GPL 3 bringt die IT-Branche in Unordnung

(http://www.zdnet.de/magazin/39156466/gpl-3-bringt-die-it-branche-in-unordnung.htm)

von Stephen Shankland, 20. Juli 2007

16 Jahre ist es her, seit Richard Stallman, die GPL 2 veröffentlicht hat. Mit der gerade freigegebenen Version drei stellt sich die Frage neu, wie die Branche damit umgehen wird. Der größte Gegner stammt natürlich aus Redmond.

Die GNU General Public License (GPL) ist die am häufigsten verwendete Lizenz im Open-Source-Bereich. Mehr als 30.000 Projekte verwenden sie - das sind etwa 66 Prozent aller Open-Source-Projekte, die auf der Freshmeat[1]-Website registriert sind.

Nach einer 18-monatigen, gelegentlich heftigen Debatte hat die Free Software Foundation Ende Mai die Version 3[2] der General Public License veröffentlicht. Die neue Lizenz passt sich an die veränderten Gegebenheiten in der Softwarebranche an. 16 Jahre ist es her, seit der Gründer und Präsident der Foundation, Richard Stallman, die GPL 2 herausbrachte. Eine der größten Veränderungen seither besteht darin, dass die Free- und Open-Source-Programmierbewegung sich von einer akademischen, juristischen und philosophischen Kuriosität zu einer machtvollen Kraft der kommerziellen Softwareindustrie gewandelt hat. Den Text der neuen Lizenz kann man auf einer Webseite der Foundation zum Thema GNU (Gnu's Not Unix)[3] nachlesen.

Zahlreiche Parteien wollten bei Entstehung der neuen Lizenz mitreden. Daher fasste die Foundation viele von ihnen in Ausschüssen zusammen, um den neuen Entwurf zu erstellen. "Diese unterschiedlichen Gruppen hatten alle Gelegenheit, sich bei wichtigen Themen, denen sich die Free-Software-Gemeinde heute gegenübersieht, auf eine gemeinsame Basis zu einigen", so Peter Brown, Geschäftsführer der Foundation. Die endgültige Version entspreche im Wesentlichen dem abschließenden Entwurf, der vor mehreren Monaten veröffentlicht wurde.

Nun stellt sich die Frage, wie die Branche mit dem neuen Werk umgehen wird. Eine Reihe von Unternehmen begrüßte umgehend die neue Version der Lizenz, darunter IBM, die marktführenden Linux-Anbieter Red Hat und Novell sowie Open-Source-Datenbank-Spezialist My SQL . "IBM wird künftig Code unter der GPL 3 veröffentlichen. Wir werden unseren Kunden sagen, dass wir damit zufrieden sind", erklärte Dan Frye, Vice President of IBM Open Systems Development. "Wie bei jedem Konsensprozess werden einem nicht alle Wünsche erfüllt, aber wir konnten unsere Meinung äußern. Das Ergebnis ist auf jeden Fall eine kommerziell einsetzbare Lizenz."

Sun Microsystems, das sich bei Java und dem Ultrasparc-T1-Prozessordesign für die GPL 2 entschieden hat, ist noch unentschieden, so Chief Open Source Officer Simon Phipps. Er nennt die GPL 3 allerdings "ein starkes und marktveränderndes Dokument".

Die große Frage bleibt aber, ob das prominenteste GPL-Projekt, der Linux-Kernel, zur neuen Lizenz wechseln wird. Der Hauptentwickler des Linux-Kernels, Linus Torvalds, hat zum Ausdruck gebracht[4], dass er die GPL 2 bevorzugt.

Die Kernidee der Lizenz ist unverändert geblieben: Jeder kann den zugrunde liegenden Quellcode eines GPL-Projekts einsehen, verändern oder weiterverbreiten. Allerdings muss jeder, der die Software ändert und weiterverbreitet, diese Änderungen ebenfalls veröffentlichen.

Die neue Lizenz enthält allerdings auch einige neue Bestimmungen:

Eine der erwogenen größeren Änderungen wurde wieder entfernt: Es handelte sich um eine Klausel, die in einigen Fällen Anforderungen an Verwender von GPL-3-Software zur Bereitstellung von Services über ein Netzwerk wie das Internet gestellt hätte. Wer GPL-Software verwendet, muss Änderungen nicht veröffentlichen, solange die Software nur intern verwendet wird. Aber die vorgeschlagene Bestimmung hätte von ihm verlangen können, seine internen Änderungen zu veröffentlichen, sofern der Programmierer, der die Software ursprünglich entwickelt hat, dies fordert.

Letztlich ließ die Foundation diese Idee doch fallen, aber sie behält dieses Problem auch weiterhin im Auge, besonders im Falle von Google, das auf viele Open-Source-Projekte zurückgreift. Es wird Konsequenzen haben, wenn die Anbieter von Netzdiensten die ihnen von Open-Source-Software gewährten Privilegien missbrauchen.

"Wer sein Geschäftsmodell schützen will, muss sich in der Gemeinschaft vorbildlich verhalten. Wer das nicht tut, auf den wird politischer Druck ausgeübt, um seine Rechte zu beschränken, damit die Rechte aller anderen gewahrt bleiben", sagte Eben Moglen, Juraprofessor an der Columbia-Universität und einer der Mitstreiter beim Entwurf der GPL 3. "Von Googles Verhalten hängt viel ab", sagte er in einem Vortrag im Mai.

In vielen Fällen wurde GPL-Software ausdrücklich unter GPL Version 2 oder später veröffentlicht. Solche Software kann dann in einem Projekt verwendet werden, das unter beiden Lizenzen steht. Aber in Fällen, wo die Software nur unter einer der beiden Lizenzen steht, besteht die Gefahr, dass die Software nicht hin und her bewegt werden kann. Zwei verschiedene Code-Welten entstehen.

Diese Gefahr besteht zum Beispiel bei Linux und Solaris. Bislang steht das Unix-Betriebssystem unter der Community Development and Distribution License. Sun-CEO Jonathan Schwartz sagte im Mai, dass er hoffe, die GPL 3 werde Sun ermöglichen, "zu einer einheitlichen Lizenz zu wechseln".

Und womöglich gibt es sogar einen Kompromiss: Torvalds sagte, dass ein Solaris unter GPL 3 ihn dazu bewegen könnte, auch einen Linux-Kernel unter die GPL 3 zu stellen. "Ich halte die GPL 3 nicht für eine so gute Lizenz wie die GPL 2, aber andererseits bin ich auch pragmatisch. Und wenn wir es vermeiden können, zwei Kernel mit zwei unterschiedlichen Lizenzen zu haben - mit all den Verwerfungen, die das mit sich bringen würde -, dann könnte ich durchaus einen Sinn in der GPL 3 sehen", sagte er im Juni.

Aber die neue GPL senkt auch manche Hürden. So ist sie etwa jetzt mit der Apache License kompatibel, was besonders Jeremy Allison freut. Er ist einer der führenden Programmierer hinter Samba, einem viel genutzten Dateiserver-Softwareprojekt, das unter der GPL steht. "Nichts ist perfekt", sagte er, fügte aber hinzu: "Ich hoffe, dass die GPL 3 weite Verbreitung findet." Ursprünglich war die Lizenz von einem Programmierer geschrieben worden, inzwischen zeigt sie mehr die Handschrift von Juristen. Die Bestimmung, die sich auf die Vereinbarung zwischen Novell und Microsoft bezieht, liest sich in Auszügen beispielsweise so: "Sie dürfen ein von dieser Lizenz abgedecktes Werk nicht abtreten, wenn Sie eine Partei einer Vereinbarung mit einer dritten Partei sind, die Software vertreibt, nach der Sie je nach dem Umfang der Abtretung des Werks Zahlungen an diese Drittpartei leisten und nach der die Drittpartei jeder Partei, die das von der Lizenz abgedeckte Werk von Ihnen erhält, eine ausschließliche Patentlizenz gewährt (a) in Verbindung mit Kopien des von der Lizenz abgedeckten Werkes, das von Ihnen abgetreten wurde (oder Kopien, die von diesen Kopien erstellt wurden), oder (b) primär für und in Verbindung mit bestimmten Produkten oder Kompilationen, welche das von der Lizenz abgedeckte Werk enthalten, es sei denn, Sie haben diese Vereinbarung vor dem 28. März 2007 abgeschlossen oder die Patentlizenz erhalten."

"Die Lizenz ist für Juristen jetzt viel einfacher zu verstehen und anzuwenden, für Techniker wahrscheinlich eher nicht", sagte Harvey. Aber die Juristensprache ist durchaus angemessen - wenn man bedenkt, dass die GPL inzwischen zum Alltag der Rechtsabteilungen von milliardenschweren Unternehmen gehört.

Microsoft hat schon immer seine Bedenken gegenüber der GPL gehabt. Es bevorzugt seine geheimen, proprietären Software-Entwicklungspraktiken. Aber die Partnerschaft mit Novell hat den Softwaregiganten nun doch in engeren Kontakt mit der GPL gebracht. Trotzdem und trotzig behauptet Microsoft aber weiter, man sei davon nicht betroffen und habe mit der Lizenz nichts zu tun.

"Microsoft ist keine Partei der GPL-3-Lizenz, und keine unserer Handlungen darf dahingehend fehlinterpretiert werden, dass wir den Status einer Vertragspartei der GPL 3 akzeptieren oder irgendwelche legalen Verpflichtungen gemäß dieser Lizenz eingehen", so das Unternehmen in einer offiziellen Mitteilung. "Um jeglichen Zweifel und jede juristische Debatte in dieser Hinsicht auszuschließen, hat Microsoft entschieden, dass die Novell-Support-Zertifikate, die wir an Kunden ausgeben, den Empfänger nicht berechtigen, Support- und Update-Abos von Novell oder Dritten in Anspruch zu nehmen, bei denen Code im Spiel ist, der unter der GPL 3 lizenziert ist."

Novell hingegen behauptet immer noch, Software unter der GPLv3 werde unterstützt. "Unabhängig von der Position von Microsoft möchten wir noch einmal unsere Verpflichtung unseren Kunden gegenüber klarstellen. Novell wird auch weiterhin Suse Linux Enterprise Server mit sämtlichen Funktionen und Features anbieten, einschließlich solcher Komponenten, die unter der GPL 3 lizenziert sind", so das Unternehmen offiziell.

Die Free Software Foundation ist daher der Meinung, dass Microsoft trotz anders lautender Behauptungen aufgrund seines Verhaltens als Partei der GPL 3 angesehen werden kann. "Wenn sie (Microsoft) wirklich überzeugt sind, dass die GPL 3 kein Hindernis darstellt für ihre Patenvereinbarungen mit Anbietern freier Software, warum gelten ihre Zertifikate dann nicht für Programme unter der GPL 3?", gibt Brett Smith zu bedenken, Licensing Compliance Engineer der Foundation. "Für mich sieht es ganz so aus, als würden sie es doch mit der Angst bekommen."

Bislang unterliegen die vielen Komponenten von Suse Linux Enterprise Server einer Vielzahl unterschiedlicher Lizenzen, wobei noch keine des derzeitigen Produkts die GPL 3 verwendet. Aber ein weit verbreitetes Utility, der Befehl "tar" zum Komprimieren und Dekomprimieren von Dateien, wurde bereits unter die GPL 3 gestellt. Und Novell sagt, man beabsichtige, bei künftigen Updates auch GPL-3-Komponenten zu verwenden

Microsofts Präventivschlag verdeutlicht, wie ernst das Unternehmen die GPL inzwischen nimmt. Und es zeigt, mit welch komplizierten Urheberrechtsfragen Softwarebenutzer rechnen müssen, wenn es zum Zusammenstoß der Welten proprietärer und freier Software kommt.

Novell steht im Zentrum dieser Auseinandersetzung, denn es vertreibt beide Arten von Software. Einerseits ist man eine kontroverse Partnerschaft mit Microsoft eingegangen, die für die erforderlichen Umsätze sorgt. Aber andererseits nimmt man öffentlich gegen Microsofts Behauptung Stellung, dass Linux sowie andere Free und Open-Source-Software deren Patente verletze.

"Für die Kunden stellt sich nun die Frage, wie sie diese Partnerschaft jetzt verstehen sollen, da Microsoft und Novell unterschiedlicher Auffassung sind, was Support, Patent und Implikationen betrifft", meint Redmonk-Analyst Stephen O'Grady. Zwei große Kunden, welche die Zertifikate bereits gekauft haben, die American International Group und die Deutsche Bank, wollten auf Anfrage keine Stellungnahme abgeben.

Die Partnerschaft zwischen Microsoft und Novell hat Sand in das Getriebe der GPL 3 gestreut. Die Free Software Foundation hat gekontert, indem sie einen neuen Passus in die neue GPL einfügte. "Falls Sie für einige der Leute, denen Sie Ihre Software zur Verfügung stellen, einen Patentschutz anbieten, erstreckt sich dieser Schutz automatisch auf alle, welche diese Software erhalten, egal auf welchem Wege sie diese Software erhalten haben", so Smith in einer Stellungnahme. "Das bedeutet, dass der Patentschutz, den Microsoft auf die Kunden von Novell ausgeweitet hat, automatisch auch für alle gilt, die Software von Novell verwenden, die unter der GPL 3 vertrieben wird."

Microsoft sieht das natürlich anders. "Es gibt zwar Behauptungen, dass Microsofts Bereitstellung von Zertifikaten für Support-Services von Novell - im Rahmen unserer Interoperabilitätszusammenarbeit mit Novell - ein Akzeptieren der GPL-3-Lizenz darstellt. Aber wir sind überzeugt davon, dass solchen Behauptungen jegliche juristische Basis fehlt, sei es aufgrund von Vertrags- oder Urheberrecht oder anderen Gesetzen", lautet Microsofts Stellungnahme. "Microsoft gewährt weder ausdrückliche noch implizierte Patentrechte gemäß der GPL 3 oder als Ergebnis davon. Und GPL-3-Lizenzgeber haben keinerlei Recht, Microsoft in irgendeiner Art zu repräsentieren oder zu binden."

Novell weigert sich bislang, Stellung zu beziehen, ob man mit Microsoft oder der Foundation in Bezug auf die Patentfrage übereinstimmt. "Wir nehmen in der Öffentlichkeit keine juristischen Interpretationen vor", so Firmensprecher Bruce Lowry.

Die abstrakte Debatte wird real, wenn es um Microsofts Zertifikat für Novells SLES-Support geht. Open-Source-Fan und Groklaw-Autorin Pamela Jones warf Microsoft vor, seinen vertraglichen Verpflichtungen nicht mehr nachzukommen. Microsoft dagegen sagt, dass die Maßnahmen nur für künftige Zertifikate gälten.

"Es gibt keinerlei Auswirkungen auf Kunden, die bereits Novell-Zertifikate von Microsoft genutzt haben. Diese Zertifikate wurden von Novell vollständig erfüllt und von den Kunden eingelöst, ehe es die GPL-3-Lizenz gab", erklärte Horacio Gutierrez, Microsofts Vice President of Intellectual Property and Licensing. "Diese Zertifikate sind jetzt Bestandteil einer direkten Supportbeziehung zwischen Novell und seinen Kunden, an der Microsoft nicht beteiligt ist."

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://freshmeat.net/stats
[2] = http://gplv3.fsf.org/
[3] = http://www.gnu.org/
[4] = http://www.zdnet.de/itmanager/strategie/0,39023331,39153394,00.htm
[5] = http://www.zdnet.de/itmanager/strategie/0,39023331,39155314,00.htm