Gefahr für das Internet: Mozilla warnt vor Microsoft

(http://www.zdnet.de/magazin/39156531/gefahr-fuer-das-internet-mozilla-warnt-vor-microsoft.htm)

von Dietmar Müller, 23. Juli 2007

Im Interview mit ZDNet erklärt der Firefox-Initiator Mike Shaver seine Aversion gegen Microsoft, Adobe und Sun. Google mag er dafür umso lieber. Ein Gespräch mit einem bekennenden Gutmenschen.

ZDNet: Herr Shaver[1], Sie sind einer der Mozilla[2]-Gründer. Wie war das 1998?

Shaver: Ich war damals bei Netscape angestellt und hatte bereits ein Faible für Open Source. Als Netscape dann beschloss, den Mozilla-Quellcode freizugeben, wurde ich mit dem Herstellen von Verbindungen zur Community beauftragt. Mit etwas Glück war ich schließlich in alle möglichen Sachen wie den Code selbst, das Lizenzmodell, die Strategie und den Aufbau der internationalen Community verstrickt.

ZDNet: Damals müssen Sie noch sehr jung gewesen sein...

Shaver: Ja, damals war ich 20. Ich bin sehr froh darüber, etwas gefunden zu haben, das meinem Arbeitsleben Sinn gibt.

ZDNet: In früheren Gesprächen haben Sie immer wieder betont, wie wichtig für Sie und die Mozilla-Foundation das Open Web ist. Können Sie Ihre Beweggründe näher darlegen?

Shaver: Das Open Web ist aus zwei Gründen so wichtig für mich: Zum einen halte ich es für eine der größten Errungenschaften der Menschheit überhaupt. Das können Sie meiner Meinung nach nur mit der Entwicklung der Druckerpresse vergleichen, nur dass diesmal viele Entwickler beteiligt waren, nicht nur einer. Gutenberg hat alles alleine gemacht. Das Open Web geht aber über den Buchdruck hinaus, weil es so viele verschiedene Dinge beinhaltet: Mathematik, Kunst, Architektur, Kultur an sich, und das Ganze wird mit Konversation und Kommunikation durchzogen.

Ich glaube, wir haben noch gar nicht ausgelotet, was das Web uns alles bieten kann, welche Möglichkeiten uns damit offenstehen. Gerade wir in der westlichen Welt nehmen das Netz als Selbstverständlichkeit hin, dabei wissen wir noch gar nichts von seinem Potenzial. Dafür müssen wir es aber offen halten, das liegt mir am Herzen, aber auch der gesamten Mozilla Foundation. Nur wenn es offen ist, können sich Menschen dort messen, austauschen, treffen. Das alles ist in Gefahr wenn Leute damit anfangen, ihre Anwendungen in geschlossenen Bereichen anzubieten.

ZDNet: Sprechen Sie jetzt gerade konkret von Microsoft[3] und Adobe[4]?

Shaver: Ja, und zu einem gewissen Grad auch von Sun[5]. Sie haben da Sachen in Javascript eingebaut... Suns Java FX[6], eine neue Sammlung von javabasierten Lösungen für Rich Internet Applications, verhält sich ganz ähnlich wie Silverlight von Microsoft[7] oder Apollo beziehungsweise Air von Adobe[8].

Dabei handelt es sich bestimmt um keine schlechte Software, aber ich befürchte, dass sie wichtige Technologien zentralisiert. Nehmen Sie das Beispiel Südkorea: Dort wurde eine Internet- und Sicherheits-Infrastruktur auf Basis von ActiveX aufgebaut. Dadurch sind Sie zum einen gezwungen, mit einem Windows-Betriebssystem ins Netz zu gehen, sobald Sie Online-Banking oder Behördengänge erledigen wollen. Zum anderen sind Sie natürlich auf einen bestimmten Browser festgelegt. Das hat sich gerächt: Der Internet Explorer 7 wurde zunächst ausschließlich auf Englisch freigegeben. Koreanisch kam erst sehr viel später.

Und noch viel schlimmer: Da in Windows Vista nur der IE7 angeboten wird, können die Koreaner nur eingeschränkt und manchmal gar nicht[9] ins Internet gehen. Weil Südkorea sich euf eine Software-Monokultur eingelassen hat, befindet es sich nun in einer unbequemen Situation - das wird das Land eine Stange Geld kosten.

ZDNet: Aber hat nicht gerade das von Ihnen gescholtene Unternehmen Sun in den vergangenen Monaten viel für die Open-Source-Bewegung getan? Solaris ist beispielsweise Open Source geworden - genau wie Java...

Shaver: Ja, ich freue mich, dass Sun in diese Richtung geht. Schon während meiner Netscape-Zeit hatte ich gehofft, Java in den gerade frei gegebenen Quellcode des Browsers integrieren zu können... Sun hat sich etwas Zeit gelassen, das Unternehmen hat seine Lektion von Linux aber offenbar gelernt. Leider hat sich das Unternehmen mit Java zu sehr auf den Server versteift und den Client vernachlässigt.

Das Problem aber ist Java FX: Es mag für manche Programmierer in Ordnung sein, darauf basierend Applikationen zu generieren. Aber vermutlich ist ihnen dabei nicht klar, dass sie dabei eine Menge Freiheiten aufgeben. Beispielsweise kann man seine Inhalte dann nicht mehr einfach mit anderen tauschen. Man schneidet sich damit genau von dem ab, was das Internet eigentlich ausmacht: von der Offenheit und der Wahlmöglichkeit. Man macht sich abhängig von einem Hersteller.

ZDNet: Apollo und Silverlight erinnern mich an Google Gears[10]. Dabei handelt sich um ein Browser-Plugin, das webbasierte Anwendungen auch offline nutzbar macht. Wieso unterstützen Sie das?

Shaver: Es gibt eine ganze Menge an Google Gears, was wir mögen, und einiges, an dem wir zusammen mit Google arbeiten. Was ich an Gears besonders mag, ist, dass es das Web nicht ersetzen will. Sie wollen nur die Lücke schließen zwischen on- und offline. Das mauert die Anwender nicht ein, legt sie nicht fest auf einen Anbieter. Die neuen Features können von allen Browsern verwendet werden.

Ich vermute, mittel- und langfristig wird Gears zu einem Artefakt werden, zu einem festen Bestandteil des Netzes. Ganz ähnlich wie Javascript oder CSS.

ZDNet: Wie läuft die Zusammenarbeit mit Google? Das Unternehmen präsentiert sich ja zunehmend als Open-Source-Company.

Shaver: Wir haben schon lange ein gutes Verhältnis zu Google, sie haben uns auch bei der Entwicklung von Firefox unterstützt. Auch unabhängig von Google Gears arbeiten wir oft zusammen und unterstützen uns gegenseitig, etwa wenn es um Tools für eine bessere Internet-Nutzung geht. Da werden Sie künftig noch einiges hören! Allerdings arbeiten wir auch oft mit Firmen wie Microsoft oder Adobe zusammen. Mit Adobe etwa sitzen wir an einer Javascript-Engine der nächsten Generation - unabhängig davon, dass wir den Weg, den Adobe gerade einschlägt, für falsch halten.

ZDNet: Aber Google steht Ihnen doch näher als Microsoft oder Adobe?

Shaver: Das denke ich schon. Google engagiert sich mehr in Sachen gesundes Internet. Ihre Philosophie enthält ein offenes Web...

ZDNet: Lassen Sie uns zu etwas anderem übergehen. Firefox ist ein echter Erfolg, das lässt sich unschwer an den Download-Zahlen ablesen. Ich frage mich, was Mozilla als gemeinnütziges Projekt mit all den Einnahmen macht - die es ja zur Genüge geben muss.

Shaver: Jedenfalls zahlen wir unseren Aktionären keine Dividende aus, so läuft das bei uns nicht. Wir sind eine Non-Profit Foundation. Wir messen unseren Erfolg daran, ob das Web gesünder wird oder nicht. Sinnvoller, nützlicher, sicherer. Dafür geben wir Geld aus, etwa indem wir unsere Mitarbeiter bezahlen.

Gerade fangen wir damit an, in den Ausbau der Mozilla-Community zu investieren. Etwa durch den Kauf von neuen Rechnern für besonders hilfreiche Mitarbeiter. Wir haben zudem beschlossen, 100.000 Dollar in die Entwicklung des Open-Source-Videoplayers Miro[11] zu stecken. In der Betaphase hieß er noch Democracy Player. Wir fühlen uns diesem Projekt verwandt.

Ich kann nicht spezifizieren, wo unsere Gelder im Einzelnen hinfließen. Aber mit all unseren Investitionen wollen wir sicherstellen, dass es uns und das offene Web noch eine lange Zeit geben wird. Die Community wacht im übrigen sehr genau darüber, dass wir kein Schindluder mit unseren Einnahmen treiben.

ZDNet: Für mich hört sich das an, als ob bei Mozilla lauter Sozialisten arbeiten würden.

Shaver: (Erschrocken:) Nein!

ZDNet: Hier in Europa hat das Wort keinen so negativen Klang, wie das in den USA vielleicht der Fall ist.

Shaver: Okay, wir sind in dem Sinne Netz-Sozialisten, als dass wir das Web als universelle Quelle für jedermann ansehen. Aber wir glauben auch, dass die Leute ein Recht darauf haben, im Internet Geschäfte zu machen. Das Letzte, was wir wollen, ist, Mozilla zu einer Art Weltregierung des Internets aufzubauen. Das Internet ist für uns genauso ein Markt der Ideen wie ein Markt für Waren. Und wir sehen unseren Job darin, die Schwelle für den Eintritt in diese Märkte möglichst gering zu halten. Wir wollen, dass auch die restlichen 4,5 Milliarden Menschen, die bislang noch nicht im Internet sind, diese Quelle nutzen können.

ZDNet: In Deutschland haben wir für so etwas den Ausdruck "Gutmenschentum".

Shaver: Naja, irgendwie sind wir schon eine sehr idealistische Organisation.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://shaver.off.net/diary/
[2] = http://www.mozilla.de/
[3] = http://www.microsoft.de
[4] = http://www.adobe.de
[5] = http://de.sun.com/
[6] = https://openjfx.dev.java.net/
[7] = http://de.wikipedia.org/wiki/Silverlight
[8] = http://en.wikipedia.org/wiki/Adobe_AIR
[9] = http://www.zdnet.de/enterprise/sw/0,39023278,39140628-3,00.htm
[10] = http://www.zdnet.de/news/tkomm/0,39023151,39154909,00.htm
[11] = http://www.zdnet.de/news/tkomm/0,39023151,39156430,00.htm