Fast drei Jahre und zahlreiche Zukäufe waren nötig, doch jetzt hat Citrix hat ein beeindruckendes Portfolio für Desktop-Virtualisierung in Unternehmen beisammen: Zeit für den "Desktop 2.0", meint Firmenchef Mark Templeton.
Als Citrix[1] vor nicht einmal einem Jahr den Virtualisierungsspezialisten XenSource für rund 500 Millionen Dollar übernommen hat[2], wurde das in der Branche vor allem als Positionierung gegen den Marktführer VMware[3] verstanden. Jetzt zeigt sich aber, dass es Citrix weit weniger um Servervirtualisierung geht als vielmehr um die Weiterentwicklung des Konzeptes Server Based Computing. Auf der Hausmesse iForum in München stellte das Unternehmen unter dem Schlagwort "Desktop 2.0" das Ergebnis der Zukäufe und Umstrukturierungen der vergangenen Jahre vor.
Citrix-Chef Mark Templeton ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass Revolutionen in der IT-Branche meist nur in den Köpfen der Marketingabteilungen stattfinden. Und auch wenn die Server-Based-Computing-Gemeinde in der Vergangenheit manchmal etwas Sektiererisches an sich hatte - den Anspruch alleinseligmachender Religion lehnt Templeton für sein Produktportfolio ab.
Ihm geht es vielmehr darum, mit dem neu sortierten Angebot Firmen jetzt unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten für ihre Anforderungen zu bieten. Denn, so das Kalkül, wenn sie bereits bei Citrix mehrere Wege finden, Anwendungen günstig, effektiv und sicher für ihre Mitarbeiter bereitzustellen, brauchen sie sich die Angebote des Wettbewerbs nicht mehr so genau anzusehen.
Als Vorbild dient Citrix für seine neue Strategie das digitale Satellitenfernsehen. So zuverlässig und unkompliziert das für den Anwender ist, so unkompliziert und problemlos sollte er auch die Anwendungen auf seinen Desktop bekommen. Dass dazu eine ganze Kette überwiegend proprietärer Technologie für die Übertragung und den Empfang notwendig ist, verschweigt Templeton zwar nicht, sieht er aber auch nicht als Hinderungsgrund an.
Auch dass in der Zentrale erheblich aufgerüstet werden muss, gibt Templeton zu: "Desktop 2.0 ist im ersten Schritt nur etwas für Firmen, die den Mumm haben, entgegen dem Trend in ihrem Rechenzentrum ein paar Server mehr zu installieren." Der Mut werde aber belohnt, denn es seien insgesamt Einsparungen von rund 40 Prozent möglich.
Citrix hat bereits Anfang des Jahres sein Portfolio neu sortiert. Unter dem Dach des Citrix Delivery Center[5] sind seitdem vier Infrastrukturlösungen zur Bereitstellung von Applikationen zusammengefasst: XenServer, XenDesktop[6], NetScaler und XenApp, das zuvor als Presentation Server bekannte Kernprodukt. Damit lässt sich eine durchgängige Infrastruktur abbilden, die von der zentralen Bevorratung von Anwendungen über deren Auslieferung mittels eines dafür optimierten Netzwerk bis zur Darstellung auf dem Arbeitsplatzrechner alle notwendigen Komponenten umfasst.
XenServer dient dem Management virtueller Server. NetScaler übernimmt die Komprimierung und sorgt für den schnellen und sicheren Transport über die WAN-Strecke. XenDesktop ist für die Verwaltung und Darstellung auf dem Desktop des Anwenders zuständig. Um die Akzeptanz im Unternehmen zu gewährleisten, hat Citrix mit Hardwarepartnern wie HP[7], Wyse[8], Igel[9] und VXL[10] eine neue Geräteklasse definiert: die Desktop-Appliances. Dabei handelt es sich salopp gesagt um fette Thin Clients mit zahlreichen Schnittstellen und teilweise beachtlicher Rechenpower.
Als ideale Anwender sieht Templeton die rund 400 Millionen Angestellten weltweit, die zu 80 bis 90 Prozent ihrer Zeit von einem festen Arbeitsplatz aus arbeiten. Er schließt jedoch nicht aus, dass mit zunehmenden technischen Möglichkeiten bei drahtlosen Verbindungen wie UMTS und HSDPA auch die mobileren Kollegen in das Gesamtkonzept integriert werden können. Für das alte Citrix-Arbeitspferd, den jetzt als XenApp vermarkteten ehemaligen Presentation Server, sieht Templeton bei der Bereitstellung von Windows-Applikationen ebenfalls noch genügend Raum.
Auch wenn für alle, die die beeindruckenden Möglichkeiten des XenDesktops gesehen haben, bei der angebotenen Alternative der schale Nachgeschmack eines zweitklassigen Arbeitsplatzrechner zurückbleibt. Aber damit werden sich Mitarbeiter in Callcentern, Tourismus, Gastronomie oder Gesundheitswesen, die eben die Möglichkeiten des XenDesktops nicht wirklich nutzen, in Zukunft wohl abfinden müssen: Schließlich benötigen sie in vielen Fällen für ihre Aufgaben nur sehr eingeschränkte Funktionen und meist spezielle Anwendungen.
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