Green-IT sollte eines der Schwerpunktthemen auf der diesjährigen CeBIT werden. Bei zahlreichen Ausstellern ging das Engagement aber kaum über marketinglastige Absichtserklärungen hinaus. Viele sprechen daher bereits von einer verpassten Chance.
Die Rechnung ist eigentlich ganz einfach: 5845 Aussteller waren dieses Jahr auf der CeBIT vertreten, 10 davon auch im Green-IT-Village der Deutschen Messe AG in Halle 9, Stand A50. Das sieht nicht danach aus, als ob die im Januar verlautbarte Ankündigung[1] von Ernst Raue, Vorstandsmitglied der Deutschen Messe AG, Wirklichkeit geworden wäre, dass Green-IT das zentrale Thema der CeBIT werde.
Zugegeben: Der Rummel um Green-IT, also um schadstoffarme und CO2-sparende Produkte, beschränkte sich nicht auf das bescheiden ausgefallene Green-IT-Village. In allen Hallen[2] gab es Vorträge, Aktionen oder Hinweise auf das Thema. Manchen davon war jedoch deutlich der Trittbrettfahrercharakter anzusehen: Wer die Messebesucher damit lockt, dass für einen guten Umweltzweck gespendet wird, wenn sie ihre Visitenkarte in eine aufgestellte Box – natürlich mit Pflanzenmotiven – einwerfen, der braucht sich nicht zu wundern, wenn seine Aussagen zum Thema umweltfreundliche IT-Lösungen nicht ernst genommen werden.
Lösungsansätze, die in die richtige Richtung gehen, gibt es. Wichtig ist dabei, dass sie sich nicht auf Details oder Funktionen einzelner Produkte beschränken, sondern das Problem grundlegend angehen. Einer dieser Grundpfeiler einer grüneren IT sind entsprechende Prozessoren. Intel hat beispielsweise im vergangenen Jahr begonnen, 45-Nanometer-CPUs zu produzieren, deren Leistungsaufnahme bei nur noch 65 Watt liegt. Sie sind inzwischen sowohl für Server[3] als auch für Desktop-Rechner[4] erhältlich.
Fujitsu Siemens Computers[5], einer der wenigen wirklich engagierten CeBIT-Aussteller zum Thema Green-IT, zeigte bereits, wie sich mit dem Benchmark SPECpower_ssj2008[6] der Standard Performance Evaluation Corporation (SPEC[7]), in der so gut wie alle relevanten IT-Firmen vertreten sind, Energieeinsparungen messen und vergleichen lassen. Und auch beim viel diskutierten Thema Standby punktete FSC: Ein Display-Prototyp[8] des Herstellers kommt in diesem Modus ganz ohne Strom aus.
Allmählich kommt die Branche unter erheblichen Druck, umweltbewusster zu agieren. Aufgebaut wird dieser Druck nicht mehr nur von Aktivisten wie Greenpeace[9], die durch Listen und Ratings Unternehmen zu mehr Umweltbewusstsein zwingen wollen. Inzwischen schalten sich auch Politik und Behörden ein.
So forderte[10] im Bundestag[11] Die Linke[12] ganz aktuell die Einführung eines Energieverbrauchslabels für Computer. Mit ihm sollen ab Oktober 2010 Hersteller und Importeure zur Angabe von Verbrauchswerten verpflichtet werden, ähnlich wie das bereits bei Kühlschränken und Waschmaschinen üblich ist. Damit schwenkt auch die Politik auf die Empfehlungen von Experten ein: Zum CeBIT-Auftakt hatte das Freiburger Öko-Institut bereits einen inhaltlich nahezu gleichlautenden Appell[13] an die IT-Branche gerichtet.
Bereits im Herbst 2007 gingen Vergleiche durch die Presse, nach denen der CO2-Ausstoß[14] durch das Internet dem des Flugverkehrs entspricht. Insider diskutieren daher nicht erst seit der CeBIT darüber, wann der Emissionshandel, den es für den Flugverkehr ja bereits gibt, auch für die IT-Branche kommt. Im Europäischen Parlament gibt es bereits dementsprechende Überlegungen.
Im EU-Behördenslang heißt das "Vorgaben zur Emissionsminderung für Verursacher, die nicht unter das Emissionshandelssystem fallen" und wurde im Januar dieses Jahres beispielsweise von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso laut angedacht[15]. Und wenn man es recht bedenkt, ist der Emissionshandel schon in der Branche angekommen: Dell beschreitet hier mit seiner vor fast einem Jahr angekündigten "Zero Carbon"-Initiative[16] freiwillig neue Wege, zu denen andere womöglich bald gezwungen werden.
Oft wird in der Diskussion übersehen, dass es in vielen Bereichen der IT bereits seit Jahren eine kontinuierliche Verbesserung der Energieausbeute gibt. Zum Beispiel verbrauchen nach Expertenschätzungen Drucker und Multifunktionsgeräte[17] heute circa 80 Prozent weniger Strom als noch vor fünf Jahren. Aber auch der Wechsel von CRT-Monitoren zu TFTs hilft, den Stromverbrauch eines typischen Büroarbeitsplatzes zu senken. Zumindest das zeigte der Bitkom auf der Messe sehr anschaulich und praxisnah mit Hilfe zweier mit Verbrauchszählern ausgestatteter Arbeitsplätze.
Letzendlich dürfte es aber gar nicht um die IT selber gehen: Die Frage ist doch berechtigt – nachdem IT und Flugverkehr je zwei Prozent zur weltweiten, durch den Menschen verursachten CO2-Produktion beitragen - wo die anderen 96 Prozent herkommen und wie sich deren Anteil durch den Einsatz von IT effizient senken lässt.
Die Möglichkeiten dafür sind vielseitig und lassen sich meist nur durch den gezielten Einsatz von IT voll ausschöpfen: Beispielsweise bei Transport und Logistik, einem der größten Umweltverschmutzer, indem leistungsfähige Software die besten Routen für Speditionsflotten berechnet und so Leerfahrten vermeidet. Oder bei Energieerzeugern und -versorgern, deren Netze durch immer mehr Stromlieferanten ständig komplexer und fehleranfälliger werden. Oder indem Rechenzentren verstärkt nahe bei großen Energieerzeugern gebaut werden und dadurch die hohen Transportverluste vermieden werden.
Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Am Ende wird die Erkenntnis stehen, dass viel IT - richtig eingesetzt - auch viel Strom sparen kann. Wenn sie selbst effizient arbeitet, umso besser. Als Triebkraft und Motor der Branche muss aber ein anderes Thema her.
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| Der Branchenverband Bitkom zeigte auf der CeBIT mit Musterarbeitsplätzen anschaulich die gesunkenen Leistungsanforderungen von IT-Produkten |
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