Surfen mit Lichtgeschwindigkeit: Alles über 100-MBit-Zugänge

(http://www.zdnet.de/magazin/39159683/surfen-mit-lichtgeschwindigkeit-alles-ueber-100-mbit-zugaenge.htm)

von Joachim Kaufmann, 14. Dezember 2007

In Köln und München können Privatkunden schon heute mit 100 MBit/s im Internet surfen - zu Preisen auf ADSL-2+-Niveau. Basis ist eine neue Glasfaser-Infrastruktur bis in die Gebäude. ZDNet erklärt die dahinterliegende Technik.

Was vor wenigen Jahren noch Utopie war, ist inzwischen in Hamburg, Köln und München Realität: Internetzugänge mit 100 MBit/s für Privatkunden. Den großen Geschwindigkeitsschritt macht die Einführung neuer Technik möglich: Erstmals führen Glasfaserleitungen bis in die Häuser.

Mit Kupferleitungen, die seit Jahrzehnten bis in jedes Gebäude verlegt sind, gibt es ein Problem: Mit zunehmender Länge erweisen sie sich aufgrund von Dämpfungseffekten immer mehr als Datenautobahn statt als zum Datenfeldweg. Höhere Geschwindigkeiten bringt nur eine Verkürzung der Kupferstrecke.

VDSL[1] der Deutschen Telekom[2] setzt dieses Prinzip um: Die für den Betrieb notwendigen DSLAMs (Digital Subscriber Line Access Multiplexer), sozusagen die Gegenstelle des heimischen Modems, sitzen nicht wie bei ADSL und ADSL 2+ in den Vermittlungsstellen[3], sondern in den näher an den Gebäuden positionierten Kabelverzweigern[4]. Diese sind an die Vermittlungsstellen per Glasfaser angebunden.

Aufgrund der verkürzten Kupferstrecke ist die Telekom derzeit in der Lage, Endkundenanschlüsse mit bis zu 50 MBit/s Downstream und 10 MBit/s Upstream anzubieten. Zum Vergleich: ADSL 2+ bietet Datenübertragungsraten von maximal 20 MBit/s. Gängig sind 16 MBit/s, wovon in der Praxis meist oft nur gut 10 MBit/s übrig bleiben.

Die Verlegung von Glasfaserleitungen bis in die Nähe von Gebäuden wird als Fibre To The Node (FTTN) bezeichnet. Der Vorteil des Verfahrens ist, dass es keinen kostspieligen Rollout von Glasfasern bis in jedes Haus braucht. Trotzdem gehen einige Provider diesen Weg.In Köln und München haben Netcologne[5] und M-Net[6] - in dieser Reihenfolge - mit dem Aufbau von Glasfaserleitungen begonnen, die bis in die Keller einzelner Gebäude reichen. Ursprung ist die Vermittlungsstelle. Die für VDSL entscheidenden Kabelverzweiger gibt es nicht mehr.

Der als Fibre To The Basement (FTTB) bezeichnete Ansatz macht allerdings Grabungsarbeiten unumgänglich. Netcologne beispielsweise gräbt unter den Gehwegen 50 Zentimeter tief und schaufelbreit. Ähnlich geht es auf dem Grundstück der Hauseigentümer weiter. Über eine Bohrung kommt das Kabel dann in den Keller. Der Aufwand ist zwar deutlich geringer als bei der Verlegung einer Wasserleitung, die Investitionen sind aber trotzdem erheblich: Netcologne rechnet mit Kosten von 250 Millionen Euro, M-Net hat die investierte Summe nicht veröffentlicht.

Neben dem Aufbau einer zukunftfähigen TK-Infrastruktur sind es vor allem ökonomische Gründe, die Netzbetreiber zu Investitionen in dieser Größenordnung motivieren. Die Kupferdoppelader bis in die Haushalte, auch als Teilnehmeranschlussleitung[7] (TAL) oder letzte Meile bekannt, gehört nämlich nach wie vor der Telekom - eine Folge der ehemaligen Monopolstellung.

Andere Provider müssen die TAL für derzeit monatlich 10,40 Euro mieten. Die Höhe des Preises ist ein Dauerthema in der Branche. Während die Telekom ihre Kosten nicht gedeckt sieht, streben Konkurrenten eine Senkung an, um den erwünschten Wettbewerb zu fördern. Die Entscheidung fällt die Bundesnetzagentur, die es aber keiner der Parteien recht machen kann.

Mit einem eigenen Glasfaserkabel im Keller müssen Netcologne und M-Net nicht mehr auf die TAL zurückgreifen, die Miete fällt weg. Netcologne hat im vergangenen Jahr rund 34 Millionen Euro an die Telekom für die Nutzung der TALs überwiesen.

VDSL und FFTB im Vergleich (Bild: M-Net).

Die neuen Netze verzichten aber nach wie vor nicht komplett auf Kupferleitungen. Um das Signal vom Keller bis in die Wohnungen zu übertragen, setzen Netcologne und M-Net auf die vorhandene Verkabelung. Ein Austausch im Gebäude wäre den meisten Anwendern nicht zuzumuten.

Direkt hinter dem Glasfaserkabel, das über ein 40 Millimeter großes Loch in den Keller kommt, wird ein Verteiler angebracht. Er übertragt die Daten im VDSL-Verfahren zu den einzelnen Anschlüssen. Die Gegenstelle ist ein VDSL-Modem. Auf diese Weise realisieren beide Provider heute Endkundenzugänge mit 100 MBit/s Downstream und 10 MBit/s Upstream.

Damit ist die Glasfaser-Infrastruktur aber längst nicht ausgereizt. M-Net stellt bereits Zugänge mit Übertragungskapazitäten von 1 GBit/s in Aussicht. Dazu ist aber auch die Verlegung von Glasfaserstrecken in den Gebäuden notwendig. Die Entscheidung, ob sich Fibre To The Home (FTTH) lohnt, liegt also bei den Eigentümern.

Entgegen der Gepflogenheiten im IT-Bereich sind die 100-MBit-Zugänge kaum teurer als aktuelle ADSL-2+-Lösungen mit 16 MBit/s. Inklusive Telefonanschluss und Doppelflatrate für Sprache und Daten kosten beide Anschlüsse monatlich 39,90 Euro. Ein vergleichbares ADSL-Paket liegt im günstigsten Fall bei knapp 30 Euro.

Trotz der moderaten Preispolitik bleiben glasfaserbasierte Internetzugänge bis auf weiteres ein Luxus für wenige. Die hohen Kosten machen einen Rollout nur in Städten rentabel. Dort erhalten Gebiete mit besonders hoher Bevölkerungsdichte Vorrang.

Netcologne hat vor rund einem Jahr mit der Installation des neuen Netzes im Belgischen Viertel in der Kölner Innenstadt begonnen. Innerhalb von fünf Jahren soll es Schritt für Schritt in der gesamten Stadt verleget werden. Im Fokus stehen Mehrfamilien- und Gewerbegebäude.

M-Net sucht die Zusammenarbeit mit Immobiliengesellschafen. Den Auftakt Mitte Oktober markierten 63 Gebäude mit insgesamt 567 Wohneinheiten der Gewofag im Stadtteil Neuhausen. Im nächsten Jahr will das Unternehmen insgesamt 10.000 Gebäude mit rund 110.000 Wohneinheiten anschließen. Bis 2011 ist die Erschließung von Immobilien vorgesehen, die etwa 60 Prozent des Münchener Wohnungsbestandes darstellen. Das Projekt konzentriert sich zunächst auf die Stadtteile Schwabing, die Isarvorstadt, Neuhausen und Neuperlach.

Wann Anbieter in anderen Städten nachziehen, ist derzeit nicht bekannt. Gerüchte über ein Engagement von Hansenet[8] in Hamburg wurden noch nicht offiziell bestätigt. Zu hoffen bleibt auch, dass die weltweite Internet-Infrastruktur mit dem Bandbreitenwachstum bei den Endanwendern schritthalten kann. Wenn der Ausbau nicht vorangetrieben wird, sind selbst die kommenden Gigabit-Zugänge nutzlos.

Weiter Informationen:

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.zdnet.de/mobile/tkomm/0,39023192,39141043,00.htm
[2] = http://www.telekom.de/
[3] = http://de.wikipedia.org/wiki/Vermittlungsstelle
[4] = http://de.wikipedia.org/wiki/Kabelverzweiger/
[5] = http://www.netcologne.de/
[6] = http://www.m-net.de/
[7] = http://de.wikipedia.org/wiki/Teilnehmeranschlussleitung/
[8] = http://www.hansenet.de/
[9] = http://www.citynetcologne.de/