Grün macht schön - oder nur Kasse?

(http://www.zdnet.de/magazin/39190983/gruen-macht-schoen-oder-nur-kasse.htm)

von Peter Marwan, 20. Mai 2008

Dell will als erste großer PC-Hersteller die CO2-Emissionen seines Geschäftsbetriebs neutralisieren. Auch HP überschlägt sich seit einiger Zeit vor Öko-Engagement. Die Begeisterung der Kunden hält sich dagegen noch in Grenzen.

"Dell[1] will die grünste Technologiefirma der Welt werden", sagt Albert Esser, Vice President Power and Infrastructure Solutions bei Dell. Dieses Ziel soll im Wesentlichen durch drei Maßnahmen erreicht werden: Stromeinsparungen und Nutzung von Ökostrom durch Dell selbst, der Verpflichtung von Zulieferern auf einen minimalen ökologischen Fußabdruck sowie die Reduzierung der Umweltbelastung durch Dell-Produkte.

Für Käufer am relevantesten ist jedoch das Ziel der Texaner, im Jahr 2010 Produkte zu liefern, die 25 Prozent weniger Energie verbrauchen[2] als die derzeit verkauften. Erreichen will Dell das einerseits durch den konsequenten Einsatz von sparsamen Prozessoren. Andererseits sollen effizientere Netzteile, verbessertes Schaltungsdesign und verfeinerte Lüftertechnologien sowie Power-Management-Features im BIOS und der Firmware dazu beitragen. Letztere sollen zu jedem Temperaturbereich und Auslastungsgrad des Rechners die optimale Lüfterleistung und Stromversorgung ermitteln und automatisch einstellen.

Esser räumt ein, dass gerade im Business-Bereich die zusätzlichen Funktionen und die Auswahl von energieffizienten Komponenten dazu führen könnten, dass einzelne Produkte teurer seien als von der Leistung her exakt vergleichbare Mitbewerbsprodukte. "Der Preisunterscheid wird aber nicht signifikant sein und durch die erzielbaren Einsparungen bei weitem wieder aufgewogen werden."

In seinen Umweltbemühungen vergleicht sich Dell ausdrücklich mit HP[3]. Der PC-Marktführer betont bereits seit einiger Zeit, wie Lieferanten zu sozialer und ökologischer Verantwortung verpflichtet werden[4], wie erfolgreich der Konzern beim Recycling[5] ist und führt auf seiner Webseite detailliert auf, wie viel Strom und CO2 das Unternehmen einspart[6].

HPs Aussagen will Esser aber so nicht stehen lassen. "HP berechnet die Einsparungen auf der Grundlage der Zahlen von 2005. Klar, dass sich in den vergangenen zwei Jahren in diesem Bereich viel getan hat. Dell dagegen hat sich seine Ziele auf Basis der Verbrauchswerte aktueller Produkte gesetzt."

Noch, so Esser, würden in Ausschreibungen zu selten grüne Kriterien verlangt. Meist sei das bisher nur bei Unternehmen oder Behörden der Fall, die sich in einem dafür sensitiven Umfeld bewegen. "Für die Umwelt, die Firmen und den Geldbeutel wäre aber genau das das richtige Vorgehen." Die größten, weltweit agierenden Unternehmen hätten das bereits eingesehen.

Die neue Begeisterung und die Aufregung um CO2 scheint in den USA wesentlich mehr Anklang zu finden als in Deutschland. Vielleicht auch, weil sie im Vergleich zu Europa neu ist: Die Diskussion um Energiesparlampen, Drei- beziehungsweise Vier-Liter-Autos, die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und die Wärmeisolierung von Wohnungen - um nur ein paar Beispiele zu nennen - hat Deutschland schon hinter sich, und vieles davon ist inzwischen Standard.

In den USA dagegen trägt sie offenbar gerade erste Früchte - auch außerhalb der IT und wahrscheinlich wegen der empfindlich steigenden Energiepreise: So ging beispielsweise im vergangen Monat der Absatz von sogenannten Trucks und SUV[7] um 17 Prozent zurück.

"Normalerweise muss man Opfer bringen, um sich umweltbewusst und sparsam zu verhalten. Bei Green-IT ist das nicht der Fall. Wer die beste Leistung pro Watt sucht, bekommt hervorragende Produkte und spart sogar noch Geld", wirbt Esser. Firmen, die das Thema schon länger verinnerlicht hätten, seien heute wahrscheinlich profitabler als jene, die sich nicht darum kümmern. Was zu beweisen wäre. Allmählich drängt sich der Eindruck auf, Energiesparen, die Nutzung alternativer Energiequellen oder die möglichst effiziente Nutzung von Energie, um so den CO2-Ausstoß zu verringern, verkomme zum Selbstzweck. Denn selbstverständlich wollen, ja müssen Firmen wie Dell oder HP jedes Jahr mehr Rechner, mehr Server und mehr Blades verkaufen als im Jahr zuvor. Alles andere würden ihnen die Aktionäre übelnehmen.

Eine echte Revolution wäre es, wenn diese Firmen nachweisen könnten, dass die Einsparungen durch die Einzelprodukte die höheren Emissionen durch Zunahme der Stückzahlen überwiegen. Dieses Versprechen langfristig aufrechtzuerhalten dürfte aber sehr schwer fallen. Als letzter Ausweg bleibt also das Bäumepflanzen.

Ganz ohne Strom und CO2-Ausstoß geht es in der IT eben doch nicht. Also kauft man sich frei, indem man entweder bei Dell pro Produkt[8] oder bei anderen pro Tonne CO2-Ausstoß einen bestimmten Betrag in Aufforstungsprojekete investiert. Der britische Anbieter Carbon Footprint[9] übernimmt mit einem Online-Kalkulator gleich die Umrechnung.

Kleine Unternehmen können sich kostenlos registrieren, Privatpersonen dürfen auch ohne Registrierung in den Ablasshandel einsteigen: Für ein reines Gewissen nach einem Flug von München nach Paris etwa, für den Carbon Footprint 0,195 Tonnen CO2 veranschlagt, werden 8,80 Euro für einen Baum in Kenia oder 14,77 Euro für einen Baum in Großbritannien fällig.

Auch Climate Partner[10] aus München bietet Unternehmen die Ermittlung ihres CO2-Fußabdruckes an und schlägt ihnen vier Schritte zur Entwicklung eines ganzheitlichen Klimaschutzkonzepts vor: Nach der Erstellung einer Emissionsbilanz sollten eine Klimaschutzstrategie entwickelt und Handlungsoptionen beschrieben werden.

Abschließend empfiehlt Climate Partner die Erschließung der Marketing- und Kommunikationspotenziale. Da zeigt sich unfreiwillig eine wichtige Komponente der Klimadiskussion in der IT: Oft wird einfach viel CO2 gegen viel heiße Luft eingetauscht.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.dell.de
[2] = http://www.zdnet.de/news/green-it/0,39039118,39190865,00.htm
[3] = http://www.hp.com/de
[4] = http://h41131.www4.hp.com/de/de/stories/fs_emea_05_08.html
[5] = http://h41131.www4.hp.com/de/de/pr/hp-erreicht-recycling-ziel-ein-halbes-jahr-fr-her-und-verdoppelt-die-vorgabe-bis-2010.html
[6] = http://www.hp.com/hpinfo/globalcitizenship/environment/operations/energy.html
[7] = http://de.wikipedia.org/wiki/SUV
[8] = http://www.carbonfund.org/dell
[9] = http://www.carbonfootprint.com/shop.html
[10] = http://www.climatepartner.de/