Experten-Interview: Ist Windows Vista eine Zumutung?

(http://www.zdnet.de/magazin/39159873/experten-interview-ist-windows-vista-eine-zumutung.htm)

von Ina Fried, 29. Januar 2008

Viele Nutzer beschweren sich über Microsofts neuestes Betriebssystem. In den USA hat der ehemalige Windows-Betatester David A. Karp ein Buch darüber geschrieben. Im Interview mit ZDNet verrät der Autor seine Vista-Tricks.

David Karp hat schon den Beta-Test von Windows 95 mitgemacht. Er war damals beeindruckt davon, wie viel besser als Windows 3.1 das Betriebssystem war. Trotzdem hatte er noch einiges daran auszusetzen. Um seine Erfahrungen mitzuteilen, richtete Karp eine Website mit dem Namen "Windows 95 Annoyances" ein. Dort führte er einige der Punkte auf, die ihn am meisten ärgerten. Er zeigte aber auch Möglichkeiten auf, wie sich diese Ärgernisse umgehen ließen.

Was als Hobby begann, mit dem er seinen Computer verbessern wollte, wurde schließlich zu seinem Beruf: Karp hat inzwischen fast ein Dutzend Bücher verfasst, in denen er immer wieder die Missstände der neuen Windows-Releases dokumentiert[1]. Auch Vista hat Karp Material für ein weiteres Buch geliefert. Reichlich sogar, das Buch wurde ganze 664 Seiten dick. Es ist unter dem Titel "Windows Vista Annoyances"[2] gerade in den USA erschienen. ZDNet sprach mit Karp über seine Erfahrungen mit dem seit einem Jahr erhältlichen Betriebssystem.

ZDNet: Sie haben auch Bücher über "XP Annoyances" geschrieben. Gab es über Vista mehr oder weniger zu schreiben?

Karp: Ich schreibe seit 1996 "Annoyances"-Bücher. Windows Vista war eine größere Herausforderung als die bisherigen Windows-Releases. Das liegt nicht daran, dass Vista mehr oder weniger Missstände aufweist, sondern dass die Probleme bei Vista komplexer sind. Bei den früheren Windows-Versionen waren es noch vergleichsweise einfache Dinge, etwa Programmabstürze und Funktionen, die ihren Dienst nicht wie erwartet verrichteten. Die Probleme bei Vista dagegen sind knifflig. In meinem Buch schreibe ich ja nicht einfach über Probleme, ich schreibe nur über Probleme, die ich lösen oder wenigstens umgehen kann. Bei Vista waren für die Lösungen etwas mehr Zeit und etwas mehr Kreativität erforderlich.

ZDNet: Können Sie uns ein Beispiel für so ein Problem nennen?

Karp: Beispielsweise das "grüne Band des Todes": Das ist ein Problem, das viele Leute mit Vista haben. Es handelt sich um den kleinen grünen Balken, der oben im Windows Explorer den Fortschritt anzeigt und der manchmal einfach still zu stehen scheint, während alles andere nicht mehr funktioniert. Dieses kleine grüne Band ist ein Symptom für eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Problemen. Eines davon hat etwa mit Codecs für Videodateien zu tun, ein anderes wieder mit den Sicherheitseinstellungen beim Kopieren von Dateien über ein Netzwerk.

ZDNet: Über Vista haben sich schon viele Leute geärgert. Was steht bei Ihnen an erster Stelle?

Karp: Was mich bei Vista am meisten stört, ist für die meisten anderen wahrscheinlich nur ein kleines Ärgernis. Aber ich störe mich jeden Tag wieder daran. Es gibt eine Funktion, die es Windows erlaubt, Ordner mit verschiedenen Elementen unterschiedlich darzustellen. Ein Ordner voller Fotos zeigt etwa Miniaturen der Bilder, ein Ordner mit MP3s eine detaillierte Liste mit Namen des Interpreten, der Musikstücke und deren Nummern. Der Windows Explorer präsentiert also unterschiedliche Datentypen jeweils so, dass die relevanten Informationen angezeigt werden. Das Problem ist nun, dass das Programm meistens falsch liegt und nur gelegentlich richtig: Es stellt oft Bilder als Musikdateien dar. Wahrscheinlich ärgert mich das so sehr, weil es eigentlich ganz einfach sein sollte.

ZDNet: Was hören Sie am häufigsten, wenn Sie mit anderen Leuten über Vista sprechen?

Karp: Da gibt es zwei Lager. Die einen sagen "ich kann nicht glauben, dass ich ein Vista-Upgrade gemacht habe; wie bekomme ich XP zurück?" Amüsant dabei ist, dass ich genau dasselbe gehört habe, als XP vor sechs Jahren herauskam. Damals wollten die Leute dann zurück zu Windows 98. Wenn ich so einen Kommentar höre, denke ich immer: "Ja, ich verstehe schon. Das ist ganz schön frustrierend, und vieles funktioniert nicht. Aber die alte Version war auch nicht besser, man hat sich eben einfach daran gewöhnt. Man kennt all die Probleme und weiß, wie man sie umgeht."

ZDNet: Und das andere Lager sind Leute, die Vista verwenden und nicht wieder zurück wollen?

Karp: Ja. Sie erkennen, was das System gut macht und was es nicht so gut kann. Sie bemerken die Schwächen, haben aber den Eindruck, dass sie damit leben können. Dass Vista Schwächen hat, kann jeder sehen. Die Ansichten, wie schwer diese wiegen, gehen aber auseinander. Ich wende mich mit meinem Buch an beide Lager.

ZDNet: Gibt es auch echte Vista-Fans?

Karp: Ich spreche selten mit jemandem, der Vista und alles, was damit zu tun hat, liebt – was sehr schade ist. Wenn man mit einem Mac-Fan spricht, ist er einfach von jedem Produkt begeistert, das Apple ihm vorsetzt. Es ist nicht so, dass der Mac in irgendeiner Form besser wäre als Windows, er wird einfach mehr gemocht. Windows-Nutzer haben keine Schwierigkeiten damit, die Schwachstellen ihrer Plattform zu erkennen, wofür ich Respekt habe. Einer der Gründe dafür, dass ich dieses Buch geschrieben habe, ist, dass es hilft, diese Probleme zu lösen.

ZDNet: Wie kann man sein Vista-Erlebnis am effektivsten verbessern?

Karp: Das Erste, was ich beim Herumspielen mit Vista verbessern wollte, war die Suchfunktion. Microsoft hat sich viel Mühe gegeben, diese neue Suchfunktion anzupreisen. Bei jedem Fenster in Windows Explorer befindet sich oben eine Suchzeile. Gibt man dort etwas ein, erhält man sofort alle passenden Dateien im aktuellen Ordner und den Unterordnern. Leider funktioniert dies nicht sehr gut. Manchmal sind die Suchergebnisse nicht aktuell. Es kann auch passieren, dass man einen Ordner voller JPEG-Dateien anschaut, bei der Suche nach JPEG-Dateien aber kein Ergebnis angezeigt wird. Oder dauert es einfach zu lange, bis die Ergebnisse angezeigt werden.

Es gibt einige Möglichkeiten, die Suchfunktion zu verbessern. Zum Beispiel, mehr Speicherstellen zu indizieren. Man kann dem Suchwerkzeug sagen, wo es Indizes setzen soll. Ab Werk werden nur Dateien im Ordner "Dokumente" indiziert. Anderswo, etwa auf dem Desktop, werden überhaupt keine Dateien indiziert. Es ist ganz einfach, sich das Suchwerkzeug vorzunehmen und Speicherstellen, die indiziert werden sollen, hinzuzufügen sowie Speicherstellen zu entfernen, die man nicht benötigt. Das beschleuniget die Suche erheblich.

Die Suchfunktion wird aber auch schneller und effektiver, wenn man die in Vista eingebaute Unterstützung für ZIP-Dateien in der Registrierungsdatenbank entfernt. Danach kann man ein anderes Programm installieren, das sich um die ZIP-Dateien kümmert, was meist den Zusatznutzen bringt, dass es auch besser funktioniert.

ZDNet: Wie haben Sie damit begonnen, über Missstände bei Software zu schreiben?

Karp: 1995 war ich Betatester für Windows 95. Da ich ein Computerfreak bin, wollte ich damit spielen und sehen, was ich damit anfangen kann. Windows 95, das noch genug Probleme hatte, war ein großer Sprung. Microsoft hat seitdem nichts mehr in dieser Größenordnung unternommen. Es gab aber auch von Anfang an so viele Sachen, die offensichtlich falsch gemacht worden waren. Es hat mich interessiert, wie sich solche Funktionen reparieren lassen. Ich wollte schließlich mit diesem Computer arbeiten und ihn für mein Unternehmen einsetzen. Dazu musste er besser funktionieren, schneller sein und nicht so oft abstürzen .

ZDNet: Glauben Sie, dass Sie die ganze Zeit mit Microsoft beschäftigt sein werden, oder werden Sie auch einmal über Missstände bei Mac oder Linux schreiben?

Karp: Es scheint, dass mir das Material niemals ausgeht. Anscheinend gibt es immer etwas, worüber man schreiben kann. Es sind nicht nur ärgerliche kleine Probleme, die man beheben kann. Ich schreibe über verschiedene Arten, das System zu hacken, oder darüber, wie man den Startbildschirm und die Anzeige beim Herunterfahren verändert. Ganz egal, was Microsoft auch unternimmt, es wird immer Vieles geben, was die Leute die Wände hochgehen lässt. Wenn man sich einfach nur einmal anschaut, wie viele Menschen zurück zu Windows XP wollen...

Ich sehe keine Gefahr, dass die Missstände jemals ausgehen werden. Es gibt sogar ein Buch über Linux-Missstände. Das habe aber nicht ich geschrieben. Ich glaube nicht, dass sich ein Buch über die Missstände beim Mac jemals verkaufen würde: Mac-Nutzer ärgern sich nicht über ihre Computer. Das heißt jedoch nicht, dass es keine Missstände gäbe.

ZDNet: Was werden Sie als nächstes tun?

Karp: Mich erholen. Ich habe viel Zeit auf dieses Buch verwendet. Ich möchte noch ein Buch über Ebay schreiben, einen Strategie-Leitfaden. In ein paar Monaten kommt Windows Vista Service Pack 1, da wird es wohl eine zweite Auflage meines Buches geben.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.annoyances.org/
[2] = http://www.oreilly.com/catalog/9780596527624/