Mit Workstation 6 für Windows und Linux und der Beta 3 von Fusion für Mac OS treibt Vmware die Desktop-Virtualisierung voran. ZDNet zeigt, was die neuen Produkte können - und was der Marktführer noch nicht erreicht hat.
Marktführer Vmware läutet mit der Vorstellung von Workstation 6 für Linux und Windows[1] eine neue Runde der Desktop-Virtualisierung ein. Parallel dazu erweitert der Hersteller seine Plattformunterstützung und bringt mit Vmware Fusion eine Desktop-Virtualisierungslösung für Mac OS. Vmware Fusion liegt derzeit in der Beta 3 vor.
In der Virtualisierungsengine wurden zunächst einige Beschränkungen gelockert. Das Limit von 4 GByte RAM für alle virtuellen Maschinen zusammen hat Vmware komplett aufgehoben. Virtuelle Maschinen können nun auf bis zu 8 GByte zugreifen. Dies sollte bis zur nächsten Generation der Vmware-Virtualisierungstechnik ausreichen, ist jedoch eine Grenze, die sicherlich in den kommenden Jahren zu Einschränkungen führt.
Ganz neu ist die lang ersehnte Unterstützung von USB 2.0 mit voller Geschwindigkeit (60 MByte/s), während die Vorgängerversionen nur USB 1.1 (1,5 MByte/s) unterstützten. Damit wird eine deutlich bessere Möglichkeit der Hardwareunterstützung in virtuellen Maschinen gegeben. So lassen sich beispielsweise USB-TV-Karten in virtuellen Maschinen betreiben, nicht jedoch das gleiche Modell in der PCI-Variante.
Nach wie vor gilt eine Beschränkung von zwei Prozessoren pro virtueller Maschine. Mehr ist bei einer Vollvirtualisierung mit Hostbetriebssystem ohne gravierenden Leistungsverlust nicht möglich. Rückwärtskompatibilität gibt es bis einschließlich Vmware Workstation 4, so dass auch virtuelle Maschinen erstellt und betrieben werden können, die unter älteren Produkten von Vmware laufen, wenn auch mit den darunter bestehenden Limits (siehe Bild 1[2]).
Eine für Workstation 6 erstellte Maschine kann ohne Probleme mit wenigen Mausklicks zu Workstation 4 oder 5 migriert werden. Allerdings lässt sie sich nicht nachträglich kompatibel zum High-End-Produkt ESX Server machen. Will man eine virtuelle Maschine später auch auf dem derzeitigen ESX Server 3 betreiben, muss dies schon beim Anlegen beachtet werden.
Erweitert wurde auch die Liste der offiziell unterstützten Betriebssysteme. Workstation 6 bringt nun Support für Windows Vista, Mandriva 2007, Ubuntu 6.10, Solaris 10 Update 3 und Netware 6.5 SP5. "Experimentell" gibt es auch Support für Redhat 4.5 und 5.0, Suse Enterprise Server 9 SP4, Ubuntu 7.04 und Longhorn. Netware und Solaris werden nur als Gast unterstützt. Die Kompatibilität zu 64-Bit-Betriebssystemen ist nunmehr vollständig. Alle genannten Betriebssysteme werden in 32- und 64-Bit-Versionen unterstützt. Der Betrieb von 64-Bit-Gastmaschinen auf 32-Bit-Hosts ist ohne Probleme möglich.
Grundsätzlich ist zu begrüßen, dass Vmware nun auch paravirtualisierte Linux-Kernel unterstützt. Diese müssen allerdings mit dem Vmware Virtual Machine Interface (VMI) 3.0 ausgestattet sein. Die Xen-Kernel von Suse Linux Enterprise Server 10.1 und Fedora 6 lassen sich unter Vmware Workstation 6 mit Paravirtualisierung im Test nicht booten. Windows wird sich erst ab Longhorn paravirtualisieren lassen. Auch der Name des dann eingesetzten Standards steht noch nicht fest. Ob dieser aus der "Coopetition" zwischen Microsoft und Novell entstandene Standard auch für andere Kernel außer Windows und Suse Linux geöffnet wird, bleibt mehr als fraglich.
Neu ist auch die VNC-Unterstützung auf der Virtualisierungsebene. Jede virtuelle Maschine kann als VNC-Server eingerichtet werden. Damit ist es mit jedem VNC-Client möglich, eine virtuelle Maschine fernzusteuern, ohne dass für das Gastbetriebssystem ein VNC-Server installiert werden muss. Bei installierten Vmware-Tools für das Gastbetriebssystem ist die Performance durchaus annehmbar - sie kann mit im Gastbetriebssystem installierten VNC-Servern mithalten.
Verbessert wurde auch die Integration von Gast- und Hostmaschine sowie der Gastmaschinen untereinander. Copy-and-Paste wird jetzt auch für Solaris unterstützt. Drag-and-Drop von Dateien kann nun zwischen den Hostmaschinen sowie zwischen Windows-, Linux- und Solaris-Gastmaschinen ausgeführt werden. So lassen sich leicht Dateien zwischen den einzelnen Maschinen kopieren und verschieben.
Unter Windows als Hostbetriebssystem können virtuelle Festplatten jetzt per User-Interface eingerichtet werden, wenn die Gastmaschine ausgeschaltet ist (siehe Bild 2[4]). Hier gibt es allerdings Einschränkungen: Das Hostbetriebssystem muss natürlich das Dateisystem der virtuellen Disk kennen. Ein ext3-Volume von Linux beispielsweise kann unter Windows ohne passende Treiber und Tools nicht für den Zugriff auf einzelne Dateien verwendet werden. Ein Schreibzugriff auf eine virtuelle Disk führt zu Inkonsistenzen, wenn von dieser Disk ein Snapshot oder ein Linked Clone existiert.
Ein weiteres Integrationsmerkmal besteht darin, dass der Ladestand von Laptop-Akkus nunmehr korrekt an die Gastmaschinen weitergereicht wird, so dass das Gastbetriebssystem bei nahezu leerer Batterie Maßnahmen einleiten kann. Eher kritisch ist das Virtual Machine Communication Interface (VMCI) zu beurteilen. Hier kann über einen Crosstalk-Treiber eine Kommunikation zwischen den einzelnen virtuellen Maschinen realisiert werden. Dies geht zwar schneller als über virtuelle Netzwerkkarten, jedoch bringt man sich hier in die Situation, dass nur Vmware-Maschinen untereinander sowie mit ihrem Host kommunizieren können.
Eine wesentliche Neuerung bei Vmware Workstation 6 ist die umfassende Hilfe für Entwickler. Ihnen wird ein "Virtual Debugger" für Visual Studio (Windows) und Eclipse (Linux und Windows) angeboten.
Um einen echten Debugger handelt es sich allerdings nicht, sondern um ein Front-End für die in den Entwicklungsumgebungen enthaltenen Remote-Debugger. Dies ist auch vernünftig, da die vorhandenen Debugger optimal auf die Entwicklungsumgebungen abgestimmt sind.
Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. So muss Software oft auf vielen Betriebssystem lauffähig sein, zum Beispiel von Windows 95 bis Windows Vista. Auch ist es nötig, verschiedene Sprachversionen der Betriebssysteme zu testen, einschließlich Sprachen, in denen von rechts nach links gelesen wird. Die Software muss dazu auch mit "gespiegelten" Fenstern klarkommen. Virtualisierung kann die Anzahl der benötigten Testrechner deutlich reduzieren.
ZDNet hat das Zusammenspiel von Vmware und Visual Studio 2005 SP1 ausführlich getestet: Zunächst scheinen die Anforderungen voll erfüllt zu sein. Die zu debuggende EXE-Datei wird automatisch in die Gastmaschine kopiert, ohne dass ein Netzwerklaufwerk benutzt werden muss. Weitere benötigte Dateien wie DLLs oder Konfigurationsdateien lassen sich auf diesem Wege ebenfalls leicht in die Gastmaschine kopieren. Auch wird der Remote-Debugger selbst in die Gastmaschine kopiert.
Drückt man die Taste F6 statt F5, so wird der Remote-Debugger in der Gastmaschine gestartet, anstelle des lokalen Debuggers in der Hostmaschine (Bild 3[5]). Doch im Detail sind einige Schwächen anzumerken: Visual-Studio-Variablen wie $(TargetPath) können vom Vmware-Front-End nicht aufgelöst werden. Man muss also den Pfad als absoluten Pfad, bezogen auf die Hostmaschine, angeben (Bild 4[6]).
Erstellt man nun mehrere Versionen, etwa eine 32- und eine 64-Bit-Version, so muss beim Wechsel zwischen den Versionen das Vmware-Front-End zusätzlich neu konfiguriert werden. Dies ist etwas umständlich und bietet Verbesserungspotenzial für zukünftige Versionen. Generell werden aber wesentliche Erleichterungen gegenüber einem manuellen Kopieren aller Dateien und des Remote-Debuggers in die virtuelle Maschine erzielt.
In Vmware Workstation 6 wurden einige Produkte integriert, die bisher nur als Zusatzprodukte verfügbar waren. Vmware ACE ist nun vollständig Teil von Vmware Workstation 6. Allerdings hängt es von der eingegebenen Seriennummer ab, ob die ACE-Funktionalität zur Verfügung steht.
Große Teile des Vmware Converter haben ebenfalls bereits Platz in Workstation 6 gefunden. So lassen sich virtuelle Maschinen des Konkurrenten Microsoft sowie Backups aus Symantec Backup Exec und Storagecraft Shadowstor importieren. Nicht unterstützt werden hingegen virtuelle Maschinen von Parallels.
Sofern es sich bei den importierten Maschinen um Windows-Gastbetriebssysteme handelt, können per Sysprep der Maschinenname, die IP-Adresse und die SID[7] geändert werden. Ebenfalls vorhanden ist eine P2V-Lösung, die es erlaubt, physische Maschinen in virtuelle Maschinen umzuwandeln. Wie beim Vmware-Konverter auch, lassen sich frisch installierte Windows-Rechner damit einwandfrei umwandeln. Probleme machen allerdings Server, die seit längerem laufen.
Im Test sollen zwei Windows 2003 Server, die seit längerem Dienst tun, umgewandelt werden. Obwohl nur Original-Microsoft-Komponenten wie SQL-Server, Exchange und Sharepoint-Services installiert sind, booten diese Maschinen nach der Konvertierung in virtuelle Maschinen nicht einmal.
Auf der Plattform Mac OS will Vmware seinem Konkurrenten Parallels nicht länger allein das Feld überlassen. Mit Fusion[8] bringt Vmware jetzt ein Produkt heraus, das ungefähr Vmware Workstation für Linux und Windows entspricht (siehe Bild 5[9]).
Aktuell steht die Beta 3 zum Download bereit. Virtuelle Maschinen, die mit anderen Vmware-Produkten bis einschließlich Workstation 6 angelegt wurden, können in Fusion ohne Probleme verwendet werden. Probleme entstehen lediglich durch die mangelnde Dateisystem-Kompatibilität zwischen Windows und Mac OS. Lesen und Schreiben auf beiden Systemen ist nur über das FAT32-Filesystem möglich, das eine maximale Dateigröße von 2 GByte bietet. Virtuelle Disks sind häufig wesentlich größer.
Zwar bietet Vmware beim Anlegen von virtuellen Disks die Möglichkeit, diese in 2-GByte-Teile zu splitten, jedoch lässt sich eine einmal größer angelegte Disk nicht nachträglich aufspalten. Hier bleibt nur das Kopieren auf eine HFS+-Partition. Will man die virtuelle Maschine wieder unter Windows verwenden, so muss sie zunächst auf einen Netzwerkserver und von dort aus wieder auf ein NTFS-Laufwerk gebracht werden, da Windows keine HFS+-Laufwerke liest und Mac OS nicht auf NTFS schreibt.
Der Austausch zwischen Linux und Mac OS ist deutlich einfacher, da viele Linux-Distributionen, darunter Fedora 6, ohne Zusatztreiber mit dem HFS+-Filesystem umgehen können. Kleinere Unannehmlichkeiten entstehen dadurch, dass Pfadangaben für ISO-Images nicht eins zu eins zwischen Windows und Mac OS übernommen werden können.
Im Gegensatz zu Workstation 6 enthält Fusion in der aktuellen Beta keine Funktionalität von ACE oder des Konverters, kann aber ansonsten mit allen Features aufwarten - etwa mit der USB-2.0-Unterstützung. Zudem bietet Fusion in Sachen 3D mehr als Workstation 6: Support von DirectX 8.1 für Windows XP SP2 ist in der aktuellen Beta integriert, wenn auch "experimentell". Das ist neben der USB-2.0-Fähigkeit ein großer Schritt in Richtung breiterer Akzeptanz von Desktop-Virtualisierung, vor allem im Consumer-Bereich.
Zwar ist DirectX 8.1 noch einiges von der aktuellen Version 10.0 entfernt, jedoch zeigt Vmware, dass plötzlich manches möglich ist, wenn es gilt, die Marktführerschaft eines Konkurrenten zu brechen. Windows- und Linux-Anwender müssen sich noch ein wenig länger gedulden, bis DirectX auch für ihre Host-Plattformen zur Verfügung steht.
Vmware ist auch eifrig dabei, Features von Parallels zu übernehmen: So steht jetzt ein "Windows-Easy-Install" zur Verfügung, das Windows ohne viele Benutzereingaben einrichtet. Auch das Starten von der so genannten Boot-Camp-Partition wird mittlerweile unterstützt, wenngleich man, wie bei Parallels, hier auf Windows XP eingeschränkt ist.
Lediglich dem Coherent View[10] - der Möglichkeit, einzelne Windows-Fenster auf dem Mac-Desktop einzurichten - hat Vmware bisher nichts entgegenzusetzen. Schwierigkeiten in der Beta 3 bestehen noch beim "Bridged Networking", so dass man auf NAT ausweichen sollte. Dafür reagiert Fusion deutlich präziser auf die Steuerung mittels Maus und Tastatur als Workstation 6 unter Windows.
Mit Workstation 6 und Fusion baut Vmware seinen Technologievorsprung vor Microsofts Virtualisierungstechnologie aus. Auch auf der Macintosh-Plattform begibt sich der Hersteller auf die Überholspur, um an Konkurrent Parallels[11] vorbeizuziehen - wenngleich der Überholvorgang nicht abgeschlossen ist.
Vor allem die Summe der neuen Features beeindruckt. Mit Workstation 6 und Fusion bringt Vmware die Virtualisierung vor allem auf dem Desktop ein ganzes Stück nach vorn.
Geräte wie TV-Karten oder Webcams, die mit USB 1.1 nicht zu betreiben sind, arbeiten nun zufriedenstellend in virtuellen Maschinen. Die DirectX-8.1-Unterstützung nur auf der Macintosh-Plattform mag manchen Windows-Nutzer ärgern, aber sie zeigt, dass hardwareunterstütze 3D-Darstellung möglich ist.
Das Ende der Entwicklung in der Desktopvirtualisierung ist jedoch noch nicht abzusehen. Viele Meilensteine, darunter PCI-Kartenunterstützung, Hardware-OpenGL für den professionellen 3D-Bereich und Mehrkanal-Audio in Studioqualität, sind heute noch nicht erreicht. Abzusehen ist jedoch, dass es sich dabei nicht um Utopien handelt, sondern um in nicht allzu ferner Zukunft umsetzbare Technologien.
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