Bilanz 2007: Wachstum statt Technologie

(http://www.zdnet.de/magazin/39160104/bilanz-2007-wachstum-statt-technologie.htm)

von Hermann Gfaller, 10. Januar 2008

Hat die IT-Branche ihr Selbstvertrauen verloren? Erfolgreiche Technologien haben keineswegs das Jahr 2007 geprägt. Vielmehr stoßen die Großen nur leicht wachsende Sparten ab - und kaufen stattdessen prestigeträchtige Startups.

Immer zwischen den Jahren überkommt den Kommentator das große Sinnieren. Was ist das eigentlich für eine komische Branche, die sich seit einem halben Jahrhundert als Lokomotive des Fortschritts versteht? Tatsächlich aber scheint sie seit einigen Jahren eher durch Akquisitionen als durch technologische Durchbrüche geprägt.

Die Entwicklung vor allem der großen IT-Konzerne wie IBM, HP, Microsoft, Oracle, SAP, Infor, Symantec glich in den vergangenen Jahren überwiegend einer Shopping-Tour. Ging es ihnen darum, das branchenspezifische Sprichwort zu widerlegen, wonach nicht die großen die kleinen Fische, sondern die schnellen die langsamen fressen? Woher kommt die Kaufwut? Wie verändert sich dadurch der Markt?

Erfolg ist nicht alles

Der Reihe nach: Irgendwie hat der Spruch über die Fische nie richtig gestimmt. Das einstige Vorzeige-Beispiel AOL kann längst nicht mehr als Erfolgsmodell gelten, und den heute explodierenden Social Networks wird von den Unternehmensberatern weitgehend ein funktionierendes Geschäftsmodell abgesprochen. Und wo nicht, da schlagen finanzkräftige Investoren wie Google oder Microsoft zu.

Aber auch geschäftlicher Erfolg hat in den vergangenen Jahren nicht das Überleben gesichert. Der krisensicher wachsende Markt für Business Intelligence ist völlig demontiert[1] worden. Einem jahrelangen Konzentrationsprozess, in dem sich die Marktführer alle Tools für ein Rundumangebot von Reporting bis Prognostik zusammenkauften, mündete darin, dass genau diese Marktführer von Oracle, SAP und IBM geschluckt wurden. Die Zahl der - noch - unabhängigen BI-Anbieter von Rang lässt sich inzwischen an einer Hand abzählen.

Ähnlich gelagert ist die Situation beim Management von IT-Umgebungen. In den 90er Jahren scheiterten die Frameworkkonzepte von CA, IBM, HP und den ähnlichen Ambitionen von Symantec und McAfee (damals Network Associates), zersplitterten in einen Bauchladen an System- und Netzmanagement-Werkzeugen, nur um jetzt von den gleichen Unternehmen wieder eingefangen zu werden. System-Management heißt heute (möglichst viel und zugleich nichts sagend) Business Service Management und ist Teil von etwas, das sich als geschäftsorientierte IT-Organisation bezeichnen ließe. Diese vage und weit gespannte Aufgabe gibt den Konzernen noch mehr Möglichkeiten, Firmen zu kaufen, etwa für Automation, Prozess-, Security-, Identity-, Qualitäts-, Daten-, Konfigurationsmanagement - und was sich sonst noch alles managen lässt. Insbesondere die ITIL-Komponenten werden von IBM, HP und Konsorten als Einkaufsliste wahrgenommen. Woher kommt diese Shopping-Gier? Ein technischer Grund liegt darin, dass immer mehr Bereiche zusammenwachsen, wie es das Denken in Prozessen fordert und wie es durch lose Koppelungen (Service-Architekturen) möglich wird. Außerdem verlangen die Komplexität solcher Umgebungen tiefer reichende Zulieferketten sowie die zur Firmenkultur gewordene Notwendigkeit, rasch auf Änderung zu reagieren. Die Folge ist, dass unterstützende Konzepte wie BI auch auf System-, Kunden oder Lieferketten-Management angewandt werden.

Ein anderer Grund liegt darin, dass alle Welt Unternehmen an ihren Wachstumszahlen misst. Dumm nur, dass die IT längst nicht mehr zu den Branchen zählt, in denen zweitstellige Zuwachsraten die Normalität widerspiegeln. Rasches Wachstum findet man eher bei kleineren Playern in lukrativen Nischen. An Konzernen wie Sun und auch HP zeigte sich in den vergangenen Jahren, wie sehr die auf Aktienkurse fixierten Analysten auch sehr große Unternehmen unter Druck setzen können. Was liegt da für einen finanzkräftigen Konzern näher, als sich das Wachstum durch einen – an der Börse wohlgelittenen - Aufsteiger zuzukaufen. Und wenn Youtube die erhofften Umsatzschübe nicht bringt, dann hilft bis zur nächsten Akquisition doch deren innovatives Renommée.

In einigen Bereichen hat diese Wachsen oder Sterben viel mit der Consumerisierung der IT-Branche zu tun. Früher orientierte sich Computertechnik und ihre Entwicklung an den Bedürfnissen der zahlungskräftigen Firmenkunden. Das ist vorbei – spätestens seit Dell zu Beginn des Jahrtausends der PC-Branche den Preiskrieg erklärt hat. Seither konzentrieren sich die Hersteller einerseits darauf, die Herstellungsprozesse zu optimieren, sprich die Zulieferer auszupressen, und andererseits darauf, mit modischem und preisgünstigem Schnickschnack die Aufmerksamkeit auf ihre Produkte zu lenken. Auf diese Weise ist ein Teil der IT-Industrie zur Modeindustrie verkommen, die in immer schnelleren Rhythmen scheinbare Neuigkeiten auf den Markt wirft - und aus dem Tritt kommt, wenn zwei Gimmicks hintereinander nicht so recht ankommen. Es darf daran gezweifelt werden, dass sich die Konzerne mit ihrem ständigen Wachstum tatsächlich einen Gefallen tun. Big Blue trennte sich in den frühen 90er-Jahren bewusst von eigener Anwendungssoftware, um die Independent Software Vendors (ISVs) als Vertriebspartner für alle anderen Produkte und Services zu gewinnen. Nun ist der Konzern wie auch die anderen Großen dabei, sich sein mühsam geschaffenes Ökosystem zu zerstören. Es wird immer schwieriger, den bisherigen Partnern zu erklären, dass BI-Lösungen keine Anwendungssoftware seien - und auch die vielen Lösungen nicht, die im Rahmen von SOA-Projekten entstehen.

Zu den Kehrseiten dieser Wachstumstrends gehört auch, dass IT-Konzerne in der zunehmend hektischen Suche nach neuen Trends ab und an ihre langfristigen Ziele aus den Augen verlieren und scheinbar alles kaufen, was entfernt nach Erfolg, Wachstumsraten oder einer positiven Analystenbewertung aussieht. Umgekehrt werden Geschäftsbereiche abgestoßen, die zwar profitabel sind, aber mit einem jährlichem Plus von nur zwei Prozent den allgemeinen Schnitt verderben. Insgesamt entstehen so Großunternehmen, in denen das Führungspersonal auf den unteren und mittleren Hierarchiestufen so oft wechselt, dass eine Identifikation mit der Firma kaum mehr möglich ist. Solche Unternehmen füllen sich mit Karrieristen, denen es vor allem auf optisch gute Zahlen für eine Beförderung ankommt. Angesichts der raschen Wechsel können sie darauf spekulieren, dass niemanden auffällt, welchen Schaden sie dabei angerichtet haben.

Verlust an Selbstvertrauen

Folge und Treiber der hektischen Wachstumsstrategie ist der Venture-Capital-Markt. Zwar agieren VCs vorsichtiger als im alten Jahrtausend, aber das Ziel bleibt gleich: extrem hohe Gewinnraten. Diese lassen sich am besten mit Newcomern (siehe oben) oder mit lukrativ erscheinenden Ausgliederungen erreichen - und natürlich in Branchen, die gerade bei den Analysten in Mode sind. Damit erklären sich (zumindest teilweise) die immensen Summen, die VCs in Open-Source Projekte investieren. Anders als bei Social Networks entstehen hier zudem durchaus sinnvolle Lösungen, so dass die Chancen groß sind, die Startups gewinnbringend an die oben erwähnten Konzerne zu verkaufen, bevor die Community das Interesse an dem meist unfertigen Projekt verliert, weil es längst interessantere Probleme zu meistern gilt.

Insgesamt verdichtet sich der Eindruck, dass die Branche das Vertrauen in sich selbst verloren hat. Aus Angst, wichtige Innovationen zu verpassen, läuft sie jeder Mode hinterher. Damit nimmt sie sich die Ruhe, eine langfristige Entwicklungen zu betreiben.

Leider dürfte auch im kommenden Jahr für derart depressive Gedanken wenig Zeit bleiben. Es gilt, die Hausaufgaben für Green IT zu machen, eine Mode, die sich aufgrund einer nachhaltigen Energieknappheit zu einem langjährigen Trend auswachsen dürfte.

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[1] = http://www.zdnet.de/itmanager/kommentare/0,39023450,39159871,00.htm