seien aber beispielsweise mit Sensorik ausgestattete RFID-Chips, die an Eierkartons oder an Erdbeerschalen angebracht werden. Damit ließe sich etwa überwachen, ob die Kühlkette eingehalten worden sei. RFID-Tags an Autos könnten beispielsweise als elektronisches Produktgedächtnis dienen und einem Gebrauchtwagenkäufer mitteilen, ob regelmäßig Öl gewechselt und ob der Airbag bereits einmal ausgelöst worden ist.

Wahlster sieht dabei Vorteile nicht nur für Verbraucher, sondern auch für Unternehmen. Weiß der Mitarbeiter eines Supermarktes etwa durch den RFID-Chip an der Europalette, welche Produkte wann welchen Temperaturen ausgesetzt waren, kann er sie in der richtigen Reihenfolge zum Abverkauf bringen. Dadurch ließe sich bei schnell verderblichen Früchten wie Erdbeeren der Verlust um 25 Prozent reduzieren. Ein handfester Vorteil, denn pro Lkw könnten so rund 2500 Euro gespart werden.

Voraussetzung für solche Szenarien sind aber vergleichsweise komplexe RFID-Projekte, in denen RFID-Tags mit Sensorik in großer Zahl zum Einsatz kommen. Ob die Technik und die Unternehmen dafür heute schon bereits sind, bezweifeln viele Experten. Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie[8] und die P3 Ingenieurgesellschaft mbH[9], ein Spin-Off des Fraunhofer-Instituts, kommen in einer aktuellen Studie zu dem Ergebnis, dass das Potenzial von RFID in deutschen Unternehmen noch weitgehend ungenutzt ist. Die Gründe dafür sehen die Fraunhofer-Experten in der mangelnden Konsequenz bei RFID-Einführungen sowie in technischen Schwierigkeiten.

Im Rahmen der Studie wurden rund 100 Unternehmen aus den Bereichen Logistik, Maschinenbau, Automobilbau, Luft- und Raumfahrt sowie Elektrotechnik nach ihren Erfahrungen und Erwartungen bei der Einführung von RFID befragt. Außerdem wurden verschiedene RFID-Systeme in einer realen Industriebedingungen entsprechenden Laborumgebung auf ihre Leistungsfähigkeit hin untersucht.

Ernüchterndes Ergebnis: Etwa 80 Prozent der Befragten bezeichnen ihre Erfahrungen mit RFID als negativ. "Es wird offensichtlich viel Geld in Pilotprojekte investiert, doch diese bringen dann nicht den erhofften Nutzen", erklärt Michael Rübartsch, Geschäftsführer bei P3. Die Studie zeigt auch die für die enttäuschten Erwartungen verantwortlichen Faktoren auf: Bei den meisten RFID-Einführungen mangelt es an der Integration von Prozessen, detaillierten Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen und technischem Know-how.

Obwohl fast drei Viertel der befragten Unternehmen Prozessoptimierung als das vorrangige Ziel der RFID-Einführung nannten, sind wertschöpfende Unternehmensbereiche nur selten am Projekt beteiligt. Zwei Drittel der Befragten nutzen die Chancen der Technologie nicht zur Integration unternehmensübergreifender Prozesse: Projekte gehen laut der Studie bisher kaum über einfache logistische Anwendungen hinaus.

Auffällig ist auch, dass sich fast ein Viertel der Unternehmen für RFID entschied, ohne vorher systematisch die Wirtschaftlichkeit zu prüfen. Da verwundert es kaum, dass gerade diejenigen, die RFID aus wirtschaftlichen Gründen einführten, ihre Ziele oft nicht erfüllt sahen. Genau an diesem Punkt, der Wirtschaftlichkeit von RFID-Projekten, setzt eine andere aktuelle Studie an. Das in Stuttgart ansässige IPRI - International Performance Research Institute[10] betont in seiner Untersuchung, dass "eine Entscheidung über die Anwendung von RFID, die sich ausschließlich an der technischen Machbarkeit orientiert, zu kurz greifen würde. Vielmehr muss die Adaption einer neuen Technologie als strategische Entscheidung interpretiert werden, die an ökonomischen Maßstäben auszurichten ist."

Von den durch IPRI vor diesem Hintergrund befragten Unternehmen setzen bereits rund 18 Prozent RFID ein, 12 Prozent planen die Einführung innerhalb des kommenden Jahres. 33 Prozent wollen RFID zu einem späteren Zeitpunkt implementieren. Ein weiteres Drittel plant langfristig ohne RFID.

Als Gründe für den Einsatz von RFID werden vor allem erhoffte Kostensenkungen und ein innovatives Image genannt. Aber auch bessere Rückverfolgbarkeit und erhöhte Auskunftsfähigkeit spielen eine wichtige Rolle. Diese Ziele könnten teilweise auch mit anderen Technologien, beispielsweise Barcodes, erreicht werden. Daher sind auch die Gründe interessant, die zur Auswahl von RFID als Technologie führen. Genannt werden dafür das Auslesen ohne Sichtkontakt und in Bewegung, die Robustheit der RFID-Chips und - etwas weniger häufig - die Mehrfachverwendbarkeit.

Inwieweit konnten die mit dem RFID-Projekt gesteckten Ziele erreicht werden? Eine allgemeine Antwort auf diese Frage ist schwer, hängt sie doch nach den Ergebnissen der IPRI-Studie auch davon ab, welche Beweggründe die Firmen für ihr RFID-Projekt hatten. Oder anders gesagt: Inwieweit die Ziele erreicht wurden, wird auch dadurch bestimmt, wie realistisch die in das RFID-Projekt gesetzten Erwartungen waren.

Außerdem traten neben den angestrebten Hauptzielen oft angenehme Nebeneffekte auf: So konnten in vielen Fällen etwa der Schwund reduziert oder das Bestandsdatenmanagement verbessert werden. In der Diskussion um RFID wird oft nicht berücksichtigt, dass es nicht "den" RFID-Chip gibt, sondern dass sich inzwischen eine ganze Reihe von technisch unterschiedlichen RFID-Tags herausgebildet hat. Sie senden auf unterschiedlichen Frequenzen und lassen sich entweder nur lesen, einmal beschreiben und mehrmals lesen oder mehrmals beschreiben und lesen.

Die Vielfalt der Chips ermöglicht auch vielfältige Anwendungen - noch dominieren aber die so genannten Read-Only-Transponder. "Deren Dominanz legt nahe, dass RFID-Lösungen in vielen Fällen noch immer als reines Substitut von Barcode-Lösungen genutzt werden. Das volle Potenzial der Technologie kann sich so allerdings nicht entfalten, da gerade die Wiederbeschreibbarkeit neue Anwendungen ermöglicht, die mit dem Barcode nicht zu realisieren sind", meint das IPRI.

Diese Kritik wird durch die Fraunhofer-Studie etwas abgemildert: Sie sieht nicht allein den mangelnden Einfallsreichtum der Unternehmen als Hinderungsgrund für komplexe RFID-Projekte, sondern die Technik selbst. Beispielsweise erreichen Ultra-Hochfrequenz-Systeme deutlich höhere Reichweiten als Hochfrequenz-Systeme, aufgrund der Ausbreitungscharakteristik der Wellen treten jedoch Interferenzen auf, die das Auslesen von Daten verhindern können.

Das Fraunhofer-Institut ist deshalb erstaunt, dass 30 Prozent der von ihm befragten Unternehmen im Vorfeld von RFID-Projekten keine technische Machbarkeitsstudie durchgeführt hatten. Denn nach seiner Ansicht gibt es RFID heute auch bei Standardanwendungen noch nicht "von der Stange", daher seien robuste RFID-Anwendungen immer noch vergleichsweise einfach aufgebaut.

Jörg Aßmann, Field Marketing Manager DACH & Eastern Europe bei Intermec Technologies[11], einem Spezialisten für AIDC (Automated Information and Data Capture), der sich sowohl mit Barcode als auch RFID-Lösungen beschäftigt, sieht das positiver. Seiner Meinung nach ist die Technik ausgereift. "Mangelnde Integration liegt vor allem an den hohen Integrationskosten, die die Hardwarekosten um ein Vielfaches überschreiten. Um diese Kosten zu vermeiden, werden oft Standalone-Lösungen bevorzugt." Auffällig ist auch, dass trotz eines etablierten Standardübertragungsprotokolls (EPC[12]) noch ein großer Teil der von IPRI befragten Firmen eigene Übertragungsstandards entwickelt und verwendet. Auch die Fraunhofer-Studie nennt die Inkompatibilität existierender Standards sowie den Aufbau und die Ausrichtung von Systemkomponenten als häufig Ursachen von Schwierigkeiten bei RFID-Projekten. Aßmann ist auch hier optimistischer: "Die Standards von EPC sind gut, wir sehen hier keinen Verbesserungsbedarf."

Generell sieht Aßmann dort, wo ein hoher manueller Aufwand besteht, ein enormes Potenzial für RFID-Anwendungen. Als Beispiel nennt er die Containerverfolgung. "Das Scannen jedes Containers bedeutet einen enormen manuellen Aufwand. RFID bietet hier große Einsparpotenziale: Wenn das Unternehmen immer weiß, wo sich die Container befinden, können der Bestand an Containern verringert und so Kosten eingespart werden."

Nach Ansicht der Fraunhofer-Experten ist RFID derzeit noch eine "Beschäftigung für Technologiebegeisterte". Damit sich RFID zur Schlüsseltechnologie für die Effizienzsteigerung von Geschäftsprozessen wandelt, müsse die tiefer in die Geschäftsprozesse integriert werden - wodurch RFID-Projekte aber auch immer komplexer würden.

Unternehmen benötigten daher mehr als nur die technischen RFID-Komponenten, nämlich Dienstleister, "die die Einführung von der Prozessanalyse über den Business Case bis hin zum Change Management begleiten, technisches Fachwissen sowie Erfahrung mitbringen und darüber hinaus auch den Betrieb ganzheitlicher Lösungen unterstützen."

Noch ist das aber Zukunftsmusik. Die konkreten Pläne zum RFID-Einsatz in deutschen Firmen sehen nämlich anders aus. Laut der IPRI-Umfrage denken sie vor allem über den RFID-Einsatz beim Warenein- und -ausgang, der Lagerorganisation, dem Bestands- und Behältermanagement sowie der Rückverfolgung von Objekten nach. Dass mit der Warenwirtschaft ein eher traditionelles Einsatzgebiet von RFID auch die geplanten Einsatzszenarien beherrscht, sieht das IPRI ebenfalls als Beleg dafür, dass die Möglichkeiten noch nicht voll erkannt wurden.

Die Unternehmen selbst nennen als Voraussetzungen für einen weitergehenden RFID-Einsatz vor allem kostengünstigere RFID-Tags, Aufbau von Know-how im eigenen Haus und die Notwendigkeit, die Wirtschaftlichkeit des Einsatzes zu klären. Technische Verbesserungen, wie eine höhere Lesegenauigkeit oder eine größere Zuverlässigkeit der Technik, spielen zwar nicht die Hauptrolle, werden aber ebenfalls als wichtige Punkte genannt.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.zdnet.de/glossar/0,39029897,70010575p,00.htm
[2] = http://www.foebud.org/rfid/das-problem
[3] = http://www.zdnet.de/itmanager/tech/0,39023442,39139086,00.htm
[4] = http://www.info-rfid.de/index.html
[5] = http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Wahlster
[6] = http://www.dresdner-zukunftsforum.de/blog/webcasts/forum3-prof-wolfgang-wahlster/
[7] = http://www.dresdner-zukunftsforum.de
[8] = http://www.ipt.fraunhofer.de/
[9] = http://www.p3-group.com/ingenieurgesellschaft/de/home.html
[10] = http://www.ipri-institute.com
[11] = http://www.intermec.de
[12] = http://de.wikipedia.org/wiki/Elektronischer_Produktcode