BI-Verantwortliche in Unternehmen sehen schweren Zeiten entgegen: Etablierte Anwendungen enden durch die Konsolidierungswelle in der Sackgasse und Vordenker der Branche rufen einen Paradigmenwechsel aus.
Das reine Zahlenwerk bescheinigt Business Intelligence[1] eine strahlende Zukunft: Der deutsche Markt für Business-Intelligence-Anwendungen wuchs laut der Marktstudie des Business Application Research Center[2] (BARC) im Jahr 2007 um 13,7 Prozent. Für ein Stimmungshoch bei BI-Anbietern sorgt zudem der prognostizierte zweistellige Zuwachs für die nächsten Jahre.
Wer den Markt allerdings genauer betrachtet, entdeckt auch Schlechtwetterwolken - zumindest für Kunden: Fast die Hälfte des Gesamtumsatzes wurde 2007 in Deutschland von den vier größten Anbietern IBM[3], Oracle[4], SAS[5] und SAP[6] erwirtschaftet, auch dank Aufkäufen[7] im vergangenen Jahr: Oracle kaufte Hyperion[8], SAP vereinnahmte Business Objects [9], IBM verstärkte sich[10] mit Cognos.
Das Marktforschungsunternehmen Gartner[11] prognostiziert, dass die vier IT-Riesen SAP, IBM, Oracle und Microsoft[12] bis zum Jahr 2012 weltweit rund 70 Prozent des BI-Umsatzes für sich verbuchen werden. Es wird also eine Dominanz weniger Anbieter geben - mit unangenehmen Nebeneffekten für die Kunden. Die Übernahmewelle bedeutet zum einen eine unsichere Zukunft für bereits im Markt etablierte BI-Software. Zudem werden die "Big Four" versuchen, ihre BI-Angebote an die eigenen Datenbanktechnologien und Business-Applikationen zu binden. Branchenexperten sind sich einig: Entgegen den Beteuerungen von SAP, IBM und Oracle, werden die zugekauften Produkte zwangsweise mit der hauseigenen Produktpalette konsolidiert. Ein gutes Beispiel dafür ist SAP. Anfang 2008 bekräftigte der Co-CEO Léo Apotheker noch die Eigenständigkeit der Anwendungen von SAP und Business Objects. Beide Angebote könnten nebeneinander bestehen und sich ergänzen. Kaum einen Monat später veröffentlichte SAP eine Roadmap die nahelegt, dass SAP-BI-Produkte wie die BEx-Anwendungen mit Business-Objects- oder Cristal-Report-Lösungen verschmelzen werden.
Thorsten Sommer, BI-Programm-Manager der Volkswagen AG[13] und Herr über zirka 200 BI-Projekte im Konzern, fasst es zusammen: "Die BI-Anbieter sind derart mit ihren Übernahmen beschäftigt, dass unsere Kundenanforderungen auf der Strecke bleiben. Zudem weiß man als Betreiber einer BI-Software derzeit nie, ob man nicht auf einem demnächst toten Pferd reitet."
Sommer steht mit seiner Kritik nicht alleine da. Eine Umfrage des Business-Portals Solutionsparc.com[14] unter SAP-Anwendern bestätigt seinen Eindruck. Demnach fühlt sich nur jeder zehnte der 179 befragten Firmenvertreter in der Lage, seine Business-Intelligence-Strategie an den neuen Gegebenheiten ausrichten zu können.
Als wären die Unsicherheiten durch den turbulenten Markt nicht groß genug, rufen Marktanalysten und Branchen-Experten 2008 auch noch eine BI-Revolution aus. Laut BARC wird das zeitnahe Überwachen und Steuern von Geschäftsprozessen in Zukunft einer der wichtigsten BI-Aufgaben. "Operative Business Intelligence" heißt die Marschrichtung, so die BARC-Analysten. Barry Devlin, ein Business-Intelligence-Urgestein und Mitentwickler des Data-Warehouse-Konzeptes[15] geht sogar noch einen Schritt weiter: "Business Intelligence, wie wir es kannten, ist tot." Die zukünftigen BI-Hauptanwender sitzen nicht mehr in der Analyse-Abteilung oder im Top-Management, sondern beispielsweise im Callcenter oder in Vertriebsabteilungen, meint Devlin.
Collaboration-Werkzeuge und Web 2.0-Elemente wie Wikis, interaktive Reports sowie die unternehmensweite Verfügbarkeit durch Webfrontends werden Standards, prophezeit der BI-Spezialist. "Business Intelligence wird keine elitäre Informationsquelle mehr sein, sondern ein Werkzeug für alle Mitarbeiter im Unternehmen", so Devlin. Dies hat auch einschneidende Auswirkungen auf die IT-Architektur. Konsequenterweise muss BI unter den neuen Vorzeichen unternehmensweit als Service etabliert werden - und dafür eignet sich laut Devlin der SOA-Ansatz besonders.
Allerdings bedeutet das einen tiefgreifenden Kulturbruch. Dessen ist sich auch Devlin bewusst: Das Management muss sein Herrschaftswissen[16] abgeben und verliert somit die Deutungshoheit über Kennzahlen. Das funktioniert nur, wenn BI-Verantwortliche Rückendeckung von ganz oben bekommen, macht der Experte klar. "BI für Alle wird eine Art Kulturrevolution - und die IT-Abteilung macht plötzlich Politik", bringt Devlin nicht ohne Augenzwinkern die Zukunft von Business Intelligence auf den Punkt.
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