Online, Offline, Server, Desktop – gerade werden die Kräfteverhältnisse wieder neu ausgelotet. Mit seiner Laufzeitumgebung AIR will Adobe PC-Anwendungen Konkurrenz machen. Große Unterstützung ist dem Unternehmen sicher.
Im Internet kann man inzwischen viele Dinge tun: Beispielsweise E-Mails schreiben, Dokumente verfassen, Tabellen kalkulieren oder Termine verwalten. Und alles kommt automatisch von Servern, die von Firmen betrieben werden, die sich (hoffentlich) damit auskennen.
Das Online-Idyll bricht aber schlagartig zusammen, wenn kein Internet-Zugang in Reichweite ist. Wer sich – wie immer mehr Mitarbeiter – regelmäßig von seinem per Gigabit-Ethernet vernetzten Schreibtisch entfernt, weiß, dass immer noch häufig genug Funkstelle herrscht.
Aus diesem Grund ist man sich in der Branche einig, dass viele Webanwendungen durch eine Offline-Komponente ergänzt werden müssen. Selbst Unternehmen wie Salesforce.com[1], das sich mit seiner Kampagne "No Software" werbetechnisch klar gegen klassische Desktop-Programme positioniert, haben solche Komponenten zusätzlich im Angebot. Auch das Web-Schwergewicht Google[2] kommt um die Offline-Frage nicht herum und arbeitet mit Google Gears[3] an einer Lösung. ZDNet hat diese Technik kürzlich ausführlich vorgestellt[4].
In den Wettbewerb um die Plattform der Zukunft hat sich auch Adobe[5] eingeschaltet. Mit der Laufzeitumgebung[6] AIR (kurz für Adobe Integrated Runtime[7]) will das Unternehmen nach dem Siegeszug von Flash im Web auch auf dem Desktop Fuß fassen und so der Windows-Plattform Konkurrenz machen. ZDNet stellt die Technik vor und erklärt, warum die Voraussetzungen dafür gut sind."Developers, Developers, Developers" – der gut dokumentierte Gefühlsausbruch[8] von Microsoft-CEO Steve Ballmer hat triftige Gründe: Schließlich sind es Millionen Entwickler, die mit ihrer Software den Status von Windows als dominierende Desktop-Plattform zementiert haben. Zwar gab es über die Jahre technisch bessere Lösungen, die mangelnde Verfügbarkeit von Anwendungen stand einem Durchbruch aber im Wege.
Um nicht in diese Sackgasse zu geraten, mobilisiert Adobe eine Entwicklergemeinde, die noch viel größer ist als die von Windows: die Internet-Entwickler. Die neue Runtime AIR ermöglicht es, mit Webtechniken wie HTML, CSS, Javascript und Flash geschriebene Anwendungen auf einem lokalen Desktop auszuführen.
AIR-Programme laufen nicht in einem Browser, sondern wie native Software freistehend. Sie haben Zugriff auf das Dateisystem und unterstützen Funktionen wie die Einbindung in den Infobereich neben der Systemuhr sowie Drag and drop. Beides bietet Flash, das in einer Sandbox läuft, aus Sicherheitsgründen nicht.
Die Runtime besteht aus einem Flash-Player, der HMTL-Render-Bibliothek Webkit[9] sowie der Datenbank SQL Lite[10]. Sie steht derzeit als Beta 3 für Windows (11 MByte) und Mac OS X (15,5 MByte) zum Download[11]. Eine Version für Linux soll später folgen. Entwickler erreichen mit einem AIR-Programm also die drei wichtigsten Desktop-Plattformen.
Die Installation der aktuellsten AIR-Runtime unter Windows Vista[12] klappt ohne Probleme: Nach dem Download ist die Software innerhalb von einer Minute und ohne Neustart eingerichtet. Da es sich noch um eine Beta handelt, sollte man einen Produktivrechner nicht damit bestücken.
Adobe hat auf seiner Website einige Beispielapplikationen[13] samt Quellcode zum Download bereitgestellt, welche die Möglichkeiten von AIR demonstrieren sollen. Dazu gehören ein RSS-Reader, ein Podcast-Player sowie mehrere Kartografie-Programme.
Das Setup läuft immer gleich ab: Der standardisierte AIR-Installer zeigt den Namen des Softwareanbieters und weist darauf hin, dass die Software nach der Installation vollen Zugriff auf das System hat. Danach werden die Änderung des Installationspfads, die Erstellung eines Icons auf dem Desktop sowie der anschließende Start angeboten. Nachdem man der Benutzerkontensteuerung von Vista das OK gegeben hat, beginnt die Einrichtung. Kurz darauf steht die AIR-Anwendung samt Startmenü-Eintrag zur Verfügung. Das gesamte Prozedere ist einfach und transparent.
Adobe kann schon einige prominente Unterstützer von AIR aufzählen: Auf der Hausmesse Adobe Max[14] vergangenen Oktober zeigten unter anderem Ebay, Disney, Business Objects und SAP ihre Anwendungen.
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| Disney-Demoanwendung auf Basis von Adobe AIR (Bild: ZDNet) |
Die Disney-Lösung zur Buchung von Reisen in die Freizeitparks wurde in Kooperation mit Frog Design[15] entwickelt. Es ist also absehbar, dass gutes Design und Ergonomie in Zukunft auch auf dem Desktop eine wichtigere Rolle spielen.
Adobe geht davon aus, dass AIR zunächst für Consumer-Anwendungen wie Mediaplayer genutzt wird. Das Echo auf der Max zeigt jedoch, dass auch Unternehmen an den Möglichkeiten der Plattform interessiert sind.
Die aktuelle Beta 3 von AIR wurde Mitte Dezember veröffentlicht, die Final soll im ersten Halbjahr 2008 erscheinen. Als digitalen Fehdehandschuh an Microsoft[16] will Adobe seine Runtime zumindest öffentlich nicht verstanden wissen. Chief Software Architect Kevin Lynch sieht unterschiedliche Ansätze: "Microsoft versucht, die .NET-Community ins Web zu bringen. Wir konzentrieren uns darauf, die größere Web-Community auf den Desktop zu bringen."
Abseits aller Beschwichtigungsversuche werden Entwickler schon bald vor der Frage stehen, ob sie ihre Anwendungen für ein bestimmtes System schreiben oder auf das plattformunabhängige Adobe AIR setzen. Aus Gründen der Ausführungsgeschwindigkeit ist eine native Ausführung meist nicht mehr notwendig - immer schnellere Hardware minimiert dieses Problem.
Aus wirtschaftlicher Sicht hat dabei Microsoft am meisten zu verlieren. Die Redmonder arbeiten mit Silverlight 2.0 daran, entscheidende Teile von .NET ins Internet zu bringen.
Adobe lässt derweil keinen Zweifel daran, welchen Stellenwert die Runtime für das Unternehmen hat. "AIR ist die nächste große Plattform für Adobe", so der erst kürzlich abgetretene CEO Bruce Chizen. Sein Nachfolger Shantanu Narayen hat diese Strategie bisher in keiner Weise modifiziert.
Man darf gespannt sein, welche Anwendungen auf der Basis von Adobe AIR entstehen - gerade weil im Internet die Liebe zum Detail und Benutzerfreundlichkeit eine große Rolle spielen. Es bleibt zu hoffen, dass Adobe die schöne Seite des Web auf den Desktop bringt.
Weitere Informationen:
- Adobe AIR auf der Adobe-Website[7]
- Download der AIR-Runtime[11]
- AIR-Beispielanwendungen[13]
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