No End in Sight: Ein IT-Veteran rechnet mit dem Präsidenten ab

(http://www.zdnet.de/magazin/39157074/no-end-in-sight-ein-it-veteran-rechnet-mit-dem-praesidenten-ab.htm)

von Michelle Meyers, 17. August 2007

Der Irakkrieg und die Lügen der Bush-Regierung sind die Themen des gerade in den USA angelaufenen Films "No End in Sight". Gemacht wurde er von dem IT-Veteranen Charles Ferguson. ZDNet hat ausführlich mit ihm gesprochen.

Die technische Laufbahn von Charles Ferguson endete vor einem Jahrzehnt mit dem Verkauf seines Unternehmens Vermeer Technologies[1] , Hersteller eines Tools zur visuellen Website-Entwicklung namens Frontpage[2]. Microsoft[3] zahlte dafür die stolze Summe von 133 Millionen Dollar.

Obwohl er seitdem einen ganz anderen Pfad als Autor, erklärter "Politik-Freak" und lebenslanges Mitglied des Rats für auswärtige Beziehungen eingeschlagen hat, denkt Ferguson noch oft an die lehrreichen Jahre zurück, in denen er ein Software-Startup leitete. Dabei handelt es sich um eine Aufgabe, die ihm zufolge gar nicht so sehr von seinen jüngsten Projekten als Dokumentarfilmer abweicht.

Fergusons erster Film, No End in Sight[4], kam am vergangenen Freitag in die US-amerikanischen Kinos. Er betrachtet seinen Dokumentarfilm, der beim Sundance Film Festival[5] mit einem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet wurde, als eine unparteiische Analyse der Entwicklungen, die aus der Besetzung des Irak durch US-Truppen eine Spirale der Gewalt entstehen ließen.

Vor dem Kinostart seines Films sprach Ferguson mit CNET/ZDNet über seine Fahrten durch Bagdad in gepanzerten Fahrzeugen und in Begleitung von Leibwächtern. Er erklärt, was er mit seinem Film zu erreichen hofft, und die Rolle der Technologie bei der Produktion seines Films.

ZDNet: Wie kamen Sie darauf, den Irakkrieg zum Thema Ihres ersten Dokumentarfilms zu machen?

Ferguson: Ich habe mich in der Vergangenheit eingehend mit akademischen und politischen Analysen über auswärtige Beziehungen, Verteidigungspolitik und Fragen der nationalen Sicherheit beschäftigt. Diese Themengebiete habe ich auch nie aus den Augen verloren. Außerdem wollte ich schon seit langem einen Film drehen, so dass schließlich eines zum anderen kam. Ich dachte bereits konkret über die Realisierung meiner Filmpläne nach, als der Krieg im Irak begann. 2004 war ich dann zum Abendessen mit George Packer verabredet, einem für "The New Yorker" tätigen Journalisten. Er war gerade von seiner zweiten oder dritten Reise in den Irak zurückgekehrt und seine Schilderungen machten mir die Bedeutung dieses Konflikts klar. Ich erkannte, dass die Dinge im Irak ganz anders waren als allgemein bekannt - nämlich viel schlimmer. So kam mir zum ersten Mal die Idee zu diesem Projekt.

ZDNet: Was unterscheidet Ihren Film von anderen Dokumentarfilmen über den Irak?

Ferguson: Ich denke, der Hauptunterschied besteht darin, dass ich versucht habe, die Auslöser für all diese Ereignisse darzustellen und zu analysieren. Wie diese Invasion und dieser Krieg in diese schreckliche und endlose Spirale der Gewalt mündeten und den Irak in einen komplett gescheiterten Staat verwandelten. Die anderen Filme über den Irakkrieg gehen darauf nicht ein. Was nun keine Kritik an ihnen sein soll. Im Gegenteil, einige dieser Filme sind meiner Meinung nach wirklich gut... Dennoch sind sie zu spezifisch und individuell konzipiert, und keiner von ihnen geht auf grundsätzliche Fragen ein, zum Beispiel das Zustandekommen der politischen Entscheidungen in Amerika und deren Konsequenzen. Gerade diesen Aspekt fand ich jedoch sehr wichtig.

ZDNet: Warum haben Sie kein Buch darüber geschrieben? Sie haben schließlich schon drei andere Bücher veröffentlicht.

Ferguson: Dafür gab es zwei Gründe. Einer davon war ein ganz persönlicher, nämlich, dass ich einen Film machen wollte. Der andere Grund war dagegen, dass zum Zeitpunkt meiner Entscheidung, also Mitte 2005, bereits klar war, dass es viele sehr gute Bücher über den Irakkrieg und die Besetzung gab und geben würde. Was natürlich nicht heißt, dass nicht noch Raum für ein weiteres solches Buch gewesen wäre... Ich war aber der Meinung, dass es im Gegensatz dazu viel zu wenig gute Filme gab, die den Hintergrund der Geschehnisse beleuchteten.

Hinzu kommt wohl noch ein dritter Grund, den ich für ganz entscheidend erachte: Die Amerikaner lesen nicht so gerne Bücher. Insgesamt bringen es all die guten Bücher über den Irakkrieg vielleicht auf eine Auflage von einer Million, bestenfalls zwei Millionen Exemplaren. Wenn dieser Film überhaupt Erfolg haben sollte, zumindest in dem Maße, wie man es von einem Dokumentarfilm erwarten kann, werden ihn mehrere Millionen Menschen sehen, und ich denke, das ist sehr wichtig. Es ist wichtig, dass die Geschehnisse im Irak geschildert werden, und zwar nicht nur den Entscheidungsträgern und Politikern, sondern auch den gebildeten und interessierten Amerikanern im Allgemeinen.

ZDNet: Inwiefern beeinflussten Ihre Kenntnisse aus der Technologie- und Computerbranche Ihre neue Rolle als Filmemacher - oder gab es da gar keine Beeinflussung?

Ferguson: Doch, die gab es. Sie ging sogar erstaunlich weit, und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen sind Filmproduktionen zunehmend digitalisiert. Der gesamte Film wurde digital gedreht, und zwar mit verschiedenen hochauflösenden Kameras. Für die Interviews in den USA haben wir recht gute große Hochauflösungskameras verwendet. Bei den Aufnahmen im Irak kamen dagegen viel kleinere, neu auf den Markt gekommene Camcorder mit hoher Auflösung zum Einsatz. Diese erwiesen sich als sehr gute Wahl, obwohl ihre Handhabung nicht ganz einfach war. Es handelte sich um die ersten 40 in den USA verfügbaren Exemplare, sie waren somit ganz neu und im Workflow ein wenig kompliziert. Und im Irak ist es eben so, dass man, wenn etwas schiefgeht, nicht mal kurz den Kundendienst anrufen kann. Das sorgte mitunter für gewisse Probleme, aber dabei erwies es sich als recht nützlich, dass ich mich ganz gut mit der Funktionsweise digitaler Systeme auskenne. Die Bearbeitung erfolgte natürlich auch komplett digital.

Ebenfalls sehr hilfreich war der Umstand, dass trotz aller Unterschiede zwischen den beiden Tätigkeiten starke Ähnlichkeiten zwischen der Gründung eines Software-Unternehmens und dem Drehen eines Films bestehen. In beiden Fällen geht es darum, ein neues Projekt auf den Weg zu bringen. Man muss ein völlig neues Team zusammenstellen. Man muss Talente anwerben und die Finanzierung sichern, und man muss sein Produkt entwerfen, überdenken und schließlich verwirklichen. Und in beiden Fällen geschieht dies unter zeitlichem und finanziellem Druck. Die Erfahrung aus der Gründung eines Unternehmens, also die Entwicklung einer Idee von der Konzeption bis zur Realisierung, erwies sich daher als sehr wichtig und nützlich.

Noch ein Aspekt war dabei sehr wichtig: In beiden Fällen fand ich es hilfreich, dass sich eine seltsame Kombination aus Verfolgungswahn und Angst auf der einen Seite und Selbstvertrauen auf der anderen ergibt. Der Verfolgungswahn und die Angst sorgten dafür, dass ich in beiden Fällen zwar etwas tat, was für mich neu war, aber dabei immer auf die Leute um mich herum hörte, einschließlich meiner Mitarbeiter, die mir einen Großteil meines späteren Wissens vermittelten, was sehr wichtig und sehr wertvoll war.

Ich versuchte, in Hinblick auf meine Kenntnisse im Verhältnis zu deren Kenntnissen bescheiden zu bleiben. Dies war letztlich sehr nützlich. So habe ich viel von den Leuten gelernt, mit denen ich zusammenarbeitete. Sie waren in beiden Fällen unglaublich großzügig und hilfsbereit, sowohl beim Unternehmens- als auch beim Filmprojekt. Gleichzeitig trifft man aber irgendwann, nachdem man alle angehört hat, seine eigene Entscheidung, und die fällt mitunter anders aus, als die meisten Leute es empfohlen hatten.

ZDNet: Wonach bemessen Sie den Erfolg Ihres Dokumentarfilms?

Ferguson: Ich denke, da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Als Erstes wünsche ich mir, dass der Film die Denkweise der Amerikaner über diesen Krieg und die Frage der weiteren Irakpolitik beeinflusst. Ich hoffe, dass der Film in dieser Hinsicht auch in politischen Kreisen Wirkung zeigt und nicht nur in der amerikanischen Öffentlichkeit. Er enthält Material, das bislang kaum bekannt war, nicht einmal Personen, die die Entwicklungen verfolgt haben.

Vor ungefähr zehn Tagen wurde der Film in Washington D.C. vor zwei Dutzend Senatoren gezeigt. Ich war dabei und war doch recht verwundert, wie viele der Senatoren von im Film gezeigten Dingen überrascht und geschockt waren... Das ist nicht das letzte Mal, dass die USA in einen Krieg ziehen. Ich hoffe aber, dass die Amerikaner beim nächsten Mal über den Einsatz ihrer Truppen besser nachdenken.

Wer diesen Film gesehen hat, begreift, dass Krieg kein Videospiel ist, und dass ohne sorgfältige Planung und Abwägung aller Schritte schreckliche Dinge geschehen.

Ich finde, es gibt bereits erste Anzeichen für die Wirkung des Films. Erst gestern Abend habe ich erfahren, dass Sid Blumenthal gerade einen Artikel auf die Salon-Website gestellt hat, in dem er sagt, dass das Weiße Haus sich allmählich Sorgen mache, dass der Film weit reichende Auswirkungen haben könnte und dass der Auftritt von Richard Armitage (früherer Vize-Außenminister der USA) in dem Film weitere hochrangige Regierungsbeamte dazu bewegen könnte, ihr Schweigen zu brechen.

ZDNet: War es für Sie schwierig, Ihren akademischen und politischen Hintergrund mit Ihren Aufgaben beim Drehen eines Films für die breite Öffentlichkeit in Einklang zu bringen?

Ferguson: Es gab Phasen, in denen ich eine gewisse Spannung zwischen meinem Polit-Ego, also der Person, die eine 454 Seiten lange Doktorarbeit geschrieben hat, und meinen Versuchen als Macher eines 102 Minuten langen Films spürte. Alles in allem würde ich aber sagen, dass mein Hintergrund in diesem Fall sehr nützlich war... Schließlich habe ich mich früher lange Zeit mit derartigen Fragen beschäftigt.

Sehr hilfreich war auch mein Talent, die Menschen dazu zu bringen, mit mir zu sprechen. So konnte ich in ihnen gegenüber glaubwürdig erscheinen.

ZDNet: Sie haben bewusst versucht, parteipolitische Aspekte aus dem Film herauszuhalten, richtig?

Ferguson: Ja, allerdings. So bezieht der Film beispielsweise nicht Position zu der Frage, ob es eine gute Idee war, Saddam Hussein durch eine militärische Aktion abzusetzen. Ich persönlich finde, dass man sich objektiv betrachtet über diese Frage streiten kann. Auf der einen Seite stellte sich heraus, dass Saddam keine Massenvernichtungswaffen besaß. Auf der anderen Seite kann man natürlich sagen, dass er sich ohne ein Eingreifen solche Waffen hätte besorgen können. Und Saddam war zweifellos ein völkermordender, gnadenloser und entsetzlicher Diktator, der bereits versucht hatte, Atomwaffen zu entwickeln. Sein Regime wurde nur durch Wirtschaftssanktionen unter Kontrolle gehalten, die für das irakische Volk einen enormen Schaden verursachten.

Ich wollte, dass der Film sich exakt an die tatsächlich vorgefallenen Ereignisse hielt. Es ging nicht darum, was man hätte tun sollen, wer Recht hatte und wer nicht, sondern darum, was wirklich geschehen ist. Übrigens sind die meisten Personen, die im Film auftreten, Republikaner.

ZDNet: Wie wurde Ihre Sicherheit im Irak gewährleistet? Hatten Sie bei den dortigen Dreharbeiten Angst?

Ferguson: Ich würde nicht gerade von Angst sprechen, aber sicher war ich mir der Gefahr sehr bewusst. Wenn man sich im Irak aufhält, ist man die ganze Zeit über enorm angespannt - jedenfalls war es bei mir so. Man ist extrem wachsam und ständig unter Spannung, man muss stets alles im Auge behalten und rasch erfassen und man muss bei allem was man tut, an seine Sicherheit denken. So nennt man zum Beispiel bei telefonisch getroffenen Verabredungen nie die wirkliche Uhrzeit des Treffens. Man sagt, dass man sich um zehn Uhr trifft, geht aber schon um 9.30 Uhr hin. Und man versucht Leibwächter zu finden, deren Familien nicht im Raum Bagdad leben, da andernfalls die Gefahr von Entführungen besteht...

Ich schützte mich, indem ich vorsichtig war. Man kann sich entweder ganz offen oder verdeckt bewegen, und ich habe beides getan. Wenn man sich offen bewegt, was man zum Beispiel während der Dreharbeiten tun muss - schließlich kann man sich mit all den Kameras nicht verstecken oder seine Identität verbergen -, ist man immer mit acht bis zehn Wachen mit automatischen Waffen und drei gepanzerten Wagen unterwegs.

ZDNet: Sie hätten sich längst zur Ruhe setzen und Golf spielen können.

Ferguson: Dafür bin ich nicht der Typ.

ZDNet: Was planen Sie für die Zukunft? Wollen Sie weitere Filme drehen?

Ferguson: Die Dreharbeiten zu dem Film waren eine der interessantesten, erfüllendsten, bewegendsten und erstaunlichsten Erfahrungen in meinem Leben. Es war einfach toll. Und wenn die Welt mich lässt, werde ich weiter Filme drehen.

ZDNet: Bereuen Sie manchmal Ihren Ausstieg aus der Technologiebranche?

Ferguson: Ja, sicher. Es ist eine faszinierende Branche, und in gewisser Hinsicht ist die Welt der Technologie wie ein Videospiel. Jede Menge Spaß, viele nette Leute, die zusammenarbeiten und miteinander wetteifern. Es macht Spaß, sich mit anderen schlauen und ehrgeizigen Leuten zu messen. Es macht Spaß, coole Dinge zu entwickeln und Geld damit zu verdienen. All das ist eine tolle Sache. Manchmal tut es mir in der Tat leid, dass ich nicht stärker im Technologiebereich engagiert bin, obwohl ich immer noch die Finger drin habe. Aber wenn man Filme wie diesen drehen will, kann man natürlich nicht gleichzeitig ernsthaft im Technologiesektor tätig sein.

ZDNet: Wie sehen Sie die Technologiebranche heute im Vergleich zu der Zeit vor der Dotcom-Krise?

Ferguson: Ich beschäftige mich kaum damit. Aber ich habe noch Freunde, die aktiv in der Branche tätig sind. Mein Eindruck ist, dass der Sektor heute anders als vor der Krise ist, viel realer, und vieles, was ich sehe, ermutigt mich. Sicher gibt es auch einige Unternehmen, die es nicht schaffen werden, und es gibt immer noch mitunter überzogene Erwartungen, keine Frage. Aber ich denke, dass derzeit wirklich greifbare und grundlegende Dinge geschehen.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://en.wikipedia.org/wiki/Vermeer_Technologies_Incorporated
[2] = http://en.wikipedia.org/wiki/Microsoft_FrontPage
[3] = http://www.microsoft.de
[4] = http://www.noendinsightmovie.com/
[5] = http://festival.sundance.org/