Gartner mahnt Unternehmen zur Vorsicht bei Web-2.0-Projekten

(http://www.zdnet.de/magazin/39157048/gartner-mahnt-unternehmen-zur-vorsicht-bei-web-2-0-projekten.htm)

von Hermann Gfaller, 16. August 2007

Auch in virtuellen Welten lauern reale Gefahren. Gerade Unternehmen mit starken Marken sollten nach Ansicht der Analysten gegenüber Second Life Vorsicht walten lassen.

Die IT-Marktforscher von Gartner zählen Web 2.0 zu den aktuellsten und wichtigsten Trends der IT-Industrie. Die Realisierung in den Unternehmen stehe unmittelbar bevor, obwohl sich diese virtuellen Umgebungen derzeit ganz oben in ihrer Hype-Kurve befinden. Steve Prentice, Gartner Vice President, warnt daher vor ungezügeltem Enthusiasmus.

Gartner rät, virtuelle Welten nüchtern auf ihre Herausforderungen im Security- und Risk-Management-Bereich hin zu untersuchen. So virtuell die Welten seien, so real seien die dort lauernden Risiken. Gerade Unternehmen, die bezüglich Marken- sowie ethischen oder sozialen Fragen besonders sensibilisiert sind, sollten laut Gartner gegenüber unkontrollierten virtuellen Welten, etwa Second Life von Linden Lab, Vorsicht walten lassen. Prentice fordert dazu auf, die Risiken gegen die – nicht selten – vagen Hoffnungen aufzuwiegen, um sich einen realistischen Überblick zu verschaffen.

Zu den IT-bezogenen Sicherheitsrisiken zählt Prentice vor allem eine erhöhte Durchlässigkeit der Firewall und ungeprüft aus dem Netz geladene Anwendungen, die auf die Desktop-Systeme der Mitarbeiter zugreifen. Es gebe bislang keine Hinweise darauf, dass Web-2.0-Programme gefährlicher seien als andere Software aus dem Netz, die rasche Folge von Updates in diesem Bereich mache aber Sicherheitskontrollen ausgesprochen schwierig.

Ein eher soziales als technisches Internet-Problem ist die Verwendung von Avataren. Es gilt sicherzustellen, dass der Avatar tatsächlich die gemeinte Person repräsentiert. Hinzu kommt, dass User durch die Verwendung mehrerer Avatare ihre Positionen in Diskussionen stärken können, ohne dass der Gesprächspartner merkt, dass er es immer nur mit ein und derselben Person zu tun hat.

Doch selbst wenn Identität und Authentifizierung geklärt sind, kann es zu Problemen kommen. Es ist eine Frage der Kultur im Betrieb oder im betreffenden Land, ob der offene Wettstreit der talentiertesten Mitarbeiter, den etwa Peter Schütt, IBMs Leiter für Knowledge-Management und Social Networking, sich vom Web 2.0 erhofft, tatsächlich gewünscht ist. Gerade bei hierarchiebewussten Managern können Blog-Beiträge, Web-Diskussionen und Avatar-Meetings leicht als "Eitelkeit", "Sägen am Stuhl" oder als "Bilden von Seilschaften" missverstanden werden. Schütt erinnerte daher allzu mutige Mitarbeiter daran, dass das Bloggen guter Ideen nicht das gute Verhältnis zum Vorgesetzten ersetzen könne. Um das Potenzial sozialer Netze ausschöpfen zu können, mahnte Schütz im Rahmen der Web-2.0-Fachkonferenz "re:publika[1]" eine Unternehmenskultur an, in der "der Chef als Infobunker ausgedient" hat.

Schütt und Prentice sind sich zudem einig, dass Unternehmen auf die Sicherung von Betriebsgeheimnissen achten müssen. Virtuelle Welten gelten in der Regel nicht als sichere Umgebung. Prentice warnt deshalb vor vertraulichen Diskussionen in Anwendungen wie Second Life. Das gilt laut Schütt insbesondere für die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Damit meint er nicht nur Wettbewerber. Oft herrsche schon zwischen den Abteilungen einer Firma eine intensive Konkurrenz.

Wirksam kontrollieren lassen sich nur geschlossene Unternehmensnetze. Sicherheit bedeutet hier allerdings oft den Verzicht auf mögliche Vorteile. Gerade Marketing- und Vertriebsfachleute etablieren sich gern in offenen Umgebungen, um durch virtuelles Social-Networking Kunden, Partner aber auch innovative Mitarbeiter zu umwerben.

Hinzu kommt, so Prentice, dass insbesondere der Gesetzgeber in den USA zunehmend Zugriff auf digital entstandene Geschäftsdaten verlangt, der nur durch die vollständige Kontrolle geschlossener Netzanwendungen zu garantieren ist. Ausländische Unternehmen könnte der Informationshunger der US-Behörden jedoch von virtuellen Treffen in US-Anwendungen abhalten.

Besonders deutlich warnt Prentice Unternehmen, die großen Wert auf ihren Ruf und den ihrer Marken setzen. Sie sollten ihre Außenaktivitäten zwar nicht abstellen, aber doch minimieren und streng kontrollieren. Viele offene Diskussionen sind vor allem in der Phase des Brainstormings schlicht nicht für die Öffentlichkeit geeignet.

Schließlich sollte den Unternehmen bei aller Begeisterung für Web 2.0 bewusst bleiben, dass es sich dabei um ein Werkzeug handelt. Anders als Fernsehwerbung verlangen Aktivitäten in sozialen Netzen extremen Zeitaufwand. Schließlich lässt man sich hier oft auf Einzeldiskussionen ein. Gartner rät daher, klare Regeln dafür festzulegen, wer was mit Web 2.0 machen dürfe. Dennoch werde dabei die Produktivität sinken, bis Unternehmen und Mitarbeiter gelernt hätten, mit den neuen Möglichkeiten umzugehen. Erst dann zeigten sich die positiven Effekte dieser Kommunikationsform, etwa Qualitätssteigerungen, bessere Kundenbindung oder Optimierung von Prozessen.

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