Eine Forrester-Studie prognostiziert, dass die Ausgaben für Enterprise 2.0 bis 2013 auf 4,6 Milliarden Dollar anwachsen. Über die Zahl lässt sich streiten, der Bericht zeigt aber einige interessante Entwicklungen auf.
Jede Vorhersage ist nur so gut wie die Definition ihrer Ausgangsbedingungen. Anschaulichstes Beispiel: der tägliche Wetterbericht. Aber auch Technologieprognosen unterliegen diesem Gesetz. Forrester[1] definiert in der aktuellen Studie Enterprise 2.0[2] als "eine Reihe von Technologien und Anwendungen, die eine effiziente Interaktion zwischen Menschen, Inhalten und Daten ermöglichen und so die gemeinsame Entwicklung von Neugeschäft, neuen Technologieangeboten und sozialen Strukturen unterstützen."
Und genau mit dieser Definition beginnt auch schon das Problem. Sie ist unglaublich weit gefasst und ließe sich von CRM bis Supply Chain Management und auf nahezu alles, was dazwischen liegt, anwenden. Aber auch andere Definitionen, was Enterprise 2.0 sein soll, geben nicht wesentlich mehr her.
Zudem sind viele unterschiedliche Definitionen in Umlauf, so dass sich der Eindruck aufdrängt, Enterprise 2.0 existiere nur in den Köpfen derer, die passende Technologiebausteine verkaufen. Das wäre keine solide Grundlage für einen Erfolg: Unternehmen kaufen Technologien, um bestimmte Probleme zu lösen, nicht um vage umschriebene, aber edel klingende Aufgaben in Angriff zu nehmen. Aber genau das legt die Forrester-Definition von Web 2.0 nahe.
Die Marktforscher erläutern ihr Verständnis von Enterprise 2.0 auf den weiteren Seiten der Studie etwas näher: Ziel seien auch interne Kollaboration und externe Marketingbemühungen. Beide Themen gehen Firmen derzeit durch ganz verschiedene Werkzeuge an, etwa Blogs[3], Wikis, RSS und Widgets.
Auf Außenwirkung gerichtete Lösungen wie Jive Software[4], Thought Farmer[5], Hive Live[6] haben bereits eine Veränderung des Marktes herbeigeführt. Sie haben so ihre Existenzberechtigung bewiesen.
Aber das Geschäft gestaltet sich für sie in Zukunft schwieriger, meint Forrester: "Megadeals mit Firmen wie Fox News Network und ABC sind die bestimmenden Kräfte des Marktes. Die großen Zielgruppen der wichtigen Medienunternehmen, ihr breiter Bedarf an Funktionen und ihr Fokus auf Video und andere große Dateien schaffen hohe technologische Ansprüche. Das Ergebnis sind Vertragsvolumina, die im Durchschnitt über zehnmal so hoch liegen wie bei Firmen, die nicht aus dem Medienumfeld stammen. Diese Megadeals werden aber in den nächsten zwei oder drei Jahren immer seltener. Die großen Marktteilnehmer haben ihren Bedarf an Social-Media-Tools gedeckt. Die Anbieter sind dadurch gezwungen, das Geschäft mit kleineren Marken, kleineren Zielgruppen und kleinerem Volumen zu suchen." So weit, so gut. In dem Teil der Studie, in dem Forrester sich den Kollaborationslösungen zuwendet, überspannt das Marktforschungsunternehmen jedoch den Bogen. Es wird einfach angenommen, dass Firmen wie IBM[7] und Microsoft[8] Web-2.0-Software künftig mit ihren bestehenden Lösungen zusammenfassen werden.
Forrester argumentiert, dass die Kombination aus breiter Marktdurchdringung, traditionellen Technologien und der Marketingmacht der etablierten Anbieter letztendlich bewirke, dass Enterprise-2.0-Produkte "allmählich in die Struktur von Enterprise-Collaboration-Lösungen übergehen." Sie übersehen jedoch das Problem der Akzeptanz neuer Software bei Nutzern in Unternehmen. Und sie erkennen nicht, dass diesen Lösungen in Unternehmen meist gar kein Problem entspricht.
Kollaborationslösungen sollen helfen, Probleme zu lösen, die im Zuge der Geschäftsabläufe entstehen. So zumindest die Theorie. Denn durch Störungen der Geschäftsabläufe entstehen enorme Kosten, die sich auch durch ausgeklügelte Automatisierung nicht reduzieren lassen. Enterprise 2.0 löst aber per se keine Probleme. Im günstigsten Fall werden sie sichtbar. Und wie geht ein Unternehmen mit den Problemen um, die so entdeckt werden?
Handelt es sich um wiederkehrende Abläufe, müssen sie verbessert und neu festgelegt werden. Bei nicht oder nur selten wiederkehrenden Abläufen muss das Unetrnehmen nach den Ursachen suchen, um diese nach Möglichkeit für die Zukunft auszuschließen. Dazu nutzen viele Firmen Collaboration Tools oder Wikis. Sie versuchen so, selten wiederkehrende Prozesse in ein zumindest notdürftiges Schema zu bringen. Das ist ein guter Anfang, letztendlich fehlt aber die feste Struktur. Daher bleibt es bei Provisorien sowie der Beschreibung von Tricks und Kniffen, die einmal funktioniert haben. Ob sie beim nächsten Mal ebenfalls funktionieren, steht in den Sternen.
Enterprise 2.0, wie von Forrester propagiert, löst also nur einen Bruchteil des Gesamtproblems Kollaboration. Es mit bestehenden Angeboten zu verknüpfen, ist nicht der richtige Ansatz. Forrester ist bei seiner Analyse in eine Falle getappt, indem die Marktforscher von einer kontinuierlichen Evolution ausgehen. Es ist aber völlig ungewiß, ob bestehende Prozesse die neuen Abläufe in sozialen Netzwerken tatsächlich integrieren und sich mit ihrer Hilfe weiterentwickeln.
Wenn durch die Integration überhaupt etwas erreicht wird, dann eines: Dass die Frage wieder augeworfen wird, wie sich mit Hilfe von Software wertschöpfende Geschäftsabläufe entwerfen lassen. Für einige ansonsten recht nützliche Projekte könnte das der Todesstoß sein, denn es ist eine Frage, die zahlreiche Manager und Arbeitsgruppen jahrelang beschäftigen kann.
Kollaboration wird Unternehmen in der Zukunft sicher ein Stück weiterbringen. Aber ohne echte Perspektiven, wie sich unregelmäßige Abläufe und Prozesse integrieren lassen, wird dabei nicht viel Zählbares herauskommen. Das aber hat Forrester übersehen.
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