Suchmaschine der Zukunft: persönlich oder anonym?

(http://www.zdnet.de/magazin/39158511/suchmaschine-der-zukunft-persoenlich-oder-anonym.htm)

von Lothar Lochmaier, 22. Oktober 2007

Anwender wünschen von Suchmaschinen bessere Ergebnisse. Gleichzeitig möchten sie die Kontrolle über ihre eigenen Daten im Internet behalten. Fragt sich nur, ob ein Gigant wie Google es Suchenden und Gesuchten Recht machen kann.

Immer mehr Privatpersonen wüssten gerne, wie sie beeinflussen können, welche Daten über sie im Web auffindbar sind. Auch für Unternehmen gewinnt diese Frage an Bedeutung, da auch deren Inhalte auf personalisierten Diensten wie spock.com[1] integriert sein können. Der Wettbewerb in der Unternehmenswelt könnte sich künftig weniger an der Frage der besten technologischen Ausstattung festmachen, sondern vielmehr beim Datenschutz entscheiden.

Denn die personalisierte Suche ist mehr als ein kurzfristiger Modetrend. Es hat eben durchaus seinen Reiz, über bekannte oder unbekannte Personen mehr herauszufinden, als es bis dato die aufwändige Suche in der Offline-Welt erlaubte.

Fein ziselierte Persönlichkeitsprofile gibt es bei spock.com bereits heute. Allerdings noch mit einer begrenzten Anzahl an Einträgen. Die Betaversion der mit Venture-Capital ausgestatteten Suchmaschine durchforstet eifrig das Web nach Informationen über Personen und stellt diese den Nutzern gebündelt bereit. Derzeit ist das sogar kostenlos.

Macht ein derartiges Marktmodell tatsächlich Schule, wird jeder Internetnutzer noch transparenter im Netz, zum einen durch die unzähligen Seiten, die sich dem Social Networking widmen, wie Myspace[2], Youtube[3], Flickr[4] und andere. Hinzu kommen Foren, Newsgroups und Multimediaarchive. Kurzum, der multimediale Rundumblick ins persönliche Leben fällt nicht mehr schwer, so dass es keiner persönlichen Biographie mehr bedarf, um seine eigene Vita im Zeitraffer nachzuvollziehen.

Auch Suchmaschinenbetreiber wie Yahoo haben längst erkannt, wie sie das geballte Wissen der Community besser nutzen können. Auf der Plattform Yahoo Clever[5] helfen sich die Nutzer gegenseitig, indem sie konkrete Fragen beantworten.

Surfer erhalten so oftmals um den Globus verteilt praktische Hilfestellungen, für die sie entweder viel Zeit oder Geld hätten investieren müssen. Zwar ersetzen derartige Tipps nicht die allgemeine Suchanfrage. Gleichwohl lösen sie oftmals auf einfache Weise persönliche Probleme und Fragen.

Auf ein ähnliches Prinzip setzen auch deutsche Angebote wie wer-weiss-was.de[6] oder gutefrage.net[7], wenngleich sie lediglich Nischenmärkte abdecken. Google selbst strebt künftig offenbar ebenfalls eine Mixtur aus allgemeiner Suchabfrage und personalisierten Zusatzfunktionen an. Die Preisfrage lautet, wie viel sich aus der Community "herausholen lässt".

So ist das Portal von Lycos IQ[8] seit kurzem mit den Nutzern von T-Online verbandelt, die mit einem separaten Icon gekennzeichnet sind. Nicht nur für Datenschutzexperten stellt sich dabei die Frage, was mit den Daten passiert. Es kursieren schließlich eine Unmenge persönlicher Nutzerdaten im Netz, an denen kriminelle Akteure interessiert sein könnten, etwa um persönliche Bankverbindungen auszuspähen.

Die passende Spionagesoftware dazu liefert das Startup Rapleaf gleich mit. Das von dem amerikanischen Unternehmen entwickelte System liest per Webcrawler die Nutzerprofile von Social-Networking-Seiten wie Facebook[9], Myspace und Linkedin[10] aus. Die Daten lassen sich anschließend bequem sortiert an Vermarktungsfirmen weiterverkaufen.

Die Verbraucherschützer vom Center for Digital Democracy fordern von der amerikanischen Regierung entsprechende Gegenmaßnahmen, um das Ausspionieren zu unterbinden. Ansonsten bestehe das Risiko, das soziale Kapital und die gute Absicht der hilfsbereiten Wissensarbeiter im Netz in ihr Gegenteil zu verkehren sowie das Vertrauen der Nutzer langfristig zu zerstören.

Angesichts der unfreiwilligen Großzügigkeit der Community behauptet deshalb Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein beim Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz (ULD) in Kiel: "Die Zukunft der Suchmaschinen ist anonym." Der Experte sieht ein riesiges Wachstumspotenzial für Angebote mit der Auflage, beim Nutzer mit einer extremen Datensparsamkeit zu punkten: "Der Vorteil liegt darin, die Suchanfrage unmittelbar danach gleich wieder zu löschen."

Denn wer kann schon prüfen, ob nicht falsche Einträge aus Blogs oder Foren in das persönliche Profil übernommen werden. "Wenn die Daten direkt einer Person zugeordnet sind, ist dies ausgesprochen problematisch", gibt Weichert zu bedenken. Immerhin könnten Personensuchmaschinen wie spock.com auch die öffentlich zugänglichen Datenbestände der in den Unternehmen gelisteten Personen mit erfassen, was rechtlich völliges Neuland darstellt.

Die üblichen Verweise der Suchmaschinenbetreiber auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGBs) reichen künftig kaum mehr aus. Gefragt seien vielmehr ausgereifte technische Lösungen, so der renommierte Datenschützer. "Hierfür fehlt es aber bei den Suchmaschinenbetreibern noch an Sensibilität, sowohl gegenüber den Suchenden als auch gegenüber den Gefundenen."

Schließlich müsste der Nutzer ständig alle Informationen über sich recherchieren und sofort monieren, um bei gravierenden Verstößen rechtzeitig eingreifen zu können. Möglicherweise kehrt sich die Beweislast beziehungsweise die Haftungsfrage sukzessive um, spekulieren Insider, so dass der Betreiber nachweisen müsste, nur ordnungsgemäße Informationen weiter zu verwerten und öffentlich zu machen. Angesichts einer derartigen Sisyphusarbeit wird deutlich, wie weit die Betreiber aktuell von dieser Zielmarke entfernt sind.

Auch semantische Technologien lösen das Datenschutzproblem beziehungsweise das der Weitergabe von Daten kaum. Zunächst einmal gelte es, global verbindliche Datenschutzstandards zu entwickeln, sagte Google-Juristin Annette Kroeber-Riel auf dem diesjährigen Forum des Gemeinnützigen Vereins zur Förderung der Suchmaschinen-Technologie und des freien Wissenszugangs (Suma-eV[11]) in Berlin.

"Es geht künftig nicht mehr ausschließlich um erfolgreiche neue Dienste, sondern die Betreiber ringen auch um die besten Datenschutzkonzepte", gab die Politiklobbyistin bei Google auf dem Suma-Kongress immerhin zu. Der Konzern sieht dies aber eher als Selbstverpflichtung zum eigenen Handeln an. Datenschützern gehen Googles Schritte jedoch nicht weit genug. Denn schließlich lasse sich der Datenschutz etwa über Drittländer mit geringen Auflagen relativ leicht aushebeln, so Thilo Weichert.

Der Datenschützer plädiert deshalb für eine stärkere Bevorzugung einheimischer Provider, die das Datenschutzthema ernst nehmen. Ob aber der Staat die webbasierte Infrastruktur - ähnlich wie den Straßenverkehr oder die Energieversorgung - als nationale Aufgabe begreift, das steht noch in den Sternen.

In der Welt zukünftiger Suchmaschinen wären aber auch technische Gütesiegel für den Datenschutz eine Option. "Wir müssen weltweit nach gemeinsamen Lösungen suchen", forderte Weichert. Auch Thomas Bindl von Refined Labs[12] sieht eine Tendenz, die Monokultur auf diesem Markt durch mehr Vielfalt abzulösen.

"Google kann ganze Unternehmen zu Fall bringen", monierte der Experte für Suchmaschinenmarketing: "Bezahlte Werbung ist Pflicht, und die Firmen müssen einfach kooperieren." Andererseits hätte das Monopol aber den Vorteil, den Einstieg für Unternehmen im Sinne einer breiten Marktabdeckung zu erleichtern.

Letztlich zählen aber bei Google[13] meist nur die Top-5-Ergebnisse der Einträge, weiß auch der Marketingspezialist. Zirka 80 Prozent der Nutzer scrollen sich nämlich maximal bis zum Ende der ersten Seite. Bindl prognostizierte in den nächsten Jahren bei den Werbeeinträgen sogar explodierende Preise, aufgrund des steigenden Anteils beim Online-Marketing am gesamten Werbekuchen. "Eine langfristige Planung der Unternehmen sichert dennoch den langfristigen Erfolg."

Welche Unternehmen sich bezahlte Einträge in Zukunft beim Marktführer dann aber überhaupt noch leisten können, ließ der Experte offen. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen könnten sich anderen Optionen zuwenden. Denn im Grunde handelt es sich nach Auffassung von Unternehmensberater Klaus Holthausen[14] ohnehin um einen Mythos, dass die Suchanzeigen bei Google gut platziert seien.

"Das Ranking in den vorderen Plätzen sackt meist nach kurzer Zeit wieder nach unten ab", so Holthausen. Auch das Nachbessern durch "Re-Ranking" bringe oftmals kaum eine spürbare Verbesserung. "Auch bei Google werden deshalb Reiche immer reicher und Ärme immer ärmer." Als einen denkbaren Ausweg zum Reranking sieht Holthausen eine stärker assoziative Verknüpfung zwischen den Inhalten, sprich ausgereifte semantische Suchfunktionen.

Immerhin agieren auf diesem Zukunftsfeld einige deutsche Anbieter wie Semager.de. Letztlich fehlt es diesen Angeboten aber an Durchschlagskraft: "Wir haben nicht genügend Mittel, um die Suchmaschinen mit mehr Rechenkapazität auszustatten, Mitarbeiter einzustellen und Werbung zu machen", beklagt Geschäftsführer Matthias Schneider.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.spock.com
[2] = http://www.myspace.com
[3] = http://www.youtube.com
[4] = http://www.flickr.com
[5] = http://www.yahoo.de/clever
[6] = http://www.wer-weiss-was.de
[7] = http://www.gutefrage.net
[8] = http://iq.lycos.de/home/
[9] = http://www.facebook.com
[10] = http://www.linkedin.com
[11] = http://suma-ev.de/
[12] = http://www.refinedlabs.com/
[13] = http://www.google.de
[14] = http://www.dr-holthausen.de/