Drei Trends machen in Firmen dem Desktop-PC den Garaus

(http://www.zdnet.de/magazin/39190101/drei-trends-machen-in-firmen-dem-desktop-pc-den-garaus.htm)

von Peter Marwan, 28. April 2008

Der klassische Büro-PC verkauft sich immer noch gut. Eigentlich ist er aber nur noch ein Relikt aus alten Tagen: Thin Clients, Server Based Computing und Desktop-Virtualisierung sind effizienter, günstiger und außerdem umweltfreundlicher.

Eigentlich liegen die Vorteile[1] von Thin Clients auf der Hand: angefangen bei niedrigeren Anschaffungskosten, der einfacheren Verwaltung sowie dem geringeren Aufwand beim Helpdesk bis zu günstigeren Rollouts und Upgrades, deutlich niedrigeren Betriebskosten durch sparsamen Umgang mit Strom und einer längeren Lebensdauer.

Einziger Haken der schlanken Rechner in der Tradition der Terminal-Services: Bisher ließen sich nicht alle Anwendungen bereitstellen, die in Firmen genutzt werden. Zwar erhöhte sich der Anteil allmählich und liegt aktuell nach Schätzungen von Experten bei rund 95 Prozent. Aber die letzten 5 Prozent waren für viele Firmen ausschlaggebend dafür, auf den Einsatz zu verzichten. Das soll sich dieses Jahr ändern. Das Zauberwort dabei ist - wie in so vielen anderen Bereichen auch - Virtualisierung.

Virtualisierung ist auf dem Desktop ebenso wenig neu wie im Serverumfeld. Aber sie lässt sich heute dank der weitaus leistungsfähigeren Hardware viel einfacher umsetzen. "Virtualisierte PCs lösen das langjährige Problem der Anwendungsbereitstellung dieses Jahr endgültig", sagt Heiko Gloge, Managing Director beim deutschen Anbieter Igel Technology[2].

Daher hatte der Anbieter zur CeBIT die umfangreiche Unterstützung der wichtigen Desktop-Virtualisierungslösungen (VDI[3] von VMware und Xen-Desktop[4] von Citrix) durch seine Thin-Client-Modelle auf Basis der Betriebssysteme Linux, Windows CE und Windows XP Embedded bekannt gegeben[5].

Der Mitbewerber Wyse[6] machte kürzlich mit der Unterstützung[7] des Virtual Desktop Manager 2 von VMware durch seine Thin Clients ebenfalls einen großen Schritt vorwärts in diese Richtung. Kurz zuvor hatte der Hersteller bereits eine neue Geräteklasse[8] speziell für den Xen-Desktop von Citrix angekündigt.

Alle großen Anbieter von Desktop-Virtualisierung arbeiten ebenso wie Microsoft[9] beim Server Based Computing mit RDP[10] (Remote Desktop Protocol). Vielen ist daher zunächst nicht klar, wo der grundlegende Unterschied liegt. Auch dass zum Beispiel VMware[11] für sein Konzept der Desktop-Virtualisierung, die Virtual Desktop Infrastructure[3] (VDI), ganz ähnliche Vorteile nennt wie die Anbieter von Thin Clients für Server Based Computing, trägt zur Verwirrung bei.

Klarheit schafft der Blick in ein lesenswertes Whitepaper[12] von Igel. In dem Dokument werden Desktop-Virtualisierung und Server Based Computing gegenübergestellt. Ein wichtiger Vorteil von Desktop-Virtualisierung sei etwa, dass sie mehr Möglichkeiten zur Anpassung der Systemumgebung biete. Außerdem könnten Power-User auf größere Hardware-Ressourcen zugreifen, und es gebe keine Probleme mit DLL-Sharing und der Kompatibilität von Anwendungen mehr. Alles Punkte, die Firmen bisher als Argumente gegen Thin Clients ins Feld geführt haben.

Das Fazit des Whitepapers ist klar und deutlich: Für 80 bis 90 Prozent der Nutzer ist Server Based Computing geeignet. Das sind alle, die an Arbeitsplätzen mit typischen Windows-Anwendungen arbeiten, eine vorhersehbare Hardware-Auslastung erzeugen und gängige, stabile Software einsetzen. 10 bis 20 Prozent der Nutzer sind mit Desktop-Virtualisierung besser bedient. Kriterien für solche Szenarien sind der Einsatz nicht terminalfähiger Software, stark schwankende Hardwareanforderungen, die Nutzung mehrerer Desktop-Betriebssysteme auf einem Endgerät sowie der Einsatz unstabiler Software.

Rechnet man kurz zusammen, ist klar, dass Desktop-Rechner in diesem Szenarienvergleich überhaupt nicht mehr vorkommen. Natürlich, könnte man sagen: Schließlich stammt er von einem Anbieter von Thin Clients. Das stimmt zwar, nimmt dem Vergleich aber nicht seinen Wert, bedenkt man, dass selbst Hewlett-Packard, der weltweit größte Anbieter von PCs, jüngst seine lange vor sich hindümpelnde Thin-Client-Sparte[13] wiederbelebt hat. Einerseits durch die Übernahme des auf Linux-Thin-Clients spezialisierten Anbieters Neoware[14], andererseits durch eine Erneuerung[15] des Portfolios.

HP stellt sich mit seinen als Remote Client Solutions[16] vermarkteten Lösungen strategisch bereits auf neue Zeiten ein, in denen der Desktop eine untergeordnete Rolle spielt. Unter dem Begriff fasst der Konzern mehrere Ansätze zusammen. So werden in enger Partnerschaft mit Citrix Server-Based-Computing-Lösungen[17] angeboten. Diese reichen von Servern über spezielle Software[18], die die Implementierung unterstützen soll, bis zu Thin Clients als Endgeräten.

Bei Desktop-Virtualisierung setzt HP auf die Partnerschaft mit VMware. Die als HP VDI[19] vermarktete Gesamtlösung besteht aus HPs ProLiant- und BladeSystem-Servern sowie dem HP Systems Insight Manager und dem HP Session Allocation Manager[20] als Management Software. Als Front-End sieht HP die hauseigenen Thin Clients vor.

Für anspruchsvolle Grafikanwendungen soll die HP Remote Graphics Software[21] auch Anwender, die bisher ihre eigene Workstation hatten, ohne Leistungseinbußen an die zentralen Dienste anbinden. Bei solchen Anwendungen empfiehlt HP seine Blade-Workstation-Lösung. Die ist aber aufgrund der Kosten eher für Kunden mit sehr hohen Performance- und Sicherheitsanforderungen geeignet. Die wichtigste Referenz[22] ist derzeit beispielsweise die Ausrüstung der Broker der Lloyds-TSB-Bank.

"Die Desktop-Virtualisierungsmöglichkeiten der HP Remote Client Solutions sorgen dafür, dass Arbeitslasten bei Bedarf automatisch und ohne Unterbrechung zwischen verschiedenen virtuellen Systemen bewegt werden", sagt Tom Heyder, Direktor Corporate Enterprise & Public Sector, Personal Systems Group, HP Deutschland. "Dabei geht es nicht nur um Einsparungen bei der Hardware. Unternehmen können auch einer größeren Mitarbeiterzahl an verschiedenen Orten einen deutlich sichereren Zugang zur IT-Infrastruktur gewähren."

Um auch durch handfeste Zahlen zu überzeugen, stellt HP IT-Verantwortlichen einen Client Virtualisation ROI Calculator zur Verfügung. Das Tool berücksichtigt angefangen beim Energieverbrauch über den geringeren Platzbedarf bis hin zur Verwaltung und Wartung im Arbeitsplatz und im Rechenzentrum alle möglichen Einsparpotenziale. "Das Tool erfasst genau die Daten, die CIOs benötigen, um sich für eine Client-Computing-Strategie entscheiden zu können", sagt IDC[23]-Analyst Chris Ingle. Er meint, dass Unternehmen, die von traditionellen Desktop-PCs zu Blade-PCs wechseln, innerhalb von drei Jahren durchschnittlich 1320 Dollar pro Anwender sparen. Das entspräche einem ROI von 443 Prozent. Der HP Client Virtualisation ROI Calculator soll in Kürze auch in Deutschland erhältlich sein. Die Tatsache, dass Thin Clients weniger Strom benötigen als herkömmliche Desktop-PCs, ist längst bekannt. Irgendwie hat man auch geahnt , dass die gesamte Ökobilanz - also die Bewertung von der Produktion über den Einsatz bis zur Entsorgung, für Thin Clients günstiger ausfällt. Wie viel besser sie im Detail ist, hat jetzt eine Studie[24] des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik[25] (UMSICHT) zu ergründen versucht.

Während bisher isolierte Einzelaspekte betrachtet wurden, unternimmt die Studie anhand unterschiedlicher Einsatzszenarien einer auf Thin Clients und Server Based Computing basierenden IT-Infrastruktur eine Gesamtbetrachtung. Die Bewertung des ökologischen Vergleichs wird am augenfälligsten durch das GWP (Global Warming Potential), das in Kilogramm CO2 pro Einheit gemessen wird.

Das Ergebnis der Fraunhofer-Experten: "Bezogen auf den Einsatz in einem Unternehmen mit 300 Arbeitsplätzen spart der Einsatz von Thin Clients über eine fünfjährige Nutzungsphase Emissionen von über 148 Tonnen CO2, wenn 75 Prozent der Arbeitsplätze umgestellt werden können." Um die Einsparungen anschaulicher zu machen: Ein Auto vom Typ VW Golf TDI würde dieselbe Menge an CO2 erzeugen, wenn es 1.093.000 Kilometer zurücklegt. Im direkten Vergleich zu Desktop-PCs beträgt der GWP-Wert von Thin Clients unter Berücksichtigung des Serveranteils laut der Studie nur nur etwas über die Hälfte.

Diese Vorteile haben auch die Aufmerksamkeit des Umweltbundesamtes[26] geweckt. "Wir sollten nicht nur dem Energiesparen Aufmerksamkeit schenken. Es ist an der Zeit, auch verstärkt die Materialeffizienz und Rohstoffknappheiten in den Blick zu nehmen“, sagt Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes. Nach Angaben des Amtes könnten bei Rechenzentren, durch Vermeidung von Leerlaufverlusten und den konsequenten Einsatz von Thin Clients rund sechs Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Die Umstellung eines Drittels der PCs in Deutschland auf Thin Clients würde pro Jahr eine Million Tonnen CO2 und rund 100.000 Tonnen Material sparen, speziell Metalle und Kunststoffe.

Das neue erwachte Interesse der Behörden am Thema Green-IT[27] sollte nicht sofort als Modeerscheinung abgetan werden. Die Aussage, dass die weltweite Internetnutzung gleich viel CO2 erzeugt[28] wie der weltweite Flugverkehr lässt aufhorchen: Warum ist der eine Bereich dem Emissionshandel unterworfen, wenn ein anderer, genauso relevanter dies nicht ist? Insider berichten bereits, dass im Bundesumweltministerium solche Überlegungen angestellt würden. Setzen sie sich durch, dann wären Firmen und Rechenzentren im Vorteil, die sich frühzeitig um die Ökobilanz ihrer Infrastruktur Gedanken gemacht haben.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.etcf.de/cms/branche_benefits_de/
[2] = http://www.igel.de/
[3] = http://www.vmware.com/de/products/vdi/
[4] = http://www.citrix.de/produkte/schnellsuche/xendesktop/funktionen/
[5] = http://www.igel.de/igel/live.php,navigation_id,3268,content_id,8759,_psmand,1.html
[6] = http://de.wyse.com/index.asp
[7] = http://de.wyse.com/solutions/edv/
[8] = http://de.wyse.com/about/news/pr/2008/0420-xen.asp
[9] = http://www.microsoft.de
[10] = http://de.wikipedia.org/wiki/Remote_Desktop_Protocol
[11] = http://www.vmware.de
[12] = http://www.igel.de/ps/tools/download.php?file=/live/navigation/dms/psfile/docfile/63/WP_Virtual47c6bfaebaebb.pdf&name=WP_Virtualisierung_DE_v1.pdf
[13] = http://h10010.www1.hp.com/wwpc/pscmisc/vac/us/en/sm/thinclients/WF02d/12454-12454-321959.html
[14] = http://www.zdnet.de/news/business/0,39023142,39156590,00.htm
[15] = http://www.zdnet.de/news/hardware/0,39023109,39161651,00.htm
[16] = http://www.hp.com/go/remoteclientsolutions
[17] = http://h71028.www7.hp.com/enterprise/cache/3916-0-0-0-121.html
[18] = http://h71019.www7.hp.com/ActiveAnswers/cache/497625-0-0-0-121.html
[19] = http://h18004.www1.hp.com/products/servers/vmware/vdi.html?jumpid=reg_R1002_USEN
[20] = http://h71028.www7.hp.com/enterprise/cache/323204-0-0-225-121.html?jumpid=ex_r2548_go/sam/kimsmb/2H07Collateral/062607
[21] = http://h20331.www2.hp.com/hpsub/cache/286504-0-0-225-121.html?jumpid=ex_R2845_vanitywkst/rgs
[22] = http://h71028.www7.hp.com/enterprise/cache/437067-0-0-0-121.html
[23] = http://www.idc.com/germany/
[24] = http://it.umsicht.fraunhofer.de/TCecology/
[25] = http://www.umsicht.fraunhofer.de/
[26] = http://www.umweltbundesamt.de/
[27] = http://www.zdnet.de/itmanager/green-it/
[28] = http://www.zdnet.de/news/tkomm/0,39023151,39157904,00.htm