Völlig losgelöst: Desktop-Virtualisierung fordert IT-Spezialisten heraus

(http://www.zdnet.de/magazin/39154673/voellig-losgeloest-desktop-virtualisierung-fordert-it-spezialisten-heraus.htm)

von Lothar Lochmaier, 31. Mai 2007

Klassische PC-Anwendungen in den Unternehmen sollen bald passé sein. Gelingt das komplexe Projektmanagement der Desktop-Virtualisierung , trägt sie für die IT-Spezialisten zu einem modular administrierbaren Umfeld bei.

Virtualisierung wird nach Auffassung der Marktanalysten von IDC schon in wenigen Jahren zur Commodity in der IT gehören. Neben Servern und der sonstigen Infrastruktur sieht Gartner das neue Zauberwort in der Desktop-Virtualisierung, das meist mit Begriffen wie Software-as-a-Service (SaaS) oder Software-On-demand auftaucht. Die Anbieter propagieren flexible Nutzungsmodelle á la Web 2.0, mittlerweile nicht nur für Geschäftsanwendungen, sondern auch für den privaten User.

So wirbt etwa Nivio[1] mit einer onlinebasierten Windows-Umgebung, GOPC[2] mit einem komplett linuxbasierten Desktop. Magix[3] offeriert sogar einen Online-Desktop mit eigenem Betriebssystem, ebenso wie das israelische Unternehmen "G.ho.st." webbasierte Anwendungen in der Art von Google Docs vermarktet.

Trotzdem steht der User am Ende der komplexen Prozesskette in einer virtualisierten Infrastruktur etwas verloren da. Die IT-Landschaft gestaltet sich dadurch noch unübersichtlicher. Zudem funktionieren in der virtuellen Welt die Abstimmungsprozesse nicht immer. Der Betrieb läuft zumindest beim privaten Anwender nicht durchweg reibungslos an, oder die Bandbreiten sind nicht ausreichend, um den Ersatz der lokalen Umgebung überhaupt unisono zu rechtfertigen.

Hinzu kommt, dass der Service oftmals nur auf dem Papier billig erscheint. So ist das auf berufliche Anwender ausgerichtete "On Demand Office[4]" immerhin für den stolzen Preis von rund 120 Euro pro Monat zu mieten. Bei komplexeren Anwendungen oder einem Produktbündel, etwa kombinierten ERP- oder CRM-Systemen, sind vierstellige monatliche Beträge keine Seltenheit.

Trotzdem bleibt die überall verfügbare Arbeitsumgebung ein heißer Trend. So propagiert Vmware einen "virtuellen Desktop für die Hosentasche". Microsoft arbeitet am Virtual PC 2007. Die Desktop-Lösung der Swsoft-Tochter Parallels für Mac hat schon zahlreiche Auszeichnungen gewonnen. Etablierte Anbieter treten gegen Open-Source-Modelle an, aber die Riege der Lösungsmodelle durchmischt offene und proprietäre Konzepte.

So zeigte etwa Knoppix auf der diesjährigen CeBIT eine neue Version seines Systems Linux Live, inklusive 3D-Desktop Beryl, der am Boot-Prompt startet. Es soll immerhin bis zu sechs verschiedene Virtualisierungslösungen integrieren, von Qemu und Virtualbox über Xen bis hin zu neuen, kernelbasierten Maschinen sowie Open VZ beziehungsweise Vserver. Zudem sollen optimierte Tools die WLAN-Konfiguration erleichtern und die Installation auf der Festplatte vereinfachen.

Auf der CeBIT war auch Xandros vetreten, ein Anbieter von Linux-Distributionen für Desktop und Server. Nach wie vor ist vor allem Vmware die gesetzte Größe in diesem Markt. Aber auch Swsoft mit seinem Admin-Tool der Virtuozzo Management Console dürfte Marktanteile erobern, da sich damit nicht nur Open-VZ-Umgebungen steuern lassen, sondern auch jene von Vmware und Xen.

Ob sich mit Hilfe der Desktop Virtualisierung tatsächlich durchgängig Kosten senken lassen sowie Abläufe effizienter abzuwickeln sind, ist umstritten. Einerseits könnten die Unternehmen Administrationskosten reduzieren. Dennoch seien derartige Projekte mit Blick auf die organisatorischen Risiken und Nebenwirkungen nicht zu unterschätzen, sagt Rolf-Per Thulin, Technical Architect Desktop Virtualisierung bei Sun Microsystems.

Als Innovationsbremse für eine umfassende Virtualisierung der Desktop-Umgebung wirkt sich vor allem bei den Fachkräften die Angst um den Arbeitsplatz aus. Oftmals fühlen sich Administratoren in der virtualisierten Unternehmenswelt plötzlich als überflüssiges Glied. Als weiterer Fallstrick kommt die Tendenz zum Outsourcing hinzu, die ein hohes Konfliktpotenzial im Unternehmen birgt. Denn Sicherheit und Mobilität sind beim virtualisierten Desktop-Management nicht mehr zentral gesteuert.

Ein Wandel in der Unternehmenskultur in Richtung dezentrale Prozesssteuerung ist demzufolge eine notwendige Begleiterscheinung. Andererseits entfällt im Zuge der Virtualisierung etwa aufwändiger Plattenplatz für Backup-Systeme. "Gerade bei einer vertrieblich ausgeprägten Organisationsstruktur und flexiblem Teamwork bringt die Virtualisierung entscheidende Vorteile", so Thulin.

Um den Bedürfnissen nach Sicherheit, aber auch Skalierbarkeit nachzukommen, setzen Branchengrößen wie Sun auf ein modulares Desktop-Konzept. Denn die Bedienung sei spielerisch einfach, benötigt werde auf dem Bildschirm nur eine Browserfunktion, HTTPS sowie Java-Unterstützung. Damit ließen sich sogar komplette Desktop-Umgebungen im Rechenzentrum betreiben. Dabei kombiniert der Hersteller zwei Elemente, nämlich Ultra Thin Clients sowie Secure-Global-Desktop-Technologie, mit virtualisierten Desktops.

Dadurch lässt sich sogar die komplette Desktop-Umgebung betriebssystem- und applikationsseitig ins Rechenzentrum verlagern und dort ausführen. Die entsprechende Software ermöglicht von jedem beliebigen Client aus den Zugriff auf beliebige Anwendungen unter Solaris, Unix, Linus, Java, Windows, AS/400 und Mainframe. Noch in diesem Jahr soll mit dem Xen Hypervisor ein weiterer Schritt in der Paravirtualisierungstechnologie erfolgen.

Ebenso hat Red Hat vor kurzem gemeinsam mit Intel ein virtuelles Betriebssystem angekündigt, das neben niedrigeren Administrationskosten auch auf die geringere Verwundbarkeit der Desktops zielt. Zu den Vorreitern, die der Abschaffung des lokalen PCs den Boden bereiten. dürften die Branchen der Telekommunikation, Finanzdienstleister und Automotive gehören.

Die Treiber sind mobile Anwendungen - schließlich lässt sich der virtuelle Desktop relativ bequem auch auf kleinere Endgeräte wie PDAs portieren. Immerhin hat Vmware bereits angekündigt, die sichere Arbeitsumgebung des Anwenders mit seiner Enterprise-Lösung sogar auf einen USB-Stick zu packen. Auch integrierte Sprachfunktionen machen Fortschritte. So gibt es aus dem Open-Source-Umfeld die Betaversion eines Voice-Box-Klienten[5] zu bestaunen.

Insbesondere im Bereich Automotive kommt es bei der virtuellen Konstruktion und dem Zusammenspiel der Projektteams auf eine dreidimensionale Arbeitsumgebung an, bei der räumliche Flexibilität ein absolutes Kriterium darstellt, und bei der die IT keinen Stolperstein bilden darf. Aus Sicht der Anwender erfordert dies zwingend die freie Wahl zwischen Linux, Windows oder Unix beziehungsweise Plattformunabhängigkeit.

Man braucht angesichts der Produktschwemme mit Bladelogic, Citrix, Swsoft, Virtual Iron Zeus oder Vmware ohnehin kein Prophet zu sein, um die neuen Herausforderungen für die IT-Spezialisten vorauszusehen. Einerseits wird es zwar für die Anwender einfacher, im Zuge der Desktop-Virtualisierung mit Flatrates bei den jeweiligen Anwendungen zu kalkulieren. Sobald aber andererseits ein Mix unterschiedlicher Anwendermodelle auftritt, etwa durch Onsite-Komponenten, steigt der Messaufwand.

"Damit wird auch die Kontrollierbarkeit und Kalkulierbarkeit schwieriger", sagt IDC-Analyst Rüdiger Spiess. Folglich seien zusätzliche Instrumente beziehungsweise Tools erforderlich, die genaue Auskunft über das Verhalten der Softwarefunktionen und der Endanwender Aufschluss geben.

Die Virtualisierung durchbreche die gängigen Lizenzmodelle, bekräftigt Gartner-Analyst Brian Gammage. Die Hardware gehöre einer Organisation und die Software einer anderen, was eine genaue Abgrenzung der Ownership erforderlich mache. Nur abzuwarten, was auf die Unternehmen zukomme, reiche deshalb nicht aus, ergänzt Stephan Glathe, Geschäftsführer beim Lizenzmanagement-Spezialisten Enteo Software: "Die Unternehmen benötigen in jedem Fall eine Lösung zur Inventarisierung der auf den Endgeräten installierten Software."

Einige Lizenzmodelle erfordern zudem die Ermittlung der Softwarenutzung oder von Hardwareeigenschaften. Damit könne der Kunde einen guten Überblick gewinnen, welche Soft- und Hardware vorhanden sei. Zudem gelte es, die vorhandenen Lizenzverträge proaktiv zu sammeln und für neue Lizenzmodelle gemeinsam mit den IT-Verantwortlichen eine Ermittlung des Lizenzbedarfs durchzuführen.

Da ein manuelles Lizenzmanagement sehr schnell an seine Grenzen stoße, rät der Experte zum Überblick mit Hilfe einer zentralen Lizenzmanagement-Lösung. Mit Blick auf die künftige heterogene Lizenzlandschaft sollten Unternehmen vor allem darauf achten, dass die Lösung über ein offenes und einfach zu erweiterndes Regelwerk zum Abbilden der Lizenzmodelle verfüge, fasst Glathe zusammen. Idealerweise biete die Lösung auch die Möglichkeit, neue Lizenzmodelle und Vertrags-Templates per Download zur Verfügung zu stellen.

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[1] = http://www.nivio.com
[2] = http://www.gopc.net
[3] = http://www.mygoya.de
[4] = http://www.theodo.com
[5] = http://www.vbox-client.de/