Netzwerker in Not

(http://www.zdnet.de/magazin/39157874/netzwerker-in-not.htm)

von Rudi Kulzer, 21. September 2007

Der französisch-amerikanische Netzausrüster Alcatel-Lucent hat erhebliche Probleme. Konzernchefin Patricia Russo musste erneut eine Gewinnwarnung herausgeben - die dritte in neun Monaten.

Zwei Kranke in einem Bett machen noch keinen Gesunden. Diese Binsenweisheit hat sich wieder einmal bestätigt. Der im Dezember vergangenen Jahres abgeschlossene 11,6 Milliarden-Dollar-Deal zwischen Lucent Technologies aus New Jersey und der französischen Alcatel sollte dem Markt das Fürchten lehren. Kostenreduzierung durch Synergien und ein Bollwerk gegen die drohende Macht der roten Netzklempner Huawei und ZTE aus Shenzhen waren das strategische Ziel.

Doch nach nun neun Monaten ist deutlich zu sehen, dass keines der Ziele nur ansatzweise erreicht wurde. Im Gegenteil! Der nach Zahlen mächtigste Netzausrüster der Welt scheint deutlich hinter dem Wettbewerb zurückgefallen zu sein. Das gilt vor allem auf dem US-Markt der Mobilfunkanbieter, die sich gerade für den verschärften Wettbewerb rüsten, war im Wall Street Journal zu lesen. So sei der Gigant sehr langsam gewesen bei der Lieferung der "dritten Generation" Ausrüstung für die neue Mobilfunkmacht AT&T in den USA.

So ist die jüngste negative Prognose-Korrektur bereits die dritte in diesem Jahr. Analysten werteten die Entwicklung übereinstimmend als Zeichen für eine schwere strukturelle Krise des Unternehmens, schreibt das Handelsblatt. Sie erwarten nun schärfere Spareinschnitte. Nach Ansicht vieler Beobachter leidet der Ausrüster unter dem Zusammenstoß zwischen der französischen und der amerikanischen Managementkultur.

Der ehemalige Alcatel-Chef Serge Tchuruk hatte den Merger als seinen Schwanengesang inszeniert. Die Symbiose aus dem französischen Staatkonzern und den Resten der ehemals äußerst erfolgreichen AT&T Bell Labs sollte den Erfolg als Marktführer garantieren. Russo führt seither den Konzern als "Amerikanerin in Paris" den Alcatel-Lucent in der französischen Hauptstadt. Ihr Schul-Französisch sei kein Problem, sagte sie beim Amtsantritt, da 85 Prozent der Geschäfte außerhalb von Frankreich und in Englisch gemacht würden. Das mag schon sein, doch darunter leidet die Grand Nation.

Wirtschaftlich macht ein extrem starker Preisdruck der gesamten Ausrüsterbranche zu schaffen, in der zur Zeit nur Cisco und Ericsson Oberwasser zu haben scheinen. Sowohl im Festnetz als auch im Mobilfunk sinken weltweit die Endkundenpreise. Die Netzbetreiber geben diesen Druck an die Ausrüster weiter. Neue Konkurrenz aus China verschärft die Entwicklung noch: Unternehmen wie Huawei und ZTE drängen verstärkt in Länder außerhalb ihres Heimatmarktes und versuchen, sich dort durch Tiefpreise Marktanteile zu sichern.

Darauf musste auch Alcatel-Lucent ebenfalls die Preise senken, kann sich das aber bei den Kosten seines noch immer mächtigen amerikanisch-Französischen Apparates nicht leisten. Weitere Entlassungen werden wohl die Folge sein. Im Februar hatte Patricia Russo angekündigt, 12 500 Stellen zu streichen und so die Kosten um 1,7 Milliarden Euro binnen drei Jahren zu senken. Dabei wird es wohl nicht bleiben.

Besser gewappnet scheint Ericsson zu sein. Firmen-Chef Carl-Henric Svanberg hat vor kurzem die künftige Marktentwicklung positiv entwickelt bewertet. Das Wachstum von mobilen Datendiensten sei weitaus schneller als erwartet. Es gebe bereits Engpässe bei den Netzen, die zu einem erhöhten Investionsbedarf beim Ausbau der Mobilfunknetze führen dürfte. Das sollte auch dem neuen, erst im April gegründeten Gemeinschaftsunternehmen Nokia Siemens Networks helfen. Doch das finnisch-deutsche Joint-Venture steckt in den roten Zahlen. Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo machte Anfang August den harten Wettbewerb sowie Anlaufschwierigkeiten des neuen Unternehmens für das schlechte Abschneiden verantwortlich.