IBM stellt mit dem System z10 eine neue Mainframe-Generation vor. Eine komplett neue Prozessorgeneration sorgt für einen beachtlichen Performancesprung gegenüber dem Vorgänger z9. Aber wer braucht sowas?
Martina Koederitz, Vice President Systems & Technology Group bei IBM[1], lässt keinen Zweifel an der Bedeutung der neuen Mainframe[2]-Generation z10 aufkommen: "Für IBM ist diese Ankündigung der wichtigste Launch des Jahres." Entsprechend hoch sind die Erwartungen, die der Hersteller an das neue Produkt knüpft.
Beflügelt werden diese Hoffnungen noch durch aktuelle Trends in der IT: steigenden Speicherbedarf, zunehmende Zahl von Transaktionen, wachsende Zahl von Mobilfunknutzern, den immer größeren Anteil, den Management, Administration und Energiekosten an den Gesamtbetriebskosten eines Servers ausmachen und last but not least den Trend zu Green-IT[3].
Die Antwort auf all diese Probleme und Anforderungen ist laut IBM – zumindest in großen Rechenzentren – die neue Generation der hauseigenen Mainframes, die Serie z10. Die wichtigen Kennzahlen[4] sind tatsächlich beeindruckend: Laut IBM ersetzt einer der neuen Großrechner bis zu 1500 x86-Server, benötigt jedoch nur 15 Prozent der Stellfläche und im günstigsten Fall auch nur 15 Prozent der Energie.
Außerdem ließen sich, so IBM, bei Management und Softwarelizenzen signifikante Einsparungen erzielen. Aber auch im Vergleich zu den Vorgängern, den Rechnern der z9-Serie, schneiden die neuen Flaggschiffe im IBM-Portfolio gut ab. IBM spricht von bis zu 70 Prozent mehr Rechenkapazität, bis zur doppelten Leistung bei besonders rechenintensiven Anwendungen und 50 Prozent mehr Geschwindigkeit. Möglich wurde dieser Leistungssprung gegenüber der vor drei Jahren im Markt eingeführten z9-Serie durch einen komplett überarbeiteten Prozessor. Zwischen 1997 und 2005 hatte IBM die in den Mainframes eingesetzten Prozessoren zwar kontinuierlich weiterentwickelt, sie basierten aber im Wesentlichen auf der Architektur des bereits bei den G4-Rechnern verwendeten.
In rund fünf Jahren Entwicklungsarbeit wurde nun eine neue Generation geschaffen. Sie heißt ebenfalls z10. Wichtigstes Merkmal: Die Taktfrequenz stieg von 1,7 auf 4,4 GHz. Aber auch dass weit über 800 neue Maschinenbefehle hinzukamen, ein Großteil davon in Hardware implementiert, oder dass Fließkommadezimalstellen nun ebenfalls komplett durch die Hardware statt wie zuvor durch die Software abgearbeitet werden, sorgt für bessere Leistung. Letzteres sieht IBM besonders als Vorteil für die Finanzbranche – eine traditionelle Hochburg der Mainframes.
In IBMs breit angelegter Kampagne[5], den Mainframe von der Antiquität wieder zur Attraktion zu machen, wurde auch das Softwareportfolio angepasst und ergänzt. Sie soll das Hauptziel unterstützen, den Mainframe nicht zuletzt mit Hilfe von Linux zu einem außerordentlich leistungsfähigen und energieffizienten Arbeitspferd für alle Arten von Anwendungen zu machen – auch solche, die traditionell nicht auf Großrechnern betrieben werden.
Beispielsweise wurde die Management-Suite Tivoli speziell angepasst. Große Erwartungen ruhen aber auch auf den mit der Übernahme von Cognos[6] ins Haus gekommenen Businessanalyse- und Business-Intelligence-Werkzeugen: Sie sind nicht mehr Selbstzweck, sondern sollen etwa im Rahmen von SOA-Projekten helfen, die immer zahlreicher und komplexer werdenden Parameter zu überwachen, die notwendig sind, um die dynamische Zuweisung von Ressourcen auch wirklich abbilden zu können. Für IBM hängt viel davon ab, dass auch die neue Generation der Großrechner Erfolg hat. Zwar trägt der Verkauf der Mainframes selbst nur rund vier Prozent zum Umsatz bei, der Verkauf von passenden Software- und Storage-Lösungen sowie den Services macht aber ein Viertel des Gesamtumsatzes aus. Und ist dabei hoch profitabel: Denn laut Analysten erzielt IBM damit die Hälfte seines Gewinns.
Aktionen wie die Gründung der Mainframe Migration Alliance [7] durch Microsoft 2004 dürfte Big Blue daher gar nicht gerne sehen. Immerhin begleitete die Organsiation im vergangenen Jahr laut Medienberichten über 80 Migrationsprojekte weg vom Mainframe, 55 weitere sollen bereits angestoßen sein.
Ersatz zu finden ist für IBM schwierig: In Westeuropa und den USA sind kaum neue Kunden für die Großrechner zu gewinnen, für die man mehr als 650.000 Euro hinlegen muss: Entweder sind die entsprechenden Firmen schon Kunden, oder sie schrecken davor zurück, ihre aus tausenden von Servern bestehenden Rechenzentren zu migrieren. Was also hierzulande bleibt, ist das Upgradegeschäft für Besitzer bisheriger Mainframe-Generationen.
Das funktioniert auch recht gut: Laut Mainframe-Produktmanager Roland Trauner setzen nur noch 20 Prozent der Firmen auf die 2003 eingeführte z990-Serie, 80 haben den Schritt zur z9-Serie vollzogen. Trauner erwartet, dass diese Durchdringungsrate in drei Jahren auch mit der z10-Serie erreicht sein wird.
Auf zusätzliches Geschäft kann IBM dagegen in Ländern wie Russland, Indien, China und Brasilien hoffen. Dort stiegen die Mainframe-Verkäufe bereits im vergangen Jahr um 18 Prozent. Banken, Konzerne und Regierungseinrichtungen in diesen Ländern, die bisher eine vergleichsweise bescheidene IT-Ausstattung besitzen, kommen die Vorteile der neuen Mainframe-Generation äußerst gelegen. Denn auch dort haben die Anwender ähnlich hohe Erwartungen an die Verfügbarkeit und Sicherheit von Geldautomaten oder Mobilfunkdiensten. Und Sorgen um die Altlasten, die ihre westlichen Pendants in Form von riesigen Serverfarmen mit sich herumschleppen, brauchen sich die Unternehmen in diesen aufstrebenden Ländern auch nicht zu machen.
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