Die freie Wahl von Business-Intelligence-Lösungen könnte bald vorbei sein. Führende Anbieter haben schließlich schon ihre Selbstständigkeit verloren - darunter Hyperion (Oracle), Business Objects (SAP) und Cognos (IBM).
Ging es in den ersten Konsolidierungsrunden der Business-Intelligence-Branche vor allem darum, BI-Konzerne mit einem Rundumangebot (vom schlichten Reporting bis zu Management-Cockpit und Prognostik) aufzubauen, so haben die kürzlich stattgefundenen und zum Teil noch nicht abgeschlossenen Übernahmen andere Gründe. Business Performance Management (BPM) beziehungsweise Corporate Performance Management (CPM) heißt das Schlagwort, aus dem vor allem Hyperion[1] und Cognos[2] in den vergangenen zwei Jahren Kapital schlugen. Dahinter verbirgt sich das Versprechen, im Top-Managment, aber auch auf Abteilungsebene jederzeit messen und auf verständliche Weise zeigen zu können, wie sich das Geschäft entwickelt.
Angesichts der dramatisch verschärften Transparenzregeln von Seiten der Gesetzgeber (Sox, Euro-Sox) und Banken (Basel 2) einerseits und der zunehmenden Unübersichtlichkeit aufgrund immer tieferer und zunehmend international verteilter Lieferketten und Filialnetze andererseits öffnet CPM offensichtlich die Geldbörsen der Unternehmensleitungen. Davon profitieren auch die seit Jahrzehnten vernachlässigten Geschäftszweige für die Verbesserung der Datenqualität und der Integration der verschiedenen Datenarten. Nur wenn korrekte Stamm-, Aktions-, Bewegungs- und Kundenreaktionsdaten miteinander in Beziehung gesetzt werden, lassen sich daraus einigermaßen zuverlässig Rückschlüsse auf mögliche Geschäfts- oder zumindest Optimierungspotenziale ziehen. Verwendet werden solche Informationen nicht mehr nur, um die Produktionszahlen zu optimieren, Lagerhäuser zu eliminieren und gegenüber der Bank günstige Kreditkonditionen zu erhandeln, sondern auch, um über so genannte Configuration Management Databases (CMDB) das IT-Management zu optimieren – auch wenn neue Geschäftsprozesse Änderungen erzwingen.
Besonders Web-orientierte Unternehmen versprechen sich – nach dem Vorbild von Google[3] – viel von der Einbeziehung der Daten aus dem Netz. Allerdings hat der als besonders lukrativ angesehene Handel mit Profilen aus Social Networks hier zu Lande durch die Proteste der Studi-VZ-Nutzer gegen die Kommerzialisierung ihrer Daten einen Rückschlag erlitten.
Hinzu kommt die Entwicklung, BI-Komponenten nicht mehr nur als Front-End-Tools von Data-Warehouses zu nutzen, sondern immer mehr als Teil operativer Systeme wie bei SAP – und das auf allen Ebenen, nicht mehr nur im Top-Management oder bei Analyse-Spezialisten. Insofern ist es kein Wunder, dass sich sowohl die großen Datenbank-Anbieter wie IBM[4], Oracle[5] und Microsoft[6] als auch ERP-Anbieter wie SAP[7] und Infor[8] sich um die BI-Firmen und ihre CPM-Funktionen raufen – zumal auch die in der Menge lukrativen mittelständischen Anwender immer stärker nach BI-Unterstützung fragen.
Ungeklärt ist bislang allerdings, ob der BI-Markt noch funktioniert, wenn viele wichtige Player ihre Eigenständigkeit verlieren. Wie frei wird künftig die Wahl des BI-Tools bei Oracle- und SAP-Kunden sein, wenn der Lieferant sein hauseigenes Produkt wärmstens empfiehlt? Besonders interessiert diese Frage Data-Warehouse-Anbieter wie Teradata und HP, die sich bislang noch nicht an der BI-Shopping-Rallye beteiligt haben. Selbst wenn Hyperion und Cognos weiterhin für Konkurrenzumgebungen zugänglich bleiben, besteht die Gefahr, dass sie optimal nur für die Data Warehouses der Besitzer funktionieren.
Besonders schwierig erscheint die Situation für HP. Der Konzern ist mit Neoview ein Neuling im Data-Warehouse-Geschäft und muss nun genau den Firmen Marktanteile abjagen, mit deren BI-Töchtern er partnern möchte, um die Akzeptanz der Kunden zu erringen. Doch zumindest Oracle und Teradata reagieren inzwischen recht gereizt auf HPs aggressives Neoview-Marketing. Diese Situation könnte auch HP unter Druck setzen, sich nach einem Schnäppchen unter den wenig verbliebenen BI-Lieferanten umzusehen. Damit aber trüge das Unternehmen nicht nur weiter zur Demontage des bisherigen BI-Markts bei, sondern riskierte auch das bislang gute Verhältnis zu den Software-Partnern.
Für die verbliebenen freien BI-Anbieter stellt sich dagegen die Frage, welche Entwicklungsmöglichkeiten ihnen künftig bleiben. Im Bereich Performance-Management und End-to-End-Lösungen verfügten außer SAS Institute die meisten Anbieter nicht über die finanziellen und technischen Möglichkeiten, um mit den neuen Konzernkonkurrenten mitzuhalten. Gleichzeitig dürften sich die Chancen verringern, bei IBM-, Oracle-, oder SAP-Kunden zu reüssieren. Insofern bleibt ihnen nur der Weg in die technischen (CRM, Prozessoptimierung) oder industriellen Nischen (Finanzdienstleister, Fertigung), die ihnen die Großhersteller lassen. Branchenkenner Wolfgang Martin beobachtet, dass genau das passiert. Neue Trends wie SOA, Integration, Enterprise Content Management und Web 2.0 eröffnen auch neue Chancen. Insofern leitete er kürzlich einen Vortrag mit der scheinbar widersprüchlichen These ein: "Der BI-Markt hat sich aufgelöst, ist aber für die Unternehmen wichtiger denn je."
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