Hersteller von Radiofrequenz-Identifikationstechnologien (RFID) versammeln sich auf der diesjährigen CeBIT in Halle 7 und präsentieren ihre neuesten Entwicklungen. ZDNet gibt einen Überblick, was die Besucher erwartet.
Verglichen mit anderen Technologien in der IT, ist RFID[1] ein Dinosaurier. Erfunden wurde es bereits im zweiten Weltkrieg. Flugzeuge konnten schon damals feststellen, wenn sie von einem Bodenradar getroffen werden. Das machten sich die Engländer zu Nutze und sendeten über einen Transponder[2] ein kodiertes Signal auf einer benachbarten Frequenz aus. So konnten heimkehrende Flugzeuge von feindlichen unterschieden werden.
Moderner Luftverkehr ist ohne Transponder nicht mehr denkbar. Auch im Alltag haben RFID-Systeme schon vor langer Zeit Einzug gehalten. Warensicherungssysteme schützen Kaufhäuser vor Diebstahl. Längst öffnet die RFID-Zugangskarte die Tür zum Büro und die Schranke zum Parkplatz. Das Auto wird mittels RFID-Schlüssel fernbedient. Im Skiurlaub verschafft die RFID-Armbanduhr Zutritt zum Lift. Teilnehmer an Volksläufen müssen ihren RFID-Chip am Laufschuh befestigen.
Grundsätzlich werden aktive und passive RFID-Transponder unterschieden. Aktive, etwa der moderne Autoschlüssel, sind mit Batterie oder Akku ausgestattet, während passive ohne auskommen. Unter RFID-Chips im engeren Sinne werden häufig nur passive Transponder verstanden.

Bild 1: Passiver RFID-Trans-
ponder im 13-MHz-Band
(Foto: Wikimedia)
Streng genommen sind Flugzeuge und Autobahnraser, die vom Radarstrahl getroffen werden, passive RFID-Chips mit einer Speicherkapazität von einem Bit. Moderne passive RFID-Transponder, beispielsweise die Zugangskarte zum Büro, haben die Eigenschaft, nur auf bestimmte Frequenzen zu reagieren. Einige werden beantwortet, andere nicht. Damit lassen sich Speicherkapazitäten von einigen Kilobit realisieren.
Ihre Energie beziehen passive RFID-Chips aus dem Lesegerät. Die Empfangsantenne ist zu einer Spule gewickelt. Der entstehende Induktionsstrom lädt einen Kondensator auf, der den Sender speist, siehe Bild 1.
Passive RFID-Transponder haben eine Reichweite von wenigen Millimetern bis zu einigen Zentimetern. Kleine Reichweiten sind in vielen Fällen durchaus erwünscht. Der Kaufhauskunde soll nicht als Dieb "entlarvt" werden, nur weil er sich mit unbezahlter Ware dem Ausgang auf zehn Meter genähert hat.

Bild 2: Kombiniertes Lesegerät
für RFID-Chips und EAN-Barcode.
(Foto: Wikimedia)
In Zukunft werden Waren im Supermarkt bereits herstellerseitig mit RFID-Chips gekennzeichnet werden. Neben der Artikelnummer wird auch eine eindeutige Nummer je Chip vergeben. Das verhindert, dass der Supermarktkassierer versehentlich oder absichtlich einen Artikel zweimal abrechnet.
Warenberge auf dem Förderband der Kasse werfen das Problem der "Pulk-Erkennung" auf. Werden viele RFID-Chips vom Lesegerät getroffen, kommt es zu "Datensalat" auf der Frequenz. Zudem besteht die Gefahr, dass einige Artikel nicht erfasst werden. Antikollisionsverfahren[3] müssen dies verhindern.
Damit gibt es allerdings große Erfahrung. GSM-Telefonie, WLAN und Shared-Ethernet[4] wären ohne robuste Antikollisionsverfahren nicht möglich. Im RFID-Bereich wird dazu in der Regel Slotted Aloha[5] verwendet.Weiteres Thema auf der CeBIT 2008[6] ist Bezahlen per RFID. Die Uhr am Skilift kann leicht mit bestehenden Bezahlsystemen, wie Kredit- oder EC-Karte kombiniert werden. Eine aufladbare E-Purse, nach dem Prinzip der deutschen Geldkarte, wird in London, Moskau, Warschau und Seoul bereits erprobt.
Neue Datenschutzprobleme treten beim Einkaufen mittels RFID-Chip nicht auf. Die gekaufte Ware wurde schon immer erfasst, ganz gleich, ob per Handeingabe, Strichcode (EAN[7]) oder RFID. Zahlt der Kunde nicht bar, kann ihm die Ware zugeordnet werden, unabhängig davon, ob die Kreditkartendaten per Magnetstreifen oder RFID erfasst werden.

Bild 3: RFID-Chips in
Staubkorngröße
(Foto: Hitachi)
Interessant sind dieses Jahr RFID-Chips in der Größe eines Staubkorns. Führend auf diesem Gebiet ist Hitachi[8]. Zusammen mit der EZB[9] entwickelt dieser Hersteller ein System zur Kennzeichnung von Geldscheinen.
Nur einer von vielen Aspekten ist die Fälschungssicherheit. Zwar lassen sich auch diese RFID-Chips früher oder später nachbauen, jedoch kann ein falscher Geldschein an jeder Kasse erkannt werden, wenn seine Seriennummer bei der EZB nicht bekannt ist. Blüten mit kopierter Seriennummer werden entdeckt, wenn sie etwa innerhalb von wenigen Minuten von Hamburg nach Athen gewandert sein sollen. Letzteres hindert die Fälscher allerdings zunächst nicht daran, Blüten in Umlauf zu bringen.
Für den Bargeldnutzer ergeben sich viele praktische Vorteile. Zwei aneinander heftende Geldscheine werden von der Kasse sofort erkannt. Der mehrfach vom Parkautomat abgewiesene und wieder ausgespuckte Fünf-Euro-Schein gehört der Vergangenheit an.
Gehören Kassen mit RFID-Leser erst einmal zum Standard, kann jeder Geldschein einzeln erfasst werden. Bankräubern wird die Beute per Mausklick unbrauchbar gemacht.
Obwohl Geldscheine nicht mit Personen in Zusammenhang gebracht können, gibt es dennoch eine Menge datenschutzrechtliche Fragen. Insbesondere die Möglichkeit der Wegverfolgung von Geldscheinen steht in der massiven Kritik vieler Datenschützer[10].
Viele andere Einsatzmöglichkeiten des RFID-Staubs sind denkbar. So lässt sich beispielsweise die Echtheit von Steuerbescheiden seit der Erfindung des Farbkopierers nicht mehr am grünen Aufdruck validieren. Die "elektronische Papierrechnung", die von der Buchhaltung nur vor den Leser gehalten werden muss, bleibt allerdings zunächst Zukunftsmusik, da die Nano-Transponder nur einmalig vom Hersteller beschrieben werden können.Die Einsatzmöglichkeiten von aktiven RFID-Chips sind nahezu grenzenlos. Ein Beispiel ist der britische Hersteller E-Plate[11], der sich auf Kfz-Nummernschilder spezialisiert hat. Inspiriert wurde der Firmengründer, als nach Einführung der City-Maut in London ein starker Anstieg des Missbrauchs von Kennzeichen festgestellt wurde.
Die elektronischen Nummernschilder haben eine Reichweite von etwa 100 Metern. Die Batterie hält ungefähr zehn Jahre. Um den Chip zu deaktivieren, muss das Nummernschild sichtbar zerstört werden.
Praktisch ist das an Mautstationen oder bei Ankunft an der eigenen Garage. Die Möglichkeit, ein gestohlenes Fahrzeug spätestens an der nächsten Mautstation zu entdecken, ergibt durchaus Sinn. Vielfahrer werden sich am schönen Ausblick erfreuen, der ihnen durch die vielen Autobahn- und Schadstoffplaketten bisher verwehrt blieb.
Weniger erfreulich ist dagegen der RFID-frankierte Bußgeldbescheid, der an den abgelaufenen TÜV erinnert. Die grundsätzliche Möglichkeit der Wegverfolgung eines Fahrzeugs wirft kritische Fragen auf.
Heute werden aktive RFID-Chips hauptsächlich in der Logistik eingesetzt. Ein Container dessen Bewegung mittels RFID kontrolliert werden soll, muss einen RFID-Sender besitzen, der eine größere Reichweite als wenige Zentimeter besitzt. Während sich proprietäre Systeme in diesem Bereich bereits etabliert haben, bringt die CeBIT 2008 auch offene Lösungen.
Bild 4: WLAN-Router
mit RFID-Funktionen
(Foto: Lancom)
Die Aachener Firma Lancom Systems[12] zeigt WLAN-Access-Points, die aktive WLAN-Tags lokalisieren können. "Unternehmen können ihre Assets gegen Diebstahl schützen, ohne in neue Infrastruktur investieren zu müssen", so Eckhart Traber, Pressesprecher des Unternehmens.
Die aktiven WLAN-Tags besitzen eine Batterie, die etwa sechs Monate Lebensdauer hat. Damit lohnt sich das Anbringen eines Tags nur an besonders schützenswerten Gütern. Sind 50 Tags im Unternehmen angebracht, steht statistisch etwa alle drei Tage ein Batteriewechsel an.
Auch Apple macht sich an die Integration von RFID und WLAN. In vielen Großstädten der USA wird damit begonnen, WLAN-Access-Points zu orten und deren Standort zu katalogisieren. Mit diesen Daten kann ein Iphone-Nutzer in dicht besiedelten Gebieten seinen eigenen Standort feststellen, und zwar wesentlich exakter, als dies mit GSM-Basisstationen möglich ist.In den vergangenen Jahren sah man auf der CeBIT vor allem industrielle und proprietäre Lösungen. Im Jahr 2008 präsentiert sich RFID als Technologie für jedermann. Der eigene PDA wird als RFID-Transponder genutzt. WLAN-Access-Points können Gegenstände orten, an denen RFID-Tags angebracht wurden.
Barcode, Magnetstreifen und Chipkarte nach ISO 7816[13] werden in vielen Bereichen durch passive RFID-Tags ersetzt, die einfacher zu handhaben sind, weil sie nur in die Nähe eines Lesegerätes gehalten werden müssen.
In puncto Datenschutz werden viele Aspekte wieder neu aufgerollt. Ob die Krankheitsgeschichte eines Patienten auf einer Chip- oder RFID-Karte steht, ist letztendlich fast gleichgültig, wenn sich das Problem des unbemerkten Datendiebstahls aus der Hosentasche mittels RFID-Leser in den Griff kriegen lässt.
Andere Technologien, beispielsweise das elektronische Nummernschild, werfen allerdings gleich eine Reihe von neuen Fragen auf. Dürfen Lkw-Mautstationen auch die Daten von Pkws erfassen? Wer darf auf diese Daten aus welchem Grund zugreifen?
Der Siegeszug von RFID lässt sich sicher nicht aufhalten. Niemand möchte sein Auto wieder konventionell auf- und zusperren. Kompetente und verantwortungsvolle Begleitung der Entwicklung durch die Gesetzgebung bleibt unerlässlich. Ein Stasi-2.0-Gesetz[14] für RFID-Technologien wird dem Bürger hoffentlich erspart bleiben. Hier muss in die entgegengesetzte Richtung gesteuert werden.
URLs in diesem Artikel:[1] = http:/
[2] = http:/
[3] = http:/
[4] = http:/
[5] = http:/
[6] = http:/
[7] = http:/
[8] = http:/
[9] = http:/
[10] = http:/
[11] = http:/
[12] = http:/
[13] = http:/
[14] = http:/