Der Enterprise-Content-Management-Experte Alfresco schickt sich an, mit seiner quelloffenen Lösung in Europa Fuß zu fassen. Dabei helfen eine gegen Novell gerichtete Rhetorik und Partnerschaften unter anderem mit Red Hat.
Vor einigen Wochen hat CA-CTO Alan Nugent auf die Frage nach dem nächsten großen Hype in der IT-Branche "ECM - Enterprise Content Management[1]" geantwortet. Seiner Meinung nach sind die Firmen weltweit an einem Punkt angelangt, wo sie endlich Ordnung in ihre Daten und Dokumente bekommen müssen. Zudem solle heute alles übers Internet abrufbar sein.
Neben ECM liegt nicht zuletzt Open Source liegt im Trend. Ein Unternehmen, das ECM und Open Source anbietet, hat damit derzeit hervorragende Karten in der Hand. Ein solches Unternehmen ist Alfresco[2] . Erst dieses Monat hat es eine erste europäische Zentrale in Großbritannien eröffnet. In den USA kann es 300 zahlende Kunden, 12.000 Installationen und über 600.000 Downloads vorweisen. Zu den Kunden gehören Organisationen wie Reed Managed Services, Swansea Housing Association, The MOD Defence Academy und Amnesty International.
Gerade hat das Unternehmen Alfresco Community 2.1 zum Download freigegeben. Die Software bietet über eine URL-Schnittstelle Zugriff auf Unternehmensinformationen, Metadaten, Abfragefunktionen und Komponenten der Benutzeroberfläche. ZDNet sprach mit John Newton, CTO, sowie John Powell, CEO von Alfresco. Beide haben das Unternehmen Anfang 2005 aus der Taufe gehoben und verfügen über eine lange Historie in der IT-Branche.
ZDNet: Sie sind ein Partner von Red Hat, segeln quasi im Windschatten des Linux-Riesens. Wie läuft die Kooperation?
Newton: Alfresco wird schon seit einiger Zeit bevorzugt von US-amerikanischen Enterprise-Unternehmen sowie von der US-Regierung eingesetzt. Nun wollen wir auch mittelständische Kunden angehen. Das ist eine echte Herausforderung, weil in diesen Unternehmen oftmals das Personal fehlt, um Open-Source-Software zu installieren. Da kam Red Hat auf uns zu mit der Idee, ein Komplettangebot für den Mittelstand zusammenzustellen, aus dem die Kunden sich das zu ihnen Passende herauspicken können. Wir hielten das für eine ganz ausgezeichnete Idee, Alfresco wurde also ein Teil von Red Hat Exchange. Klasse Sache!
ZDNet: Von welchem Mittelstand sprechen wir gerade? Wen genau wollen Sie via Red Hat Exchange adressieren?
Newton: Kleine Unternehmen mit 25 bis 50 Anwendern.
ZDNet: Hoppla, das ist aber sehr klein. Interessieren solch kleine Fische Red Hat überhaupt?
Newton: Uns interessieren sie jedenfalls. Allerdings können Sie keine Software ausschließlich für kleine Kunden entwickeln. Wenn ich unsere Kunden ansehe, dann rangiert das von der zweitgrößten Regierung der Welt, nämlich der EU, über die Stadt von Paris bis zu besagten Kleinunternehmen beziehungsweise kleine Abteilung eines großen Konzerns. Dabei muss man immer im Auge behalten, dass Content-Management nie für sich alleine funktioniert, Sie haben es immer mit anderen Systemnen zu tun, sei es nun Ihr ERP-System oder was auch immer. Sie müssen also im Verbund mit Partnern arbeiten. Und genau diese Partnerschaften wollen wir stärken.
ZDNet: Sprechen Sie auch mit Novell beziehungsweise Suse über eine Partnerschaft?
Newton: Wir haben Novell einen netten und mittlerweile offenen Brief geschrieben, in dem wir ihnen die Freundschaft aufkündigen. Wenn Sie sich auf einen Deal mit Microsoft einlassen, werden Sie zu Microsoft, verstehen Sie? Wir haben da Rückendeckung durch unsere Anwender, die arbeiten nicht mehr gerne mit Suse. Das können Sie auch an den Zahlen ablesen: Während das Open-Source-Movement weiter rasant expandiert - inklusive Red Hat -, bleibt Novell stehen. Ironischerweise ist unser Produkt ganz hervorragend in eine Microsoft-Umgebung integriert. Das haben wir aber nicht durch irgendwelche verrückten Partnerschaften erreicht. Novell hat sich damit ins Knie geschossen.
ZDNet: Diese Meinung vertritt wohl jeder in der Branche, ausgenommen Ron Hovsepian, der CEO von Novell. Allerdings wäre eine Partnerschaft mit Novell von großem Vorteil, wenn Sie hierzulande Fuß fassen wollen. Suse ist nach wie vor stark in Deutschland vertreten.
Newton: Viele unserer Projekte setzen auf Suse Linux auf, mit Novell Consulting und Cambridge, das Novell gekauft hat, haben wir sogar gemeinsame Projekte am Laufen. Die Produkt-Manager hätten auch gerne enger mit uns zusammengearbeitet, aber mit Ron ist das komplett schiefgelaufen. Da mussten wir auf Abstand gehen. Daher ist es nun unsere Strategie in Europa, allen Interessierten entgegenzukommen und unsere Downloads anzubieten. Überraschenderweise verzeichnen wir in Frankreich mit Abstand am meisten Abrufe.
ZDNet: Wie das? Frankreich ist in Sachen IT eher ein Nachzügler.
Powell: Keine Ahnung. Aber wir stellen fest, dass es in Deutschland stark anzieht, sowohl was die Downloads betrifft als auch die Nachfrage nach Partnerschaften. Gerade im Moment erleben wir sogar einen kleinen Boom hierzulande, eine Veranstaltung vor wenigen Tagen war völlig überbucht.
ZDNet: Können Sie das mit Zahlen unterfüttern?
Powell: was die Downloads betrifft, so haben wir bislang über 600.000 verzeichnet, 30.000 setzen unsere Software ein. Wir verfügen über rund 300 zahlende Kunden, hauptsächlich aus dem Finanzsektor. Die zweitgrößte Gruppe stellen die Regierungsstellen, gefolgt von Medien und Verlage. Die brauchen uns, um ihre Inhalte zu finden und zu veröffentlichen. Wir helfen zum Beispiel, Web-2.0-Content zu erstellen, etwa einfache Umfragen, wo man "Daumen hoch" oder "Daumen runter" anklicken kann.
ZDNet: Moment mal, 600.000 Downloads, aber nur 300 Kunden?
Powell: Ja, da könnte man sagen, was, 'nur' 300 Kunden? Davon haben wir aber 100 im vergangenen Vierteljahr bekommen. Wir sind wie Wein und werden mit dem Alter immer besser. Ich sage voraus, dass wir in 12 bis 18 Monaten die drittgrößte Open-Source-Firma sein werden.
ZDNet: Das nenne ich ambitioniert!
Powell: Die Lawine ist erst ins Rollen gekommen. Die Nummer 1 bleibt weiter Red Hat, Nummer 2 My SQL, Nummer 3 werden wir.
ZDNet: Was ist mit Novell?
Powell: Die zählen wir nicht mit. Die sind Microsoft.
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