Microsoft versucht im Internet Fuß zu fassen und merkt nicht, dass der Zug längst abgefahren ist. Daran ändert auch die geplante Übernahme von Yahoo für 45 Milliarden Dollar nichts. Das Geld wäre an anderer Stelle besser investiert.
Die Börsianer sind von der geplanten Yahoo-Übernahme durch Microsoft nicht sonderlich begeistert: Der Kurs der Microsoft-Aktie fiel nach Bekanntgabe der feindlichen Übernahmepläne um über 6 Prozent, während die Yahoo-Aktie um 48 Prozent zulegen konnte.
Die Reaktion an den Börsen ist verständlich, zahlen sich doch Mega-Fusionen nur selten aus. Ein Blick in die jüngere Geschichte liefert ein paar abschreckende Beispiele. Als Daimler 1998 den nordamerikanischen Autohersteller Chrysler für 35 Milliarden Dollar kaufte, träumte Vorstandschef Schrempp[1] vom weltweit größten Automobilkonzern mit grandiosen Profitaussichten. Grandios waren indes nur die Verluste, die die amerikanische Tochter lieferte. Im vergangenen Jahr wurde der Traum jäh beendet. Die Stuttgarter Autobauer veräußerten den nordamerikanischen Hersteller für 5,5 Milliarden Euro, wovon Daimler netto allerdings nichts übrig blieb. Unterm Strich entstand aus dem Verkauf sogar ein Verlust von gut einer Milliarde Euro[2]. Der Vorstandsvorsitzende, der all dies zu verantworten hatte, verlor im Zuge des sich abzeichnenden Debakels seinen Posten, kassierte 50 Millionen Euro Abfindung[3] und kümmert sich heute um das südliche Afrika[4].
Ähnlich erging es BMW mit dem britischen Autohersteller Rover. Unter dem anglophilen BMW-Manager Pischetsrieder[5] kauften die Bayern 1994 für 9 Milliarden Mark den größten britischen Autobauer. In der Folge häufte Rover Verluste an, die sich aufgrund der Wertsteigerung des britischen Pfunds gegenüber der D-Mark in der BMW-Bilanz verstärkt negativ niederschlugen. Immerhin konnte BMW mit dem Verkauf von Land Rover für 6 Milliarden Mark die Verluste aus dem Rover-Debakel[6] relativ gering halten. Letztendlich wurde der britische Autohersteller für einen symbolischen Preis von 10 Pfund verkauft, und Pischetsrieder musste BMW verlassen.
Auch in der IT-Industrie finden sich Beispiele für missglückte Übernahmen. Ebay kaufte 2005 für 2,6 Milliarden Dollar den VoIP- Spezialisten Skype und machte in den Folgejahren kräftigen Verlust. Ohne die Skype-Abschreibung hätte Ebay allein im letzten Jahr einen Gewinn von 2,1 Milliarden Dollar[7] erzielt. Ebay-Chefin Meg Whitman nimmt nach über 10-jähriger Führungsarbeit bei Ebay in Kürze ihren Hut.
Carly Fiorina[8], die smarte HP-Chefin, die die Compaq-Übernahme für 18 Milliarden Dollar einfädelte, musste drei Jahre nach dem Deal den Posten bei HP räumen. Seither hat sie sämtliche Job-Angebote ausgeschlagen. Kein Wunder, bei einer Abfindung von 45 Millionen[9]. Nachdem mehrere Tausend Jobs der Fusion zum Opfer fielen, haben immerhin die verbliebenen HP-Mitarbeiter die Sektkorken knallen lassen[10], als sie die Mail von Fiorinas Kündigung erhielten.Die Zahl der Großfusionen mit negativem Ausgang sollte Microsoft-Chef Steve Ballmer zu denken geben. Nicht der Zusammenschluss von zwei Firmen bringt Erfolg, sondern Innovationen sind die Quelle für rosige Zukunftsaussichten. Allerdings verrät der Blick auf die Erfolgsgeschichte der Firma Microsoft, dass der geschäftliche Erfolg nur selten mit Innovationen und viel häufiger mit Geschäftstüchtigkeit zu tun hatte. Letztendlich basiert die Vormachtstellung der Gates-Company auf einem in den 80er-Jahren geschlossenen Vertrag mit der Firma IBM über die Lizenzierung von MS-DOS. Nicht wenige Fachleute sind der Ansicht, dass sich Big Blue damals kräftig über den Tisch hat ziehen lassen. Letztendlich stellt der IBM-Deal für Microsoft den Grundpfeiler für die spätere Marktdominanz mit Windows und den dazugehörigen Office-Produkten dar.
Inzwischen hat sich das IT-Geschäft verändert. Weder sind blauäugige Geschäftspartner heute weit verbreitet, noch ist die technologische Entwicklung und der geschäftliche Erfolg an den PC alleine geknüpft. Erfolge lassen sich mit neuen Technologien nur noch in Verbindung mit dem Internet erzielen. Allerdings hat der Software-Gigant aus Redmond dies zu spät erkannt und hechelt seither jedem Trend, der nur irgendwie Erfolg verspricht, hinterher.
Die MP3-Revolution wollte man noch mit der Eigenentwicklung WMA entgegentreten, was letztendlich nicht von Erfolg gekrönt war. Auch bei den Video-Codecs hat es Microsoft nicht geschafft, die eigene WMV-Technik als Standard durchzusetzen: Flash, MP4 und Divx sind im Video-Sektor führend. Der Versuch, mit MSN ein geschlossenes Internet-Portal nach dem Vorbild AOL zu gründen, ging ebenfalls in die Hose. Mit dem Kauf von Hotmail hat man zwar 9,5 Milllionen E-Mail-User übernommen, doch ein Erfolg im Internet stellte sich auch mit diesem Zukauf nicht ein. Zudem musste Microsoft schmerzlich erkennen, dass die eigene Mail-Server-Technik für derart viele Nutzer schlicht ungeeignet ist.
Echte Innovationen vollbringen schon seit einiger Zeit andere Firmen. Google gibt im Internet mit Suchanfragen, Webmail, Google Maps und Earth eindeutig die Richtung vor. Und obwohl Microsoft mit Windows Mobile schon seit einigen Jahren ein Betriebssystem für Telefone und andere mobile Endgeräte anbietet, muss der Gigant aus Redmond mit ansehen, wie ein Newcomer im Telefon-Business derzeit die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Apple ist mit dem Iphone ein Meisterwerk gelungen, das in puncto Bedienung und Zugang zum Internet neue Standards setzt. Kein Wunder also, dass, obwohl es deutlich mehr Windows-Mobile-Phones gibt, in der Internet-Zugriffsstatistik[11] das Iphone vor der Summe der Windows-Handys liegt.
Den Massenmarkt mit MP3-Playern und dem Verkauf von Musik hat Microsoft sehr spät und zögerlich betreten. Der Zune-Player ist nur in Nordamerika erhältlich und kann sich gegen Apples Ipod und dem weltweit verfügbaren Itunes-Store kaum in Szene setzen. Ähnlich wie googeln für Suche, steht der Ipod für MP3-Player. Das musste auch Steve Ballmer erkennen. Und weil der Microsoft-Boss nunmal den Erfolg anderer Firmen hasst wie der Teufel das Weihwasser, dürfen die Ballmer-Söhne[12] auf Geheiß des Herrn Papa keinen Ipod benutzen.
Auch bei den Spielekonsolen will sich trotz massiver Investitionen kein Erfolg einstellen. Bei einem Xbox-Umstatz von 1,15 Milliarden Dollar macht Microsoft einen Verlust von 1,19 Milliarden Dollar. Erfolgsgeschichten sehen - Beispiel Nintendo[13] - anders aus.
Trotz dieser wirtschaftlichen Fehlschläge bescheren die Geschäfte aus dem Verkauf von Betriebssystemen für Desktops und Server, Server- und Datenbank-Software sowie der Office-Suite einen stattlichen Netto-Jahresgewinn von 14 Milliarden Dollar. Doch auch in diesen Bereichen sieht man sich zunehmender Konkurrenz ausgesetzt. Im Serverumfeld hat Microsoft Jahre damit zugebracht, den Erfolg im Milliarden schweren Markt für Virtualisierungslösungen Vmware[14] zu überlassen. Inzwischen avanciert deren Ökosystem zum Standard. Noch hat Microsoft kein konkurrenzfähiges Produkt fertig. Der Markteintritt soll erst dieses Jahr mit Windows Server 2008 und dem Virtualisierungsprodukte Hyper V erfolgen. Bis dahin schwimmen die Felle Richtung Vmware & Co.
Im Bereich Office-Anwendungen gibt es in den Augen Microsofts ebenfalls einen besorgniserregenden Trend. Anwendungen zur Textverarbeitung und Tabellenkalkulation müssen nicht mehr auf die heimische Festplatte geladen werden. Inzwischen stehen Pendants von Word und Excel im Internet parat. Allerdings stammt diese Technologie nicht von Microsoft. Google ist der Übeltäter, der den Office-Produktmanagern bei Microsoft kalten Schweiß auf die Stirn treibt. Sollten die Online-Programme[15] noch leistungsfähiger und zu einer echten Alternative reifen, sind die Tage für Office als relevanten Umsatzbringer gezählt.
Anstatt sich nun auf das extrem schwierige Internet-Parkett zu begeben, wo Konkurrent Google Lichtjahre entfernt ist, sollte Microsoft versuchen, die Angriffe auf das Kerngeschäft mit Betriebssystemen, Servermanagement und Office-Anwendungen abzuwehren. Denn der Trend weg von Windows hin zu Alternativen wird immer deutlicher: Einer Gartner-Studie[16] zufolge soll Apple in den kommenden drei Jahren seinen Marktanteil verdoppeln. Diese rosigen Zukunftsaussichten hat Apple neben der Innovationskraft der eigenen Firma vor allem der Schwäche Microsofts zu verdanken.
Zudem erscheint die Investition in Yahoo als völlig verfehlt, wenn man einen Blick auf den Online-Werbemarkt wirft. Selbst Google[17] blickt verhalten in die Zukunft. Will sich Ballmer also in einem sich sättigenden Markt mit der Nummer 1 streiten, nur weil er sauer ist[18], dass er und seine Firma den Trend verschlafen haben? Wenn er schon etwas gegen Google unternehmen will, dann sollte er jedem der 14.000 Mitarbeiter des Internet-Marktführers einfach 3 Millionen Dollar dafür bieten, dass sie ab morgen nicht mehr zur Arbeit gehen. Das wäre mit einer Gesamtsumme von 42 Milliarden Dollar erstens billiger als die Yahoo-Übernahme und zweitens würde dies Google wirklich ärgern.
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